Beratung im Schwangerschaftskonflikt aus der Sicht eines systemischen Supervisors

von Tom Levold (April 2003)

Auf das Thema der Schwangerschaftskonfliktberatung stand und steht mir immer nur eine Außenperspektive zur Verfügung, da ich selber nie in einer Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte gearbeitet habe. Ich werde hier einige Sichtweisen präsentieren, die sich einerseits aus meiner Tätigkeit als Supervisor in verschiedenen Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen ergaben und ergeben und andererseits aus meiner Tätigkeit als Psychotherapeut. Ich bekomme in der Praxis gelegentlich mit den Themen Schwangerschaftskonflikt und Schwangerschaftsabbruch zu tun, nicht selten übrigens aus der Perspektive "danach". Das bedeutet, ich bekomme z.T. nach sehr langer Zeit einen Einblick in diesen Prozess und diese Entscheidung, anders als das in der Schwangerschaftskonfliktberatung selber der Fall ist.

Als ehemaliger Kinderschützer und Mitglied in einem relativ großen Verband, dem Deutschen Kinderschutzbund, ist mir auch die Verbandsperspektive selber nicht fremd, die ja einen bedeutsamen Kontext für die Arbeit der pro familia Beratungsstellen darstellt. Dieser Kontext hat sich in den vergangenen zehn Jahren aus meiner Beobachtung heraus sehr stark verändert, so wie auch die Beratungsstellen, jedenfalls die mir Bekannten, sich in dieser Zeit verändert haben.

Ich bin in den 80er Jahren als Supervisor zu pro familia gekommen, in einer Zeit, als der politische Kampf um die Selbstbestimmung der Frauen, um die politische Konstruktion der Regelung der Abtreibung, also auch um die Schwangerschaftskonfliktberatung im vollen Gange war und sich in einer zwangsläufig polarisierten Atmosphäre vollzog. In den 90er Jahren hat sich ein Professionalisierungsprozess bei pro familia vollzogen, der im Grunde schon in den 80er Jahren eingeleitet worden war und mittlerweile eine andere Form inhaltlicher Auseinandersetzung mit den genannten Themen erlaubt, als es früher vielleicht möglich war. Wahrscheinlich hätte das Thema Schwangerschaftskonflikt als Festvortrag auf einer Jubiläumsveranstaltung einer pro familia Einrichtung vor 10 oder 20 Jahren in dieser Form so nicht gehalten werden können.

Professionalisierung hat immer auch etwas mit einem Differenzierungsprozess zu tun, mit der Möglichkeit, Unterschiede im Arbeitsfeld wahrzunehmen, zuzulassen und auch zu nutzen. Ich glaube, dass die gegenwärtige gesetzliche Regelung, die für viele vielleicht nicht ausreichend oder nach wie vor problematisch erscheint, immerhin wohl auch möglich gemacht hat, dass gegenwärtig eine Befassung mit den Inhalten der Arbeit auch in der öffentlichen Debatte allmählich Vorrang vor der Diskussion der politischen Rahmenbedingungen erlangt, gewissermaßen eine unbeabsichtigte Nebenfolge einer stabilen gesetzlichen Situation. Um einige wesentlichen Aspekte dieser inhaltlichen Arbeit soll es in diesem Vortrag gehen.

Der Beratungskontext

Angesichts der Tatsache, dass die § 219-Beratung eine zentrale Aufgabe der pro familia Beratungsstellen ist, hat mich meine Beobachtung als Supervisor überrascht, dass sie viel zu wenig in den Blick genommen wird – das gilt für den Kontext der Supervision als fachinternem Reflexionsprozess wie für die Darstellung des Themas in der Öffentlichkeit (siehe auch Levold 1998). Dass es ein in Fach- und Beraterkreisen wenig beachtetes Thema ist, lässt sich schon alleine daran feststellen, dass es kaum Literatur gibt, die wirklich auf die Beratungspraxis eingeht. Es ist also in gewisser Weise ein ausgegrenztes Thema, was sicher im Zusammenhang mit seiner politischen Brisanz steht, die lange Zeit im Vordergrund stand, aber auch heute noch leicht zu mobilisieren ist.

