Jeder ist seines Glückes Hammer

Zur Autopoiese der sozialen Gruppe unter besonderer Berücksichtigung des Entwicklungsstufenmodells der Sozialen Gruppenarbeit

von Georg Nebel (Februar 2002)


(Überarbeiteter Vortrag, gehalten vom Verfasser am 5. Juli 2001 auf der 3. Hamburger Fachtagung "Soziale Arbeit mit Gruppen", veranstaltet vom Zentrum für Praxisentwicklung - ZEPRA - an der Fachhochschule Hamburg)


Ich würde Sie gerne zu einem Experiment einladen. Ich weiß natürlich genau, sogar ganz genau, dass nach dem Entwicklungsstufenmodell für Gruppen - besser für Gruppenarbeit, denn den Gruppen ist das wahrscheinlich schnurz-piep-egal -, genau das das Falscheste wäre, was ich hier tun kann.

Vor über 30 Jahren, etwa in der Zeit, in der in Santiago de Chile Humberto Maturana mit seiner Gruppe(!) an der Autopoiesetheorie arbeitete (vgl. 1970), stellten Groupworker und SozialarbeitswissenschaftlerInnen der School of Social Work an der Boston University in den USA fest, dass sich ihre Erfahrungen in der Sozialen Arbeit mit Gruppen in auffälliger Weise glichen:

Unabhängig davon, wie sich in der konkreten Situation die Kommunikation gestaltete, schienen Gruppen als soziale Systeme für den Zeitraum ihres Bestehens eine typische Entwicklung zu zeigen. Sie systematisierten ihre Erfahrungen, gaben ihnen eine Struktur und stellten schließlich "ein Modell für die Entwicklungsstufen in der Sozialarbeit-Gruppe" (vgl. Garland 1965) vor, also das was wir heute als Developmental Model der Sozialen Gruppenarbeit kennen.

Sie betonten ausdrücklich, dass es sich hierbei nicht um eine im strengen Sinne Aufarbeitung empirischer Daten handelte, sondern nur um den Versuch, die Kommunikation in Gruppen auf einer "anderen" (sprich: linearen) Zeitebene zu berücksichtigen. Allein dies setzt schon voraus, dass in den Gedanken dieser KollegInnen aus Boston die Vorstellung keimte, dass es so etwas wie eine Entwicklung - eine lineare Veränderung - eine Bewegung von Anfang bis zu Ende (oder wie immer man auch Entwicklung beschreiben will) - tatsächlich auch gibt. Und nur dadurch, konnte letztlich beobachtet - d.h. konstruiert - werden, was wir heute als Entwicklung von Gruppen beschreiben. Auf dem Hintergrund, dass die Gruppen in der Sozialen Arbeit immer dem Lernen oder der Veränderung von Bedingungen gewidmet waren, lässt sich dies wohl leicht verstehen.

Für unsere alltägliche Arbeit mit und in Gruppen allerdings gaben sie uns damit die Möglichkeit, solche Veränderungs- und Lernprozesse zu beschreiben und - hierzu dann später mehr - unsere Interventionen in Richtung einer gewünschten Entwicklung zu organisieren. Aber es sei schon an dieser Stelle gesagt: Unsere Interventionen zu organisieren, nicht die darauf folgenden Reaktionen. Denn diese lassen sich sowieso nicht beobachten, weil das soziale System Gruppe sich in seiner Autopoiese selbst organisiert. Hierzu später ebenfalls mehr.

Ich müsste nach dem Entwicklungsstufenmodell eigentlich zu Anfang Vertrauen stiftende und Sicherheit gebende Maßnahmen vollziehen, also so etwas wie ein erstes Vorstellen und vorsichtiges Kontakten mit gleichzeitig niedrig gehaltenem Risiko für die sozialen Beziehungen. Denn nur so würde ich den Anforderungen der "Orientierungsphase" gerecht, die diese Phase an mich als Groupworker stellt.

Doch wehe mir, dann ginge es ja auch gleich weiter mit dem "Machtkampf", den Kersting und Krapohl (1997) als Übergangsphase kennzeichnen, wahrscheinlich weil wir nach dem Phasenmodell ohnehin nicht an ihr vorbei kommen. Gottlob, dass es eine Übergangsphase ist, das verspricht, dass sie - hoffentlich schnell - vorbeigeht und mit ihr die Angst vor der Macht und dem Kampf um die Macht.

