Psychodramatische Elemente in der systemischen Supervision

von Götz Liefert (September 2003)

1. Vorwort

In dieser Arbeit geht es um den Einsatz psychodramatischer Elemente im Rahmen von systemischer Supervision. Es ist gleichzeitig der Versuch, zwei unterschiedliche Konzepte einander näher zu bringen und von ihren Unterschiedlichkeiten im Rahmen von Supervision zu profitieren.

Ich selber bin von Hause aus eingefleischter Psychodramatiker und weiß die Möglichkeiten des handlungsorientierten Konzeptes des Psychodramas sehr zu schätzen. Im Rahmen meiner Supervisionsausbildung habe ich mit dem systemischen Ansatz eine andere Sicht der Welt kennengelernt und verinnerlicht, die in vielerlei Hinsicht andere Grundprinzipien und Vorgehensweisen bevorzugt als das Psychodrama. Stellt im Psychodrama die oberste Maxime das Handeln dar, kennzeichnet den systemischen Ansatz eine spezifische Sichtweise und Haltung gegenüber der Welt.

Es hat eine Weile gebraucht, bis ich für mich entdeckt habe, daß die Unterschiedlichkeiten beider Ansätze nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern wechselseitig eine wunderbare Ergänzung bilden können. Insofern habe ich eine zweite Heimat gefunden. Der systemische Ansatz mit seinen darin formulierten Grundhaltungen wie Ressourcenorientierung, Zirkularität und Mehrperspektivität bildet dabei mein Fundament für mein Handlungsinstrumentarium im Rahmen der Supervision, in dem psychodramatische Elemente eine große Rolle spielen.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Darstellung psychodramatischer Elemente im Rahmen von Supervision. Neben der Präsentation entsprechender Praxisbeispiele ist es mir dabei ein besonderes Anliegen, auf die handwerklichen Aspekte der verschiedenen Techniken zu sprechen zu kommen. Das Psychodrama ist – auch wenn man nur einzelne Bestandteile nutzt – oft ein sehr komplexes Verfahren, was für seinen Gebrauch in der Supervision eine besondere Handhabung nach sich zieht.

Welche Verbindungen haben psychodramatische Methoden zu den verschiedenen systemischen Instrumentarien? Wie können sich diese im Rahmen von Supervision wechselseitig ergänzen? Wann ist welche Intervention die bessere Alternative? Diese spannenden Fragen haben mich beim Schreiben dieser Arbeit zusätzlich ständig begleitet und werden mich wohl noch lange beschäftigen. Meine Arbeit enthält hierzu einige Anregungen und Ideen, die ich gerne mit anderen diskutieren möchte.

2. Zur Verwandtschaft von Psychodrama und systemischen Ansätzen

2.1 Das Psychodrama und seine Handlungsprinzipien

Das Psychodrama wurde vom Wiener Arzt und Psychiater J.L. Moreno in den 20-er und 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. Morenos anthropologische Grundannahme liegt darin begründet, daß der Mensch sich durch sein Handeln verändert und weiter entwickelt. Um dies zu können, braucht er Spontaneität und Kreativität. Diese entfalten sich dann, wenn es zu einem gelungenen Inter – Aktionsprozeß kommt, an dem in der Regel mehrere Menschen im Rahmen einer gemeinsamen Handlung in unterschiedlichen Rollen beteiligt sind.

Moreno entdeckte in seiner langjährigen Arbeit als Forscher, Therapeut und Pädagoge, daß die Fähigkeit zu Kreativität und Spontaneität bei vielen Menschen blockiert ist. Die Ursachen solcher Blockaden sah er dabei nicht primär im Individuum selber, sondern in gestörten Beziehungsmustern: "An solchen Blockierungen ist oft eine andere Person beteiligt, in welchem Fall beide Menschen notwendig sind (...), um den Kern des Problems zu erreichen"(Moreno, 1989, Seite 77).

Zeit seines Lebens war Moreno damit beschäftigt, eine Methode zu erfinden und weiter zu entwickeln, die es Menschen ermöglicht, den vollen Zugang zu ihren vorhandenen Ressourcen zu ermöglichen und sie von ihren Blockaden zu befreien. Schon in den frühen 20 er Jahren des vorherigen Jahrhunderts entdeckte er dabei die Kraft des freien Spiels: Während seiner Studienzeit verbrachte Moreno seine Nachmittage häufig in den Wiener Parks und initiierte Rollenspiele mit Kindern. Schnell fiel ihm auf, wie diese in verschiedenen Rollen völlig neu "aufblühten" und sich ganz anders in Szene setzen konnten. Stille Kinder standen auf einmal im Mittelpunkt, besonders aggressive Kinder entdeckten plötzlich ihr Bedürfnis nach Wärme und Zärtlichkeit und ähnliches mehr.

Aus diesen ersten Erfahrungen heraus entwickelte Moreno das Psychodrama.

Im gemeinsamen Spiel – welches sich je nach Zielgruppe und Anwendungszweck bestimmten Regeln und Rahmenbedingungen unterwirft - werden dabei wichtige Fragestellungen, Lebensthemen oder auch ganz normale Alltagssituationen der Teilnehmer "auf die Bühne" gebracht, näher erkundet und gegebenenfalls in veränderten Rollen in neuer Form durchgespielt. Das Psychodrama hat sich bis heute zu einem Verfahren entwickelt, welches in vielfältiger Weise Anwendung findet. Für den Bereich der Supervision – der uns hier ausschließlich interessieren soll – kann dabei in spezifischer Form auf das breite Instrumentarium psychodramatischer Techniken und Vorgehensweisen zurückgegriffen werden, welches mittlerweile auch in der Literatur besonders berücksichtigt worden ist (vergl. Buer 1999, 2001, Ritscher 1998, Van Kempen 1996, Weiß 1993). Auf die aus meiner Sicht wichtigsten werde ich im folgenden eingehen.

2.2 Der systemische Ansatz und die damit verbundene Haltung und Sichtweise gegenüber der Welt

Der systemische Ansatz läßt sich im Gegensatz zum Psychodrama nicht auf eine überragende Gründerpersönlichkeit zurückführen. Hier haben Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten in ganz unterschiedlichen Feldern tätig waren, teilweise völlig unabhängig voneinander Theorien, Ideen und Handlungsinstrumente entwickelt. Diese hier auch nur annähernd zu beschreiben, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Ich will mich im folgenden auf die Darstellung einiger weniger Grundannahmen und Haltungen des systemischen Ansatzes beschränken, die ich auch für die supervisorische Arbeit für besonders relevant halte. Dazu gehören die folgenden:

Im folgenden geht es nun darum, wie diese zwei doch sehr unterschiedlichen Konzepte – das Psychodrama mit seinem Handlungskonzept und der systemische Ansatz mit seiner spezifischen Sichtweise der Welt – zusammen geführt werden und sich im Rahmen von Supervision gemeinsam ergänzen können.

2.3 Zur Integration beider Ansätze in der Supervision

Will man beide Ansätze in Einklang miteinander bringen, muß man zunächst bereit sein, den jeweiligen Beitrag des anderen Ansatzes zur Lösung und Bewältigung eines Problems zu würdigen. In Schwierigkeiten kommt dabei nur der, der ausschließlich an einem Prinzip fest hält. Ansonsten wird einem schnell deutlich werden, daß in der Ergänzung der Grundprinzipien des psychodramatischen und des systemischen Ansatzes ein unermeßlicher Schatz liegt. "Entscheidend für die Lösung eines Problems ist neben der Veränderung der Wirklichkeitskonstruktion der betroffenen Menschen ein verändertes Verhalten, das neue Erfahrungen erschließt ..."(Mücke, 2001, Seite 19). Mit einer solchen Grundhaltung sollte es uns leicht fallen, die bestehenden Unterschiede zwischen beiden Ansätzen als zwei Seiten einer Medaille zu begreifen: der systemische Ansatz, mit dem eine andere Sicht auf das Problem ermöglicht wird und der psychodramatische Ansatz, der dem Problem auf der Handlungsebene begegnet.

Neben der möglichen Ergänzung in den Grundprinzipien lassen sich auch sonst viele Annäherungen herstellen. Der psychodramatische Ansatz bezeichnet sich zwar in seiner theoretischen Herleitung nicht als ein ausgewiesener systemisch-ganzheitlicher Ansatz, trotzdem gibt es an vielen Stellen Parallelen und Gemeinsamkeiten zu und mit ihm. Moreno hat im Gegensatz zu Freud den Menschen immer im Kontext mit anderen gesehen. Seine Bezugspunkte waren dabei vor allem Gruppen, in denen Menschen auf unterschiedliche Weise eingebunden sind. Moreno fand dabei heraus, daß das Wohlbefinden des einzelnen wesentlich von seiner Stellung und Position in verschiedenen Gruppen abhängig ist. Um diese Einbindung näher zu erforschen, hat Moreno ein spezifisches Untersuchungsinstrument, nämlich die Soziometrie entwickelt. Dieses Instrument war für ihn Bestandteil einer Konzeption, welches sich nicht nur auf kleine Gruppen, sondern auf auf größere Systeme bezieht, welche er als soziometrische Netzwerke bezeichnet. "Je ausgedehnter das Netzwerk ist, desto unbedeutender erscheint der Beitrag des einzelnen zu sein. Nach Auffassung der dynamischen Soziometrie schaffen diese Netzwerke die Grundlagen für alle sozialen Vermittlungs- und Verbindungssysteme und bewirken das allmähliche Entstehen der sozialen Tradition und der öffentlichen Meinung." (Moreno 1974, Seite 22, zitiert nach Ritscher, 1998, Seite 334).

Die Soziometrie kann sowohl von ihrer Theorie als auch von ihren praktischen Handlungsinstrumenten – eines werden wir mit dem Sozialen Atom im Rahmen dieser Arbeit noch besser kennen lernen – auch als ein ganzheitlich – systemisches Verfahren beschrieben werden. Ähnliches gilt für das psychodramatische Handlungskonzept mit seinen vielfältigen Instrumentarien: Wie in den folgenden Kapiteln deutlich werden wird, versucht das Psychodrama immer die subjektive Welt des einzelnen mit den Perspektiven anderer an einer Gruppe oder einem System beteiligten Personen oder Elementen zu verknüpfen. Es geht dabei immer darum, die individuelle Sicht im Sinne von Mehrperspektivität zu erweitern und darüber hinaus neue Handlungsmöglichkeiten im Sinne von Lösungen aufzuzeigen – eine klassisch systemische Herangehensweise.