Ein weiterer – und vielleicht noch bedeutenderer – Grund liegt meiner Ansicht nach darin, dass es ein höchst schambesetztes Thema ist. Schambesetzt zunächst insofern, als heutzutage - im Unterschied vielleicht zu der Situation noch vor wenigen Jahrzehnten - schon allein die Tatsache einer ungewollten Schwangerschaft eine Schamquelle sein kann: als Versagenserlebnis für die Betroffenen, nämlich nicht aufgepasst zu haben, nicht erfolgreich verhütet zu haben. Schwangerschaft ist heute kein Schicksal mehr, also muss jeder Mensch die Frage der Nachkommenschaft bewusst und verantwortungsvoll für sich selbst regeln. Eine ungewollte Schwangerschaft als solche ist aus dieser Perspektive schon etwas Problematisches: eine Panne, eine Peinlichkeit, ein Missgeschick zum falschen Zeitpunkt, eine Dummheit. Auch der Wunsch, die Schwangerschaft abbrechen zu wollen, kann mit großen Schamgefühlen besetzt sein, nicht nur in bezug auf die grundsätzliche Strafbarkeit. Scham stellt sich immer ein in Bezug auf Handlungswünsche, die im Widerspruch zum eigenen Selbstideal stehen. Und ein empfundener Schwangerschaftskonflikt bringt in der Regel mit sich, dass diese Selbstvorstellungen in eine Krise geraten.

Auch Zwangsberatung selber ist eine Quelle von Scham und dies betrifft nicht nur die Klientinnen, die sich dieser Zwangsberatung unterziehen müssen. Es kann auch für die Beraterinnen und Berater beschämend sein, in einem Zwangskontext beraten zu müssen. Scham aber unterbindet Neugier und Interesse. Insofern erscheint es mir wichtig, sich mit der Schamdynamik genauer zu befassen, weil es in jeder Beratungstätigkeit darauf ankommt, im gemeinsamen Gespräch einen Kontext zu schaffen, in dem Neugier und Interesse für Möglichkeiten und Lösungen wachsen können.

Im Unterschied zur Beratungs- oder Therapietätigkeit in anderen Beratungsstellen oder auch in anderen Beratungskontexten bei pro familia nimmt die Schwangerschaftskonfliktberatung eine Sonderstellung ein, weil sie mit völlig anderen Randbedingungen und Phänomenen umgehen muss.

Zuallererst ist der Inhalt festgelegt, nämlich auf die Frage: Soll die Schwangerschaft unterbrochen werden oder wird sie fortgesetzt, was von vornherein eine starke Begrenzung der Beratungstätigkeit impliziert. In vielen Fällen ist es alleine deswegen keine echte Konfliktberatung, weil diese Frage gar nicht mehr offen erscheint. Klientinnen haben diesen Konflikt, wenn sie einen hatten, schon vorher mit sich bzw. im Kreise derer, mit denen sie über ihre Konfliktsituationen sprechen ausgemacht oder sie bringen den klaren Wunsch nach einem Schwangerschaftsabbruch in die Beratung ein. Dann scheint ein Beratungsergebnis schon im Vorhinein festzustehen.

Das konfligiert mit dem den schon erwähnten Kontext der Zwangsberatung, der selbst eine zentrale Besonderheit der Schwangerschaftskonfliktberatung darstellt. Es gibt hier keine individuelle Bedarfsfeststellung wie in anderen Zwangskontexten, z. B. im Kinderschutzbereich. Die Zwangsberatung nach § 219 gilt unabhängig vom individuell geltend gemachten Bedarf für alle schwangeren Frauen, die einen Schwangerschaftskonflikt haben oder sich bereits für einen Abbruch entschieden haben.

Durch Gesetz ist festgelegt, dass ein Schwangerschaftsabbruch keine Privatangelegenheit ist. Die Klärung eines Beratungsauftrages, der normalerweise in allen Beratungsprozessen am Anfang steht und eine besonders große Rolle spielt, findet hier immer in einem Dreieck statt: dem Dreieck aus der Klientin, der Beraterin und dem Staat bzw. dem gesetzlichen Auftrag. Dabei ist die Auftragslage schon mit dem Begriff der Zielorientierung, die inhaltlich auf den "Schutz des ungeborenen Lebens" festgelegt ist, umrissen. Gleichzeitig ist aber jede Beratung in einem solchen Fall immer auch eine ganz konkrete und individuelle Beziehung, eine individuelle Begegnung zwischen KlientInnen und BeraterInnen. Aus diesem Blickwinkel ist Auftragsklärung immer etwas dyadisches, etwas, das in der Begegnung mit dem Gegenüber entwickelt werden muss. Das Schwangerschaftskonfliktberatungsgesetz greift diese Perspektive auf, indem es betont, dass es keine Mitwirkungserzwingung bei den KlientInnen geben kann, was enorme Anforderungen an die persönliche Ausgestaltung eines solchen Beratungskontaktes durch die BeraterInnen stellt.