Gut, dann sind wir schon in der dritten Entwicklungsstufe: Der Phase der "Vertrautheit und der Beziehungen" oder auch "Intimitätsphase" genannt. Wir er-finden Gefallen aneinander; suchen Nähe und genießen sie, entwickeln so was wie: "Wir wollen niemals auseinander gehen".

Distanz wird uns unheimlich.

Dann ist Mittag - und mit dem schönen Gefühl gehen wir in die Pause.

Nach der Pause - wir haben uns natürlich weiter entwickelt als Gruppe - etwa um die Zeit, zu der der "Runde Tisch" beginnt, beginnt auch bei uns die Phase der "Kooperation" oder die "Differenzierungsphase".

Wir arbeiten zusammen, er-finden unsere Stärken, akzeptieren uns untereinander, sind produktiv, uns geht es gut.

Das wäre dann auch nach den Anweisungen des Entwicklungsstufenmodells der richtige Ort für das Experiment - aber was soll das dann noch?

Schließlich beginnt um 16.15 Uhr schon die Abschlussdiskussion, wir haben keine Zeit mehr, was getan werden musste, ist getan.

Wir sind in der fünften Entwicklungsstufe angelangt: der Phase der "Trennung - der Ablösung".

Es finden Regressionen in frühere Entwicklungsstufen statt. Einige wollen noch mal eine Frage an die Referenten richten; andere wollen das Experiment wiederholen - das wir immer noch nicht gemacht haben - ganz hartnäckige Teilnehmer wollen noch einmal neu "reinkommen".

Nützt alles nichts: 16.15 Uhr - Abschlussdiskussion - Ende der Gruppe.

Also machen wir das Experiment jetzt!

Wirklichkeit konstruiert sich durch die Beobachtung, durch die Wahl der Unterscheidung, durch die Art und Weise wie wir beobachten.

Die Macht des Groupworker liegt nicht in seinem Handeln, sondern in seiner Situationsdefinition, in seiner Deutung der Wirklichkeit.

Darum hier ein kleiner Exkurs: Groupworker tun immer gerne so, als würde die von ihnen konstruierte Wirklichkeit der Gruppe auch ohne sie existieren.

Das erhält ihnen selbst die Handlungsmöglichkeit und verführt vielleicht die Gruppe dazu, sich überhaupt mit den Angeboten auseinander zusetzen, die dort von außen kommen. Groupworker vergessen ganz einfach, dass sie es sind, die diese Wirklichkeit er-finden. Ohne sie gäbe es diese Wirklichkeit gar nicht!

Na ja - jeder ist seines Glückes Hammer!

Mit Autopoiese bezeichnen die Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela (1997) das gemeinsame Organisationsmuster aller lebenden Systeme. Autopoiese ist die Selbsterzeugung eines lebenden Systems. Leben und Lebendigkeit sind identisch.

Autopoietische Systeme erzeugen eine eigene Struktur, die sich operational von der Umgebung unterscheidet.

Wenn wir Gruppen als autopoietische Systeme verstehen, geben wir die Vorstellung auf, dass es Zwänge, höhere Mächte und Geschicke, geschickte Handhabe sind, die für Stabilisierung oder Veränderung in der Gruppe sorgen. Vielmehr entwickeln wir einen hohen Respekt vor dem sich selbst erhaltenden System (vgl. ausführlicher hierzu Nebel/Woltmann-Zingsheim 1997a)

All unser Tun wird dann ein Angebot, über dessen Brauchbarkeit letztlich die Gruppe selbst entscheidet und nur die Gruppe. Wie das System auf äußere Beeinflussung (re-)agiert, hängt im wesentlichen davon ab, ob es unsere Intervention zur Aufrechterhaltung der eigenen Autopoiese ge-brauchen kann oder nicht.

Denn wie ein System reagiert, entscheidet dessen aktueller Zustand. Maturana nennt das "Strukturelle Determination" und verwendet in seinen Vorträgen folgendes Beispiel: "Niemand geht mit seinem Zeigefinger zum Arzt, nur weil der Kassettenrecorder auf einen Tastendruck nicht reagiert. Die ,Intervention' des Fingers legt dem Gerät eine Veränderung nahe, über die Veränderung entscheidet die Struktur des Gerätes".

