Systemische Therapie in Deutschland

Rückblick und Bestandsaufnahme

von Kurt Ludewig (April 2003)

Bevor ich auf mein eigentliches Thema eingehe, ein Wort in eigener Sache, gewissermaßen meine Visitenkarte: Ich bin ein Systemischer Therapeut und werde aus diesem Blickwinkel berichten. Ich identifiziere mich insbesondere mit den aktuellen Diskursen systemischer Therapieansätze, wie sie seit Anfang der 80er Jahre geführt werden.

Familientherapie in Deutschland - ein Rückblick

Um einen Anfang zu finden, bietet sich an, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen. Auf diesem Wege knüpfe ich unmittelbar an die Gründerjahre der Familientherapie an und verwende einige markante Bücher der jeweiligen Epochen als Meilensteine. International gesehen, läßt sich der Beginn der familientherapeutischen Bewegung auf die 50er Jahre zurückverfolgen, und zwar im angelsächsischen Raum. Noch ältere Wurzeln findet man jedoch im Wien der 20er Jahre, in der Arbeit Alfred Adlers.

In unserer Zeitrechnung können wir feststellen, daß die Familientherapie in den USA nach Überwindung anfänglicher Hindernisse, rasch an Bedeutung gewann. Ihre schnell wachsende Popularität in der Bevölkerung dürfte, zumindest teilweise, als Reaktion auf den drohenden Zerfall traditioneller Familienstrukturen zurückzuführen sein. Denn dies gab im puritanischen Nordamerika der Nachkriegszeit Anlaß zur größten Sorge.

In Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum wurden erste Ansätze zu einer Familientherapie in den 60er Jahren erkennbar. Sie gingen aus der psychoanalytischen Denktradition hervor und waren um die Einbeziehung sozialer und mehrgenerationaler Aspekte bemüht. An deren Entstehung waren vor allem die Arbeitsgruppen um Horst Eberhard Richter in Gießen und um das Ehepaar Sperling in Göttingen beteiligt. Die Bücher dieser Zeit gehen auf Richter zurück und erschienen 1963 und 1970 mit den Titeln "Eltern, Kind, Neurose" und "Patient Familie".

Die 70er Jahre

Dennoch kann man erst in den 70er Jahren von einer nennenswerten Hinwendung der Praktiker zur Familientherapie sprechen. Ludwig Reiter zufolge ist es dem Engagement von Richter zu verdanken, daß die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Familienforschung und Familientherapie (AGF) ins Leben gerufen wurde. Es galt, den verstreuten Arbeitsgruppen Möglichkeiten zu verschaffen, miteinander zu kooperieren und so zur Weiterentwicklung und Verbreitung familientherapeutischen Denkens beitragen zu können. Ein konkretes Ergebnis dieser Zusammenarbeit stellt der 1976 erschienene, erste deutschsprachige Sammelband zur Familientherapie mit dem Titel "Familie und seelische Krankheit" dar. Er wurde offiziell von der AG für Familienforschung und Familientherapie herausgegeben, eigentlich aber von Richter, Strotzka und Willi in echter deutschsprachiger Kooperation der Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Mitte der Siebziger Jahre gesellte sich Helm Stierlin dazu. Nach Gründung seiner Arbeitsgruppe an der Heidelberger Universität trug er wesentlich dazu bei, eine deutsche Familientherapie zu etablieren, die internationalen Standards genügte (vgl. Stierlin 1975). Nebenher kam es in den 70er Jahren an verschiedenen Orten zur Gründung von Arbeitsgruppen mit Praxis- und Weiterbildungsinteressen. Einige davon übertrugen angelsächsische Konzepte auf deutsche Verhältnisse, z.B. das Institut für Familientherapie in Weinheim unter der Leitung von Maria Bosch, andere übertrugen ihre Therapieansätze, z.B. verhaltens- und gestalttherapeutische, auf die Arbeit mit Familien. Einen repräsentativen Querschnitt dieser Ansätze findet man in dem 1983 von Kristine Schneider herausgegebenen Sammelband "Familientherapie in der Sicht psychotherapeutischer Schulen".

