Zwei Geschichten aus der Postmoderne

von Haja (Johann Jakob) Molter (September 2001)

Ce qui vient au monde pour ne rien troubler
ne mérite ni égards ni patience.

Was zur Welt kommt, um nichts in Aufruhr zu bringen,
verdient weder Rücksicht noch Geduld.

René Char: À la Santé du serpent

1. Brauchen wir die moderne Post?

Hans Wurst, der erfolgreiche Unternehmensberater, wunderte sich mal wieder über seinen Freund Jakob Käse. Fragte dieser ihn doch tatsächlich neulich: "Sag´ mal, kannst du mir erklären, warum reden heute so viele Leute von der modernen Post?" Das konnte ihm Hans Wurst nicht erklären, er war sich aber auch nicht sicher, ob ihn sein Freund auf den Arm nehmen wollte. Gleichwohl sagte er ihm, daß er sich mit dem Zeitgeist der Postmoderne ziemlich wohl fühle. Jakob Käse rümpfte die Nase, wollte zu einer weiteren Frage ansetzen, doch Hans Wurst sprach weiter, er, Jakob Käse, wisse doch sicher, daß er, Hans Wurst, sich im Laufe seiner beruflichen Karriere von einem Macher und Besserwisser zum einem systemischen Organisationsberater entwickelt habe, der Vielfältigkeit und das Aushalten von Unterschiedlichkeit schätze. Er selbst, Jakob Käse, profitiere doch besonders von dieser Entwicklung in ihrer langjährigen Freundschaft. Die früher unerbittlich geführten Diskussionen, die oft in einem verbissenen Kampf um Rechthaberei endeten, seien doch heute gekennzeichnet von Witz, Leichtigkeit und gegenseitiger Wertschätzung, vor allem dürfe jeder von ihnen ungehemmt seine "Wahrnehmung" zum besten geben, da es ja keine "Falschnehmung" gebe. Doch, doch entgegnete Jakob Käse, aber was hat das alles mit der modernen Post zu tun?

Hans Wurst packte seinen Freund Jakob am Arm und wollte ihn zu einem langen Spaziergang entführen. Doch Jakob Käse bat darum, erst mal noch ein bißchen zu verweilen.

"So neu ist das doch alles nicht" setzte Jakob Käse entgegen. Dann verwies er auf zwei Musiker: John Cage und Ornette Coleman. Unter anderem erzählte er die Geschichte einer Komposition Cages, 4`33``, wo ein Pianist an einem Flügel Platz nimmt, der in einem Saal, im Freien, sogar auf der Straße oder sonstwo aufgestellt sein kann. Der Pianist im Frack mit Schwalbenschwanz öffnet den Flügel, setzt eine Stoppuhr in Gang, legt die Hände auf seine Knie und rührt buchstäblich keinen Finger und klappt nach 4 Minuten und 33 Sekunden den Deckel des Instrumentes zu. Das Stück ereignet sich in der Musik, die nicht gespielt wird, den Umweltgeräuschen und den möglichen Protestrufen der Zuhörer. "Alles kann benutzt werden", meinst du das mit Postmoderne Haltung. Damit gab Jakob Käse seine angebliche Ahnungslosigkeit auf. Zwischen den beiden Freunden wurde nie mehr über die moderne Post gesprochen.

Dann erzählte er weiter, daß der Saxophonist und Komponist Ornette Colemann, als er zum ersten mal der Aufführung eines klassischen Konzertes mit großem Orchester beiwohnte, hinterher bemerkte, es handele sich um organisiertes Notenlesen, von Kreativität und Eigenständigkeit der Musiker sei wenig zu hören gewesen. Coleman, so fuhr er weiter fort, hat nach seinem intensiven Experimentieren mit Freejazz eine Musikrichtung entwickelt, wo es nur noch "erste Stimmen" gibt, jedes Instrument und jede Stimme sind gleichwertig. Man könnte sagen, darin zeige sich eine radikal konstruktivistische Auffassung.

2. Coaching:
Respekt vor Andersartigkeit und Vielfältigkeit
oder wie kann man Hochstapelei erfolgreich nutzen?

Vor einigen Jahren hörte ich im Radio eher beiläufig, während ich am PC arbeitete, in einem Interview mit einem schwarzen Dichter und Bluessänger aus Chicago, dessen Namen ich leider nicht aufschnappen konnte, ungefähr folgenden Satz: "Ich bin ein Hochstapler, ich sammle Fetzen aus dem Lebensgefühl des Blues und versuche, dann daraus einen Sinn zu machen."

Seither bewegt mich dieser Satz. Wenn ich sog. systemisch - konstruktivistische Texte im Geist der Postmoderne über Organisations – und Unternehmensberatung lese, habe ich oft den Eindruck, daß bei aller Würdigung des Versuchs, Prozesse ganzheitlich und systemisch darzustellen, doch nur "Fetzen" montiert werden, die nach Vorliebe des theoretischen Zugangs von subjektiver Auswahl bestimmt sind. Das Wort "systemisch", das sich noch gar nicht so lange in den deutschen Sprachschatz eingeschlichen hat, gleicht einem besonders vieldeutigen Kofferwort, je nachdem, wer den Koffer öffnet und sich daraus Wort - Teile "anzieht".