Im Gegensatz zu trivialen Maschinen, die auf einen bestimmten Reiz hin einen bestimmten vorhersagbaren Prozess vollziehen, und bei denen dieser Prozess immer wieder in derselben Art und Weise (z. B. bei einem Auto) reproduzierbar ist, zeichnen sich nicht-triviale Systeme dadurch aus, dass sie auf einen Input (früher sagten wir Intervention) hin nicht nur mit einem Output reagieren, sondern gleichzeitig die innere, interne Operationsweise verändern und damit die Reaktionsmöglichkeiten auf folgende Inputs erhöhen.

Vor Rezepten sei deshalb gewarnt!

Derselbe Input kann im nächsten Moment einen völlig anderen Output auslösen. Nur die innere Struktur bzw. der Zustand der Gruppe entscheidet, ob eine Intervention erfolgreich ist oder nicht. Nur der Output gibt uns "recht"!

Messen, im Sinne von Beobachten, sehen können wir nur den Output. Die Prozesse der Be-Arbeit-ung können wir beschreiben, d. h. jene Operationen die das System vollzieht um mit einem externalen oder internalen Impuls um zu gehen.

Aber vergessen wir dabei nicht: Es sind immer unsere Beschreibungen.

Interventionen, wenn wir sie denn als erfolgreich beschreiben, können das System höchstens irritieren.

Sie lenken es bestenfalls ab (wie Kersting es 2001 beschreibt) von aktuellen Themen, alten Lösungsversuchen, neuen Problemen usw. Das System wird in seinem bisherigem Fortgang, seiner Autopoiese so verstört, dass es den Weg - die Struktur - ändern muss.

Wir bringen es vielleicht zum Stolpern.

Es verliert aber nicht die Autopoiese als inneren Zusammenhalt. Denn das und nur das wäre sein Ende.

Die InterveniererInnen wollen das System nicht zerstören, sie intendieren Veränderung (vgl. Kersting 1991). Das ist ihre Absicht, das ist ihr Plan: Nicht der Bestand, sondern die Operationen der Gruppe sollen sich verändern.

Der Unterschied zwischen der Autopoiese als Organisationsmuster und der individuellen Struktur eines konkreten autopoietischen Systems dagegen ist fundamental.

Niemand käme, so sagt Maturana gerne im freien Vortrag, auf die Idee, einen Wirbelsturm zu definieren als eine bestimmte Menge von Staub und Luft.

Zweifellos sind diese oder auch andere Stoffe nötig, um das zu bilden, was wir einen Wirbelsturm nennen. Charakteristisch aber ist einzig und allein eine ganz besondere Form der Bewegung dieser Materialien in einer Umgebung: Dass sich ein Wirbelsturm schnell und sicher von "seiner" Umgebung unterscheiden lässt (in der sich auch Staub, Luft usw. befinden!), liegt schlicht daran, dass das Substrat des Wirbelsturms (Materie und Energie) einen spezifischen Zusammenhang bildet.

Mag sich ein Mensch vom anderen auch noch so unterscheiden - sie müssen sich nur umsehen - bleibt sein Organisationsmuster doch gleich. Mag sich eine Gruppe von der anderen auch noch so unterscheiden, bleibt sich ihr Organisationsmuster ebenfalls gleich.

Und da haben wir es wieder: Das Developmental Model, das Entwicklungsstufenmodell!

Nur so und immer anders.

Für Niklas Luhmann (1987) sind das "Personale" und das "Soziale" zwei verschiedene Wirklichkeitsebenen. Alle Operationen in sozialen Systemen sind Kommunikationen, in ihnen schließen sich Kommunikationen an Kommunikationen an. Im psychische Systemen sind diese Operationen Bewusstsein und Kognition, Gedanken schließen sich an Gedanken an. Indem Luhmann in seine soziologische Systemtheorie das ursprünglich von Biologen nur für lebende Systeme entwickelte Konzept der Autopoiese einführte, konnte er die eigentümliche Geschlossenheit und Abhängigkeit psychischer und sozialer Systeme präziser beschreiben. Kommunikation ist nicht mehr eine irgendwie gestaltete intersubjektive Handlung zwischen Menschen oder Personen, sondern ein autonomes, selbstreferenzielles und operational geschlossenes System.

Das Benutzen des biologischen Konstrukts der Autopoiese für eine soziologische Systemtheorie stieß nicht gerade auf Gegenliebe - auch nicht bei Maturana.

