Mogeln erwünscht

Psychodramatische Elemente in der systemischen Supervision - eine Skizze

von Ronny Lindner (September 2003)

Die vor mehr als einem Jahrzehnt ins Beratungsgeschäft gekommene Bewegung hat sich mittlerweile zu einem offensichtlich beständigen und nichtsdestotrotz nach wie vor recht munteren Treiben entwickelt. Man begnügt sich längst nicht mehr damit, lediglich neue Ideen und Methoden zu installieren, sondern expandiert in alle Richtungen. Und während sich in manchen Bereichen bereits die Spreu vom Weizen trennt, werden andernorts unter dem Deckmantel einer Beratung nach wie vor diffuse und im Hinblick auf die Effektivität mehr als zweifelhafte Ratschläge durch so genannte Experten erteilt (ich denke hier z. B. an einige Vermögensberatungsgesellschaften). Beratung ist mittlerweile ein Schlagwort und gerade deshalb ist sie begrifflich schwer zu fassen.

Diese Problematik stellt sich auch in der durch das konstruktivistisch-systemtheoretische Theoriegebäude und Bestrebungen nach der Entwicklung einer professionsspezifischen Theorie irritierten Sozialen Arbeit. Wie ich während meines Studiums miterleben (und praktizieren) durfte, werden nun Beratungskonzepte aus früheren Zeiten unter Verwendung neuer Prämissen untersucht und in Frage gestellt. Die dann angebotenen Alternativen erweisen sich im Hinblick auf die Methodik in der Regel als effektiv, praktikabel und äußerst erfrischend (man denke nur an das mittlerweile regelrecht standardisierte Kontingenzbewusstsein). Die Fragen, welche meiner Ansicht (und der einiger Kommilitonen) nach bislang nur unbefriedigend beantwortet wurden, beziehen sich eher auf deskriptive Defizite: "Was ist Beratung und, noch wichtiger, was ist keine Beratung? Worin ist die Wirksamkeit von Beratung zu sehen, wenn Direktinterventionen für unmöglich gehalten werden? Und die vielleicht wichtigste Frage: Inwieweit tragen Beraterinnen, die sich an systemtheoretischen bzw. konstruktivistischen Prämissen orientieren, Verantwortung für den Beratungsprozess und inwieweit für die Folgen? Und worin genau können sie selbst diese Verantwortung sehen?"

Das nachfolgend grob skizzierte Konzept[1] beinhaltet Möglichkeiten zur Beantwortung dieser Fragen. Es berücksichtigt die Prämissen einer "systemischen" Sozialarbeit, indem es sie verwendet und versteht sich in dieser Hinsicht rein deskriptiv. Soziale Beratung wird dabei in Anlehnung an ein Konzept Dirk Baeckers, welches entsprechend zurechtgeschneidert wurde, als eine "Praxis des Nichtwissens"[2] beschrieben.

Vorannahmen

Beratung setzt ein beratendes (Beratersystem) und ein zu beratendes System (Klientensystem) voraus. In der Folge wechselseitiger rekursiver Verstörungen stabilisieren beide eine Interaktion, welche ein kommunikatives System konstituiert. Die Asymmetrisierung dieser Kommunikation ist durch den so genannten Beratungsauftrag gegeben, welcher im Falle Sozialer Beratung vom Klientensystem mehr oder weniger ausdrücklich formuliert wird. In diesem Sinne setzt Beratung grundsätzlich zur spezifischen Beratung "passend" formulierte Probleme voraus.[3] Wie von der Akquisition als Startpunkt der Beratung aus weiter vorgegangen wird, hängt maßgeblich davon ab, ob der Berater davon ausgeht, das Problem der Klienten und dementsprechend auch seine Lösung bereits zu kennen oder ob er die Fähigkeiten dazu lediglich dem Klientensystem selbst zuspricht und sein eigenes Wissen lediglich auf Methoden der Irritation und Stimulation bezieht, sich also selbst als "systemischen Berater" bezeichnet. Im zweiten Fall, von dem auch hier ausgegangen werden soll, muss das professionelle beraterische Vorgehen Kontingenz hinsichtlich der Vorgehensweise und der Ergebnisse akzeptieren, die Nichttrivialität des zu beratenden Systems voraussetzen und einbeziehen und ist dementsprechend auf die klientensystemische Bereitschaft zur Mitarbeit an der Problemlösung angewiesen. Worin aber ist die Wirksamkeit von Sozialer Beratung zu sehen, wenn die Beraterinnen hinsichtlich der eigenen Beobachtungen von Kontingenz und hinsichtlich der Klienten von Unzugänglichkeit ausgehen müssen, sich Beratung, sofern sie systemisch ist, also selbst als "Praxis des Nichtwissens" definiert?