Was bringt das für den Prozeß des Coachings und der systemischen Organisationsberatung.?

Auf jeden Fall hat sich dadurch meine Empfindsamkeit für Unterschiede gesteigert. Ich fühle mich darin bestärkt, das Unermeßliche, das mir häufig in Beratungsprozessen begegnet, leichter zu ertragen und sogar die Kunden noch anzuregen, sich ihren "Sinn" selbst in den vertracktesten Problemsituationen zu machen.

Wenn ich meine Geschichte auf dem Weg zu einem postmodernen systemischen Verständnis von Beratungsprozessen darstellen soll, sehe ich mich als ein Mann der Praxis. Theorien haben für mich eher eine heuristische Funktion. Wenn ich über mein professionelles Tun - vorwiegend Beratung und Lehre - eine für mich passende Beschreibung abgeben sollte, dann sehe ich mich als Künstler mit solidem Handwerkszeug ausgerüstet, immer auf dem Sprung aus Bekanntem Unbekanntes zu kreieren.

Wenn mich die "Gnade des Zweifel(n)s" besucht, sehe ich unter der Metapher "Hochstapelei" eine Brücke entstehen, die sich über die Abgründe spannt, welche sich zwischen Theorie und Praxis systemisch - konstruktivistischen Denkens und Handelns im Zeitalter der Postmoderne auftun.

Manchmal kommt es mir vor, als betrete ich eine breite, sich weit und elegant sich ausschwingende Brücke, von Pylonen und Stahlseilen gehalten, die für die Ewigkeit gebaut scheint. Auch die stürmischsten Fluten können ihre Haltbarkeit nicht gefährden. Sie ist mit Plausibilität geradezu gepflastert. Dann wieder bin ich erschrocken, denn ich versuche mich auf einer schwankenden Hängebrücke aus Stricken und Holz zusammengeknotet festzuklammern und wage nicht, mich langsam vorwärts tastend, meinen Blick in die unbekannten Abgründe zu werfen.

Man mag einwenden, das seien alles nur Sinnestäuschungen, kitschige Konstruktionen ("like a bridge over troubled water I am lying down", Simon and Garfunkel, nicht Simon und Retzer) und im Gegensatz zu dem panta rhei (alles fließt) des Heraklit fließe nichts zwischen systemisch-konstruktivistischer Theorie und Praxis. Jene, die von sich - mich eingeschlossen - behaupten, sie arbeiteten systemisch-konstruktivistisch, beziehen sich in ihren theoretischen Darlegungen auf Banalitäten, die mittels komplizierter Theorien mit Hilfe von Fachausdrücken, die Eingeweihten vorbehalten sind, wissenschaftlich erklärt werden sollen.

Dann frage ich mich: brauchen die Menschen, Beraterinnen und Kunden hochgeschraubte Theorien? Machen nicht andere Berater, die sich auf andere theoretische Grundlagen beziehen, sehr Ähnliches? Sie verwenden nur andere Sprachspiele und Beschreibungen.

Systemische Darstellungen mit ihren theorieschweren Fachausdrücken klingen wie Glockengeläut, das man gerne hört, von dem man aber, ähnlich wie beim Sonntagsgeläut, nur noch entfernte Ahnung hat, wozu es aufruft:

Systemtheorien, Konstruktivismus, sozialer Konstruktionismus, Dekonstruktivismus, Thermodynamik, Kybernetik erster und zweiter Ordnung, die Subjektivität jeder Wirklichkeitskonstruktion, Ko-Evolution, Vernetzung, Zirkularität, Kontext, Selbstorganisation, Autopoiese, Synergetik, dissipative Strukturen, deterministisches Chaos mit bezaubernden Attraktoren, Feedbackschleifen, Selbst- und Fremdreferenz, Emergenz, Kommunikation, Symmetrie, Komplementarität, Intervention, Perturbation, strukturelle Koppelung, Kontingenz, einfach und doppelt, triviale und einfache Maschinen. Am besten stellen Sie sich einen flotten Rap vor: I wonna get systemic ...

Über dem Ganzen weht der frische(?) Wind der Postmoderne mit ihren narrativen Erzählweisen, Sprachspielen und Spielzügen (Wittgenstein, Lyotard, Gergen, Boeckhorst, Molter und Ellebracht)

Wie nicht anders zu erwarten, bläst auch Gegenwind. Romantische Ansichten ("Im tiefen Inneren des Wesens der Person angesiedelt") und modernistische Perspektiven ("Die Modernisten glaubten, daß die Menschen durch Verstand und Beobachtung die grundlegenden Bestandteile des Universums entdecken könnten, einschließlich des Kerns des menschlichen Funktionierens" - Gergen S.358 f.) leiten Menschen und drängen auf Restauration. Noch aber zeigt sich der postmoderne Zeitgeist als Trendsetter.

