"Leitung" unter systemischem Blickwinkel

von Sybille Krüger und MitdenkerInnen: Uschi Hacket, Jürgen Ritzka, Bettina Rupp, und Marion Biesemann (September 2002)

Im Rahmen des Open Space "Creating Projects that Work" im Mai 2002 am Institut für Beratung und Supervision Aachen (IBS) beschäftigte unsere Gruppe die Frage nach einem spezifisch systemischen Verständnis von "Leitung". Einige Ergebnisse, von uns getroffene Unterscheidungen und im Nachhinein beim Schreiben entstandene Gedanken dazu:

Leitung bildet sich als Komponente in sozialen handlungsorientierten Systemen.

Mal ist sie benannt und offen, mal verdeckt und wenig bewusst. (M. Teichert unterscheidet hier zwischen Leitung, die von außen beauftragt wird und Führung, die der Gefolgschaft bedarf).

"... nur geschlossene, grenzziehende Systeme können sich für
eine Umwelt öffnen, und je deutlicher ihnen die Grenzziehung
als eine gemachte Grenzziehung erscheint, desto freier und
vielgestaltiger können sie sich in ihren Strukturen auf
die Umwelt einstellen, sie in sich, auf ihre eigene
Art und Weise aufnehmen."

These: Besondere Charakteristika von Leitung/Projektleitung

Projektleitung steht in der täglichen Arbeit, die auf das Erreichen eines Projektziels in der Zusammenarbeit mit dem System "Projektgruppe" hin ausgerichtet ist, im besonderen Maße, vielleicht mehr noch als ProjektberaterInnen und SupervisorInnen, im Spannungsfeld zwischen Komplexitätserweiterung und Komplexitätsreduktion. Die ausgeprägte Fähigkeit, zwischen diesen beiden Polen hin- und her zu switchen, ist Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Projektmanagement.

ProjektleiterIn als BeobachterIn

Im Sinne der Komplexitätserweiterung ist es bspw. eine zentrale Funktion von Projektleitung, sich der Umwelt zu öffnen, die unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen, Landkarten der auf das Projekt wirkenden Systeme zu beobachten, ein Gespür für die je spezifischen Unterscheidungen, auch die eigenen, zu entwickeln, das System Projektgruppe zu "befeuern" und immer wieder für neue Anschlussfähigkeit zu sorgen.

ProjektleiterIn als EntscheiderIn

Die Projektsteuerung, die ständig gegebene Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, setzt gleichermaßen die Fähigkeit zum Abdunkeln voraus. Um an den Projektzielen zu arbeiten, muss zu gegebenem Zeitpunkt Komplexität reduziert werden. Die Kommunikation im System wird beschnitten, Diskussionen werden beendet, Teilziele festgelegt.

Die Flexibilität, zwischen diesen beiden Polen zu switchen und die Durchlässigkeit an der Grenze erscheint als die Kernkompetenz von Projektleitung, der sich viele andere hilfreiche Kompetenzen zuordnen lassen; wobei auch diese Kompetenzen je beide Aspekte (Beobachtung 2.Ordnung und Abdunkeln) in sich tragen, vielleicht nur mit je unterschiedlicher Gewichtung.

Das, was heute gemeinhin unter Führungsqualitäten verstanden wird, setzt sowohl auf der analytischen, fachlich-kognitiven wie auch auf der Ebene der "Personalführung" mit allen dazugehörigen affektiven Aspekten voraus, dass das Wissen über die Systeme der Projektumwelt, das Gespür und die Phantasie für die unterschiedlichen Landkarten, auch der personalen Systeme, und die Fähigkeit, die verschiedenen Systemsprachen zu sprechen, ebenso hoch ist wie die Fähigkeit, spontan Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für die getroffenen Unterscheidungen zu übernehmen, d.h. zum gegebenen Zeitpunkt abzudunkeln.

Hierzu braucht man ein hohes Maß an Offenheit im Denken und Handeln und insbesondere Kommunikative Fähigkeiten, um bei den getroffenen Entscheidungen für Transparenz zu sorgen und die Unterscheidungen deutlich zu machen; hilfreich scheint auch ein ideenreicher Umgang mit Methoden, um innerhalb der Projektgruppe immer wieder für größtmögliche Anschlussfähigkeit zu sorgen. Entscheidungshilfe für die eigenen zu treffenden Unterscheidungen können die von Arist von Schlippe benannten Prinzipien der "Angemessenheit und ethischen Vertretbarkeit" sein.

Und nicht zuletzt geht es bei einer als gelungen wahrgenommenen Projektleitung auch immer um das Entwickeln persönlicher Strategien, um das oben benannte Spannungsfeld nicht nur auszuhalten sondern im Glücksfall zu einem eigenen lustvollen Umgang mit der besonderen Anforderung des ständigen Perspektivwechsels und den vielfachen Erkenntnis- und Verhaltensmöglichkeiten diesseits und jenseits der imaginären Grenze zwischen den beiden Polen zu finden.


Veröffentlichungsdatum: 22. September 2002


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