Die These ist, dass Soziale Beratung auf die gleiche Weise funktioniert, wie die Vollstreckung der väterlichen Erbschaft in Heinz von Foersters "Geschichte vom 18. Kamel":[4] Sie reagiert auf das "Stocken" eines Systems, indem sie auf eine Mogelei zurückgreift und dem System mit Mitteln auf die Beine hilft, über die sie gar nicht verfügt und die dem System nur deshalb auf die Beine helfen können. Dieses "Stocken", welches im Falle Sozialer Beratung im Klientensystem verankert werden muss, bezieht sich keinesfalls auf die Operativität, sondern lediglich auf die Beobachtungen des zu beratenden Systems. Diese können sich zwar auf den fortgesetzten Anschluss von Operationen an Operationen beziehen bzw. selbigen in Frage stellen. Allerdings werden solche Beobachtungen im Rahmen eben dieser Operativität gemacht und es sind eben diese Prozesse, welche vor und zu Beginn der Beratung bereits im Gange sind und an die demzufolge sinnhaft angeschlossen werden muss. Im Zuge der Unterscheidung von Operation und Beobachtung wird das als problematisch angesehene "Stocken" also auf den klientensystemischen Beobachtungsmodus bezogen. Hierfür sind auf abstrakter Ebene zwei Ursachen denkbar: Zum einen können Systeme mit (selbstgenerierten) Paradoxien konfrontiert werden, ohne adäquat, d. h. mit angemessenen Beobachtungen, auf sie reagieren zu können. Ein Achtungszeichen, ein Signal "flackert auf" und legt Handlungen nahe[5], zu welchen sich das System (zumindest aktuell) nicht imstande sieht. Zum anderen können Probleme im Rahmen der Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz Systeme "stocken" lassen, welche z. B. durch die Erkenntnis von Unbestimmtheiten, welche nicht der Fremdreferenz zugerechnet werden können, ausgelöst werden.

Systeme gehen mit derartigen Problemen um, indem Beobachter (nach Heinz von Foersters Geschichte: "Kamele") konstruiert bzw. in Anspruch genommen werden. Ein Beobachter kann gegebenenfalls Paradoxien auflösen, indem er aus einer anderen Perspektive beobachtet und den Widerspruch als bezeichnete Seite einer Unterscheidung "entlarvt". Und ein Beobachter kann die Grenze von Selbst- und Fremdreferenz aufzeigen, indem er vom System auf diese Grenze "gesetzt" wird und "zu erkennen gibt, dass dort nichts ist, was sich wehren könnte, wenn man es (beziehungsweise: wenn es sich) ändert."[6] Als Mogelei muss dies bezeichnet werden, weil Systeme hierbei auf Ressourcen zurückgreifen, die im Beobachtungsmodus der Systeme nicht vorgesehen sind und die auf Systemgrenzen verweisen, von denen sie doch nichts wissen können. Der Beobachter erfasst Differenzen, die er nicht erfassen kann und stellt sie dem System zur Verfügung. Und dieses System internalisierte ihn dafür auf eine Weise, auf welche er nicht internalisiert werden kann. Und doch und gerade deshalb macht er die Systemgrenzen sicht-, überschreit- und damit auch veränderbar.

