Bruno Hildenbrand (2005):
Einführung in die Genogrammarbeit.
Heidelberg: Carl-Auer. 122 Seiten.

Eine Rezension von Inge Maxeiner (Juni 2007)

Anliegen und Grundverständnis des Buches

"Je mehr Fälle methodisch kontrolliert anhand des Genogramms erschlossen werden, je mehr in kumulativem Fallverstehen Erfahrung gesammelt wurde, desto effizienter können aus Genogrammen Muster rekonstruiert werden, die ein Individuum, ein Paar, eine Familie leiten und die - sonst gäbe es keinen Anlass für Beratung oder Therapie - ihre lebenspraktischen Autonomiepotenziale einschränken." (S.14).

Dieses Zitat fasst in aller Kürze zusammen, welches Grundverständnis der Autor hat und skizziert relevante Themen des Buches. Das vorgestellte Konzept einer an "objektiven Daten" ausgerichteten Genogrammarbeit knüpft an die bestehende Genogrammarbeit der systemischen Therapie an, erweitert sie jedoch indem die sozialisatorische Triade (Kernfamilie) und die Strukturmerkmale der Familie fokussiert werden. Die erhobenen "objektiven" Daten werden mit Hilfe einer Sequenzanalyse erschlossen, um den Sinn von Krankheit als Versuch einer Lösung zu verstehen, und der Mensch wird in dem Spannungsfeld Selbst- und Fremdbestimmung wahrgenommen.

Das Buch versteht sich als einen Beitrag, Genogramme als Grundlage für die eigentliche Genogrammarbeit zu betrachten, Entscheidungsmöglichkeiten und -schritte der Beteiligten zu rekonstruieren, um wiederkehrende biographische Muster zu entdecken. Die vorgestellte Genogrammarbeit versteht sich als ein "Fundament" zu Beginn der therapeutischen Arbeit und als ein Bestandteil des therapeutischen Prozesses (vgl. S.10 u. 24).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus insgesamt fünf Kapiteln. Das erste, mit "Theoretische Grundlagen der Genogrammarbeit als Sequenzanalyse" überschriebene, befasst sich mit der Definition, den Voraussetzungen und Bedingungen für getroffene Entscheidungen im Lebensprozess und dem Erstellen einer Sequenzanalyse mit Hilfe "objektiver" Daten.

Das zweite Kapitel stellt Fallbeispiele dar. Mit Hilfe des dort aufgezeigten Leitfadens der Genogrammarbeit wird im dritten Kapitel, "Die Praxis der Genogrammarbeit I", methodischen Fragen nachgegangen. Es behandelt die Themen in alphabetischer Reihenfolge und ist somit auch als Glossar lesbar. Beispielhaft seien hier folgende Begriffe genannt, die behandelt werden:

Im Folgenden vierten Kapitel, "Die Praxis der Genogrammarbeit II", wird die Methodik vertieft und erweitert, indem der Einsetzbarkeit dieser Art der Genogrammarbeit in den unterschiedlichen sozialen Kontexten nachgegangen wird. Diese sind:

Im letzten, fünften Kapitel zeigt der Autor "Technische Hilfsmittel bei der Genogrammarbeit" auf.

Zusammenfassende Bewertung

Insgesamt ist dem Verfasser mit dem vorliegenden Buch eine praxisbezogene Einführung und Darstellung der Genogrammarbeit gelungen. Theoretisches Wissen wird kurz und prägnant vermittelt und mit konkreten Beispielen verdeutlicht. Wissenschaftliche Fundierung wird verknüpft mit erfrischend klaren methodischen Überlegungen. Das vorliegende Buch ist somit für PraktikerInnen gut geeignet.

Die Verständlichkeit und Übersichtlichkeit wird unterstützt durch eine klare Strukturierung in die zuvor skizzierten fünf Kapitel. Ein Mehrwert hat das Kapitel 3, da es in Form eines Glossars auch in anderen thematischen Zusammenhängen als "Nachschlagwerk" benutzt werden kann. Die Einleitung und der Absatz "Zum Gebrauch dieses Buches" bieten einen guten Einstieg in die Thematik und erhöhen den Gebrauchswert des Werkes.

Überlegungen zur Praxisrelevanz

Zu Beginn reflektiere ich kurz meine erlebte berufliche Praxis im Hinblick auf Genogrammarbeit.

Ein Genogramm ist "Standard", ist als schematische Übersicht Bestandteil der Klientenakte, wird einer Fallvorstellung vorangestellt, der Computer verfügt über ein entsprechendes Programm und somit ist Genogrammarbeit - überspitzt formuliert - ein "Verwaltungsakt".

Betrachte ich diese Art der Genogrammarbeit der beruflichen Praxis kritisch, so reduziert sie sich auf die Technik der schematischen Darstellung eines Familiensystems. Positiv ist bei aller Kritik jedoch an dieser Praxis, dass Daten übersichtlich aufbereitet und visualisiert werden. Zudem werden schon durch den Prozess der Erstellung bestimmte Sachverhalte deutlich, und häufig ist es der Beginn eines Reflektionsprozesses und offene Fragen, z.B. fehlendes Hintergrundwissen werden deutlich, z.B. was ist eigentlich mit der Großelterngeneration? etc. Hilfreich ist ein Genogramm auch als Einstieg zu einer Fallbesprechung: Groß aufgemalt auf einem Flip Chart bietet es die Möglichkeit, damit "zu arbeiten", z.B. wahrgenommen Koalitionen einzuzeichnen. Teilweise wird ein Genogramm auch mit einem Klienten und /oder einer Familie gemeinsam erstellt. Das gemeinsame Gespräch, das gezielte Nachfragen und das Visualisieren ist häufig ein wertvoller erkenntnisgenerierender Prozess für alle Beteiligten. Dieses "dialogische Erstellen" ist somit schon ein Teil des pädagogischen oder therapeutischen Prozesses.