Wenn ich aber in diesem Geiste "Hochstapeln" anders als üblich konnotiere, dann empfehle ich allen, die vielen Begrifflichkeiten erst nach oben zu packen (hoch zu stapeln), damit der Weg frei wird, den eigenen Stil, die persönliche Performativité (Lyotard) zu entwickeln.

Da habe ich noch tief gestapelt. Welch illustre Namenslisten ließen sich erstellen, angefangen von den Gründungsmüttern und -vätern der Familientherapie der ersten Stunde bis zu Mathematikern, Informatikern, Kommunikationswissenschaftlern, Physikern, Chemikern, Philosophen, Soziologen, Linguisten, Literaturwissenschaftlern und vielen anderen mehr, die je nach Vorlieben der Anwender systemisch-konstruktivistischen Denken und Handelns als Gewährsleute angeführt werden.

Bekanntlich klopft man auf keinen Busch, hinter dem man nicht selbst schon gesessen hat. Als Lehrtherapeut, Supervisor, Organisationsberater und Ausbilder nehme ich aktiv Anteil an diesem Szenario. Ich verdanke dieser für mich noch in keiner Weise befriedigend gelösten Spannung zwischen Praxis und Theorie systemischen Denkens und Handelns eine berufliche Identität, die mich offen hält für Neugierde, Kreativität und Provokation. Ich kann die unterschiedlichen theoretischen Ansätze als "erste Stimmen" betrachten und daraus mit meinen Kunden, die Musik aufführen, welche die Praxis verwandelt.

Zur Zeit leiten mich dabei 5 Prinzipien, von denen ich behaupte - da kommt der Hochstapler wieder durch - , daß sie mit systemischem Denken und Handeln vereinbar sind.

1. Lösungsorientierung

Beratung bedeutet ziel- und lösungsorientiertes Vorgehen. Sie befaßt sich mit der Gegenwart und richtet sich auf die Zukunft. Dabei müssen die Lösung und das vorgebrachte Problem nicht notwendig miteinander zu tun haben. Mehr noch, die Ursachen von Problemen müssen nicht ergründet werden. Beratung ist kundenorientiert und nicht – normativ.

2. Ressourcen und Kooperation

Systemische Beratung betont das Gelingen, statt das Mißlingen zu analysieren. In der Regel verfügen Kunden über genügend Fähigkeiten, ihre Probleme selbst zu lösen. Klienten werden ermutigt, sich als Experten für sich selbst zu verstehen. Klienten sind kooperativ. Alles, was sie in die Beratung einbringen, darf benutzt werden.

3. Konstruktivität

Verhalten und Sprache schaffen Wirklichkeit. Beratung ist daher ein Prozeß des gemeinsamen Konstruierens von Wirklichkeit. Die jeweiligen Bedeutungen und Erfahrungen werden in der Interaktion konstruiert. Die Bedeutung eines Inputs oder einer Intervention durch den Berater bestimmt der Kunde durch seine Verarbeitung. Das, was als Problemverhalten präsentiert wird, ist abhängig von der Welt – und Selbstsicht der Kunden.

4. Veränderung

Gemäß Vorstellungen, die sich an Systemtheorien orientieren, geschieht Veränderung nicht linear. Nichts ist immer dasselbe. Veränderung kann ständig auftreten. Kleine Änderungen leiten größere Änderungen ein. Auch Veränderungen in Teilbereichen wirken sich auf das Ganze aus.

5. Sparsamkeit

Beratung sollte so kurz, einfach und sparsam wie möglich sein. ("Alles sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher." (Albert Einstein). Es gibt immer mehrere mögliche Lösungen. Beratung arbeitet pragmatisch das heraus, was wirkt. Menschen können Veränderung schnell erreichen und tun es auch.

Das, was unter dem Sammelbegriff "Systemisches Denken und Handeln" rezipiert wird, hat ohne Zweifel Konjunktur. Coaching und Beratung unter Berufung auf systemische Anleihen zählen zu den auffallendsten Trends der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Das gilt für Beratung als Tätigkeit ganz allgemein, im Profit- und Non Profitbereich, und im Besonderen für Ausbildung zum systemischen Berater, Supervisor oder Coach.

Institute und Organisationsberatungsgesellschaften benutzen das Label "Systemisches Denken und Handeln" als Gütesiegel. Hier gelten die herrschenden Marktgesetze. Wenn dem so ist, dann sind systemische Beraterinnen heute besonders erfolgreich.


Literatur

Boeckhorst, F. (1994). Theoretische Entwicklungen in der Systemtherapie II: Die narrrative Denkrichtung. Systhema 2, 2 – 22.

Gergen, K. (1996). Das übersättigte Selbst. Heidelberg: Carl Auer.

Lyotard, J. – F. (1993). Das postmoderne Wissen. Wien: Passagen.

Molter, H., Ellebracht, H. (1997). Hans im Glück(s) – Systemkompetenz und andere Märchen. Kontext 28, 1, S. 5 – 14.

Wittgenstein, L. (1969). Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/ M: Suhrkamp.


Autor

Haja Molter


Veröffentlichungsdatum: 15. September 2001


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