Praktizierte Beratung

Im Sinne dieser Überlegungen kann das Klientensystem als im Bezug auf seinen Beobachtungsmodus blockiertes System aufgefasst werden, dessen vorhandene Strukturen die Ressourcen zur Problemlösung bereits enthalten[7] und im Hinblick auf die zu bearbeitende Problematik aktiv und angemessen realisiert werden müssen. Berater, die davon ausgehen, dass sowohl sie selbst als auch Klientensysteme lediglich ihre eigenen Unterscheidungen und Markierungen vornehmen und bearbeiten können, werden die Folgen der Beratung bestenfalls als erwartbar betrachten können. Insofern kann Soziale Beratung ihre Wirksamkeit lediglich aus ihrer Inanspruchnahme eben als Beratung beziehen. Sie macht einen Unterschied zur Nicht-Beratung und kann ihre Relevanz, ihr Verstörungspotential und auch ihre Erfolge nur im Anschluss an diese Ausgangsüberlegung erklären. Das Klientensystem ist an der Gestaltung eines Zustandes beteiligt, welcher sich vom Alltag (in dem keine Beratung stattfindet) unterscheidet. Damit ist in der Regel noch nichts "Greifbares" gewonnen[8], aber die Voraussetzungen für Irritationen wurden geschaffen: Legt man in dieser Situation die Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen an, so lässt sich feststellen, dass sich das "stockende" Klientensystem im Modus des Nichtwissens befindet und mit diesem Nichtwissen nicht adäquat umgehen kann. Nimmt es nun eine Beratung in Anspruch, schreibt es der Beraterin die Fähigkeit zu, dort helfen zu können, wo Hilfe benötigt wird. Somit wird vom Klientensystem eine Differenz zwischen einer Position des Nichtwissens und der des Wissens gezogen. Es weiß von seinem eigenen Nichtwissen bezüglich eines Wissens, über welches die Beraterin verfügt. Dieses Wissen ersetzt die Notwendigkeit, um das eigene Nichtwissen (mit welchem nicht adäquat umgegangen werden kann) wissen zu müssen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Durch den Rückzug auf ein Nichtwissen, welches sozial gerechtfertigt und auch vom Klientensystem leichter zu akzeptieren ist, wird ein kommunikativer Rahmen möglich, in welchem eigenes Nichtwissen erprobt und der Umgang mit ihm erlernt werden kann. Das beratene System wird für den Zeitraum der Beratung teilweise von der Verantwortung für gewisse Verhaltensweisen entlastet und kann diese durch die Einführung einer externen Beobachtungsebene (die Beraterin) reflektieren. So wird Kommunikation über das eigene Denken bzw. über Kommunikation möglich und der Umgang mit dem eigenen Nichtwissen kann erlernt werden, ohne wissen zu müssen, dass dies gerade gelernt wird (hierdurch wäre u. a. die Wirksamkeit so genannter Verschreibungen zu begründen). Das Fachwissen der Berater besteht dabei nicht in einem Wissen, auf welches das Klientensystem schließen kann oder sollte, sondern bezieht sich auf Methoden der Irritation, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Beratung und das "Vermitteln von Sicherheit".

Sicherheit zu vermitteln bedeutet hier, einen "geschützten Rahmen", welcher für die Lernprozesse des Klientensystems erforderlich ist und durch den Expertenstatus des Beraters gegeben wird, so lange wie nötig aufrechtzuerhalten. Dieser Rahmen erhält damit die Funktion, erwartete Handlungen zu verzögern bzw. deren Verzögerung zu legitimieren.[9] Er behebt das "Stocken" nicht automatisch, aber er gibt dieser "Phase des Nichtwissens"[10] die notwendige Sicherheit, um von Problemen ausgehend Neuanfänge zu ermöglichen. Wenngleich die Beobachtungen zunächst auf scheinbar unlösbare Probleme auflaufen, so gibt Soziale Beratung derartigen Situationen die Chancen einer unbestimmten und damit auch viel versprechenden Ausgangsposition.