Wir haben es hier also mit einer paradoxen Ausgangslage zu tun, nämlich einerseits Schwangerschaftskonfliktberatung als individuelle und einmalige Begegnung zweiter Parteien, deren Ausgestaltung gleichzeitig in hohem Masse von einer dritten Partei als rechtlichem und sozialem Kontext bestimmt und gerahmt wird. Dieser speziellen Lage wird man nicht gerecht, wenn man versucht, die Beratungsbeziehung in eine von äußeren Zwangsbedingungen freie Dyade aufzulösen, in der die gesetzlichen Regelungen irrelevant erscheinen und nur der Wille der KlientIn alleine zum Maßstab gemacht wird, oder wenn man umgekehrt die Fixierung an den Staat und seine Vorgaben überhöht und damit den Begegnungsaspekt missachtet oder entwertet.

Bezieht man den komplizierten Kontext als Rahmenbedingung für KlientInnen wie für BeraterInnen aktiv mit ein, lässt sich aber dieses Paradox auch als beraterische Herausforderung begreifen, die mit Engagement und Interesse bewältigt werden kann.

Eine weitere Besonderheit dieser Beratungssituation ist die Dimension der Zeit. In der konkreten Begegnung im Beratungszimmer wird ein Querschnitt präsentiert – und günstigstenfalls erfasst -, eine Momentaufnahme eines viel umfassenderen biographischen Kontextes. Zudem hat man es mit einer einmaligen oder bestenfalls zwei- bis dreimaligen Begegnung zu tun anstatt mit einem längeren Prozess - wie etwa in einer Therapie. Das bedeutet in der Regel auch, dass die BeraterInnen selbst nicht an der Entwicklung eines solchen Prozesses teilhaben, sondern nur kurzfristig bestimmte Klärungsmöglichkeiten oder andere Ressourcen zur Verfügung stellen. Dies geschieht natürlich unter einem enormen Zeitdruck, weil auch die Frage, in welchen Abständen und wann man sich überhaupt trifft und begegnet, schon allein durch den Ausgangspunkt der Beratung, eben die Schwangerschaft und die gesetzten Fristen, vorgegeben ist. Das erzwingt eine hochselektive Kommunikation auf Seiten der Verantwortlichen für diesen Beratungsprozess, der viel weniger Spielraum, Abweichungsmöglichkeiten usw. erlaubt, als das in normalen, längeren Beratungsprozessen der Fall ist.

Entscheidungsprozesse

Wie geht man überhaupt mit Entscheidungskonflikten in einer solchen Notsituation um? Die erste Frage, die sich dabei stellt, ist natürlich, wer entscheidet denn eigentlich? Wer ist das Subjekt der Entscheidung? Ist es die Frau, die in dem Beratungsgespräch sitzt, ist es ein Paar, eine Familie? Steht die Klientin, um die es geht, und die letzten Endes auch - juristisch gesehen - die letzte Entscheidung treffen muß, in einem sozialen Kontext, der bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden muß oder nicht? Ist es die Beraterin, die entscheidet? In der Zeit, als es in der Beratung primär um die Feststellung der Indikation ging, konnte man manchmal den Eindruck gewinnen, als wäre gewissermaßen die Stellung der Indikation das Subjekt der Entscheidung. Ich verweise auf religiöse Kontexte, in denen diese Entscheidung überhaupt nicht von Menschen getroffen werden kann, weil eine gottgewollte Schwangerschaft sozusagen nicht unterbrochen werden darf. In anderen Fällen erscheint der Zufall als Subjekt der Entscheidung.

Alle diese Frage spielen in den Beratungszusammenhang explizit oder implizit – sozusagen als Subtext - hinein. Damit eng verknüpft ist natürlich die Frage nach der Verantwortung für die Entscheidung und einer verantwortlichen Entscheidungsfindung. Der Zeitdruck selber bringt mit sich, dass im Schnellgang Entscheidungen mit einem erheblichen Zukunftsbezug getroffen werden. Durch diese Entscheidung werden biographische Lebensentwürfe in eine bestimmte Bahn gelenkt, und zwar unabhängig davon, in welche Richtung diese Entscheidung führt. Auch die Entscheidung für die vermeintliche Aufrechterhaltung des status quo ante, der Nicht-Änderung der Lebensverhältnisse, macht durch ihren bloßen Vollzug als Entscheidungsakt aus dem Objekt der Entscheidung etwas Anderes, als das es zuvor war. Die Entscheidungen sind daher im umfassenden Sinne existentiell, weil immer irreversibel. Sie können nicht rückgängig gemacht werden und haben deshalb nachhaltige Auswirkungen auf die Kontexte, in denen die Klientinnen leben, sowohl auf ihre privaten Beziehungen als auch auf ihre beruflichen Perspektiven.