Gewöhnlich wird die Gründung von Fachzeitschriften als Indikator dafür genommen, daß eine neue Denkbewegung angefangen hat, sich zu konsolidieren. Im deutschsprachigen Raum findet dies 1976 statt. In diesem Jahr wurde die erste deutschsprachige familientherapeutische Zeitschrift "Familiendynamik" als deutsch-schweizerische Koproduktion gegründet. Eine weitere Quelle wichtiger Impulse waren die von Josef Duss-von Werdt und Rosmarie Welter-Enderlin organisierten, legendären Zürcher Kongresse unter Beteiligung der internationalen Pioniere. Schießlich wurde auch in der 70er Jahren, nämlich im Jahr 1978, die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF) als Dachorganisation für Familientherapeuten in Giessen gegründet. Kurzum, die 70er Jahre kann man als die Gründerjahre der Familientherapie in Deutschland betrachten.

In theoretischer Sicht gipfelt diese Periode im Jahr 1981 in dem viel beachteten Aufsatz von Gottlieb Guntern: "Die kopernikanische Revolution in der Psychotherapie". Die Familientherapie hat ihren metatheoretischen Überbau gefunden; sie lehnt sich an die biologischen und mathematischen Systemtheorien der Zeit sowie an holistische Auffassungen der Kybernetik 1. Ordnung und des Strukturalismus an.

In praxisbezogener Sicht wird ein Höhepunkt erreicht durch die Veröffentlichung eines folgenreichen Werkes: "Paradoxon und Gegen-paradoxon". Eine Mailänder Gruppe um die ex-Psychoanalytikerin Mara Selvini Palazzoli hat Ideen der Familientherapeuten Haley, Watzlawick und Minuchin mit Grundlagen aus der Anthropologie Gregory Batesons ergänzt und dabei eine neuartige Praxis erarbeitet und begründet, die geradezu revolutionär anmutet. Der Mailänder Ansatz verspricht es, Psychosen in zehn Sitzungen zu beheben, wenn man die Methode nur richtig versteht und anwendet. Einige von uns hat diese Verheißung derart angeregt, daß wir fast auf der Stelle begannen, unsere Arbeit mit Blick auf Mailand neu auszurichten: die sog. "systemische Familientherapie" war entstanden. Nebenher weckt dieser Ansatz das Interesse an neueren Erkenntnis- und Systemtheorien. In dem Ausmaß, in dem sich dies verbreitet, nimmt die Orientierung an älteren Modellen wie psychoanalytischen, "wachstumsorientierten" und strukturalistischen Ansätzen ab. Ein entscheidender Schritt in Richtung auf die neuartige systemische Therapie war vollzogen.

Die 80er Jahre: Die "goldenen Jahre"

Die erste Hälfte der 80er Jahre war gekennzeichnet durch eine rapide Verbreitung der Familientherapie, einschließlich der neueren mailändischen systemischen Familientherapie, zugleich aber auch durch eine zunehmende Neuorientierung der Theorie. Weitere Weiterbildungsinstitute wurden gegründet, darunter 1983 das Berliner Institut für Familientherapie und 1984 die Institute in Heidelberg und Hamburg. 1983 kam eine zweite Fachzeitschrift hinzu, die von Jürgen Hargens herausgegebene "Zeitschrift für systemische Therapie". Auch die "Familiendynamik" trug dem nun systemisch wehenden Zeitgeist Rechnung. Ab 1983 hieß sie im Untertitel nicht mehr "Interdisziplinäre Zeitschrift für Praxis und Forschung", sondern "Interdisziplinäre Zeitschrift für systemorientierte Praxis und Forschung". Unter den Praktikern fand ein zunehmender Ansturm auf Kongresse und Workshops statt, und sei es nur, um die zumeist nordamerikanischen Meister einmal persönlich erlebt zu haben.

Der Übergang zur systemischen Therapie

Die Initialzündung zum Übergang von der Familientherapie zu einer eigentlichen systemischen Therapie gab meines Erachtens Paul Dell. Mit seinem Vortrag beim Zürcher Kongreß 1981 demontierte er Satz für Satz die Grundprämissen, auf denen die Familientherapie bis dahin gebaut hatte. Dabei berief er sich auf einen Neurobiologen, von dem bisher noch keiner gehört hatte: Humberto Maturana. Paul Dell löste mit seinem Vortrag eine Diskussion aus, die der Familientherapie endgültig ihre konzeptionelle Unschuld nahm und in der Folge zur Entstehung eines neuen Ansatzes führen sollte, des nun eigentlichen "systemischen Ansatzes". Man lehnte sich in der Theorie an das Autopoiese-Konzepts Maturanas, an die Kybernetik 2. Ordnung von Foersters und an den Radikalen Konstruktivismus von Glasersfelds an, in der Praxis lernte man vor allem von Harry Goolishian und Steve de Shazer.

