Lehre mich, nicht zu lernen

von Heidi Neumann-Wirsig und Gabriele Treiber (Februar 2002)

Lehren ist nicht möglich! Diese provokative Aussage wird systemisch-konstruktivistisch begründet. Sie stellt neue Herausforderungen an Lehrende. Lernen ist möglich! Die Konsequenzen, die sich aus beidem ergeben werden in diesem Beitrag vorgestellt.

Wenn man wie wir seit vielen Jahren Kolleg/innen in systemischer Beratung aus- und weiterbildet, stellt man sich unweigerlich die Frage, wie sich ein konstruktivistisch-systemisches Konzept sowohl in den Inhalten als auch in der Didaktik der Fortbildung präsentieren kann. Was bedeuten die Grundaussagen des Konstruktivismus, daß wir Menschen unsere eigene Wirklichkeit erfinden, für Lehren und Lernen?

Unsere derzeitigen Antworten auf diese Fragen wollen hier skizzieren:

Wir erkennen die Welt nicht so, wie sie "wirklich" ist, sondern wir konstruieren unsere Wirklichkeit mit unseren Sinnen, Gedanken und Gefühlen. Unterschieden wird zwischen Welt und Wirklichkeit wie zwischen der Landschaft und der Landkarte. Nicht die Dinge an sich beunruhigen uns, sondern die Bedeutung, die wir ihnen geben. Diese Annahmen basieren auf Untersuchungen von H. Maturana u.a., die zeigen, daß wir sozusagen mit dem Gehirn "sehen". Unser Gehirn ist ein funktional geschlossenes, rückbezügliches System, das nur mit seiner eigenen inneren Eigenart arbeiten kann. Dieses Prinzip der Autopoiesis beinhaltet, daß wir Menschen autonom gegenüber unserer Umwelt sind und nicht instruiert werden können.

Wenn wir als Lehrende "A" sagen, passiert nicht zwangsläufig "A" beim Lernenden. Die Art und Weise, wie er seine Wirklichkeit konstruiert, bestimmt, daß er nach "A" vielleicht "XY" lernt. Jede Erkenntnis ist eine Konstruktion, die den Erkennenden einschließt. Menschen lassen sich nicht belehren. Sie denken eigenwillig und eigenständig, und was dem einen plausibel und passend (viabel) erscheint, kann für den anderen zusammenhanglos und unpassend sein. Wissen läßt sich nicht vermitteln, denn Lernen ist ein selbst gesteuerter Prozeß, bei dem Umweltereignisse (z.B. Unterrichtsstoff) lediglich Auslöser (Perturbationen) für kognitive Operationen darstellen. Wir lernen das, was wir als bedeutungsvoll wahrnehmen und an die eigene Struktur anschließt, oder anders ausgedrückt: Menschen lernen was sie als viabel, relevant und integrierbar erleben. Beim Lernen wird Wissen vom Lernenden aktiv in einen bestimmten Handlungskontext eingefügt und nicht einfach übernommen. Lernen ist ein rekursiver Prozeß. Aus den Einwirkungen der Umwelt werden Informationen, indem der Mensch sie als passend ansieht und in seine Wirklichkeitskonstruktionen hinein nimmt. Wir wissen, was wir sehen, und gleichzeitig sehen wir, was wir wissen.

Der Lernimpuls beruht auf der Differenz zwischen Vertrautem (den bisherigen Wirklichkeitskonstruktionen) und dem Neuen (z.B. Lerninhalt). Diese Differenz muß ausgeglichen werden, um handlungsfähig zu bleiben. Der Mensch versucht zunächst sich das Neue mit den bisherigen Deutungsmustern zu erklären. Dabei nimmt er vom Neuen vor allem das wahr, was mit den bisherigen Erfahrungen übereinstimmt, für seinen Lebens- und Arbeitskontext bedeutsam ist und mit vorhandenem Wissen erklärt werden kann. Wenn sich das Neue aber als etwas völlig Unerwartetes herausstellt, das mit den bisherigen Erfahrungen nicht übereinstimmt, entsteht eine Irritation, die nur aufgehoben werden kann, indem die Deutungsmuster, d.h. die Strukturen, verändert werden. Zusammengefaßt kann man sagen, daß die Differenz ausgeglichen wird, indem die bisherigen Erfahrungen bestätigt und in einem anderen Kontext wahrgenommen werden, oder andere Deutungsmuster oder –strukturen entstehen.