Die Irritationsversuche der Berater zielen darauf, Prozesse des Ausprobierens neuer Handlungs- und Beobachtungsmöglichkeiten zu stimulieren. Sie heben dabei auf Beobachtungen 2. Ordnung ab, welche neue Perspektiven der Beobachtung selbstgenerierter Paradoxien und der Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz ermöglichen sollen. Die Grenze zwischen Berater und Klientensystem und ihre Betonung sind hierbei unverzichtbare Bestandteile des Hilfeprozesses. Denn nur so kann die erforderliche Differenz von Nichtwissen und Wissen geschaffen und aufrechterhalten werden. Die Akzeptanz der wechselseitigen Unzugänglichkeit ist in diesem Sinne kein Problem, welches es zu lösen oder zu umgehen gilt, sondern ein wichtiges Erfordernis. Ein der Beraterin zugedachter, vom Klientensystem respektierter und während der Beratung aufrechterhaltener Expertenstatus erweist sich in diesem Sinne als kaum hoch genug zu bewertender Vorzug. Denn nur, wenn Hilfeempfänger nicht wissen, worauf die aktuelle Intervention abzielt, kann das volle Potential der verschiedenen Beobachtungsperspektiven und Bewertungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden. Nur wenn das Klientensystem vom "Expertenhaften" am Wissen der Beraterin überzeugt ist, wird es sich in vollem Umfang auf das Spiel mit dem eigenen Nichtwissen einlassen. Die Beraterin nimmt dabei zugleich die Position einer Neugierigen, einer (berechtigterweise, denn sie ist Expertin!) Fragenden und im Hinblick auf verschiedene Aspekte (ebenfalls berechtigterweise, denn die wechselseitige Unzugänglichkeit wird ja respektiert) Nichtwissenden ein. Um ihre Position der Wissenden zu realisieren, muss sie Fragen stellen und verfügt somit über Möglichkeiten, Strukturen und Beobachtungen zu hinterfragen, welche vom Klientensystem (noch) nicht hinterfragt wurden. Währenddessen "setzt" ("mogelt") das Klientensystem den Berater in einem aktiven Prozess auf die eigene Systemgrenze und lässt ihn die dafür notwendigen Beobachtungen vornehmen. Hierbei geht es an die Substanz, hier werden mitunter elementare systemkonstituierende Unterscheidungen in Frage gestellt und so auch die Beobachtungen sichtbar, welche zu diesen Unterscheidungen geführt haben. Und möglicherweise werden hierbei auch jene Unterscheidungen erreicht, welche problemkonstituierend wirkten und daher die Beratung auf den Plan riefen. Die externe Position, welche systemische Berater hierbei gemäß der theoretischen Prämissen, von denen sie ausgehen, einnehmen müssen, garantiert, dass das Klientensystem hierbei zu agieren lernt, ohne das Agieren oder das Lernen selbst reflektieren zu müssen. So wird also der Umgang mit dem eigenen Nichtwissen erlernt, ohne dieses Nichtwissen als solches beobachten zu müssen.

Demzufolge kann Soziale Beratung, sofern sie systemisch betrieben wird, nur "Hilfe zur Selbsthilfe" geben. Der Berater kann nicht helfend in die Beobachtungen des Klientensystems eingreifen, aber er kann durch den professionellen Umgang mit der eigenen Präsenz in einer Weise irritieren, welche Unterscheidungen von Selbst- und Fremdreferenz sichtbar macht und den Umgang mit selbsterzeugten Paradoxien erleichtern kann. Für die Konstruktion des hierfür notwendigen "geschützten Rahmens" und die Erhöhung der Erwartbarkeit der Ergebnisse ist eine sehr stabile und zugleich äußerst störanfällige Kopplung zwischen Beraterin und Klientensystem notwendig, denn nur so wird jene Einheit der Differenz aus Distanz und Nähe möglich, welche Berater in die Rolle des Neugierigen, des Fragenstellenden versetzt und zugleich auf die wichtige und unüberbrückbare Differenz von Wissen und Nichtwissen verweist. Nur so kann ein "Verstehen"[11] kommuniziert werden, welches seine eigene Unmöglichkeit mitkommuniziert. Es respektiert die Selbstreferenz der Hilfeempfänger und regt zu deren aktiver Reflexion bezüglich der eigenen Beobachtungen an. (Auch in diesem Sinne ist ein hoher Anspruch an die beraterische Kompetenz zu stellen.) Weiterhin ist zu erwähnen, dass derartig angelegte Beratung grundsätzlich problemzentrierte Beratung ist, denn die Form ihrer Intervention (als Intervention "an sich" zu irritieren und darauf aufzubauen) bezieht sich ausschließlich auf das klientensystemische "Stocken". Soziale Beratung setzt dieses voraus, bearbeitet es und ist versucht, es aufzuheben.