Ich denke nicht daran, mich für die eine oder andere der beiden Systemtheorien eindeutig zu entscheiden. Als Konstruktivist gehe ich davon aus, dass die beiden Theorien jeweils nur andere Erklärungen liefern, um wieder neue Fragen und Probleme und damit wieder neue Erklärungen zu produzieren.

Außerdem gibt es dort, woher ich komme, im Rheinland, eine pragmatische, alltagsgeprägte Umgehensweise mit solchen Auseinandersetzungen, die im übrigen sehr gut an die hier vorgestellten Gedanken der geschlossenen Systeme anknüpft: "Jede Jeck ist anders!" und "Jeck, loss Jecke langs." (Wörtlich: "Verrückter, lass Verrückte vorbei", was so viel heißt wie: "Du Jeck, lass mich Jeck leben, wie ich dich leben lasse". Man beachte die Selbstreferenzialität dieser Aussage!).

Nach Luhmann ist also (wie bereits erwähnt) Kommunikation nicht mehr eine irgendwie gestaltete intersubjektive Handlung zwischen Menschen oder Personen, sondern ein autonomes, selbstreferenzielles, operational geschlossenes System.

Kehren wir noch einmal für einen kurzen Augenblick zu unserem Experiment am Beginn meines Vortrags zurück.

Immer wenn wir eine solche Situation - eine Wirklichkeit - konstruiert haben, geben wir ihr einen Sinn - oder präziser: konstruieren wir ihr einen solchen. Und dabei lassen wir vollkommen außer Acht, dass es ja noch eine Menge andere Sinn-Zuschreibungen geben könnte.

Soziale Systeme und psychische Systeme erzeugen und verarbeiten beide Sinn, dass ist ihre Autopoiese - so wie organische bzw. biologische Systeme Leben erzeugen.

Sie tun dies, aber nicht gemeinsam. Die einen tun es durch Kommunikation, die anderen durch Bewusstsein; aber beide fein säuberlich voneinander getrennt und gleichzeitig.

Ob es ihnen bewusst ist oder nicht: Wenn Partner denken, sie reden miteinander, sind sie nie "allein". Die Kommunikation läuft stets mit und erzeugt eine soziale Wirklichkeit, die nicht einfach die Summe ihrer Gedanken ist. Paare als soziale Systeme kommunizieren vielfältige Erwartungen. Beide Partner als psychische Systeme denken allerdings häufig, dass allein schon durch ihr Denken alles "gesagt" ist. Tückischerweise ist aber mit einem noch so klaren Gedanken nichts gesagt, also kommuniziert. Erst wenn der gedachte oder auch gefühlte Sinn mit einer Adresse verbunden zu einer Mitteilung wird, entsteht Kommunikation.

Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Mann (aber gewiss auch Frau) die Chance, abends zuhause eine warme Mahlzeit vorzufinden, extrem dadurch steigert, indem man darum bittet, danach fragt, den Wunsch äußert usw. und nicht darauf hofft, dass der Partner Gedanken lesen oder es - so wie wir es am liebsten hätten - einem von den Augen ablesen kann. In eingespielten sozialen Paar-Systemen ist auch das nicht mehr nötig. Vielmehr hat das Paar in diesem Fall eine Erwartung "generalisiert": "Es" kocht sozusagen! Aber glauben Sie nur nicht, dass dann den ganzen Tag an ihr Essen oder gar an Sie gedacht wurde.

Kommunikation dient den psychischen Systemen lediglich dazu, Überlegungen zu testen, auf andere Gedanken zu kommen und die eigene gelungene Selbstdeutung zu stabilisieren.

Soziale Systeme brauchen Bewusstseinssysteme dazu, dass überhaupt etwas zu bereden ist. Bewusstseine stellen mit Vorliebe immer wieder den "sozialen Sinn" - anders: den Konsens - in Frage, beseitigen Klarheiten und regen damit zu weiterer Kommunikation an.

Soziale, psychische und lebende Systeme konstruieren jeweils eigene Wirklichkeiten, die zwar strukturell gekoppelt sind, aber nicht starr und mechanisch, nicht im Sinne, dass man einseitig instruieren und steuern könnte.