Wenn man sich dieser Sichtweise anschließen kann, können wir uns nun der Frage zuwenden, wie und ob sich systemische und psychodramatische Methoden in der Supervision ergänzen können. Hierzu ist zunächst einmal die Frage hilfreich, wie sie sich voneinander unterscheiden. Ritscher bietet uns dazu folgendes Modell an: er unterscheidet zwischen verbalen und darstellenden Methoden in der Supervision (Ritscher 1998, Seite 342 ff.) und weist dabei systemischen und psychodramatischen Verfahren unterschiedliche Schwerpunkte und Stärken zu. Die systemischen Verfahren haben dabei ihre besonderen Stärken auf der verbal – sprachlichen Ebene. Hierzu zählen Fragen aller Art (zirkuläre, hypothetische etc), Kommentare und Umdeutungen, Metaphern und Geschichten und vieles mehr. Im Bereich der darstellenden Methoden kommt die besondere Stärke und Vielfalt des Psychodramas zum Zuge, wenn gleich auch viele systemische Verfahren auf entsprechende Methoden zurückgreifen. Schon Watzlawick hat auf die Bedeutung der analogen Sprache – der Welt der Bilder, Eindrücke und Phantasien – in der Beratung und Therapie hingewiesen. Statt auf die digitale Sprache der Erklärungen und Begründungen zurückzugreifen empfiehlt er die analoge Sprache als "Königsweg therapeutischen Wandels" (Watzlawick 1997, Seite 41 ff.). In diesem Sinne ist das Psychodrama mit seiner bewegten Bildersprache ein vornehmlich analoges Verfahren, welches auch von daher eine große Bereicherung für jeden systemisch arbeitenden Berater darstellt.

Wie können sich nun systemische und psychodramatische bzw. verbale und darstellende Methoden in der Supervision ergänzen? Unabhängig davon, wie dies im einzelnen geschieht und gelingen kann – hierzu werden in den folgenden Kapiteln kleine Ansätze aufgezeigt – halte ich allein den gelungenen und an der spezifischen Situation orientierten Wechsel von verbalen und darstellenden Methoden in der Supervision für ein besonderes Qualitätsmerkmal. Insgesamt werden die Beteiligten hierdurch angeregt, sich ganzheitlich und mit allen Sinnen mit ihrem Thema auseinandersetzen. Auf Phasen intensiven Sprechens und Sitzens, die eher dem kognitiven Stil der systemischen Beratung entsprechen, kann so eine Phase folgen, die von Darstellung, Bewegung und Handlung geprägt ist und damit eher dem psychodramatischen Stil entspricht. Moreno zufolge wird damit das natürliche Bedürfnis nach "Aktionshunger" befriedigt. Umgekehrt wird nach einer Aktionsphase immer eine angemessene Reflexionsphase notwendig sein. Das Psychodrama hat dazu mit dem Sharing und dem Rollenfeedback ein eigenes Reflexionsinstrument entwickelt. Im Rahmen der Supervision erscheint es mir sehr zweckmäßig, es um systemische Auswertungsinstrumente zu erweitern, die mit ihrer genaueren Ziel-, Lösungs-und Ressourcenorientierung den formulierten Supervisionsanliegen oft noch besser gerecht werden können.

3. Zum Einsatz psychodramatischer und soziometrischer Elemente in der Supervision

Die folgenden Elemente stellen eine Auswahl psychodramatischer Verfahren dar, die ich im Rahmen von Supervision für besonders geeignet halte. Die dabei entstandene Reihenfolge ist nicht zufällig. Sie soll deutlich machen, daß die Einführung psychodramatischer Verfahren immer einen angemessenen Anwärmungsprozess bedarf, der auf die jeweiligen Gruppe und die spezifische Situation abgestimmt sein muß. Der langsamen und behutsamen Hinführung zur dramatischen Darstellung entsprechend folgen zunächst einfachere und leichter umsetzbare Verfahren zur Anwärmung und Diagnostik, bevor wir zu komplexeren Interventionsformen wie der psychodramatischen Inszenierung kommen.

Noch ein wichtiger Hinweis: Alle hier vorgestellten Verfahren können mit Ausnahme der Skulptur und der großen psychodramatischen Inszenierung auch in der Einzelsupervision angewendet werden. Hieran wird gleichzeitig die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten der verschiedenen psychodramatischen Elemente deutlich. Man würde das Anwendungspotential des Psychodramas entscheidend einschränken, setzte man es ausschließlich im klassischen Sinne ein. Hier bliebe nur die psychodramatische Inszenierung übrig - wie sie für den Kontext Supervision in dieser Arbeit unter 3.5 beschrieben wird – die eine spielerfahrene Supervisionsgruppe voraussetzt. Dies verdeutlicht noch einmal folgendes: Damit das Psychodrama in voller Breite in die Supervision einfließen kann, muß man je nach Situation auch auf seine einzelnen Bausteine zurückgreifen. Die Kunst seiner Anwendung besteht demnach darin, nicht immer das ganze psychodramatische Instrumentarium einzusetzen, sondern es auf ein angemessenes Maß zu begrenzen.

3.1 Das berufliche soziale Atom

Moreno zufolge hängt das Wohlbefinden des einzelnen maßgeblich von seiner Stellung in seinen sozialen Beziehungsgefügen ab. Um das Verhältnis des einzelnen zu seinen ihm wichtigen Mitmenschen näher zu erfassen, hat Moreno mit dem sozialen Atom ein spezifisches soziometrisches Untersuchungsinstrument entwickelt. "Das soziale Atom besteht als die kleinste Einheit des sozialen Beziehungsgefüges aus allen Beziehungen zwischen einem Menschen und jenen Mitmenschen, die zu einer gegebenen Zeit in irgendeinem sozialen Verhältnis zu ihm stehen"(zitiert nach Leutz 1974, Seite 11). Das soziale Atom jedes Menschen baut sich in Morenos Modell in drei Schichten auf: In einem Innenkreis befindet sich das Individuum mit seinen wichtigsten zwischenmenschlichen Beziehungen. In dem darum liegenden Mittelkreis sind die Menschen abgebildet, die darüber hinaus noch von persönlicher Bedeutung sind. Im Außenkreis befinden sich Bekanntschaften ohne persönliche Bedeutung.

Im Rahmen von Supervision bietet es sich an, auf eine spezifische Ausformung des sozialen Atoms – nämlich das sogenannte berufliche soziale Atom - zurückzugreifen. Es bildet das subjektiv empfundene Beziehungsgefüge eines Menschen an seinem Arbeitsplatz ab. Dabei wird auf einem Blatt Papier mit Hilfe von Münzen die eigene Person in Beziehung zu allen anderen dort aktiven Kollegen bzw. Klienten gesetzt. Jeder Supervisand wählt dabei zunächst eine Münze für sich selbst und sucht sich dafür einen Platz auf dem Papier. Nach und nach werden alle anderen wichtigen Personen mit Hilfe von anderen Münzen um die eigene Person herumgruppiert. Im weiteren Verlauf werden alle Beziehungen des Supervisanden von ihm selbst näher bewertet. Durch entsprechend gekennzeichnete Pfeile können die jeweiligen Beziehungen als positiv, ambivalent, gelockert, gestört oder akut konflikthaft gezeichnet werden. Das berufliche soziale Atom ist ein hervorragendes diagnostisches Mittel, welches in den verschiedensten Phasen einer Supervision zur Exploration der aktuellen Situation eines Supervisanden herangezogen werden kann. Ich schätze es insbesondere als Instrument zu Beginn eines Supervisionsprozesses im Rahmen von Einzel- oder Gruppensupervision.

In meiner aus Morenos Modell abgeleiteten Form der Darstellung beruflicher sozialer Atome ziehe ich eine etwas freiere Art vor. Ich stelle es meinen Supervisanden frei, wo sie sich selbst im Gesamtgefüge ihrer Arbeitsbeziehungen ansiedeln. Ein so gezeichnetes berufliches soziales Atom gewinnt noch in seiner Bedeutung, weil es neben wichtigen Aussagen über die verschiedenen Beziehungen des Supervisanden auch näher verdeutlicht, wo er sich selbst im System der Einrichtung zur Zeit erlebt. Ein Platz am Rande – wie gleich im Beispiel von der Supervisandin gewählt – spricht eine deutliche Sprache!

Zu Beginn einer Gruppensupervision mit Studenten einer Fachhochschule für Sozialarbeit schlage ich die Aufzeichnung eines beruflichen sozialen Atoms vor. Alle Studenten befinden sich seit einigen Wochen im Berufspraktikum auf unterschiedlichen Einsatzorten. Marion macht ihr Praktikum in einer psychosozialen Einrichtung, die psychisch kranke Menschen betreut. Sie selbst hat sich ganz am Rand des Blattes aufgezeichnet. Vor ihr stehen wie eine Wand die hauptamtlichen Kollegen der Einrichtung, die ihr offenbar den Weg zu den Klienten versperren. Die nähere Exploration macht deutlich, daß die akut gestörte Beziehung zu ihrer Anleiterin Gerda (die ständig versuchen würde, sie zu belehren und zu therapieren) sie daran hindert, in aktiven Kontakt zu den Klienten zu kommen. Wie kann sie daran etwas ändern? In der Folgezeit wird deutlich, daß die ja positiven Beziehungen zu den anderen hauptamtlichen Mitarbeitern und einer anderen Praktikantin den Schlüssel dafür bilden, die Beziehungen zu den Klienten zu intensivieren. Die Bedeutung der in dieser Situation noch sehr bedrohlich erlebten Anleiterin schwindet zusehends, weil die Supervisandin zunehmend erkennt, daß es in dieser Institution Möglichkeiten gibt, mit Unterstützung von anderen seinen eigenen Weg zu gehen ...


Abbildung 1: Berufliches Soziales Atom von Marion

Das (berufliche) soziale Atom hat von der Methode viele Parallelen zum Systembrett bzw. Familienbrett in der systemischen Beratung und Therapie. (vergl. Ritscher 1998, Seite 58 und Seite 135 ff.) Mit Hilfe eines Brettes kann man mit Bauklötzen und anderen Elementen Familien, Organisationen und andere Systeme aufbauen. Der Unterschied zwischen beiden liegt in diesem Fall an der unterschiedlichen Zielsetzung: Während in der Arbeit mit dem beruflichen sozialen Atom das Beziehungsgefüge des Einzelnen im Vordergrund der Betrachtung steht, steht im Rahmen der Arbeit mit dem Systembrett das Gesamtsystem mit seinen verschiedenen Beziehungen im Mittelpunkt. Für Ritscher stellt das Systembrett eines seiner sechs zentralen Methoden psychodramatisch-systemischer Supervision dar.