Die erste Hälfte der 80er Jahre, die Jahre 1981-1986, sollten für mich zu den aufregendsten meines beruflichen Lebens werden. Man wanderte von Tagung zu Tagung, von Workshop zu Workshop und konnte immer sicher sein, etwas Neues zu entdecken, etwas wirklich Neues zu lernen. Die "Verstörungen" hörten nicht auf. Man rang mit dem anspruchsvollen Projekt, eine eigenständige systemische Theorie für die klinische Praxis zu entwerfen. Gefragt waren zu dieser Zeit theoretische und metatheoretische Konzepte; die Fragen der Methodik und der empirischen Forschung gerieten hingegen vorerst ins Hintertreffen. Man wartete sehnsüchtig auf die neuen Hefte von Family Process, Familiendynamik und der Zeitschrift für systemische Therapie und war bereit, sich mit ungewohnt komplexen Texten auseinanderzusetzen; man behalf sich mit philosophischen und anderen Wörterbüchern. Einen Höhepunkt dieser Phase markiert das 1988 erschienene Buch von Fritz Simon: "Unterschiede, die Unterschiede machen".

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre verlangsamte sich zunächst die sprunghafte Entwicklung der Jahre zuvor. Erste klare Konzepte lagen vor. Die Probleme, die bei der Umsetzung erkenntnis- und systemwissenschaftlicher Ideen in die klinische Theorie aufgetreten waren, schienen vorerst gelöst. Man machte sich an die Details heran, und die vernachlässigte empirische Forschung gewann wieder an Terrain.

Gelöst erschien u.a. das Problem, wie Therapie dennoch effektiv sein könnte, obwohl man auf lineare Kausalität verzichtet und nun mit als Operation geschlossen verstandenen Menschen arbeitet. Die Lösung hieß, Psychotherapie nicht mehr als kausale, problembezogene Intervention zu verstehen, sondern als Durchführung eines für die Veränderung autonomer Individuen günstigen Dialogs. Dazu kamen die kooperative Lösungsorientiertheit und die unspezifischen Interventionen nach Steve de Shazer, das Transparenz gewährleistende Reflektierende Team des Norwegers Tom Andersen und das Externalisierungs-Konzept des Australiers Michael White. Alles in allem war eine neuartige Psychotherapie, eine systemische Therapie der 2. Ordnung entstanden, die es erlaubte, mit einzelnen Klienten und mit variabel zusammengesetzten sozialen Systemen gleichsam effektiv zu arbeiten. Diesen Wandel erfaßt besonders der 1988 von Ludwig Reiter, Stella Reiter-Theil und Ewald Brunner herausgegebene Band "Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive".

In konzeptioneller Sicht konnte jene zentrale Frage der Psychotherapie überzeugend gelöst werden, die lautet, wie die Lebensprobleme, die zum Aufsuchen eines Therapeuten führen, aufzufassen seien. An die Stelle von strukturalistischen Konzepten wie "dysfunktionales Muster" oder "pathologische Kommunikation" trat 1984-86 das kommunikationsbezogene Konzept des problemdeterminierten Systems nach Harry Goolishian, etwas später meine eigene Version des Problemsystems. Mit Hilfe dieser Konzepte war man endlich in der Lage, auf Anleihen bei der Medizin, wie sie in der gängigen Psychopathologie zu finden sind, zu verzichten. Man konnte den Gegenstand psychotherapeutischer Theorie phänomengerecht als Prozesse der Kommunikation auffassen. Die Psychotherapie war erstmalig in der Lage, sich von den etablierten Grundlagenwissenschaften zu emanzipieren und eine eigenständige Bestimmung ihres Gegenstands und ihrer Methode zu erbringen. Die Zeit der fast devoten Anlehnung an die somatische Medizin und an die Naturwissenschaften neigte sich ihrem Ende zu; die Zeit der Anbindung von Psychotherapie an die Wissenschaften von Sinn und Kommunikation, also vom sozialen Phänomen, schien aufzubrechen.