Soziale Beratung, sofern sie systemisch ist, bietet also einen Rahmen, in dem Nichtwissen erprobt und der Umgang mit ihm erlernt werden kann. Dies setzt eine entsprechende Beziehung von Beratern und Hilfeempfängern voraus, denn die so genannten Interventionen müssen im Klientensystem anschlussfähig sein und im oben beschriebenen Sinne verstanden werden. Der Berater fungiert hierbei als Beobachter, welcher vom Klientensystem (aktiv!) internalisiert wird, um so den Weg für Grenzbeobachtungen und entsprechende Variation zu ebnen. Ermöglicht wird diese Phase durch eine sozial gerechtfertigte Verzögerung erwarteten Verhaltens, während der die Beratung eben das leisten soll, weswegen sie in Anspruch genommen wurde und was sie, wenn sie sich als systemische Beratung versteht, gar nicht leisten kann und gerade deshalb leistet. (Denn die Differenz zwischen Berater und Klientensystem erklärt wechselseitige Zugänglichkeit für unmöglich und gestattet es dem Berater gerade deswegen, die Position eines Neugierigen, Fremden und gleichzeitig "Wissenden" einzunehmen. Berater sind nur deshalb mit hohem Irritationspotential ausgestattet, weil die Beratung Intervention für unmöglich erklärt und vom Klientensystem ein aktives "Einmogeln" des Beraters verlangt.)

Worauf läuft eine so angelegte Beratung hinaus? Das Klientensystem soll aufgrund der vorgenommenen Reflexionen vom zwar unbestimmten, aber auch viel versprechenden Startpunkt des "Stockens", des Nichtwissens ausgehend zu einem neuen, Funktionalität versprechenden Beobachtungsmodus finden. Ist dies geschehen, kann der Beratungskontext aufgelöst werden. Genau genommen muss dies sogar geschehen, denn die Phase des Ausprobierens im "geschützten Rahmen" wurde ja durch die Erzeugung der Differenz von Wissen und Nichtwissen ermöglicht. Insofern bedingt ein erfolgreicher Abschluss der Beratung die Selbständigkeit des Klientensystem, den eigenständigen Umgang mit dem selbstgenerierten Nichtwissen. Der Berater war ein Symbol des "Stockens", und seine "Rückgabe" (ähnlich dem Kamel in Heinz von Foersters Geschichte) symbolisiert das "Nicht(-mehr)-Stocken". Das bedeutet nicht, dass (ehemalige) Klientensysteme nun auf die Internalisierung von hilfreichen Beobachtern verzichten. Im Gegenteil, im Idealfall wurde gelernt, bei Bedarf verschiedene (vor allem auch: nicht-professionelle) Beobachter zu nutzen, um "stockende" Beobachtungen anzukurbeln. Dann kann auf die Zeit verschaffende Wirkung professioneller Beratung verzichtet werden bzw. eine erneute Beratung kann auf bereits gemachten Erfahrungen aufbauen.