Beide Formen – das soziale Atom und das Systembrett – stellen aus meiner Sicht hervorragende Grundelemente für weiterführende und freiere Formen der Darstellung eines Systems, einer Situation oder eines Problems dar. Mit Hilfe unterschiedlicher Hilfsmittel wie Symbolen, Puppen, Münzen und anderen Gegenständen können dabei alle wichtigen Aspekte eines Supervisionsanliegens dargestellt und in ihrer Bedeutung untersucht werden. Gleichzeitig kann diese Darstellung je nach Situation auch dazu dienen, das Anliegen mit anderen psychodramatischen Ausdrucksformen wie der Skulptur oder der psychodramatischen Inszenierung weiter zu bearbeiten.

Abschließend möchte ich noch auf ein dem Sozialen Atom verwandtes soziometrisches Instrument hinweisen: Eine "Schwester" des Beruflichen Sozialen Atoms stellt das berufliche Rollenatom dar. Seinen Ursprung hat es im sogenannten kulturellen Atom, das nach Moreno alle wesentlichen Rollen umfasst, die ein Mensch zu einem bestimmten Moment in seinem Leben spielt. Bei einem berufstätigen Familienvater, der in seiner Freizeit Marathonläufer ist, wäre dies vereinfacht der Läufer, der Ehemann, der Vater und der Berufstätige, die im Rahmen eines kulturellen Atoms in einem bestimmten Beziehungsverhältnis zueinander stehen, welches wir an dieser Stelle nicht näher untersuchen wollen.

Für die Erstellung eines Berufliche Rollenatoms wird der Supervisand aufgefordert, sich aller seiner Berufsrollen gewahr zu werden. Bei einem Lehrer könnten dies z.B. der Moderator, der Organisator, der Gruppendynamiker und der Dozent sein. Ähnlich wie bei beim Sozialen Atom wird er gebeten, diese Rollen in Beziehung zu sich selbst zu setzen und mit entsprechend gekennzeichneten Pfeilen zu bewerten. Bei der nachfolgenden Exploration können die jeweiligen Bedeutungen der Rollen näher untersucht werden. Mögliche Rollenkonflikte können deutlich und bearbeitet werden.

3.2 Psychodramatische Erwärmungstechniken

Psychodramatische Erwärmungstechniken haben im klassischen Psychodrama den Sinn, die Teilnehmer für eine folgende psychodramatische Inszenierung zu erwärmen. Dies kann mit den unterschiedlichsten Techniken geschehen. Hierzu gehören zum Beispiel ein kurzer Rollentausch mit Personen oder Gegenständen, die etwas über einen selbst aussagen oder das Finden einer Metapher für die augenblickliche Seelenverfassung. Die Möglichkeiten sind praktisch unbegrenzt und von der jeweiligen Phantasie des entsprechenden Psychodramaleiters abhängig. Sie alle haben zum Ziel, bei allen Beteiligten die für das Psychodrama notwendige Spontaneität, Kreativität und Spielbereitschaft zu erzeugen.

Meiner Erfahrung nach sind sie auch phantastisch dafür geeignet, Supervisanden zu Beginn einer Sitzung für die Supervision zu erwärmen, und zwar unabhängig davon, ob ein Supervisionsanliegen im folgenden mit psychodramatischen oder anderen Mitteln bearbeitet wird. Die Benutzung einer Zweitsprache – nämlich der analogen, um mit Watzlawick zu sprechen – ermöglicht bereits in der Anwärmung, daß Bilder, Ideen und manchmal sogar Lösungsansätze für noch gar nicht formulierte Supervisionsanliegen entstehen können, die bei der späteren verbalen Artikulation wieder aufgegriffen werden.

Voraussetzung dafür ist natürlich, daß die Erwärmungsübung und die damit verbundene Eingangsfrage auf den Kontext Supervision angepaßt wird. Ein Rollentausch mit dem "inneren" Freund , der etwas über die eigene Seelenverfassung aussagt – eine typische Übung aus der Therapie oder Selbsterfahrung – kann man z.B. für die Supervision so umfunktionieren, daß der Rollentausch mit dem "inneren" Coach erfolgt, der etwas über augenblickliche berufliche Verfassung des oder der Supervisanden aussagt.

Das folgende Beispiel demonstriert anschaulich, aus welchen Perspektiven die Sicht auf sich selbst bereits in der Anwärmung möglich ist und was daraus entstehen kann:

In einer Gruppensupervision mit Studenten schlage ich zu Beginn einen Rollentausch mit jemand vor, der auf der Arbeit eine wichtige Rolle spielt und über die Supervisanden etwas aus seiner Perspektive sagen kann.

Marion geht in die Rolle ihrer Anleiterin Gerda. Sie wirkt genervt von ihrer Arbeit mit Klienten, die sich "sowieso nie ändern". Obwohl sie die Arbeit nervt, genießt sie die Macht und die Bedeutung, die sie in ihrer Einrichtung hat. Ihre Praktikantin Marion erlebt sie mittlerweile als sicher – "sie versteckt sich nicht mehr hinter dem Tresen, sondern geht auf die Leute zu".

Peter geht ebenfalls in die Rolle seines Anleiters. Dieser ist zur Zeit krank. Er telefoniert öfter mit seinem Praktikanten Peter, der ihn hervorragend vertritt und dem er die Verantwortung mit gutem Gefühl übertragen kann.

Auswertung: Was habe ich in der Rolle erlebt (über mich selbst und über den anderen)? Welche Themen entwickeln sich für mich dadurch bzw. welche habe ich unabhängig davon mitgebracht?

Für Marion hat die Anleiterin mittlerweile ihre Bedrohung verloren (Hinweis: diese ist identisch mit der im Kapitel "Das berufliche soziale Atom" vorkommenden Anleiterin). Ich teile ihr mit, daß ich es bemerkenswert finde, wie im Rollentausch deutlich geworden ist, daß selbst ihre von ihr als unangenehm empfundene Anleiterin einräumt, wie sicher sie mittlerweile geworden ist. Selbst ihre äußere (und damit auch innere) Kritikerin ist also inzwischen von ihr überzeugt.

Peter ist im Rollentausch deutlich geworden, wieviel Verantwortung er täglich einfach so übernimmt. Eigentlich ist er zwischendurch ziemlich hilflos, kann sich dies aber erst im Moment so richtig eingestehen. Zu schaffen macht ihm innerlich, daß seine Sicht vieler Klienten immer negativer wird. Für manchen Sozialhilfeempfänger empfindet er mittlerweile nur noch Verachtung, und an dieser Sicht möchte er gern etwas ändern. Dies ist auch sein Thema für heute. (Hinweis: Die Arbeit an diesem Thema wird im Kapitel "Rollentausch" exemplarisch weiter verfolgt!)

Neben dem Rollentausch kann in der Anwärmung auf eine Vielzahl die Sinne anregender Methoden zurückgegriffen werden. Im folgenden möchte ich einige aufführen, die sich in meiner eigenen Praxis in besonderer Weise bewährt haben:

Die Wahl der jeweiligen Methode wird immer abhängig sein von den in der Supervisionsgruppe vorherrschenden Grundthemen und der Bereitschaft der jeweiligen Supervisanden, sich auf solche Methoden einzulassen. Auch hier gilt die Grundregel, daß alles, was neu ist, Zeit für seine Einführung braucht. Ein Rollentausch in der im Beispiel verwendeten Form wird dabei sicherlich nicht die erste Wahl sein, wenn es sich um eine Gruppe oder ein Team handelt, denen solche Methoden noch fremd sind. Hier stellt die Wahl einer Postkarte oder das Erfinden einer Schlagzeile sicherlich ein angemesseneres Mittel dar. Wichtig ist außerdem, in der Eingangsrunde auf die Zeit zu achten. Ganz gleich, welches Ausdrucksmittel gewählt wird, kann es für den Supervisor sehr verführerisch sein, auf die von den Supervisanden eingebrachten oft sehr phantasievollen Beiträge tiefer einzusteigen. Darum geht es jedoch in der Anwärmphase gerade nicht. Wichtig ist deshalb, daß hier zwar Bilder und Eindrücke entstehen können, eine tiefere Bearbeitung jedoch erst erfolgt, wenn die Supervisanden sich in einem zweiten Schritt auf ein Supervisionsanliegen verständigt haben.

3.3 Die Skulptur

Die Skulptur hat wie kaum eine andere Form der Darstellung sowohl einen tieferen Bezug zu psychodramatischen wie auch systemischen Ansätzen. Ritscher bezeichnet die Skulptur als "ein originäres Verfahren des Psychodramas" (vergl. Ritscher 1998, S. 348), was sich direkt ableiten läßt aus dem Konzept des Sozialen Atoms. Für verschiedene familientherapeutische Schulen – vor allem für die entwicklungsorientierte Familientherapie von Virginia Satir – hat die Arbeit mit Familienskulpturen grundlegende Bedeutung.

Die Verwendung der Skulptur im Rahmen der Supervision ermöglicht vielfältige Verwendungsmöglichkeiten. Durch eine Skulptur können nicht nur Familiensysteme oder Soziale Atome abgebildet werden, sondern im Grunde alles, was von supervisorischen Belang ist. Eine Skulptur kann z.B.

in einem oder mehreren Bildern abbilden.

Für die Arbeit mit Skulpturen gehe ich in folgenden Schritten vor:

  1. Für den Aufbau seiner Skulptur wählt der Supervisand zunächst für alle relevanten Personen oder Aspekte seines Themas eine Person aus und gibt ihr einen entsprechenden Platz auf dem dafür geschaffenen Bühnenraum. Die Personen und Aspekte werden kurz vorgestellt, damit sich die jeweiligen Antagonisten in die entsprechende Rolle hinein versetzen können. Wichtig ist dabei, daß der Supervisand sich ein Doppel wählt, das stellvertretend für ihn einen Platz in der Skulptur einnimmt.

  2. Nachdem alle relevanten Personen bzw. Aspekte ihren Platz in der Skulptur eingenommen haben, wird nochmals eine Feinabstimmung vorgenommen: Hat jeder seinen richtigen Platz? Stimmen die Abstände? Stimmen die Blickrichtungen und Haltungen? Häufig biete ich den Supervisanden noch an, jedem Antagonisten eine zentrale Botschaft als Satz mitzugeben, um die Einfühlung und die Ausdrucksmöglichkeiten in den Rollen zu verstärken.

  3. Wenn alle Vorarbeiten abgeschlossen sind, bitte ich den Supervisanden, sich einen Platz auszuwählen, von dem aus er einen guten Überblick über die gesamte Skulptur hat. Im nächsten Schritt geht es darum, daß der Reihe nach alle ihre Sätze und Botschaften aussprechen; als letzte spricht dabei das Doppel. Danach wird die Skulptur für eine halbe Minute eingefroren, alle Beteiligten konzentrieren sich dabei auf ihre Gefühle und Eindrücke. Anschließend wird jeder um ein kurzes Rollenfeedback aus seiner Position heraus gebeten – gegebenenfalls wird er dabei auch schon nach Veränderungsimpulsen gefragt. Als letzten frage ich dabei das Doppel nach seinen Eindrücken und Gefühlen.