In der Theoriebildung gewann die Auseinandersetzung mit Phänomenen wie Sinn, Sprache, Dialog, Bedeutung und somit auch mit Prozessen der "sozialen Konstruktion von Wirklichkeit" zunehmend an Gewicht. In Deutschland wandte man sich Sozialwissenschaftlern zu, ganz besonders dem leider vor wenigen Tagen verstorbenen Niklas Luhmann. Sein 1984 erschienenes zentrales Werk "Soziale Systeme" bot ein neuartiges Verständnis der Systemtheorie und bezog es auf soziale Phänomene. Damit lagen die theoretischen Bausteine bereit, die es erlaubten, organische, psychische und soziale Systeme deutlich zu unterscheiden und doch sinnvoll miteinander zu verbinden. Zentrale Elemente dieser Theorie waren das Verständnis des sozialen Systems als temporales Geschehen, d.h. ohne räumlichen Bestand. Nebenher wurde auch ein neuartiger Kommunikationsbegriff eingeführt, der erstmalig zwischen Mitteilung und Kommunikation unterschied und den Vollzug von Kommunikation auf den Adressaten bezog. Sinn wurde an die Basis psychischer und sozialer Prozesse gestellt, so daß soziale Phänomene ohne Rückgriff auf physikalische und biologische Mechanismen erklärbar wurden. Eine Darstellung der Entwicklungen und Ergebnisse dieser Phase findet sich in meinem 1992 erschienenen Buch "Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis".

Die 90er Jahre

Knapp zeitlich versetzt zu den zuletzt genannten konzeptionellen Entwicklungen kam es in der empirischen Forschung zu einer Einbeziehung neuerer mathematischer Modelle etwa aus der Chaostheorie, der Synergetik und der Theorie nicht-linearer dynamischer Systeme. Mit Hilfe dieser Modelle läßt sich regelrecht prozeßbezogen forschen, und man kann auf Abstand von nomothetischen und objektivistischen Prämissen gehen. Einen lebendigen Markt für diesen Ideenaustausch eröffneten die von Günter Schiepek, Wolfgang Tschacher und Ewald Brunner in Zusammenarbeit mit Hermann Haken, dem Begründer der Synergetik, durchgeführten Herbstakademien zur Selbstorganisation in Psychologie und Psychiatrie (vgl. Tschacher et al. 1992).

Um die Wende von den 80er zu den 90er Jahren läßt sich von der allmählichen Entstehung einer genuinen Theorie und Forschung der systemischen Therapie sprechen, gewissermaßen von einer Allgemeinen Psychotherapie systemischer Prägung. Einen geeigneten Ausgangspunkt hierfür bietet das 1991 erschienene Buch von Günter Schiepek "Systemtheorie der Klinischen Psychologie".

In dieser Zeit erscheinen weitere Zeitschriften, die diesen Trend verstärken - System Familie, Systeme, Systhema und der "neue" Kontext -. Das wissenschaftliche Programm der systemischen Therapie reiht sich in den theoretischen Diskurs der sog. Postmoderne ein. Der Optimismus der Moderne, "die" Wahrheit durch umfassende Entwürfe mit universellem Anspruch abbilden zu können, weicht einer Vielfalt koexistierender Konzepte und Praxen. Diesem Trend trug die im Jahr 1991 in Heidelberg veranstaltete Tagung "Das Ende der großen Entwürfe und das Blühen systemischer Praxis" Rechnung; mit ca. 2000 TeilnehmerInnen erwies sie sich als die bisher erfolgreichste ihrer Art im deutschsprachigen Raum (vgl. Fischer et al. 1992).

Bedauerlich blieb es jedoch, daß während in den 90er Jahren die Praxis florierte und der Zustrom von Praktikern auf systemische Fort- und Weiterbildungen enorm wuchs, die ohnehin geringe Präsenz systemischer Denker und Forscher an den meisten deutschen Universitäten jedoch noch prekärer wurde.

Systemische Therapie heute

Um in aller gebotenen Kürze den aktuellen Stand der systemischen Therapie in Deutschland zu skizzieren, gehe ich kurz auf den metatheoretischen Rahmen, den Forschungsstand, auf erste Binnendifferenzierungen, die Ausbildung und die berufsständischen Organisationen ein.

Metatheoretischer Rahmen

Trotz der vielen Wandlungen systemischer Ansätze in den letzten Dekaden dürfte zur Zeit Einigung darüber herrschen, daß die heutige Systemische Therapie als praktische Umsetzung eines spezifischen Denkens über Menschen, des sog. Systemischen Denkens, zu verstehen ist. Was heißt aber hier systemisch Denken? Die im folgenden vertretene Position ist zwar meine persönliche, sie stimmt aber im wesentlichen mit jener überein, die sich die Systemische Gesellschaft als konzeptionelle Plattform gegeben hat.