Eine Veränderung der Deutungsmuster ist häufig mit einer Veränderung der Selbstbeschreibung d.h. der Identität verbunden. Wenn Lernen die Anpassung und/oder Veränderung von Deutungssystemen ist, dann bedeutet Lehren den konstruktiven Umgang mit Deutungen aller Beteiligten. Und Lernende können die Deutungsangebote anderer z.B. der Lehrenden, aber auch der Mitlernenden als Bausteine zur Konstruktion einer neuen, anderen Wirklichkeit nutzen.

Lernen ist so gesehen eine konstruierende "Tätigkeit", ein individueller, autonomer Prozeß der Aneignung subjektbedeutsamer Wirklichkeit, der von außen nicht gesteuert werden kann.

Gleichzeitig ist der Mensch ein soziales Wesen, das über Kommunikation und Interaktion mit anderen intersubjektive, gemeinsame Wirklichkeiten erzeugt. Es sind sogenannte Bedeutungssysteme die entstehen, oder anders ausgedrückt: Systeme sind im Konstruktivismus Interaktionen, die sich innerhalb zwischenmenschlich erzeugter Wirklichkeiten ereignen. Um Verständigung und sozialen Anschluß zu erreichen werden über die Sprache Begrifflichkeiten gebildet und ausgetauscht. Trotz dieser gemeinsamen Begriffe deuten Menschen, die sich gleichzeitig in der gleichen Situation befinden, diese unterschiedlich und reagieren entsprechend unterschiedlich. Das Mißverstehen oder das Aneinandervorbeireden ist der kommunikative Normalfall.

Diesen Gesetzmäßigkeiten unterliegen sowohl Lernende als auch Lehrende. Lehr-Lern-Situationen konstituieren sich als Bedeutungssysteme, indem die jeweils subjektiven Sichtweisen ausgetauscht und miteinander verschränkt werden.

Auch die Lehrenden verfügen nicht über Wahrheiten, sondern über ihre Konstrukte, die jedoch - auf den Lerninhalt bezogen - anders sein sollten als die der Lernenden. Zusammen bilden Lehrender und Lernender ein zirkuläres System, das vielgestaltig, differenziert und lebendig ist, d.h. es ist ein Zusammenppiel komplexer Wechselwirkungsabläufe.

Wenn Menschen als lebende Systeme nicht instruierbar sind, sie sich als nicht belehrbar erwiesen haben, sondern autonom ihren "Wissenserwerb" selbst organisieren, was bleibt uns Lehrenden dann noch zu tun?

Auf jeden Fall heißt es Abschied nehmen von einer normativen Pädagogik und der Annahme, daß Wissen eine Kopie der Wirklichkeit ist. Lehrende sind dann Moderatoren von Selbstorganisation und zuständig für die Voraussetzungen, daß Lernen geschehen kann.

Wenn Lernen nicht linear geschieht, sondern zirkulär, innerhalb eines Bedeutungssystems, dessen Mitglieder jeder gleichzeitig Lehrende und Lernende sind, dann heißt das, sich Verabschieden von der "Expertenrolle" und entwickeln einer "Mit-lern-Rolle".

Was muß ein Lehrender, der sich systemisch-konstruktivistisch orientiert also können?

Lehren ist konstruktivistisch gesehen das Ermöglichen von Lernen. Das bedeutet das Bereitstellen von Erfahrungsmöglichkeiten, das Gestalten von Kontexten, in denen Lernen möglich, aber nicht notwendig ist. Professionelles Handeln von Lehrenden ist, folgt es konstuktivistischen Ideen, keineswegs fatalistisch zu nennen, sondern eher anspruchsvoll und läßt sich so formulieren: Lehrende

Lernprozesse werden unterstützen, wenn

Lernprozesse sind - pointiert ausgedrückt - Kooperationsprozesse, die einer eigenen Entwicklungslogik folgen und relativ zukunftsoffen sind.


Die Autorinnen

Heidi Neumann-Wirsig

  • Geboren 1950, Dipl.-Soz.Arb.,
  • Supervisorin DGSv, Lehrsupervisorin in Deutschland und der Schweiz,
  • Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. (DGSv) von 1989-1992,
  • Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Gesellschaft für Organisationsberatung, Training und Supervision BTS,
  • Leiterin der Supervisionsausbildung bei BTS,
  • Mitveranstalterin der Supervisionstage in Freiburg,
  • Trainerin und Coach in Wirtschaft und Verwaltung,
  • Veröfftlichungen zur Systemischen Supervision,
  • Forschungsschwerpunkt: Lösungsorientierte Beratung.

Brühler Ring 31
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Gabriele Treiber

  • Dipl.-Soz.Päd., Dipl.-Päd.
  • Systemische Familientherapeutin
  • Referentin im Diakonischen Werk der EKD


Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002


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