  4. Der Supervisand läßt alle Eindrücke auf sich wirken und wird danach gefragt, welche Feedbacks ihn am meisten ansprechen. In den meisten Fällen geht es nun darum, das bestehende Bild der Skulptur im Sinne einer verbesserten bzw. lösungsorientierten Variante zu verändern. Dabei kann der Supervisand die ihm angebotenen Veränderungsimpulse der verschiedenen Antagonisten aufgreifen und/oder durch eigene Gestaltungswünsche ergänzen. Die Skulptur wird entsprechend umgestaltet, gegebenenfalls nimmt der Supervisand dabei abschließend die Position seines Doppels ein, um die Wirkung des umgestalteten Bildes direkt auf sich wirken zu lassen. Bevor die Skulptur aufgelöst wird, gibt es noch ein abschließendes Rollenfeedback von allen Beteiligten aus der jeweiligen Schlußposition.

  5. Nach der Beendigung der Skulpturarbeit sollte genügend Zeit für eine Nachbesprechung sein, indem auch die Eindrücke der Zuschauer miteinbezogen werden können.

In der Anwärmrunde einer Teamsupervision wählt sich eine Supervisandin eine Postkarte, auf der ein Gewichtheber abgebildet ist. Dieser steht für die vielfältigen Belastungen, die sie momentan in der Familie, in der sie als Familienhelferin arbeitet, erlebt. Die Supervisandin möchte sich näher damit auseinandersetzen, was sie so belastet.

Ich nehme ihr gewähltes Bild zum Ausgangspunkt und biete ihr an, ihre Belastungen in Form einer Skulptur darzustellen. Für jede spezifische Belastung, die sie empfindet, soll sie ein Mitglied ihres Teams auswählen. Das Angebot, auf diese Weise sehr direkt mit ihrem Thema konfrontiert zu werden, läßt sie im ersten Moment fast zurückschrecken. Die hohe Bereitschaft des Teams, sie bei der supervisorischen Bearbeitung zu unterstützen – alle wissen bereits aus Teambesprechungen, um was im einzelnen geht - läßt sie in der Arbeit fortfahren. Nachdem sie ein Doppel für sich gewählt hat, wählt sie zunächst einen gewalttätigen Vater und einen Jungen als mißhandeltes Opfer aus. Ihr Doppel blickt dabei auf das ihr gegenüberstehende Opfer, was sich direkt neben dem gewalttätigen Vater befindet. Als nächstes wählt die Supervisandin zwei weitere Personen für ihre eigene Angst und für ihre eigene Aggression. Diese beide Kräfte sind ganz eng mit dem Doppel verbunden, aber anscheinend so mit ihm verwickelt und verwoben, daß sie sich offenkundig nicht eigenständig entfalten können.

In der fertigen Skulptur frieren alle Beteiligten ihre Haltung und Blickrichtung für eine halbe Minute ein, bevor sie ihre Rückmeldung aus den Rollen geben.

Der gewalttätige Vater scheint sich sehr sicher mit den ihn umgebenden Personen und Kräften zu fühlen, das Doppel fühlt sich unsicher mit den um sie herum zerrenden Kräften und den Blick auf das Opfer. Ich frage die Supervisandin, welche Impulse sie aus den Rückmeldungen zieht und was sie an der Skulptur verändern möchte. Sie stellt die eigene Aggression und die eigene Angst etwas entfernt neben sich auf (mit Blickrichtung sowohl auf sich selbst als auch auf Vater und Sohn). Ihr Doppel guckt nun nicht mehr auf das Opfer, sondern auf den Vater. Dies scheint ihr sehr zu gefallen. Ich fordere sie spontan auf, nun selbst den Platz ihres Doppels einzunehmen. Selbstbewußt – mit angewinkelten Armen – steht sie dem Vater gegenüber und blickt ihm in die Augen, der sich – in seiner Rolle befragt – nun sichtlich unwohl fühlt.

Dieses Abschlußbild hat für die Supervisandin Signalcharakter. In ihrer Arbeit konfrontativer zu werden, stellt für sie eine neue Herausforderung dar. In den folgenden Wochen versucht sie dies auf unterschiedliche Weise und merkt dabei, wie sich ihr zusätzliche Optionen für ihr berufliches Handeln eröffnen.

Faszinierend an der Arbeit mit Skulpturen ist für mich immer wieder, wie fast ohne jede Hintergrundinformation so viel in Bewegung gesetzt werden kann.

Nach Ritscher bewährt sich die Skulpturarbeit "vor allem dann, wenn viele und/oder unklare, noch zu ordnende und zu verdichtende Informationen im Raum stehen" (Ritscher, 1998, Seite 114). Dies führt so zu einer Reduktion von Komplexität und schafft verblüffend einfache und klare Bilder. "Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte" - diese alte chinesische Weisheit kann so auch in der Supervision ihre volle Bedeutung entfalten.

Die Arbeit mit Skulpturen stellt für mich zugleich einen guten Zwischenschritt zum psychodramatischen Rollenspiel in der Supervision dar. Für Supervisanden, die bisher wenig Erfahrung mit solchen Interventionsformen haben, stellt eine Skulptur in der Regel eine niedrigere Hemmschwelle dar als ein Rollenspiel mit seiner nicht absehbaren Dynamik. Die dabei gemachte Erfahrung, daß fast jede Wahrnehmung in einer Rolle Bedeutung für den Falleinbringer hat, öffnet wiederum für noch komplexere Interventionsformen wie das Rollenspiel.

Abschließend möchte ich mit den Familien- und Systemaufstellungen der Schule Bert Hellingers noch auf eine besondere Form der Arbeit mit Skulpturen verweisen. In vielerlei Hinsicht haben sie Ähnlichkeiten mit den hier dargestellten Verfahren und man kann ihnen sicherlich viele zusätzliche Anregungen für die supervisorische Arbeit entnehmen (vergl. auch Weber, 2000). Kritisch anmerken möchte ich jedoch, daß mir dieser Ansatz zu wenig ressourcenorientiert und letztendlich auch nicht systemisch-konstruktivistisch erscheint: Hellinger beruft sich in seiner Arbeit auf bestimmte Ordnungsprinzipien – so z.B. das Vorhandensein einer Ursprungsordnung – an denen Systeme sich orientieren. Im Rahmen seiner Aufstellungsarbeit orientiert er sich bei den Lösungsaufstellungen allein an seiner subjektiven Auslegung solcher Ordnungsprinzipien und läßt die Impulse und Eindrücke seiner Klienten außen vor. Schöpfer der Lösung bleibt Hellinger, ob der Klient dabei mitgehen kann, spielt keine Rolle. In Abgrenzung dazu ist es mir bei einer Skulpturarbeit wichtig, daß der Supervisand entscheidet, welche Ideen und Impulse der anderen Supervisanden und des Supervisors er aufgreift und in einer Lösungsskulptur zum Ausdruck kommen lassen will.

3.4. Der Rollentausch

Der Rollentausch ist das zentrale Element des Psychodramas und ist fester Bestandteil jedes psychodramatischen Rollenspiels. Sein Vorteil für die Anwendung in der Supervision besteht vor allem darin, daß er – losgelöst von komplexeren Interventionsformen wie psychodramatischen Vignetten oder der großen psychodramatischen Inszenierung - in Form einer Kurzzeitintervention zu unterschiedlichsten Phasen einer Supervision eingesetzt werden kann.

Ein Rollentausch stellt den Supervisanden einen Zugang zu ganz unterschiedlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungsebenen her. Marianne van Kempen hat die folgenden vier – auch für die Supervision bedeutsamen Ebenen - näher beschrieben (van Kempen, 1996, Seite 10 ff.):

Ein Rollentausch bedarf einer Anwärmung, insbesondere wenn es sich um mit solchen Methoden unerfahrene Supervisanden handelt. Nachdem das Einverständnis des Supervisanden für einen Rollentausch vorhanden ist – auf vorhandene Widerstände sollte dabei immer eingegangen werden – sollten folgende Schritte beachtet werden:

  1. Es erfolgt zunächst eine kurze Vorstellung der Person, mit der die Rolle getauscht werden soll.

  2. Ein kleiner Raum für eine Bühne wird eingerichtet – oft reicht dafür schon ein extra aufgestellter Stuhl aus – wo die für den Rollentausch gewählte Person sich in den nächsten Minuten aufhalten wird.

  3. Dem Supervisanden wird Gelegenheit gegeben, sich in die entsprechende Rolle hineinzufinden. Wie sieht er/sie aus? Welche typische Körperhaltung hat er/sie?

  4. Nun beginnt der Hauptteil der Intervention: das Interview mit dem Rollenträger. Nach einigen allgemeineren Fragen, die dazu dienen, daß der Rollenträger sich noch besser in der Rolle zurechtfindet, geht es darum, den Fokus auf die vermeintlichen Hauptanliegen des Supervisanden zu legen. Wenn es z.B. um die Beziehung zwischen dem Supervisanden und seinem Klienten geht, kann diese aus der Perspektive des Klienten näher exploriert werden.

  5. Nach Beendigung des Interviews ist die Entlassung des Supervisanden aus seiner Rolle von großer Bedeutung, insbesondere wenn es sich dabei um eine besonders belastende gehandelt hat. Dies kann durch ein verbales Aussprechen erfolgen ("Du bist aus deiner Rolle entlassen"), manchmal kann auch die Frage hilfreich sein, was er noch braucht, um die Rolle loszuwerden.

  6. Nun kann die Auswertung auf der Metaebene beginnen. Was ist dem Supervisanden in der Rolle alles deutlich geworden? Was löst das bei ihm und bei den Zuschauern aus? Welche neue Perspektiven ergeben sich aus den gewonnenen Einsichten?

Beispiel: Im Rahmen einer Gruppensupervision mit Studenten berichtet Peter, der ein Praktikum auf dem Sozialamt macht, daß seine Sicht über seine Klienten immer negativer wird. Das macht ihm zu schaffen. Für manchen Sozialhilfeempfänger empfindet er mittlerweile nur noch Verachtung, und an dieser Sicht möchte er gern etwas ändern. Dies ist auch sein Thema für heute.