Während es an der Oberfläche des Entscheidungsproblems scheinbar eindeutig um eine entweder-oder-Frage geht, ruft das, was sozusagen den inneren Konflikt ausmacht, gleichzeitig immer nach einer Sowohl-als-auch-Lösung. Alle Ambivalenzkonflikte produzieren im Subjekt solche sowohl-als-auch-Kontexte, in denen man in beide Richtungen denken kann, aber letzten Endes eine entweder-oder-Entscheidung treffen muß. Im Schwangerschaftskonflikt kommt hinzu, dass eben gerade durch die gesetzlichen Vorgaben die Alternativen von vornherein nicht als gleichwertig erachtet werden. Anders macht die Idee einer Zielorientierung im Beratungsauftrag keinen Sinn.

In einem solchen Ambivalenzkonflikt müssen daher häufig Entscheidungen zwischen zwei als – zumindest partiell - negativ empfundenen Alternativen getroffen werden. Was ist weniger schlimm? Eine solche Entscheidungssituation ist schwerer zu bewältigen als eine, in der man zwischen zwei positiven Möglichkeiten zu wählen hat. Eine einfache Umdeutung, ein vorschnelles reframing, welches die positiven Aspekte in den Vordergrund stellt, ohne die Not ausreichend zu würdigen, erscheint an dieser Stelle zu kurz gedacht und wäre eher vulgärsystemisch. Schließlich muß eine Entscheidung ausreichend begründet werden, damit man mit ihr auch langfristig in Übereinstimmung stehen kann. Die Kriterien für eine solche Entscheidung sind aber nicht rationalisierbar, wie überhaupt gerade existentielle Entscheidungen in der Regel nicht rational begründbar sind. Zwar mögen alle Gründe, die es für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch geben mag, jeweils für sich vernünftig sein, aber sie folgen keinem allgemein vorgegebenem oder vorgebbaren Rationalisierungskriterium. Insofern bleibt das Problem: Was ist eine richtige Entscheidung? In solchen Konfliktsituationen fühlen sich viele Menschen blockiert, weil sie in der inhaltlichen Gegenüberstellung der Entscheidungsalternativen verharren. Um eine enttäuschungssichere Antwort auf die Frage nach der richtigen Entscheidung geben zu können, müssten die mit jeder Option verbundenen "Zukünfte" antizipiert werden können bzw. fortan zwei Leben gelebt werden können, die man miteinander vergleichen müsste.

Aus diesem Grund geht es in der Beratungssituation wohl nicht nur um den Inhalt von Entscheidungen, sondern vielmehr um die Frage, wie man überhaupt entscheidungsfähig wird und sich der damit verbundenen Verantwortung auf eine Weise stellen kann, dass die Entscheidung in das eigene Selbst integriert zu werden vermag.

Die Frage nach der Verantwortung wirft aber gleichwohl inhaltliche Probleme auf: sie ist nicht zu beantworten, ohne sich mit den Konstruktionen von Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbrüchen, von Ethik und Verantwortung auseinander zu setzen.

Ethische und andere Implikationen eines Schwangerschaftsabbruches

Die Konstruktion des Ungeborenen

Dabei geht es in erster Linie um die Festlegung, was ein Mensch überhaupt ist und ab welchem Zeitpunkt er das ist. Welche Bilder existieren von der Schwangerschaft, vom ungeborenen Leben usw., welche die unterschiedlichen Haltungen zum Schwangerschaftsabbruch begründen und legitimieren? Bei diesen Bildern handelt es sich immer auch um Konstruktionen, die in gewisser Weise gesellschaftlich vorgefertigt sind. Die Medien transportieren diese Konstruktionen, aber auch eine Vielzahl öffentlicher Diskurse in den diversen Fachöffentlichkeiten, in Politik, Religion usw. Zahlreiche gesellschaftliche Funktionssysteme sind mit dieser Frage befasst. Darüber hinaus hat jeder Mensch natürlich auch ganz individuelle und höchstpersönliche Konstrukte darüber, um was es hier eigentlich geht. Was bedeutet Schwangerschaft? In welchem Verhältnis stehen Mutter und Kind, Mutter und Ungeborenes, Mutter und Embryo miteinander? Was ist überhaupt das Ungeborene? Ist es beseelt, hat es Empfindungen? Ab wann redet man von einem Kind? Das ist z. B. etwas, was natürlich sehr stark mit der Phantasie, der inneren Vorstellungswelt und auch der Motivationslage der betroffenen Eltern oder der betroffenen Mutter zu tun hat.