Letztlich kann eine Beratung als abgeschlossen betrachtet werden, wenn das Verhalten möglich und beobachtbar wird, dessen Unmöglichkeit die Beratung auf den Plan rief[12] bzw. einleuchtende Gründe für einen neuerlichen Aufschub gefunden wurden. Als erfolgreich abgeschlossen kann sie nur gelten, wenn die Beraterin entbehrlich geworden ist und das (ehemalige) Klientensystem selbständig die Beobachtungen an Beobachtungen anschließen lässt, deren Ausbleiben als problematisch beobachtet wurde. Die Bewertung dieser Beobachtungen durch den (ehemaligen) Berater spielt hierbei (zunächst) keine Rolle. (Das ändert sich, sobald ein erneutes "Stocken" auftritt.) Dies würde auch den Prämissen systemischer Beratung widersprechen.

Die beraterische Mogelei

Im Bezug auf die Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen liegt die Mogelei der Sozialen Beratung in der Vorgabe eines Wissens, welches dem Klientensystem zwar die beschriebene Lernphase ermöglicht, allerdings nach den Prämissen, von denen systemische Beratung ausgeht, gar nicht vorhanden sein kann.[13] Um den Umgang mit dem eigenen Nichtwissen zu erlernen, greift das Klientensystem auf einen Beobachter zurück, der weiß, wo es selbst nicht weiß (was das Klientensystem wiederum wissen muss). Die Mogelei besteht also darin, dass Beraterinnen sich auf dieses Wissen berufen und die gesamte beraterische Strategie darauf aufbauen. Das Klientensystem wird zum spielerischen Umgang mit dem eigenen Nichtwissen ermutigt und vertraut dabei auf das Sicherheit spendende Wissen des Beraters, welcher selbst nicht wissen kann, wie dieses Spiel am effektivsten gespielt werden kann. Wie bereits erwähnt, bedeutet dies keine generelle Unwissenheit der Berater. Ihr professionelles Nichtwissen bezieht sich lediglich auf Operations- und Beobachtungsmodi des Klientensystems. Und ihr professionelles Wissen bezieht sich auf den (im aristotelischen Sinne) praktischen Umgang mit diesem Nichtwissen.

Schlussbemerkungen

Soziale Beratung verdankt ihre Interventionsmöglichkeiten der Spezifik der Situation, in welcher sie angefordert wird bzw. welche sie durch ihre Anforderung generiert. Berater werden nur aktiv, wenn Probleme auftreten und verweisen schon durch ihre Akquisition auf ein "Stocken". Mit der Erteilung des Beratungsauftrages wird auch die Differenz von Beraterin und Hilfeempfänger, also von Wissen und Nichtwissen akzeptiert und in Anspruch genommen. Dies soll die Beobachtung einer zweiten Differenz, nämlich der von klientensystemischer Selbst- und seiner Fremdreferenz ermöglichen.