Ich biete ihm an, einen Rollentausch mit einem besonders schwierigen Klienten zu machen, damit wir uns ein besseres Verständnis von seiner Lage erschließen. Peter stellt uns einen Alkoholiker vor, den er gestern noch besucht hat. Er richtet sich einen Platz ein, wo er in die Rolle seines Klienten geht. Vor mir sitzt in einem Umfeld von Dreck und Müll ein apathischer Mensch, den außer seiner Flasche Korn offensichtlich gar nichts mehr interessiert. Mein Versuch, im Gespräch mit diesem Klienten irgendeine Form von Begegnung herzustellen, scheitert.

Ich bitte Peter auf seinen Platz zurück, vermittele ihm meinen Eindruck, nicht zu wissen, wie ich diesen Klienten erreichen kann und bitte ihn um eine Rückmeldung aus der Rolle. Peter hat sich als völlig apathisch und desinteressiert an der Welt erlebt. Durch den Rollentausch hat er gemerkt, daß er für diesen Klienten im Moment absolut nichts tun kann. (Sachlicher Hintergrund: der Klient hat ein kaputtes Kniegelenk, was behandelt werden müßte, wenn er nicht zum Krüppel werden will. Er läßt sich jedoch nicht mal darauf ein, wenigstens einen Arztbesuch zu machen).

Peter fühlt sich erleichtert. "Wenn ich selber weiß, ich kann nichts tun, kann ich auch leichter gehen." Damit schwindet gleichzeitig auch seine Verachtung für den Klienten. Er merkt jedoch, wie er von der Situation immer noch nicht loslassen kann. Die Hilflosigkeit des Klienten hat ihm offenbar auch seine eigene Hilflosigkeit als Helfer noch mehr verdeutlicht. Ohne daß wir ins Detail gehen, deutet Peter biographische Bezüge rund um das Thema Verantwortung übernehmen – Hilflosigkeit vermeiden an, die er in seiner Therapie auch gerade bearbeitet.

Das kurze Beispiel macht sehr schön deutlich, wie der Supervisand durch den Rollentausch nacheinander auf den verschiedenen weiter oben skizzierten Wahrnehmungsebenen angesprochen wird und er darüber zu völlig neuen Einsichten kommt. Über die Einfühlung in den Klienten wird ihm klar, daß der nicht mehr erreicht werden will (Rollentausch als "Du" – Erfahrung). Dies entlastet ihn und nimmt ihm seine Verachtung (Rollentausch als "Ich" – Erfahrung). Zum Schluß erschließt sich ihm mit dem Thema der eigenen Hilflosigkeit auch noch die Selbsterfahrungsebene.

Der Rollentausch ermöglicht also zusammengefaßt einen Perspektivwechsel auf verschiedensten Ebenen und paßt mit diesem Postulat in jedes systemische Instrumentarium. Wir brauchen von daher auch nicht weit zu gucken, um verwandte systemische Interventionsformen zu entdecken. Das von der Mailänder Schule entwickelte Instrumentarium zirkulärer Fragen mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, die Perspektiven anderer in die Betrachtung zu ziehen, stellt eine wunderbare Ergänzung zum psychodramatischen Rollentausch dar.

"Rollentausch und zirkuläres Fragen ermöglichen beide die hypothetische, bzw. "als ob"- Übernahme der Perspektive der Anderen. Indem eine Person eine andere darstellt bzw. über die befragt wird, kann sie ihre Beziehung von beiden Seiten – also von sich und von der anderen Person her rekonstruieren. Dadurch wird von Anfang an die systemische Perspektive der gegenseitigen bzw. allseitigen Abhängigkeit in den Diskurs über das Klientensystem eingeführt. Moreno nannte diese zweiseitige Rekonstruktion das "Tele" bzw. die "Zweifühlung" im Gegensatz zur individuumzentrierten "Einfühlung"" (Ritscher, 1998, Seite 349).

Wenn man sich dieser Auffassung anschließen kann, stellt sich die spannende Frage, wie man in der Supervisionspraxis auf dieses miteinander verwandte Instrumentarium zurückgreift. Wann wendet man den psychodramatischen Rollentausch an? Wann greift man auf zirkuläre Fragetechniken zurück? An welchen Stellen können sich diese Techniken wechselseitig ergänzen?

Das zirkuläre Fragen – oder der kalte Rollentausch, wie ihn Psychodramatiker immer wieder auch bezeichnen – ist als rein verbale Methode für den Supervisionsalltag sicherlich leichter aktivierbar als der Rollentausch. Ein paar zirkuläre Fragen in die Richtung : "Was würde dein Vorgesetzter sagen, wenn du morgen kündigen würdest" lassen sich je nach Fokussierung in jede Phase der Supervisionssitzung einbauen. Gleichzeitig kann sich der Supervisor – gerade wenn die Zielrichtung des Supervisionsanliegens noch nicht klar genug ist – mit zirkulären Fragestellungen langsam voran arbeiten.

Die Stunde des Rollentausches schlägt meines Erachtens dann, wenn einerseits ein klares Anliegen deutlich geworden ist (um wen geht es, was ist das Thema) und andererseits die Atmosphäre in der Supervisionssitzung soweit angewärmt ist, daß ein Rollentausch möglich ist. Ist dieser Zeitpunkt richtig gewählt, sind dabei die Erkenntnis- und Wahrnehmungsmöglichkeiten für den Supervisanden größer als beim zirkulären Fragen, weil er durch den Rollentausch intensiver und ganzheitlicher mit seinem Anliegen in Kontakt kommen kann. Ein Rollentausch kann jedoch immer auch eine Überforderung darstellen, weil zu viel in Bewegung gesetzt wird. Deshalb ist es wichtig, Widerstände jeder Art ernst zu nehmen und nicht zu übergehen.

Williams beschreibt die Arbeit mit zirkulären Fragetechniken als einen eher "kühlen" Weg, um mit einer Gruppe "heiße" Themen zu bearbeiten (Williams, 1991, Seite 288). Übersetzt für die Supervision bedeutet dies, daß man auf zirkuläre Fragetechniken insbesondere dann zurückgreifen sollte, wenn ein Thema mit soviel Spannung besetzt ist, daß der Topf jederzeit überkochen könnte. Williams beschreibt hierzu ein Beispiel einer Ausbildungsgruppe, in der seit längerem zahlreiche Spannungen bestehen, die sich sehr schwer abbauen lassen. Mit Hilfe des Zirkulären Fragens gelingt es, eine Atmosphäre von Ruhe und Nachdenklichkeit zu erzeugen, die zum Abbau von Spannungen in der Gruppe beitragen.

Insgesamt halte ich gerade für die Supervision eine gute Mischung von "kalten" = eher sprachlich systemischen und "heißen" = eher erlebnisorientierten psychodramatischen Verfahren für besonders geeignet. Die Themen, Rahmenbedingungen und Settings für Supervision sind so verschieden, daß je nach Situation eine unterschiedliche Dosis von dem einen oder anderen erforderlich ist. Wie es auch immer ist, meist geht es dabei um beides: Immer wieder entdecke ich in meiner Supervisionstätigkeit, wie Supervisanden es nach einer Phase intensiven Rollenspiels oder Skulpturarbeit schätzen, eine mögliche zweite Fallbesprechung ausschließlich verbal zu behandeln, weil ihr "Aktionshunger", um mit Moreno zu sprechen, vorerst gestillt ist. Umgekehrt lassen sich ähnliche Beispiele heranziehen.

Abschließend möchte ich an dieser Stelle noch ein Plädoyer für frühzeitige und konsequente Hinführung zum Hineindenken und Hineinfühlen in andere Perspektiven loswerden. Dies sollte in der Supervision so früh wie möglich passieren und kann mit einem großen Nutzen für alle Beteiligten verbunden sein. Um meine Arbeitsweise zu verdeutlichen und mir einen ersten Eindruck zu verschaffen, was ich bei zukünftigen Interventionen in einer Supervisionsgruppe besonders beachten muß, habe ich es mir zum Grundprinzip gemacht, den potentiellen Supervisanden bereits in der Akquisitionssitzung für eine Gruppen- oder Teamsupervision folgende Übung anzubieten:

Jeder soll dabei seinen Nachbarn unter folgenden Fragestellungen näher vorstellen: Wie geht es ihm in der Arbeit? Wie geht es ihm im Team? Was will er in der Supervision? Dabei stelle ich es den Supervisanden frei, ob sie dazu einen Rollentausch vornehmen und sich direkt in den Kollegen hineinversetzen oder die Fragen eher zirkulär aus der dritten Person heraus beantworten wollen. Das Experiment hat immer eine erstaunliche Wirkung: Die Supervisanden sind beeindruckt von den unterschiedlichen, aber nichts desto trotz meist sehr stimmigen Feedbacks, ich erhalte wertvolle Informationen über die Gruppe und die Anliegen der verschiedenen Teilnehmer. Die Art, wie die Gruppe bzw. das Team sich auf diese Übung einläßt, ist für mich dabei ein erster Indikator für das, was mich mit diesen Supervisanden möglicherweise zukünftig erwartet. Ich kann dabei auch eine erste Hypothese darüber anstellen, ob ich mit den zukünftigen Supervisanden eher auf der sprachlichen oder auf der Handlungsebene kommunizieren werde.

3.5 Die psychodramatische Inszenierung

Die psychodramatische Inszenierung steht im folgenden für alle supervisorischen Situationen, in denen ein Supervisand sein Anliegen in einer oder mehreren Szenen in Form eines Rollenspiels näher beleuchten will. Dies ist ein sehr komplexes Unterfangen, welches ganz unterschiedliche Richtungen nehmen kann. Damit sind wir zugleich auch bei der Beschreibung einer klassischen Psychodramasitzung angelangt: Nach einer Anwärmphase wählen die Mitglieder einer Psychodramagruppe aus verschiedenen Anliegen eines aus, was im folgenden psychodramatisch inszeniert und anschließend mit Hilfe der spezifischen psychodramatischen Reflexionsinstrumente wie Sharing und Rollenfeedback ausgewertet wird.

Wie kann man eine psychodramatische Inszenierung in die Supervision einbauen? Im folgenden möchte ich die dazu erforderlichen Schritte im Rahmen einer Supervisionssitzung näher skizzieren, bevor ich an zwei unterschiedlichen Beispielen die dabei mögliche Variationsbreite andeuten möchte.

Wie in jeder Supervisionssitzung geht es zunächst darum, daß es ein (oder mehrere) Anliegen gibt, für die ein (oder mehrere) Supervisand(en) steht(en). Hat sich die Gruppe auf die Bearbeitung eines Anliegens verständigt, muß der Supervisor entscheiden, ob eine psychodramatische Inszenierung das richtige Mittel ist, um das Anliegen näher zu bearbeiten. Ist dies aus seiner Sicht der Fall, ist das Einverständnis des Falleinbringers und die Bereitschaft der Gruppe erforderlich, an dieser Inszenierung mitzuwirken.