Soziale Systeme - also Gruppen - haben es immer mit mehreren selbstreferenziellen Bewusstseinssystemen zu tun und haben dann auch noch gleichzeitig die Interaktion des Systems (die Selbstreferenzialität) am Hals.

Systemtheoretiker kriegen systematisch an diesem Punkt einen "dicken Hals" und kommen an ihre Grenze: Wenn sie ihren Blick auf die Bewusstseinssysteme richten (fokussieren), verlieren sie die Interaktion aus den Augen. Wenden sie sich der Interaktion zu, bleiben die Bewusstseine außen vor! Beides zugleich ist nicht zu sehen: Strukturelle Kopplung "als solche" kann nicht beobachtet werden, sondern nur, wie Systeme damit um-gehen, dass sie eine Um-Welt haben (vgl. ausführlicher hierzu Nebel/Woltmann-Zingsheim 1997b).

Gruppen als Soziale Systeme kommunizieren interaktiv, d. h. sie bilden sich immer dann, wenn mindestens zwei Bewusstseinssysteme anwesend sind. Aber nicht dann, wenn die anwesenden Bewusstseine es wollen, sondern Kommunikation setzt mit der gegenseitigen Wahrnehmung ein. Blicke sagen mehr als das tausend Worte. Kommunikation ist nicht an Sprache gebunden. Man kann nicht nicht kommunizieren, sagen Paul Watzlawick (1969) und seine KollegInnen von der Palo-Alto-Gruppe.

Und wenn die Mitglieder einer Gruppe auseinander gehen, wenn das Treffen beendet ist, endet auch das soziale System. Und sobald sie beim nächsten Mal wieder zusammenkommen und sich wahrnehmen, setzt erneut Kommunikation ein, ein neues Interaktionssystem beginnt.

Was passiert denn nun eigentlich, wenn sich Menschen zusammenfinden und über den Augenblick hinaus zusammenbleiben wollen, müssen, dürfen, können?

Für die "synchrone Struktur" der Gruppe, also für das "aktuelle, konkrete Wie" der Kommunikation - für den Augenblick im Hier und Jetzt - gab es schon Ende der 60er Jahre brauchbare Ansätze und Modelle. Allen voran ist hier wohl Paul Watzlawick und die Palo-Alto-Gruppe mit ihrem Unterscheidungsmodell von "Inhalts- und Beziehungsaspekt" und später dann auch Schulz von Thun mit dem, was wir das "Vier-Ohren-Modell" der Kommunikation zu nennen uns angewöhnt haben.

Unsere Interventionen richten sich genau auf das Wie der Kommunikation.

Das ist aber nicht das Besondere an der Sozialen Gruppenarbeit. Bereits vom ersten Augenblick an erzeugt die Kommunikation der Gruppe eine eigene Wirklichkeit, die so ist wie sie ist, die aber auch immer ganz anders sein könnte.

Soziale Gruppenarbeit beschäftigt sich daher (nach unserem systemischen Verständnis) im wesentlichen damit, die verschiedenen Variationsmöglichkeiten ein und desselben Themas, der Autopoiese, sichtbar zu machen.

Das Besondere an der Sozialen Gruppenarbeit ist die Orientierung an der diachronen Struktur der Gruppe. Es ist der Versuch, der Autopoiese einen Sinn zu unterstellen, der über sie hinausgeht.

Groupworker schaffen damit ein Jetzt, ein Davor und ein Danach. Eine groupworkerische Rahmenerzählung wie das Entwicklungsstufenmodell garantiert nicht den Zusammenhalt einer Gruppe als soziales System, sondern beredet ihn. Es liefert für die Kommunikation der Gruppe ein spezielles Angebot der Selbstdefinition.

Mit der diachronen Rahmenerzählung kann weder die "wahre" Geschichte der Gruppe dokumentiert, noch für die Zukunft des Systems vorgesorgt, bzw. die synchrone Interaktion sicher gestellt werden. Im besten Fall wird irritiert.

Groupworker informieren lediglich die Gruppe über eine mögliche Bedeutung des sozialen Geschehens!

Das Developmental - Model gibt "zu denken" - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur du denkst, du hast ein leichtes Spiel. Schau mir in die Augen ..." Interaktion als Spielverderber? Sie kennen doch auch die Situationen, auf die Sie sich besonders gut vorbereitet haben und die dann ganz anders ablaufen, als sie sich gedacht(!) haben. Tennisspieler denken dann gerne, sie seien "irgendwie mental nicht gut drauf" gewesen. Social Groupworker gehen davon aus, dass die Interaktion das Spiel entschieden hat und sorgen ggf. für Trostpreise - auch für sich selbst.