Im Zuge einer erfolgreich verlaufenden Beratung wird die Beraterin zunächst in das Klientensystem eingemogelt und dabei gleichzeitig von ihm ausgeschlossen. Denn nur als externer Beobachter, welcher jedoch wegen eines Expertenwissens Zugang zu Problemen und deren Lösung findet, kann der Berater die klientensystemischen Grenzen aufzeigen und dieses so über sich selbst, seine Umwelt und die Beziehung zu ihr aufklären. In diesen Reflexionen liegt die Hilfe, die eine professionelle Soziale Beratung geben kann und in der Ermöglichung dieser Reflexionen findet sich die beschriebene Mogelei. Dies verweist auf die unabdingbare klientensystemische Aktivität während des gesamten Beratungsprozesses. Es muss nicht nur die Differenz von Wissen und Nichtwissen realisieren und die Beraterin "hereinwinken", sondern auch den Umgang mit dem eigenen Nichtwissen in einem Prozess aktiven Beobachtens und Ausprobierens erlernen. Denn soziale Berater sind keine Experten für die familiären Kommunikationsmuster, Lebensansichten oder Verhaltensweisen der Klientensysteme, sondern Experten für Beratung. Dies spricht allerdings keinesfalls von jeglicher beraterischer Verantwortung frei! Der Verzicht auf Ansprüche der Kontrolle und Direktintervention mahnt lediglich klientensystemische Aktivität an. In einer als Nichtwissen praktizierten Beratung tragen alle Beteiligten ihrer Rolle entsprechende Verantwortung und ihr aktives und dieser Verantwortung entsprechendes Partizipieren ist eine wichtige Voraussetzung erfolgreicher Beratung. Denn Soziale Beratung wird als die hier beschriebene Praxis zu einer wichtigen gesellschaftlichen Ressource, welche den akzeptablen Aufschub eines Verhaltens für alle Beteiligten anzeigt, legitimiert und damit Erfolg versprechend machen muss. Insofern muss sie Kompetenz ausstrahlen und das Erreichen der mit ihrer Inanspruchnahme anvisierten Ziele in Aussicht stellen. Auf der Beraterseite verweisen diese Überlegungen auf die Notwendigkeit einer zunehmenden Professionalisierung, eines "Expertentums" und gesicherter qualitativer Standards in der Ausbildung und in der beruflichen Praxis Sozialer Beratung. Dies würde die Herausbildung, Akzeptanz und Aufrechterhaltung der für Beratungen elementaren Differenz von Wissen und Nichtwissen beachtlich erleichtern. Es bedeutet allerdings auch eine gehörige Portion professioneller Verantwortung für die Berater. Diese Verantwortung (die Verantwortung des Experten als "Bewährter, Erfahrener") kann und darf weder an die Hilfeempfänger noch an die Gesellschaft "zurückgegeben" werden.


Anmerkungen

[1] Der ausführlichen Darstellung dieses Konzeptes habe ich das 3. Kapitel meiner Diplomarbeit gewidmet. (Ronny Lindner: unbestimmt bestimmt. Systemtheoretische (Selbst-)Reflexionen und praktiziertes Nichtwissen am Beispiel der Sozialen Beratung; Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik "Alice Salomon", Berlin 2003).

[2] vgl. Dirk Baecker: Wozu Systeme?; Kadmos, Berlin 2002a; S. 126ff.

[3] vgl. Peter Fuchs/Enrico Mahler: Form und Funktion von Beratung. In: Soziale Systeme 6, H. 2 (S. 349 - 368), 2000.

[4] vgl. Heinz von Foerster in: Fritz B. Simon (Hrsg.): Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie; Springer, Berlin 1988; S. 95f.;
vgl. auch Baecker 2002a; S. 126f.

[5] vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme; Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987; S. 509
Derartige Handlungen wären z. B. die Markierung der Paradoxie als solche, was den Widerspruch als solchen akzeptiert und zugleich eine Form asymmetrisiert, also Anschlussmöglichkeiten eröffnet.

[6] Baecker 2002a; S. 145.

[7] vgl. Heiko Kleve: Konstruktivismus und Soziale Arbeit; IBS, Aachen 1996; S. 108.

[8] Wenngleich es mitunter genügt, "das Kamel blicken zu lassen" (Baecker 2002a; S. 145).

[9] vgl. Fuchs/Mahler 2000.

[10] Baecker 2002a; S. 143.

[11] Dies wäre wohl ein Verstehen, wie es Dirk Baecker für Organisationsberater beschrieben hat. Vgl. Dirk Baecker: Was tut ein Berater in einem selbstorganisierenden System? 2002b; unter: http://www.uni-wh.de/de/stufu/staff/Mitarbeiter/baecker.htm?uni-wh (27.07.2002).

[12] ... im Hinblick auf beide Lesarten des Genitivs.

[13] vgl. auch Baecker 2002a; S. 143f.
Es lassen sich ohne weiteres noch mehr Mogeleien ausmachen, z. B. im Hinblick auf das Wissen um die Kontingenz der eigenen Beratung und der Notwendigkeit, diese auszuschließen.


Autor

Rudolf Lindner

  • geb. 1977
  • Dipl.-Sozialarbeiter / Sozialpädagoge;
  • Studium der Sozialen Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin (Abschluss im Sommer 2003).

Mail: ronny.lindner@gmx.de


Veröffentlichungsdatum: 7. September 2003


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