Der Supervisor bittet den Supervisanden auf die "Bühne" – einen extra für die folgende Spielhandlung definierten Raum – und klärt mit ihm noch mal ab, auf welches Ziel und welche Frage hin die Spielsequenz näheren Aufschluß geben soll. Anschließend erfolgt eine Verständigung darüber, welche Situation gespielt werden soll und zu welcher Zeit und an welchem Ort sie spielt.

Der Supervisand wird gebeten, die Bühne mit ein paar einfachen Utensilien für das Spiel einzurichten. Je nach Zeitressourcen reichen hierbei auch ein paar Andeutungen aus (wie groß ist der Raum, wo ist die Tür etc), um das Vorstellungsvermögen zu aktivieren.

Nun holt der Supervisand mit Unterstützung des Supervisors alle für die Handlung relevanten Personen auf die Bühne. Dabei wählt der Supervisand aus dem Kreis der übrigen Teilnehmer die aus seiner Sicht für eine Rolle passenden Personen aus. (Achtung: keiner ist gezwungen, eine Rolle anzunehmen!). Besonders wichtig ist es dabei, daß auch ein Doppel für den Supervisanden gewählt wird.

Der Supervisand stellt zunächst alle Rollen näher vor. Dies geschieht in der Regel durch einen kurzen Rollentausch (siehe 2.3.), das heißt der Supervisand verkörpert diese für kurze Zeit selber und wird dabei bei Bedarf vom Supervisor interviewt.

Die relevante Szene wird von allen Beteiligten entsprechend der Rollenvorgaben gespielt. Der Supervisand selbst kann dabei – je nach Erfordernis und persönlicher Verfassung – immer wieder unterschiedliche Rollen einnehmen: mal spielt er sich selbst, mal ist er Beobachter von außen, mal geht er in den Rollentausch mit einer anderen wichtigen Rolle.

Es kann sein, daß die Spielsequenz bezogen auf das Supervisionsanliegen so viel Erkenntnisgehalt besitzt, daß das Spiel beendet und ausgewertet werden kann. Meist ist es jedoch so, daß es im Sinne einer Lösung oder Weiterentwicklung des Anliegens sinnvoll ist, zumindest noch eine weitere Szene durchzuspielen, in der Lösungsansätze deutlich werden. Die können von Ideen und Impulsen aller Beteiligten ausgehen. Wichtig ist dabei – ähnlich wie bei der Skulpturarbeit – daß der Supervisand selbst die entscheidende Instanz dafür abgibt, was er gespielt sehen und welche Rolle er dabei einnehmen möchte.

Nach der Beendigung des Spiels ist es wichtig, daß der Supervisand alle Rollenspieler aus den Rollen entläßt. Danach beginnt die Auswertung. Wichtig sind dabei zunächst Rückmeldungen aus den Rollen und die Frage "Was hat das Spiel bei mir ausgelöst". Dies ist deshalb wichtig, weil durch die Inszenierungen bei allen Beteiligten meist viel bewegt wird – was über das vorher formulierte Supervisionsanliegen weit hinaus gehen kann. Die Auswertung endet schließlich damit, daß der Supervisand zu seinen Erkenntnissen im Hinblick auf das formulierte Supervisionsanliegen befragt wird. Bei Bedarf können dabei auch noch Anregungen der übrigen Teilnehmer eingeholt werden – allerdings nur, wenn der Supervisand noch dafür aufnahmefähig ist.

Als Beispiele für eine psychodramatische Inszenierung habe ich im folgenden zwei Fälle ausgewählt, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen innerhalb der Supervision Rechnung tragen. Das erste Beispiel ist eine kleine Inszenierung – oft auch Vignette genannt, in der im Grunde nur an einer kurzen Szene gearbeitet wird. Es steht gleichzeitig für die Tatsache, daß die Zeit im Rahmen einer Supervisionssitzung immer begrenzt ist. Psychodramatische Rollenspiele können viel Zeit in Anspruch nehmen – der Einsatz einer Vignette ist hier eine gute Lösung, um mit den knappen Ressourcen angemessen umzugehen. Gerade für wenig mit Psychodrama bzw. Rollenspiel geübten Supervisanden und Supervisoren stellt die Vignette gleichzeitig einen guten Testfall dafür da, ob zukünftig in der Supervision mehr inszeniert werden soll.

Das zweite Beispiel steht für die sogenannte große psychodramatische Inszenierung, die mehrere Szenen umfassen und auch zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten spielen kann. Sie zeigt auf, was auch im Rahmen der Supervision mit psychodramatischen Mitteln alles möglich ist, ohne daß der Rahmen Supervision verlassen wird und in therapeutische Arbeit übergeht.

Beispiel 1:

Wolfgang, Mitarbeiter in einem Projekt der offenen Jugendarbeit, ist einmal mehr mit seiner Rolle im Rahmen seiner Gruppenleitungstätigkeit mit Jugendlichen in Kreuzberg beschäftigt: Sollte er mehr Animateur/Motivator (so wie er seine erfahrene Kollegin erlebt) sein oder sich mehr auf seine Stärken im Einzelkontakt zu Jugendlichen konzentrieren?

Ich biete ihm zunächst einen Rollentausch mit zwei typischen Jugendlichen aus seinem Projekt an, um das Thema zunächst aus ihrer Perspektive zu betrachten: Zunächst stellt Wolfgang Manfred vor, ein 16 jähriger sprachbehinderter Jugendlicher. Dieser ist sehr schwer erreichbar, weiß offenbar so gut wie nichts mit sich anzufangen. Mit Rolf, ebenfalls 16, ist dies schon anders: er hat schon eine Menge durchgemacht im Leben, reichlich Drogen genommen, er weiß, wie man im Leben wegkippen kann, er will jetzt einen Beruf erlernen (Energieelektroniker).

Ich lasse die beiden vorgestellten Jugendlichen von anderen Supervisandinnen besetzen und lasse die Szene spielen, wo sie auf Wolfgangs Eintreffen warten. Wolfgang verspätet sich mal wieder um 5 Minuten, was von Rolf gleich entsprechend registriert wird. Es wird deutlich, daß Wolfgang in guten Kontakt zu den Jugendlichen kommt, die unten am Boden rumhängen. Er setzt sich schnell zu ihnen, koppelt also gut an, hat dann aber später Schwierigkeiten, sie aus dieser Haltung für irgendetwas zu motivieren.

Als letztes bitte ich Wolfgang, die Rolle seiner Kollegin Petra zu besetzen (ich übernehme in dieser Zeit Wolfgangs Rolle): Petra kommt dazu, erzählt von einer spannenden Ausstellung über Liebe und Sexualität, in kürzester Zeit gelingt es ihr, die Jugendlichen neugierig zu machen, anfängliche Widerstände verlieren sich schnell. Sie bleibt dabei die ganze Zeit in einer aufrechten Haltung.

Auswertung: Welche Ressourcen sind in den Rollen und Personen deutlich geworden? Die beiden Supervisandinnen in der Rolle der Jugendlichen haben die Macht genossen, die sie hatten, als sie die Zeit kontrollierten. Sie haben gemerkt, daß sie dann ansprechbar sind, wenn ihre Interessen und Fähigkeiten angesprochen werden (Mädchen, handwerkliche Fähigkeiten, Diskjockey sein).

Für Wolfgang wird durch das Spiel der zunächst empfundene Gegensatz zwischen Animation und Kontakt aufgehoben: Seine Erkenntnis ist, daß er die Jugendlichen noch besser kennenlernen möchte, um die Animateurrolle angemessen ausfüllen zu können.

Kurzer Kommentar zu den handwerklichen Aspekten dieses Beispiels: Es wird deutlich, wie sich aus dem Rollentausch nach und nach eine Vignette entwickeln kann, indem die handelnden Personen nacheinander auf die Bühne geholt werden. Dies macht den Entwicklungsprozeß für alle Beteiligten sehr überschaubar und ist auch für den Supervisor eine gute Form, um den Überblick zu behalten. Die Tatsache, daß ich als Supervisor selbst eine Rolle übernehme, ist für mich eine seltene Ausnahme und wird von mir nur bei Bedarf in solchen Gruppen gewählt, wo der Boden besonders tragfähig ist.

Die Form der Auswertung stellt ebenfalls eine Besonderheit dar. Die Frage nach den Ressourcen in den Rollen ist eine typisch systemische und macht deutlich, wie eine psychodramatische Inszenierung mit systemischen Handwerkszeug ausgewertet werden kann.

Beispiel 2:

Im Rahmen einer Supervision mit Studenten einer Fachhochschule möchte sich Volker mit seinen Widerständen beim Schreiben auseinandersetzen. Er hat am Wochenende stundenlang an einem Bericht für sein Praktikum gesessen und möchte sich genauer ansehen, was dabei passiert ist. Das Thema Schreibwiderstand war bereits in einer früheren Supervisionssitzung besprochen worden. Dabei wurde deutlich, daß für Volker die Auseinandersetzung und Bewältigung dieses Themas von grundlegender Bedeutung ist. Aus diesem Grunde und weil der zeitliche Rahmen dafür gegeben ist, kommt es in dieser Sitzung zu einer psychodramatischen Inszenierung in mehreren Akten:

Szene 1: Volker richtet sich einen Schreibtisch ein, sitzt am Computer. Hinter ihm sitzen mit Nicole und Michaela zwei innere Seiten von ihm, die ihn bei der Arbeit ständig begleiten. Schräg hinter ihm sitzt seine zwanghafte Seite, die ihn ständig korrigiert und alle Anfänge schlecht macht. Neben ihm sitzt links seine wohlwollende Seite, die versucht ihn zu stützen ("Mach doch erstmal Brainstorming, es muß ja nicht alles gleich perfekt sein"). In den ersten drei Stunden hat die zwanghafte Seite die klare Übermacht und verhindert alle kreativen Ansätze im Keim. Irgendwann ist plötzlich ein Anfang gemacht, Volker kriegt plötzlich Lust am Arbeiten und vergißt die Zeit. Das Produkt wird fertig.

Szene 2: Zukunftsprobe: Volker am Abend nach unserer Supervision, fängt seinen zweiten Bericht an. Wie kann er den dreistündigen Kampf mit seiner zwanghaften Seite verhindern? Wieder spielt Nicole seine wohlwollende, unterstützende Seite und Michaela die des zwanghaften Kritikers. Volker ist diesmal erstaunlich schnell in der Lage, Michaela als Kritikerin wegzuschicken. Als sie dies entsprechend seiner Weisung tun will, dreht er sich nach ihr um, als wenn er irgendwas vermissen würde ...