Die ethische und politische Auseinandersetzung kreist genau um diese Frage. Dies insbesondere in einer Zeit, in der die technische Verfügbarkeit über den Körper und über die körperlichen Prozesse immer weiter gesteigert wird. Die medizintechnologische Machbarkeit stellt uns vor völlig neue Fragen, völlig andere Fragen als noch vor 10 Jahren, nicht nur im Kontext der Reproduktionsmedizin. Die Grenzen von Lebensbeginn und Lebensende dehnen sich aus und der Mensch kommt zusehends in die Rolle eines Schöpfers, die auch völlig neue Verantwortungsbereiche mit sich bringt. Dabei wird die Frage immer wichtiger, ab wann menschliches Leben als Person konzipiert wird, die dann einen rechtlichen Status zuerkannt bekommt und der letzten Endes dann auch Subjekthaftigkeit zugeschrieben wird.

Diese Fragen sind, wie gesagt, Gegenstand von ideologischen, moralischen, politischen und auch fachlichen Diskursen. Sie fließen alle als Hintergrundwissen oder "Hintergrundrauschen" in die Situation der Schwangerschaftskonfliktberatung ein. Deshalb, so denke ich, haben wir einen gesteigerten Bedarf an ethischen Diskussionen. Vielleicht erlaubt auch die Tatsache, dass die politischen Diskussionen ein Stück weit zur Ruhe gekommen sind, sich mit ethischen Fragen auf neue Art und Weise zu beschäftigen.

Enttraditionalisierung und Individualisierung

Wir leben in einer Zeit, die sich durch Enttraditionalisierung einerseits, verstärkte Individualisierung andererseits auszeichnet. Das wirkt sich auf die Art und Weise aus, in der wir Werte formulieren und welchen Werten wir folgen. Enttraditionalisierung und Individualisierung gehen notwendigerweise mit einem weitreichendem Wertepluralismus einher, der keine Letztbegründungen mehr erlaubt, die nur in einem geschlossenen – z.B. religiösen - Werteuniversum unhinterfragt hingenommen werden können. Auch pro familia als soziale Bewegung kann man als Kind dieser Entwicklung zu einer enttraditionalisierten und individualisierten Gesellschaft ansehen.

Allerdings bedeutet auch die Pluralisierung von Wertorientierung nicht Beliebigkeit - wir können uns unsere Werte nicht frei wählen. Das liegt daran, dass wir unser Selbst – und diese Einsicht lässt sich auch entwicklungspsychologisch gut begründen – nur dann als "gut" erleben, wenn wir es als moralisch akzeptables Selbst konstruieren können (Taylor 1996). Wir sind in unserer Selbstentwicklung also auf eine moralische Orientierung angewiesen, die uns erlaubt, ethisch begründet zu handeln - auch wenn dies für die meisten Menschen nicht mehr auf einen Gottesbegriff oder eine andere metaphysische Instanz zurückgeführt werden kann. Wir kommen also auch in der Postmoderne um die Frage des Menschenbildes nicht herum, wenn wir uns mit Schwangerschaftskonflikten beschäftigen wollen.

Verantwortung im Kontext von Wertekonflikten

Auf die Unterschiedlichkeit von Konstruktionen des Ungeborenen habe ich schon hingewiesen. Im Kontext der eben gemachten Äußerungen ist es wichtig, Schwangerschaftskonflikte auch als Wertekonflikte zu verstehen. Das kann z. B. heißen, dass man aus eigenem Interesse, etwa in der Verfolgung bestimmter Lebenspläne oder –entwürfe, gegen Werte verstoßen zu müssen glaubt, denen man einen hohen Rang zuspricht. Es kann auch bedeuten, dass man in einen Konflikt zwischen zwei Werten gerät, die man gleichermaßen verfolgen will, die sich aber widersprechen. Das führt dann in ein echtes moralisches Dilemma, z.B. zwischen dem Schutz des ungeborenen Lebens einerseits und dem Recht der Frau auf Selbstbestimmung andererseits oder zwischen dem Wunsch, ein Kind haben zu wollen und der gleichzeitigen Befürchtung, diesem Kind in seinem zukünftigen Leben nicht gerecht werden zu können. Solche Werte-Dilemmata können in einer konkreten Entscheidungsdrucksituation als massiv überfordernd erlebt werden.

