Britta Haye

Special (Januar 2002)


zum 60. Geburtstag


Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Britta Haye
verbunden mit den herzlichsten Glückwünschen zum Geburtstag

von Monika Müller

Das erste Mal sah ich Britta bei einem Vorstellungsgespräch, weil sie sich um die Sozialarbeiterstelle in unserer Erziehungs- und Familienberatung beworben hatte. Ob ich schon vorher eine Prioritätenliste anhand der Bewerbungsunterlagen erstellt hatte, weiß ich nicht mehr so genau. Ich meine eher ja. Ich änderte sie, glaube ich, aufgrund des Vorstellungsgespräches. Jedenfalls war es bei mir Liebe auf den ersten Blick. So eine Frau fehlte in unserer Beratungsstelle. Britta strahlte sofort Mut zur Offenheit und zur eigenen Meinung aus, wozu man modern sagt, sie wirkte authentisch.

Leider hatte es Tradition, daß prinzipiell meine Favoriten von den Kolleginnen nicht genommen wurden, obwohl ich ein ausgeprägtes Gespür für meine Mitmenschen habe. Das ist ein ganz anderes Kapitel, über das ich heute nicht schreiben will.

Schließlich war selbst der Jugendamtsdirektor gegen Brittas Einstellung.

Und dann trug es sich aufgrund von verschiedenen Verwicklungen zu, daß Britta schließlich doch genommen wurde.

Traditionell lag die Stellvertretung in Erziehungs- und Familienberatungsstellen bei der Sozialarbeiterin. Noch bevor die Stelle neu besetzt werden sollte, hatten wir das vorsorglich geändert, weil wir ja nicht wußten, was für eine Type wir kriegen würden. Ziemlich kurze Zeit nach Brittas Arbeitsaufnahme in unserer Stelle machten wir die Änderung wieder rückgängig. Brittas bald sichtbar werdende Kompetenz - diese ideale Kombination von Sozialarbeit und einer hervorragenden Ausbildung in systemischer Familientherapie - erforderte eine Revision der zuvor getroffenen Entscheidung.

Während ich fachliche Kompetenz für mehr oder weniger selbstverständlich halte, zählen für mich eher ganz andere Fähigkeiten wirklich. Anders ausgedrückt: Die nachweislich hervorragendste Kompetenz verblaßt, wenn sie nicht gepaart ist mit Menschlichkeit, Zuverlässigkeit, Mut, Kooperationsbereitschaft, Fähigkeit zur Solidarität, Großzügigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Lebenserfahrung, Herzlichkeit, Flexibilität, Humor, Arbeitsfreude und wahrscheinlich noch etwas mehr in dieser Richtung. Britta verkörperte (und verkörpert noch) aus meinem Erleben diese Eigenschaften, durch die sie mir eine wertvolle Kollegin und letztlich Freundin wurde.

Wenn Britta in Urlaub ging, kam es vor, daß sie meinen Namen einigen Klienten als Ansprechpartner in der Not nannte. Trug es sich dann zu, daß sich tatsächlich jemand von Brittas Klienten bei mir meldete und ich die Akte in Vorbereitung auf das Gespräch lesen mußte, staunte ich mitunter nicht schlecht, was sich da zum Teil so zugetragen hatte und Britta einzig und allein als Person verantwortete. Sie glaubte einfach den Rat und Hilfe suchenden Menschen und gab auch in einer Form Unterstützung, durch die sie durchaus mit einem Disziplinarverfahren hätte rechnen müssen, wenn sich das Vertrauen als ungerechtfertigt erwiesen hätte.

Gerne erinnere ich mich daran, wie Britta und ich uns mit dem Problem beschäftigten, daß von Mitarbeiterinnen Leistungen erzwungen werden sollten, zu denen sie zeitweise nicht in der Lage waren, dagegen andere Kompetenzen uneingeschränkt zur Verfügung standen. Sich in diesem Punkt Gehör zu verschaffen, war zum damaligen Zeitpunkt recht schwer, weil "Ressourcen-Orientierung" noch nicht modern war und die Verwaltungsreform noch nicht begonnen wurde.

Einige sehr interessante Geschichten, vielleicht die Interessantesten, kann ich aus Rücksicht des Datenschutzes noch lebender Personen nicht aufschreiben. Die erzähle ich einfach mal viel, viel später - vielleicht zur Berentung - und wenn die Tage kalt und kurz werden, und es nicht mehr darauf ankommt, ob die Geschichten wahr sind, sondern nur gut sein müssen.

Als Britta unsere Stelle verließ, hinterließ sie eine Lücke, die nie mehr ganz geschlossen werden konnte. Ich persönlich habe ihren Weggang sehr bedauert, das ist klar. Andererseits erschien es folgerichtig, ihre in der Praxis erworbenen Kenntnisse an nachfolgende Studenten weiter zu geben, verbunden mit einer persönlichen beruflichen Entwicklungschance: Studentin, Praktikerin, Lehrerin.


Autorin: Monika Müller, 1941 geboren, gesamtdeutsch, Studium an der FU Berlin, Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin an einer Berliner Erziehungs- und Familienberatung, Mitmensch


©   IBS - Institut für Beratung und Supervision - Aachen