Szene 3: Volker macht einen Rollentausch mit dem inneren Kritiker, im Interview ergründen wir, welche Bedeutung er für Volker hat. Er stellt sich als ein sehr alter Bekannter von Volker heraus, der sehr viel Kraft hat. So einfach kann Volker den nicht los werden...irgendwie muß er mit eingebunden werden ...

Szene 4: Begegnung mit dem inneren Kritiker: Volker sitzt seitwärts zum inneren Kritiker (Michaela). Er kann ihm nicht direkt in die Augen sehen, er spürt die Energie, die von ihm ausgeht: wenn er sich direkt gegenüber setzen würde, würde sie ihn wegblasen: gegen diese Kraft zu arbeiten, ist sinnlos. Volker fängt auf meine Anregung an, Wünsche zu äußern, wie er sich zukünftige Begegnungen mit dem inneren Kritiker vorstellt. Ich werfe dazu die Metapher vom zerstrittenen inneren Team ein. Auch die inneren Stimmen sind – so kraftvoll sie auch sein mögen - handlungsunfähig, wenn es keinen inneren Teamchef gibt, der diese Kräfte richtig aufstellt (vergl. dazu auch Schulz von Thun, 1998). Volker äußert erste Wünsche nach einer zukünftigen Zusammenarbeit mit dem inneren Kritiker.

Abschlußbild: Volker gestaltet eine Abschlußskulptur mit ihm und seinem inneren Kritiker. Sie sitzen nebeneinander vor dem Computer, der Kritiker hat seine Hand versöhnlich auf Volkers Arm gelegt.

Wir machen, dem intensiven Spiel entsprechend, eine Auswertung mit den typischen psychodramatischen Fragestellungen: Woher kenne ich das, was ich gesehen habe, aus meinem Erleben und was habe ich aus den jeweiligen Rollen mitzuteilen? Es stellt sich heraus, daß der innere Kritiker allen Anwesenden sehr vertraut ist. Volker hat sich viel getraut in dieser Sitzung, die nach seiner eigenen Einschätzung noch lange nachwirken wird ...

Nachlese: Dieses Spiel hatte eine große Tiefenwirkung, die von den Studenten sogar noch bei der Auswertung des gesamten Supervisionsprozesses hervorgehoben wird. Volkers Schreibwiderstand hat deutlich abgenommen und auch die anderen Teilnehmerinnen berichten, wie sie durch das Spiel dazu gekommen sind, sich mit ihre inneren Stimmen näher auseinander zu setzen und ihre Zeiteinteilung zu verändern.

Kommentar zu den handwerklichen Aspekten: Die große psychodramatische Inszenierung ist – wie auch an diesem Beispiel deutlich wird – auch in der Supervision eine an den jeweiligen Prozeß gebundene Zusammensetzung unterschiedlicher psychodramatischer Elemente. Kurze Szenen, Interviews, immer wieder Rollentausch, zum Abschluß eine Skulptur – die Anwendung des gesamten Arsenals von Instrumenten (was hier in seiner Gesamtheit gar nicht aufgeführt werden kann) will gelernt sein und braucht in dieser Form auch eine spezifische Ausbildung. Einen guten Überblick über die Breite und Vielfalt des Einsatzes psychodramatischer Elemente im Rahmen der Supervision bietet Buer in seinem aktuell aufgelegten Handbuch "Praxis der psychodramatischen Supervision" (Buer, 2001, Seite 103 ff.)

Wie an obigem Beispiel ebenfalls deutlich wird, können im Rahmen einer psychodramatischen Inszenierung nicht nur Personen in einer Handlung auftreten, sondern auch Gegenstände, Tiere oder wie hier – innere Haltungen. All dies erweitert die Perspektiven aller Beteiligten.

Wichtig ist es mir, an diesem Beispiel auch auf die Abgrenzung von Supervision gegenüber Therapie und Selbsterfahrung hinzuweisen. Als Psychodramatiker ist man mit seinem vielfältigen Handwerkszeug leicht verführbar, in therapeutische Tiefen vorzudringen und somit den Rahmen von Supervision zu verlassen. Im obigen Beispiel hätte es sich angeboten, den inneren Kritiker noch näher zu identifizieren. Hier wäre dann vielleicht deutlich geworden, daß hinter dem Kritiker ein Elternteil steht. Die Identifikation hätte aus meiner Sicht gerade noch in das Supervisionssetting gepaßt – jede weitere mögliche Auseinandersetzung mit dem Elternteil auf der Handlungsebene hätte jedoch in ein therapeutisches Setting verwiesen werden müssen.

Die hier dargestellte psychodramatische Inszenierung verweist auf ein weiteres, gerade auch für die Supervision bedeutsames Instrument hin: Die "Realitäts-" oder "Zukunftsprobe". Hier können die Supervisanden im Rahmen einer improvisierten Szene ausprobieren, inwieweit sie ein gewünschtes Verhalten oder ein angestrebtes Ziel tatsächlich schon "in die Tat" umsetzen können. Dabei können im geschützten Rahmen der Supervision auch ganz handfeste Situationen wie bevorstehende Bewerbungsgespräche und anderes erprobt und auf mögliche Hindernisse und Ressourcen durchgespielt werden.

In unserem Beispiel wird deutlich, daß mit einer Zukunftsprobe manchmal – gerade wenn es sich um langjährige Begleiter wie den inneren Kritiker handelt - oft ein längerer Prozeß der Auseinandersetzung eingeleitet wird, der vieler kleiner Zwischenschritte bedarf.

Abschließend möchte ich auch in diesem Kapitel wieder auf methodisch verwandte systemische Interventionsformen verweisen. Gut ansetzen läßt sich hierbei gerade an der gerade erwähnten psychodramatischen Zukunftsprobe. Das Pendant dazu entdecken wir im Rahmen des systemischen Instrumentariums im Reservoir der vielen hypothetischen "was wäre wenn" Fragen, durch die Supervisanden angeregt werden, über Zukunftsszenarien nachzudenken und sie auf ihre Bedeutung für die Gegenwart hin zu untersuchen. Die psychodramatischen und systemischen Interventionsformen haben an dieser Stelle die gleiche Zielsetzung:

"Aus der Konfrontation mit der erfundenen Zukunft ergeben sich Orientierungen für das gegenwärtige Denken und Handeln." (Ritscher, 1998, S. 350).

Was bedeutet dies nun für die Anwendung? In der Supervisionspraxis bietet sich aus meiner Sicht – ähnlich wie beim Thema Rollentausch und Zirkulärem Fragen – wieder eine sinnvolle Ergänzung beider Interventionsformen an. So könnten die Supervisanden z.B. durch eine Sequenz hypothetischer Fragen angeregt werden, sich mit einer dabei entstandenen Zukunftsidee näher auseinanderzusetzen und sie durch eine psychodramatische Zukunftsprobe zu erkunden.

Eine solche Vorgehensweise läßt sich prinzipiell auf viele andere Situationen in der Supervision übertragen: Themen, die mit systemischen Fragen näher exploriert worden sind, können anhand einem dazu passenden psychodramatischen Handlungsinstrument auf eine andere Art weiter untersucht werden.

3.6 Die Phantasiereise

Die Phantasiereise gehört nicht unbedingt zu den klassischen psychodramatischen Instrumenten und hat sicherlich Wurzeln in ganz unterschiedlichen Verfahren. Als Erwärmungs- und Vertiefungsmethode findet sie jedoch bei Psychodramatikern häufige Anwendung, weil durch sie ein wesentliches Element des psychodramatischen Konzeptes belebt wird: die Kraft der Imagination, die für das Psychodrama der Ausgangspunkt des schöpferischen Tuns darstellt.

In meiner praktischen Supervisionstätigkeit haben Phantasiereisen einen festen Platz gefunden. Phantasiereisen können gut für einen Prozeß oder ein Thema erwärmen. Sie können helfen, ihn zu vertiefen. Genauso gut kann eine Phantasiereise einfach nur zur Entspannung beitragen oder einen guten Abschluß für eine Supervisionssitzung bilden. Gerade wenn mal gar nichts mehr möglich zu sein scheint - weil die "Luft" raus ist oder die Spannung zu groß ist – kann die Phantasiereise eine wunderbare Alternative zu allen vorher benannten Interventionsformen bilden und neue Kräfte mobilisieren.

In einer Gruppensupervision mit Studenten einer Fachhochschule hat es eine längere Zeit gedauert, bis ein Beziehungskonflikt endlich gelöst worden ist. Was machen wir in der zweiten Stunde der Supervision? Es gibt zwar Themen (z.B. Marion: unbewältigter Konflikt mit Kollegen), andererseits sehe ich viel Erschöpfung und Vorsicht nach all diesen Anstrengungen. Ich biete der Gruppe eine Phantasiereise an einen Ort der Kraft an, wo sie wieder auftanken können. Der Vorschlag wird gern aufgenommen. Jeder sucht sich einen Platz im Raum, wo er eine halbe Stunde gut sitzen oder liegen kann. Unter leisem Bachrauschen führe ich die Gruppe an einem schönen Platz ihrer Wahl, lasse sie ihre eigenen Symbole und Ausdrucksformen ihrer Kraft finden und biete ihnen an, in ihrer Phantasie auszuprobieren, wie sie diese Kräfte im Berufsalltag oder in privaten Situationen anwenden.

Die Auswertung bringt wunderschöne Bilder. Peter war in einem kleinen Ort am Meer, hat im Sand nach Schätzen gebuddelt und hat dabei sich selbst (seinen lebendigen Teil) ausgegraben. Damit ist er ins Dorf gegangen und hat eine Bar eröffnet, die von vielen Leuten besucht wurde.

Silvia war in einem Haus in der Provence. Sie war dort ganz allein und hat getöpfert. Dies hat sie sehr genossen. Ihr ist durch die Phantasiereise aufgefallen, daß sie kaum noch dazu kommt, etwas ganz allein für sich zu machen. Dies will sie zukünftig wieder mehr machen.

Marion sind die Tränen gekommen. Sie war in einem Ort im Gebirge und hat ihre Kraft nicht gefunden. Das macht ihr Angst. Ich sage ihr, daß ich sie in der Supervision schon sehr kraftvoll erlebt habe und ich mir sicher bin, daß sie ihre Kraft wieder finden wird. Im Moment scheint sie Erholung zu brauchen - nicht umsonst geht sie im April auf eine Kur! - und dafür braucht sie Zeit.

Zum Ende herrscht eine angerührte Stimmung. Alle drei sitzen in ihren Sesseln und würden wohl am liebsten noch eine Weile dort bleiben. Eine Sitzung mit einem sehr schönem Ende.