Tragen wir eine solche ethische Perspektive an das Beratungsgeschehen heran, dann darf das nur in einer Weise geschehen, dass in der Konsequenz die Fähigkeit der Klientinnen, Verantwortung zu übernehmen, gestärkt wird. Das bedeutet u.U. auch – und erscheint in diesem Kontext vielleicht etwas befremdlich – die Fähigkeit zu stärken, Schuld zu übernehmen, sich überhaupt mit der Frage von Schuld auseinander zu setzen: nicht als eine Zuschreibung von außen, die in einem moralisierenden Kontext von Gut und Böse eine Zuordnung vornimmt, sondern vielmehr als Voraussetzung dafür, dass man tatsächlich für das eigene Handeln Verantwortung übernehmen kann und auch im Nachhinein diese Entscheidung als etwas akzeptieren kann, was zu einem selbst gehört, zur eigenen Geschichte und Biographie, mit der man sich in Übereinstimmung befindet oder sich anderenfalls auch aussöhnen kann. Wird eine existentielle Entscheidung Anderen zugeschrieben oder äußeren Faktoren (den "Verhältnissen"), ist diese Integration erschwert.

Professionelle Ethik

Ethik im Beratungskontext lässt sich nicht auf eine inhaltliche Stellungnahme in Bezug darauf verkürzen, wie und worüber entschieden werden soll. Sie ist immer auch die Ethik der Profession von Beraterinnen und Beratern. Seit jeher ist die Herausbildung einer ethischen Orientierung Bestandteil unterschiedlichster Professionalisierungsprozesse, ja man kann sagen: Für Professionalisierungsprozesse ist die Entwicklung ethischer Leitlinien konstitutiv. Psychotherapie und Beratung haben sich nicht zufällig gerade in den letzten 10 Jahren verstärkt mit ethischen Fragen beschäftigt, während andere, ältere Professionen schon längst ethische Kodices haben, die allen Angehörigen des Berufsstandes völlig selbstverständlich sind. Im Bereich der Psychotherapie wurde die ethische Frage in den vergangenen Jahrzehnten immer eher schulenspezifisch beantwortet – ohne dass nach einer allgemeinverbindlichen gesellschaftlichen Orientierung verlangt worden wäre.

Professionelle Ethik ist notwendig, damit ausreichendes Vertrauen der Öffentlichkeit dahingehend aufgebaut werden kann, dass Beraterinnen und Berater nicht nur eine bestimmte Technik beherrschen, sondern auch eine bestimmte Haltung denen gegenüber aufbringen, denen sie helfen sollen. Sie ist die Voraussetzung eines reflexiven Zugangs zur tatsächlichen Praxis wie ihrer Kontrolle. Professionelle Ethik bezieht sich dabei sowohl auf die Wertschätzung der Klienten wie auf die gleichzeitige Einhaltung eines optimalen Arbeitsabstandes in der konkreten Beratungsbeziehung. Diese manifestiert sich weder in einer vorgreifenden Solidarisierung mit den, noch in einer konfrontativen Belehrung der Klientinnen, sondern in der respektvollen Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Konflikt. Auch Fragen der Gesprächsführung, der Art und Weise des Vorgehens usw. sind in diesem Zusammenhang Gegenstand ethischer Erörterungen.

Schlussfolgerungen

Abschließend möchte ich die unterschiedlichen Perspektiven, auf die ich hingewiesen habe, bündeln und einige Konsequenzen aufzeigen, die sich aus meiner Sicht für die Beratungspraxis ergeben.