Systemisches Denken verstehe ich als eine allgemeine Denkmethode, die Grundfragen menschlicher und natürlicher Existenz zum Gegenstand macht. Im Hinblick auf das Problem des Erkennens stellt diese Denkweise den Beobachter bzw. das Beobachten an den Anfang jeder Weltbeschreibung. Alle Aussagen über die Welt verweisen auf denjenigen, der sie geäußert hat, zurück. Mit den Worten Maturanas: "Alles Gesagte wird von einem Beobachter zu einem anderen gesagt". Das Konzept einer Welt-an-sich sowie das damit verbundene Gebot der Objektivität werden hinfällig. An deren Stelle tritt die Verantwortung des Beobachters und die Brauchbarkeit von Kommunikationen.

Systemisches Denken betrachtet den Menschen als soziales Wesen, so auch menschliche Kognition als sprachlich gebundenes Phänomen. Beobachten bringt Beschreibungen, also Sprache hervor. Dabei setzt ein sprachliches Wesen sinnvollerweise die Existenz eines anderen Gleichen voraus, mit dem er konsensuell koexistiert. Und diese Grunddyade bringt infolge ihrer Erweiterung eine Gemeinschaft, eine Kultur hervor, in der die überdauernden Bedingungen für erfolgreiches Konsensualisieren - Sprache, Normen, Sitten usw. - gepflegt und tradiert werden.

Um Mensch sein zu können, bedürfen wir anderer Menschen. Mit den Worten Heinz von Foersters: "cogitamus ergo sumus", oder auf das Individuum umgewendet: "cogitamus ergo sum". So gesehen, kann ich nur ICH sein, mich als Einheit unterscheiden, wenn ICH mich von einem anderen ICH, einem DU, dem ich Gleichartigkeit zuschreibe, unterscheide. ICH und DU konstituieren sich gegenseitig in der sozialen Begegnung und sind somit existentiell aufeinander angewiesen. ICH und DU sind ohne einander nicht denkbar, sie sind nur im WIR existenzfähig. WIR stellt als Einheit der Differenz von ICH und DU die Bedingung der Möglichkeit für menschliche Existenz dar. Und da WIR die Urform eines sozialen Systems ist, läßt sich ableiten, daß Menschen erst mindestens zu zweit vorkommen, als Mitglieder eines sozialen Systems.

"Systemisch" meint somit eine Denkhaltung, die den Anfang des Menschlichen im Sozialen sieht, in der menschlichen Interaktion bzw. im menschlichen Miteinander. Dabei ignoriert diese Sichtweise nicht, daß soziale Phänomene die Existenz physikalischer, biologischer und psychischer Phänomene voraussetzen, sie ordnet aber diese Phänomene jeweils eigenen Phänomenebereichen zu und vermeidet so Reduktionismen.

Im Hinblick auf Therapie muß eine systemisch konzipierte klinische Theorie sowohl Antworten auf Fragen nach dem Individuum geben (Selbst, Motivation, Emotion, Kognition, Bewußtsein usw.) als auch auf Fragen nach dem sozialen System (Sprache, Interaktion, Kommunikation usw.). Um diese beiden Systemtypen, psychische und soziale Systeme, aufeinander zu beziehen, bietet sich das Luhmann‘sche Verständnis von Sinn an. Sinnfindung bzw. Sinnerzeugung stellen nämlich die Operation dar, die einerseits dem psychischen System subjektive Kontinuität und innerpsychischen Anschluß ermöglicht und andererseits dem sozialen System Abgrenzung und kommunikarive Anschlußfähigkeit gewährleistet. Insofern eignet sich dieses Konzept, um die Arbeitsweise psychischer und sozialer Systeme sowohl getrennt als in ihrer strukturellen Koppelung zueinander zu modellieren.

Zum Forschungsstand

Eine Würdigung des wissenschaftlichen Status der systemischen Therapie in Deutschland kommt nicht umhin, das 1994 erschienene Monumentalwerk von Klaus Grawe zu beachten. Dies erscheint vor allem wichtig im Zusammenhang mit der gesetzlichen Regelung der Psychotherapie in Deutschland. Klaus Grawe, im deutschsprachigen Raum ein Verhaltenstherapeut der ersten Stunde, trennt auf der Basis seiner Metaanalysen Spreu von Weizen und spricht einzelnen Ansätzen der Therapieszene Wissenschaftlichkeit und Ernsthaftigkeit zu, während er anderen, eigentlich den meisten, jede Existenzberechtigung abspricht und sie in die Domäne der Gurus und Glaubensgemeinschaften verbannt. Grawes Mahnung ist unüberhörbar: Die Psychotherapie solle endlich von der Konfession zur Profession, und von der Enge einzelner psychotherapeutischer Glaubensgemeinschaften bzw. Schulen zu der Offenheit einer empirisch begründeten Allgemeinen Psychotherapie übergehen.