Genogrammarbeit als "Standard" der Sozialen Arbeit ist somit nicht - wie zu Beginn postuliert - ausschließlich kritisch zu bewerten, sondern trägt vielmehr Chancen und Risiken in sich. Ein Risiko ist sicherlich, vor Einsatz der Genogrammarbeit nicht bewusst zu klären, wozu das Genogramm erstellt wird, welchen Zweck bzw. welchem Ziel es dienen soll und an welchem Punkt des Prozesses es wie genutzt wird.

Welche Praxisrelevanz hat nun die von Bruno Hildenbrand vorgestellte Genogrammarbeit?

Um diese Frage adäquat beantworten zu können, werden an dieser Stelle markante Unterschiede zwischen der zuvor beschriebenen "Genogrammarbeit" aus der beruflichen Praxis und der von Hildenbrand dargestellten Genogrammarbeit skizziert werden.

Der soziologische Blickwinkel Hildenbrands, das Betrachten der Kernfamilie als "Gruppe eigener Art" (vgl. Hildenbrand, 2005, S.11), das Zugrundelegen zentraler Strukturmerkmale einer Familie, den Menschen explizit wahrzunehmen zwischen "Selbst- und Fremdbestimmung" und die getroffenen Entscheidungen und zugrunde liegenden Muster mit Hilfe einer Sequenzanalyse zu erschließen ist eine - zumindest in meiner erlebten beruflichen Praxis in Pädagogik und Sozialer Arbeit - eher ungewohnte Vorgehensweise. Dies gilt auch für das Arbeiten mit "objektiven" Daten. Verhaltensweisen zu interpretieren, sie in einen Kontext zu stellen und zu bewerten, ist so alltäglich, dass es kaum in Frage gestellt wird. Hildenbrand lehnt dies auch nicht per se ab, sondern verweist darauf, dass diese Interpretationsleistungen zu einem späteren Zeitpunkt Inhalt des Fallverstehens sind (vgl. Hildenbrand, 2005, S. 22). Im alltäglichen professionellen Handeln scheint es nicht immer einfach zu sein zu differenzieren, welcher Schritt - inhaltlich und methodisch - gerade angestrebt und getan wird. Für Hildenbrand steht zu Beginn des Fallverstehens die Erhebung und Erfassung "objektiver" Daten. Erst ausgehend von diesem "Fundament" beginnt der weitere Prozess in dem auch Interpretationen und subjektive Bedeutungen ihren berechtigten Platz haben.

Bei dieser "anderen" Herangehensweise, mit einer stringenten Sequenzanalyse zu arbeiten, kompromisslos "objektive" Daten zu sammeln und zu erschließen, hatte ich bei einer ersten Anwendung durchaus Schwierigkeiten. Im Rahmen einer Teambesprechung haben wir uns anderthalb halb Stunden lang Zeit genommen, um eine Genogrammarbeit mit Hilfe einer Sequenzanalyse durchzuführen. Ein Kollege hatte sich entsprechend vorbereitet und die "Eckdaten" des Klienten zusammengetragen. Ich habe eine kurze inhaltliche Einführung gemacht und eine Zeitstruktur benannt. Die Besprechung fand mit fünf KollegInnen statt.

Schnell wurde deutlich, dass die Daten der Großelterngeneration nicht bzw. minimal vorhanden waren. Eine erste Diskussion entstand: Warum gibt es diese Daten nicht? Wer ist für die Erfassung verantwortlich: das Jugendamt, die Einrichtung etc.? Sind die Daten wirklich so wichtig? Es entwickelte sich ein erster fachlicher Disput. Im Verlauf der weiteren Arbeit zeigte es sich immer wieder, wie schwierig die Unterscheidung in "objektive" Daten und Interpretationen ist. Nach anderthalb Stunden haben wir die Genogrammarbeit beendet, bis zu einer Hypothese über das zugrunde liegende Entscheidungs- und Handlungsmuster sind wir nicht gekommen.

Dieser "gescheiterte" Probelauf lässt meines Erachtens jedoch keinen Rückschluss darauf zu, dass diese Art der Genogrammarbeit in der täglichen Praxis nicht anwendbar ist, sondern macht vielmehr deutlich, dass eine gewisse Vorarbeit notwendig ist. Die theoretische Basis und Anleitung genügte nicht. Ein Fundament ist auch nicht baubar ohne Wissen. Am Ende der Teambesprechung fand ein weiterer angeregter Austausch über die "Andersartigkeit" dieser Genogrammarbeit statt; das Buch ist im Kollegenkreis verliehen. Somit werden wir bald einen neuen Versuch starten und sind schon jetzt sensibilisiert, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.


Autorin:

Ingelore Maxeiner
ingelore.maxeiner@fh-potsdam.de


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