Die Beschäftigung mit dem Schwangerschaftskonflikt ist keine Bagatellefrage. Eine Bagatellisierung des Beratungskontaktes im Sinne eines Herunterspielens der existentiellen Dimension der Entscheidung und damit die Verleugnung ihres Gewichtes stellt letzten Endes keine wirkliche Hilfe dar, weil sowohl die Klientinnen als auch die Beraterinnen sich dabei u.U. nicht ausreichend ernst nehmen. Eine Würdigung sowohl der Verantwortung, die mit einer solchen Entscheidung verbunden ist als auch der Grenzerfahrung, die dies bedeuten kann, verlangt von vornherein, dass man ihr einen angemessenen Raum und angemessenen Stellenwert einräumt. Dies geht nur, wenn sichergestellt ist, dass die Beratung einen Raum für wirkliche Autonomie und Selbstverantwortung eröffnet. Und das ist die primäre Aufgabe derjenigen, die beratende Berufe ausüben.

Es muss dabei klar sein, dass eben die Beratung nie die "Prüfung" einer Notlage zur Aufgabe haben kann, sondern selber schon ein Versuch ist, sie eventuell zu überwinden (Mackscheidt 1993). Die Frage, die sich BeraterInnen stellen müssen, kann nicht sein: Wie beurteile ich die Situation der Frau und kann ich ihr zustimmen oder muß ich ihr widersprechen, sondern eher: Biete ich das Optimale, um dieser Frau zu helfen, tatsächlich für sich selber eine verantwortliche Entscheidung zu finden? Das ist eine andere Perspektive, die durchaus einen eigenen Standort der Beraterin, eine eigene ethische Position verlangt.

Auf einem Workshop im nordrhein-westfälischen Landesverband der pro familia konnte ich kürzlich zwei Tage mit BeraterInnen über ethische Fragen in der Schwangerschaftskonflikt-Beratung arbeiten. Diese Tage haben mich berührt, weil ich das Gefühl hatte, an einer neuen Art von Diskussion teil zu haben, in der zunehmend möglich war, individuelle Schamgrenzen zu überwinden und sich einander über Unterschiede in den eigenen ethischen Standpunkten zum Thema des Schwangerschaftsabbruches zu öffnen. Es wurde deutlich, dass es nicht nur politische Positionen gibt, die geteilt werden (müssen), sondern auch individuelle Haltungen, die eine überraschend große Bandbreite offenbarten. In jedem Fall wurde aber auch klar, dass es eine eindeutige, von allen geteilte professionelle Ethik in Bezug auf die Gestaltung des Beratungskontextes gab. Die Zusammenschau dieser Unterschiede und Gemeinsamkeiten wurde als etwas Neues empfunden, als eine Möglichkeit, auch innerhalb des Verbandes eine offenere Diskussion zu führen und dabei die Unterschiede als Ressourcen erleben zu können anstatt als ideologisch aufzulösende Konflikte.

Es sind also immer eine Vielzahl von Positionen denkbar und es ist auch durchaus sinnvoll, diese Positionen in der Beratung selbst anzusprechen und zu veröffentlichen, damit die betroffene Klientin auch tatsächlich ein wahrnehmbares Gegenüber hat. Weil dies nicht immer leicht fällt, sollten wir überlegen, wie die Professionalität der Beratung kontinuierlich reflektiert und gesteigert werden kann. Professionalität ist an spezifische professionelle Praktiken gebunden; dazu gehört zuallererst natürlich eine fundierte Ausbildung, in der man sich darauf vorbereiten kann, was in der Praxis getan werden soll. Dazu gehört aber auch ausreichende Selbsterfahrung, die Auseinandersetzung mit eigenen Krisen, Entscheidungsschwierigkeiten, mit der eigenen Konzeption von menschlichem Leben, von Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch. Dazu gehört weiterhin die Entwicklung einer beraterischen Haltung und natürlich auch das Erlernen von Techniken, vor allem aber die Erkenntnis, dass Beratung immer eine individuelle Konstellation ist und nicht der Ort, wo gesellschaftliche Probleme gelöst werden können. Diese müssen zwar thematisiert werden, weil sie den Kontext dafür darstellen, was in der Beratung verhandelt wird. Aber es handelt sich immer um eine nicht wiederholbare, individuelle Begegnung zweier oder mehrerer Menschen, die als solche ihren eigenen Wert bekommen und erhalten muss. Dies, so denke ich, sind die Voraussetzungen dafür, dass unter dem Aspekt der Selbstwertregulation der Beteiligten ein solcher Beratungsprozess keine beschämende Erfahrung wird.

Ich glaube, dass man über eine Abtreibung nicht stolz ist und auch nicht stolz sein kann. In einer guten Beratungspraxis geht es aber darum, Scham zu reduzieren und Verantwortung für eigenes Handeln zu vergrößern. Eine Verleugnung der Scham ist nicht hilfreich, sondern u.U. ein Hinweis auf eine Kollusion zwischen BeraterIn und Klientin, die affektiv belastende Seite des Themas zu vermeiden. Schließlich geht es auch darum, Neugier und Interesse auch für Fragen zu wecken, die vielleicht zu Anfang des Gespräches überhaupt noch nicht im Raume waren.