Bezüglich der systemischen Therapie beschränkt sich Grawes Analyse allerdings auf ältere Untersuchungen von interpersonell ausgerichteten Ansätzen aus dem Bereich der Paar- und Familientherapien. Dennoch bescheinigt Grawe diesen Ansätzen großzügig den Status von "Schwellenverfahren", deren Wirksamkeit jedoch noch präziser zu belegen sei. Diese veralterte Einschätzung bedarf jedoch einer gründlichen Revision. Hierzu hat die Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie, eine gemeinsame berufspolitische Einrichtung der drei Verbände der deutschen Familien- und systemischen Therapeutinnen und Therapeuten, Günter Schiepek beauftragt, Materialien zur Wissenschaftlichkeit und empirischen Wirksamkeit der Systemischen Therapie zusammenzutragen.

Eine dabei mit enormem Aufwand erarbeitete Stellungnahme liegt bereits vor und wird noch in diesem Jahr beim neu konstituierten Wissenschaftlichen Beirat zur Prüfung der Wissenschaftlichkeit eingereicht. In einem nächsten Schritt wird diese Stellungnahme erneut dem Ausschuß der Ärzte und Krankenkassen vorgelegt, der dann über die kassenärztliche Anerkennung dieses Ansatzes zu befinden haben wird. Ohne hier auf Details einzugehen, möchte ich festhalten, daß dieses Werk unter Einbeziehung einer großen Zahl empirisch kontrollierter Studien die Wissenschaftlichkeit und Wirksamkeit der Systemischen Therapie nach gängigen Kriterien eindeutig nachweist. Die Veröffentlichung dieser Studie ist für das nächste Jahr im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht geplant.

Eine systemische Therapieforschung muß notwendigerweise auf dem Grat balancieren zwischen einem nomothetisch und objektivistisch ausgerichteten Ansatz, der den politisch wichtigen Anschluß an den mainstream gewährleistet, und den Besonderheiten systemischen Denkens. Dabei besteht die Gefahr eines opportunistisch motivierten Umkippens auf die Seite des mainstreams. Die Folge könnte bedeuten, daß die Systemische Therapie auf das Maß eines bloß wirksamen Standard-Verfahrens gestützt würde. Ob einem solch opportunistischen Rückfall auf Dauer vorgebeugt werden kann, ist heute noch nicht schlüssig zu beantworten. Dies wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es gelingt, eine genuine systemische Therapieforschung mit eigener Methodologie und Zielsetzung zu etablieren. Die zur Zeit verfügbaren Strategien sind dafür noch zu jung und wenig erprobt, andere noch nicht in Sicht. Vielleicht bieten neuere prozeßanalytische Verfahren aus der Theorie nicht-linearer, dynamischer und komplexer Systeme, wie sie im Umkreis von Günter Schiepek verwendet werden, einen geeigneten Zugang. Diese neuen Methoden scheinen in der Lage zu sein, kognitive und kommunikative Prozesse so zu modellieren, daß die Komplexität der in der Therapie ablaufenden Prozesse erfaßbar wird. Leider ist der wissenschaftstechnische Aufwand, der für eine solche Forschung notwendig ist, bis auf weiteres nur wenigen Experten vorbehalten (vgl. z.B. Schiepek u. Strunk 1994).

Binnendifferenzierung

Die konzeptionelle Entwicklung der systemischen Therapie der Gründerjahre wurde von einzelnen Arbeitsgruppen und Instituten in weitgehenderUnabhängigkeit voneinander getragen. So entstanden verschiedene, zum Teil recht unterschiedliche Ansätze. Dies ist kein Wunder, zumal eine sich konstruktivistisch verstehende systemische Therapie auf universellen Geltungsanspruch verzichtet und so die Entstehung einer "postmodernen" Pluralität von Erklärungsänsätzen und Handlungsentwürfen fördert.