Gruppen eine diachrone Rahmenerzählung wie das Developmental Model einzureden, hat sich bewährt. Sie verbindet sinnhaft frühere und zukünftige Interaktionen mit dem synchronen Hier und Jetzt, stiftet Sinn.

Zusammen mit Bernd Woltmann-Zingsheim habe ich einmal Gruppen mit jenen unrasierten Typen verglichen, "die morgens aus dem Bett fallen, sich an nichts erinnern, vor den Spiegel im Bad treten und sagen: "Ich kenn Dich nicht, aber ich rasier Dich trotzdem".

Nur Social Group Worker reden einem solchen Typen ein, dass er jemand ist (Selbstdefinition), der gestern schon was erlebt hat (Geschichte) und gleich noch irgendwohin muss (Vision). Wozu sollte er sich sonst rasieren?"


Literatur:

Garland, J. A., Jones, H. E., Kolodny, R. L. (1965): A model for Stages of Development in Social Group Work Groups. In: Bernstein, S. (Ed.): Explorations in group work: Essays in theory and practice. Boston University, School of Social Work, Boston, reprinted: Practitioners Press, Hebron, Con. 1978: 17-71, dt.: Ein Modell für die Entwicklungsstufen in der Sozialarbeitsgruppe. In: Bernstein, S., Lowy, L. (Hg..): Untersuchungen zur Sozialen Gruppenarbeit, Lambertus, Freiburg 1969: 43-102

Kersting, H.J., Krapohl, L. (1987): Das Developmental Model (Entwicklungsstufenmodell) der sozialen Gruppenarbeit. In: Krapohl, L.: Erwachsenenbildung. Spontaneität und Planung, Kersting-IBS, Aachen: 252-261.

Kersting, H. J. (1991): Intervention: Die Störung unbrauchbarer Wirklichkeiten, in: Bardmann, T. M., Kersting, H. J., Vogel, H.-Chr., Woltmann, B.: Irritation als Plan. Konstruktivistische Einredungen, Kersting-IBS, Aachen.

Kersting, H.J. (2001): Die Kybernetik der Supervision. Oder: Warum der Schäl gerne vier Vögel wäre. In: Das Gepfefferte Ferkel. Online-Journal für systemisches Denken und Handeln, www.ibs-networld.de/ferkel, 9.

Luhmann, N. (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp. Frankfurt am Main.

Maturana, H. R., Varela, F. J. (1970): F. Biology of Cognition, Report 9.0, Biological Computer Laboratory, Department of Electrical Engineering, University of Illinois, USA.

Maturana, H.R., Varela, F.J. (1987): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Scherz, Bern, München, Wien.

Nebel, G., Woltmann-Zingsheim, B. (1997a): Nur so und immer anders: Zur Autopoiese der Sozialen Gruppe(narbeit). In: Dieselben (Hg.): Werkbuch für das Arbeiten mit Gruppen. Texte und Übungen zur Sozialen Gruppenarbeit, Kersting-IBS, Aachen: 17-27.

Nebel, G., Woltmann-Zingsheim, B. (1997b): Total von der Rolle? Von Gruppen und Personen. In: Nebel, G., Woltmann-Zingsheim, B. (Hg.): Werkbuch für das Arbeiten mit Gruppen. Texte und Übungen zur Sozialen Gruppenarbeit, Kersting-IBS, Aachen: 83-93.

Watzlawick, P., Beavin J. H., Jackson, D. D. (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Huber, Bern/Stuttgart/Wien.


Der Autor

Georg Nebel

  • Industriekaufmann, Dip.-Soz.Arb.
  • Geschäftsführer des Instituts für Beratung und Supervision Aachen - IBS
  • Supervisor DGSv, Lehrender Supervisior (SG), Leiter für Gruppendynamik GPP, Groupworker AASWG, NLP-Master, Organisationsberater
  • 1. Vorsitzender des Geschäftsführenden Vorstandes des Deutschen Roten Kreuzes, Kreisverband Aachen
  • Hauptberuflich Leiter des Referats kirchliche Jugendarbeit im Kirchenkreis Jülich


Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002


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