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, dann kann sich – so glaube ich - auch so etwas wie Stolz über eine gute Beratung entwickeln, was wiederum ein Motiv und die Voraussetzung dafür ist, über diese Arbeit in der Öffentlichkeit zu sprechen. Ich habe schon betont, dass die Praxis der Schwangerschaftsberatung viel zu sehr in den Hintergrund gestellt wird. In meiner Arbeit als Supervisor haben mich diese Fälle immer besonders interessiert, dennoch hatte ich oft den Eindruck, manchmal nachfragen zu müssen, was denn eigentlich mit diesem wichtigen Arbeitsbereich ist, weil der meinem Eindruck nach nicht immer ausreichend in den Supervisionen repräsentiert war.

Wenn wir als ein Ziel von Beratungsarbeit ansehen, dass die Klientin in ihrem Selbsterleben als moralische Person gestärkt aus dem Beratungsprozess hervorgehen kann – unabhängig von dem Ergebnis der Entscheidung – ist aus meiner Sicht diese Arbeit bei pro familia sehr gut aufgehoben. Ich wünsche pro familia eine gute Zukunft, weil sie einen Rahmen bietet, in dem ein pluralistischer Wertekontext gegeben ist, offen für Frauen mit ganz unterschiedlichen eigenen ethischen Orientierungen, aber eben kein Kontext, in dem Ethik keine oder nur eine Randrolle spielt.


Literatur

Levold, T. (1998): Schwangerschaftskonfliktberatung aus systemischer Perspektive. System Familie 11 155-164.

Mackscheidt, E. (1993): Ergebnisoffen und zielorientiert. Überlegungen zur Pflichtberatung. In: J. Reiter und R. Keller (Hrsg.): Paragraph 218. Urteil und Urteilsbildung. S. 452-471.

Taylor, C. (1996): Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.


Dieser Text ist die überarbeitete Fassung der Niederschrift einer frei vorgetragenen Rede zum 30jährigen Jubiläum der pro familia Beratungsstelle Köln-Zentrum am 27.11.2001, die Andreas Rothkegel freundlicherweise redigiert und in eine les- und überarbeitbare Form gebracht hat.


Autor

Tom Levold

  • Von Haus aus bin ich Sozialwissenschaftler, der nach einem Studium der Sozialwissenschaften, Ethnologie, Philosophie und Psychologie seit 1978 im psychosozialen Feld tätig ist. Nach Lehrjahren in einem psychotherapeutischen Jugendheim arbeitete von 1981 bis 1989 im Kinderschutz-Zentrum Köln mit, an dessen Aufbau ich mitwirkte und dessen Leiter ich über mehrere Jahre war, bis ich mich 1989 als Psychotherapeut (HPG), Supervisor, Coach und Organisationsberater in freier Praxis selbständig machte.
  • Gegenwärtig führe ich gemeinsam mit Karin Martens-Schmid das Institut für psychoanalytisch-systemische Praxis (ipsp) in Köln.
  • Bei der Arbeitsgemeinschaft für psychoanalytisch-systemische Forschung und Therapie (APF) in Köln arbeite ich seit 1984 als Lehrtherapeut und lehrender Supervisor in der Weiterbildung von systemischen PsychotherapeutInnen und SupervisorInnen und hatte über 15 Jahre Vorstandsämter inne. 1993 war ich an der Gründung der Systemischen Gesellschaft beteiligt und auch dort die ersten sechs Jahre im Vorstand aktiv.
  • Seit langen Jahren bin ich publizistisch tätig. Ich habe zahlreiche Aufsätze zu unterschiedlichen Themen des systemischen Spektrums verfasst und bin seit langen Jahren im Beirat bzw. editorial board von "Zeitschrift für systemische Therapie", "Kontext", "systeme", und "Familiendynamik". Von 1997 bis 2000 war ich Herausgeber und Schriftleiter von "System Familie" im< Springer-Verlag, die leider mit Beginn des Jahres 2001 eingestellt wurde.
  • Ich bin Jahrgang 1953, verheiratet und habe vier Kinder zwischen 12 und 1,9 Jahren.

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Veröffentlichungsdatum: April 2003


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