Die Aufbauphase der 80er Jahre weicht in letzter Zeit einer Phase der Konsolidierung, und diese bringt Dissens und Differenzierung in den eigenen Reihen mit sich. So lassen sich mittlerweile verschiedene Ausrichtungen systemischer Therapie ausmachen, die sich u.a. als Umsetzung des sog. sozialen Konstruktionismus, der Diskursanalyse und narrativer Ansätze verstehen. Noch reicht aber das Dach der Systemischen Therapie aus, um diese Orientierungen problemlos unter sich zu beherbergen. Anders verhält es sich aber mit gewissen Strömungen, die eine Neuauflage objektivistischer, guruhafter Einstellungen beinhalten und von sich aus beanspruchen, systemische Therapie zu sein. Dennoch können gerade solche Entwicklungen, welche die Außenwirkung der systemischen Therapie auf die Probe stellen - so ärgerlich sie auch sind -, auch nützlich sein, denn sie können indirekt als Maß für die Kohärenz und Beständigkeit des systemischen Ansatzes dienen.

Einen Überblick über den aktuellen Stand der systemischen Praxis bietet das 1996 erschienene "Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung" von Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer.

Ausbildung

Die Ausbildung in systemischer Therapie wird von privaten, notwendigerweise am Markt orientierten Instituten getragen. Die Zahl der Absolventen von Weiterbildungen in systemischer und/oder Familientherapie wurde bei einer Umfrage im Jahr 1997 auf ca. 11.000 beziffert. Legt man den Maßstab etwas enger an, und zählt man nur diejenigen Absolventen dazu, die eine bei den Dachorganisationen zertifizierungsfähige Weiterbildung beendet haben, verringert sich diese Zahl auf - immerhin - 5.700. Von diesen systemischen Therapeutinnen und Therapeuten sind ca. 2.600 Ärzte und Psychologen, die anderen gehören anderen Berufen der psychosozialen Versorgung an. Die Dachverbände für Familientherapie und Systemische Therapie haben in letzter Zeit Weiterbildungsrichtlinien erarbeitet, die internationalen Standards entsprechen.

Dachverbände

Die Familien- und systemischen Therapeutinnen und Therapeuten sind in Deutschland seit dem Jahr 2000 in zwei Dachverbänden organisiert. Es handelt sich um die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie DGSF e.V. und die Systemische Gesellschaft - Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung e.V.

Die DGSF ist im September 2000 entstanden aus dem Zusammenschluss von DAF (Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie, gegründet 1978) und DFS (Dachverband für Familientherapie und systemisches Arbeiten, gegründet 1987). Die DGSF ist als Verein beim Amtgericht Köln eingetragen und vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt. Mitglieder der DGSF sind PsychologInnen, SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen, PädagogInnen und ÄrztInnen sowie Angehörige weiterer psychosozialer Berufsgruppen. Die Mitglieder haben sich für das systemische Arbeiten besonders qualifiziert. Außerdem sind Institutionen im Verband organisiert, die sich dem systemischen Denken und Arbeiten verpflichtet fühlen - darunter zahlreiche Institute mit systemischen Weiterbildungsangeboten. Der Verband vertritt derzeit rund 1700 Mitglieder.

Die Systemische Gesellschaft entstand 1993 mit dem Ziel, den dezidiert systemisch ausgerichteten Instituten in Deutschland eine gemeinsame Plattform zu schaffen. Ihre Mitgliedschaft hat sich daher bis 1999 auf Institute bzw. andere juristische Personen beschränkt. Seit 1999 ist eine zweite Kammer entstanden, in der durch die Gesellschaft zertifizierte Angehörige helfender Berufe organisiert sind. Die Systemische Gesellschaft vereint zur Zeit - Juni 2003 - 26 Ausbildungsinstitute und mehr als 300 Einzelmitglieder.

Beide Gesellschaften arbeiten in der Arbeitsgemeinschaft systemischer Therapieverbände zusammen und sind in übergeordneten Organisationen auf nationaler und europäischer Ebene vertreten, in der Regel durch einen gemeinsamen Delegierten.

Zum Schluß

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die Systemischen Therapieansätze bei allem Unterschied im Detail in der klinischen Theorie über ein Bündel miteinander kohärent verknüpfter Sätze und in der Praxis über ein vertretbares technisches Instrumentarium verfügen. Bei Angehörigen helfender Berufe hat die Systemische Therapie ein beträchtliches Ansehen erlangt. Das zeigt die steigende Zahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern an Tagungen und Weiterbildungskursen. Erweitert man aber seinen Betrachtungsfokus und blickt man auf die Wissenschaftlergemeinde und die politischen Instanzen, ist das Bild etwas diffuser. Denn die Systemische Therapie hat sich weitgehend abseits vom mainstream entwickelt und sie ist entweder wenig bekannt oder sie wird verkannt. Es steht also an, Anschluß daran zu finden, aber auf eine Weise, die der systemischen Therapie ermöglicht, ihre Identität zu behalten. Die Systemische Therapie sollte ihren Prinzipien treu bleiben, zugleich aber offen sein für Anregungen. Nur so kann sie weiterhin in der Lage bleiben, zur Fortentwicklung der Psychotherapie beizutragen.