Auch bei einer Phantasiereise – in welche phantastische Welt sie auch immer führen mag – sind einige handwerkliche Aspekte zu beachten, wenn sie gut gelingen soll.

Zu Beginn sollte allen Beteiligten kurz Sinn und Zweck der geplanten Phantasiereise erklärt werden (vergl. dazu auch das obige Beispiel). Alle werden eingeladen, mitzumachen, aber keiner muß mitmachen! Das Einlassen auf die Reise kann dabei sehr unterschiedlich sein: Manche machen die Reise mit geschlossenen Augen, andere mit offenen, manche sitzend, andere liegend ... Der vom Supervisor angebotene Begleittext für die Reise ist ebenfalls nur ein Angebot, keiner muß den angebotenen Schritten folgen, sondern kann auch eigene Wege gehen! Auch ein Ausstieg aus der Reise ist immer möglich. Der Hinweis darauf, daß immer wieder Teilnehmer von Phantasiereisen einschlafen und das dies dann auch gut so ist, ist bei jeder Neueinführung einer Phantasiereise wichtig.

Alle Supervisanden suchen sich einen Platz im Raum, den sie für die Dauer der geplanten Phantasiereise einnehmen wollen. Dort richten sie es sich so bequem wie möglich ein. Danach erfolgt die Einstimmung auf die Phantasiereise. Dazu ist es gut, für einen guten Übergang zwischen der Welt, in dem alle Beteiligten eben noch waren und der Welt der Vorstellung zu sorgen. Dies kann dadurch erfolgen, indem alle Beteiligten sich für einige Momente nur auf ihren Atem konzentrieren und seinem Fluß folgen.

Nun kann die Phantasiereise beginnen. Ich habe es mir dabei zur Angewohnheit gemacht, den jeweils notwendigen Begleittext für jede Situation und jede Gruppe neu zu erfinden statt irgendwelche Reisen aus Büchern abzulesen. Dies hat den Vorteil, daß die Reise immer auch spezifische Besonderheiten einer bestimmten Gruppe mit einbeziehen kann. Wichtig ist ferner ein angemessenes Tempo bei der Phantasiereise! Die Entfaltung von Phantasie braucht Zeit, deshalb immer langsamer sprechen als gewohnt. Ich lege ferner immer großen Wert darauf, daß alle Teilnehmer auf ihrer Reise sehr eigenwillige Wege gehen können und biete ihnen deshalb immer einen sehr breiten Rahmen mit vielen Optionen an.

Wie für den Beginn sollte auch für das Ende einer Phantasiereise genügend Zeit eingerichtet werden, damit die Teilnehmer den Weg aus der Welt der Imagination in die Wirklichkeit zurückfinden können. Auch hier kann man wieder den Atem als tragendes Element benutzen (z. B. "Dein Atem trägt dich nun langsam in dem für dich passenden Tempo hier in den Raum zurück").

Die Auswertung kann auf sehr unterschiedliche Art erfolgen. Sie ist dabei sehr abhängig davon, zu welchem Zweck die Phantasiereise eingesetzt worden ist. Manchmal - wenn es z.B. um reines Entspannen und Kraft auftanken geht - reicht ein kurzes Blitzlicht mit der Sammlung einiger farbiger Eindrücke. In anderen Fällen ist die Imagination der Auftakt für eine längere Auseinandersetzung mit einem Thema. Hierzu können die wesentlichen Aspekte der Reise zunächst auf ein Plakat gemalt werden, bevor die Eindrücke nachfolgend weiter besprochen oder sogar in eine psychodramatische Inszenierung umgesetzt werden.

Das nachfolgende Beispiel deutet die Möglichkeiten an, die eine Phantasiereise als Auftakt für die Weiterarbeit an einem supervisorischen Thema bietet:

Im Rahmen einer Supervision mit zwei Studenten einer Fachhochschule geht es um das Thema "Was kommt eigentlich nach dem Studium?". Ich schlage vor, einmal über den Tellerrand zu schauen und sich mit den eigenen Zukunftsvisionen zu beschäftigen. Ich leite eine halbstündige Phantasiereise an, bei der sich die beiden Supervisanden in 5 Schritten (die auch für Jahre stehen können) ihre Visionen ausmalen. Anschließend malen sie das für sie wesentliche auf ein Blatt. Die Ergebnisse sind auf unterschiedliche Art beeindruckend:

Bernd malt einen riesengroßen Menschen, der freudig die Arme hochstreckt. Seine Vision ist, zufrieden und glücklich mit sich selbst zu werden – dies müsse sich nicht mit einer bestimmten Karriere verbinden. Er ist sichtlich froh darüber, sich so zu sehen. Ansonsten sei seine Phantasiereise ziemlich planlos und wechselhaft verlaufen – so wie er sich im Leben auch immer wieder erlebe. Ich finde es toll, Zufriedenheit als Vision zu entdecken, mache aber darauf aufmerksam, daß es gut ist, wenn dies mit ganz konkreten Zielen verbunden wird, weil sonst die Gefahr bestände, sich immer wieder zu verlieren ...

Barbaras Visionen sind von einer Klarheit und Kraft, daß man nichts hinzusetzen muß. Sie hat die Reise tatsächlich in 5 klaren Schritten vollzogen. Bild 1 ist etwas schönes Privates, was sie nicht weiter ausführen will, in Bild 2 besucht sie mit einer Freundin eine leerstehende Villa, die einmal zu einem Kreativhaus werden soll, in Bild 3 wird das Haus zum Leben erweckt, in Bild 4 erarbeitet sie mit Kindern ein Musical (so eine klare Vorstellung hatte sie noch nie!). Von Bild 5 – was sie aufgemalt hat – ist sie selbst überrascht: sie sieht sich als Malerin, die vor vielen Leuten ihre erste Ausstellung eröffnet. Diesen Schritt – sie malt nebenbei schon seit einigen Jahren - hat sie gedanklich bisher in eine viel spätere Phase des Lebens gepackt ...

Die Phantasiereise und ihre Ergebnisse beschäftigen die Studenten auch noch in den nächsten Supervisionssitzungen weiter. Bernd setzt sich viel damit auseinander, welche konkrete Gestalt seine Zufriedenheit in seinen jetzigen und zukünftigen Tätigkeiten bekommen kann. Barbara berichtet vielen Freunden von ihren klaren Zukunftsvisionen und freut sich sichtlich darüber, nun über eine so weit gehende Orientierung zu verfügen ...

Auch dieses Kapitel möchte ich mit einem kurzen Hinweis auf verwandte bzw. gleiche Interventionsformen aus systemischen Ansätzen abschließen: Brandau betont die Bedeutung von kraftgebenden Visionen für die Supervision und verweist in diesem Zusammenhang auf die therapeutische Trance, wie sie Erickson u.a. eingesetzt haben (Brandau 1991, Seite 176 ff.).

Dabei betont auch Brandau die Bedeutung, die ein ganzheitliches Erfassen von Wirklichkeit für die systemische Beratung und Supervision hat. Phantasiereisen bzw. Trancen aktivieren demnach die rechte Hirnhemisphäre oder die analoge Sprache, die für die bildhafte Erfassung und Verarbeitung eines anliegenden Themas zuständig ist.

Schlußwort

Der Worte sind genug gesprochen – laßt uns zur Tat schreiten! Ich hoffe, daß ich mit dieser Arbeit dazu beitragen kann, Lust und Interesse auf darstellende Methoden in der Supervision zu wecken. Was die Integration und Verknüpfung von psychodramatischer und systemischer Theorie und Praxis betrifft, bleibt noch sehr viel zu tun. Hier wünsche ich mir für die Zukunft, daß die teilweise noch bestehenden gegenseitigen Vorbehalte – auf die ich im Rahmen dieser Arbeit ganz bewußt nicht eingegangen bin – sich im Sinne einer fruchtbaren Auseinandersetzung miteinander auflösen. Dies entspricht bekanntlich auch einer systemischen Grundhaltung, nach der Lösungen Wahlmöglichkeiten für verschiedene Optionen darstellen.


Literatur

BRANDAU, Hannes (Hrsg): Supervision aus systemischer Sicht, Otto Müller Verlag, Salzburg, 1991.

BUER, Ferdinand (Hrsg): Praxis der Psychodramatischen Supervision – Ein Handbuch, Leske und Budrich, Opladen, 2001.

BUER, Ferdinand: Lehrbuch der Supervision, Votum – Verlag, Münster, 1999.

FARMER, Chris: Psychodrama und systemische Therapie – ein integrativer Ansatz, Klett-Cotta, Stuttgart, 1998.

LEUTZ, Grete: Das klassische Psychodrama nach J.L. Moreno. Springer Verlag, Heidelberg 1974.

MORENO, Jacob L.: Psychodrama und Soziometrie (Hrsg. Jonathan Fox), Edition Humanistische Psychologie, Köln, 1989.

MÜCKE, Klaus: Probleme sind Lösungen, Ökosysteme Verlag, Potsdam, 2001.

RITSCHER, Wolf: Systemisch – Psychodramatische Supervision in der psychosozialen Arbeit, Verlag Dietmar Klotz, Eschborn, 1998.

SCHULZ VON THUN, Friedemann: Das "innere Team" und Situationsgerechte Kommunikation, Rowohlt Verlag, Hamburg 1998.

VAN KEMPEN, Marianne: Der psychodramatische Rollentausch in der systemischen Supervision, Abschlußarbeit im Rahmen der Supervisionsausbildung am BIF, Berlin, 1996.

VON SCHLIPPE, Arist, SCHWEITZER, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1996.

VOPEL, Klaus W.: Höher als die Berge, tiefer als das Meer – Phantasiereisen für Neugierige, iskopress, Salzhausen, 1993.

WEISS, Kersti: Psychodrama – Soziometrie – Ein Supervisionskonzept. In: BOSSELMANN u.a.: Variationen des Psychodramas, Verlag Christa Limmer, Meezen, 1993, Seite 249 – 261.

WATZLAWICK, Paul: Die Möglichkeit des Andersseins, Verlag Hans Huber, Bern, 1977.

WILLIAMS, Antony: Strategische Soziometrie. In: Psychodrama Heft 2/1991, Seite 273 – 289.

WEBER, Gunthard(Hrsg): Praxis der Organisationsaufstellungen, Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 2000.


Autor

Götz Liefert

  • Diplompädagoge;
  • Psychodramaleiter;
  • Supervisor (DGSv);
  • Leiter einer Selbsthilfekontakt- und Beratungsstelle in Berlin;
  • Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit & Sozialpädagogik Berlin.

Mail: goetzliefert@aol.com


Veröffentlichungsdatum: 7. September 2003


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