Die Gründerzeit dürfte weitgehend abgeschlossen sein, und nun ist es an der Zeit, die Auseinandersetzung mit gesundheitspolitischen Instanzen und den offenen Diskurs mit Vertretern anderer Therapieansätze zu suchen und dabei die eigenen Positionen offensiv vorzutragen. Nur so läßt sich die Aufgabe sinnvoll weiterführen, die sich uns am Vorabend der Jahrtausendwende stellt, nämlich die Psychotherapie weiterhin an das Selbstverständnis zeitgenössischer Wissenschaft anzukoppeln, nämlich an die Wissenschaften von Komplexität, Vernetzung und Selbstorganisation, also an die modernen Systemwissenschaften.


Literatur

Fischer, H.R., A. Retzer, J. Schweitzer (1992): Das Ende der großen Entwürfe. Frankfurt: Suhrkamp.

Grawe, K., R. Donati, F. Bernauer (1994): Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe.

Guntern, G. (1980): Die kopernikanische Revolution in der Psychotherapie: der Wandel vom psychoanalytischen zum systemischen Paradigma. Familiendynamik 5: 2-41.

Ludewig, K. (1992): Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.

Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme. Frankfurt: Suhrkamp.

Reiter, L, E.J. Brunner, S. Reiter-Theil (Hrsg.)(1988, 1997): Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive. Berlin: Springer.

Richter, H.E. (1963): Eltern, Kind und Neurose. Stuttgart: Klett.

Richter, H.E. (1970): Patient Familie. Reinbek: Rowohlt.

Richter, H.E., H. Strotzka, J. Willi (Hrsg.)(1976): Familie und seelische Krankheit. Reinbek: Rowohlt.

Schiepek, G. (1991): Systemtheorie der Klinischen Psychologie. Braunschweig: Vieweg.

Schiepek, G., G. Strunk (1994): Dynamische Systeme. Grundlagen und Analysemethoden für Psychologen und Psychiater. Heidelberg: Asanger.

Schlippe, A. v., J. Schweitzer (1996): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schneider, K. (Hrsg.)(1983): Familientherapie in der Sicht psychotherapeutischer Schulen. Paderborn: Junfermann.

Selvini Palazzoli, M., L. Boscolo, G. Cecchin, G. Prata (1978): Paradoxon und Gegenparadoxon. Stuttgart: Klett-Cotta.

Simon, F.B. (1988): Unterschiede, die Unterschiede machen. Berlin: Springer.

Stierlin, H. (1975): Von der Psychonalyse zur Familientherapie. Stuttgart: Klett.

Tschacher, W., G. Schiepek, E.J. Brunner (eds.)(1992): Self-Organization and Clinical Psychology. Berlin: Springer.


Autor

Dr. Kurt Ludewig

  • Geb. 1942 in Valparaíso, Chile;
  • Bachillerato in Geisteswissenschaften, Universidad Católica de Valparaíso, Chile;
  • 1964 Abendkurse in Psychologie, Philosophie, Anthropologie, Los Angeles City College, Los Angeles, California, USA;
  • 1966-71 Studium der Psychologie. Universität Hamburg, 1971 Dipl.-Psych.;
  • 1978 Promotion zum Dr. phil. (Prof. Dr. P.R. Hofstätter);
  • 1999 Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten;
  • seit 1984 Gründungs- und Vorstandsmitglied im Institut für systemische Studien e.V. Hamburg;
  • 1993-99 Erster Vorsitzender der Systemischen Gesellschaft e.V. - Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und 1996 Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Komplexe Systeme und Nichtlineare Dynamik;
  • seit 1997 Gründungsmitglied und Lehrtherapeut des Westfälischen Instituts für systemische Therapie und Beratung Münster e.V.;
  • Verfasser mehrerer wichtiger Bücher zur systemischen Therapie und Beratung, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und Veröffentlichung von mehr als 80 Artikeln, Buchbeiträgen, Monografien und zahllosen Buchbesprechungen.

Mail: ludewik@mednet.uni-muenster.de


Veröffentlichungsdatum: April 2003


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