Systemische Leitideen in der Praxis der Erziehungs- und Familienberatung

von Kurt Pelzer (September 2001)

1. Zusammenfassung

Systemische Konzepte sind besonders geeignet, den vielfältigen Anforderungen von Erziehungs- und Familienberatung gerecht zu werden. Nach einer kurzen Beschreibung der Grundlagen der Beratungsarbeit - und ihrer Unterschiede zum Gesundheitssystem - will der Beitrag dies entlang verschiedener systemischer Leitideen belegen.

2. Einleitung

Schon der Name "Familienberatung" legt nahe, dass in diesem Arbeitsfeld vorwiegend familientherapeutisch ausgebildete und engagierte Fachleute tätig sind. Entsprechende statistische Erhebungen der jeweiligen therapeutischen Zusatzausbildungen von Erziehungs- und Familienberatern/-innen belegen diese Vermutung.

Systemische Ansätze, wie sie sich innerhalb der familientherapeutischen "Szene" in den letzten Jahren durchgesetzt haben, sind offenbar in der Lage, passende Antworten, Konzepte und Handlungsansätze auf die Fragen und Herausforderungen dieses Arbeitsbereiches zu liefern. Andererseits wird die Bedeutung "institutioneller Beratung" für das Blühen und Entwickeln systemischer Arbeitskonzepte deutlicher angesichts der Schwierigkeiten, den dieser Ansatz nach der ablehnenden Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirates im Bereich des Gesundheitssystems zur Zeit hat und vielleicht noch länger haben wird.

3. Grundlagen der Erziehungs- und Familienberatung

Das Praxisfeld der Erziehungs- und Familienberatung, ursprünglich einmal zwischen Gesundheitswesen, Jugendhilfe und Bildungsbereich angesiedelt, ist heute eindeutig dem Bereich der Jugendhilfe zugeordnet und hat seine Rechtsgrundlage im Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII). Die "Hilfen zur Erziehung", wie sie in den §§ 27 u. 28 ff KJHG beschrieben sind, bieten dem Bürger einen Rechtsanspruch auf die "Gewährung pädagogischer und damit verbundener therapeutischer Leistungen".

Die Jugendhilfe vor Ort, d.h. Jugendhilfeausschüsse und Jugendämter sind verpflichtet, eine entsprechende Sicherstellung dieses Rechtsanspruches in der jeweiligen Kommune zu gewährleisten. Zu den Säulen dieser Arbeit gehören neben der kostenlosen Inanspruchnahme die Verschwiegenheit und die Niedrigschwelligkeit des Angebotes. Bereits im Gesetzestext des § 28 zur Erziehungsberatung wird das Zusammenwirken von Fachkräften verschiedener Fachrichtungen, die mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen vertraut sind, gefordert. An anderer Stelle fordert das KJHG, "junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung zu fördern, Benachteiligung zu vermeiden und abzubauen bzw. dazu beizutragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu erschaffen" (§ 1 Abs. 3). Entsprechend breit gestalten sich die Anfragen, die heute an institutionelle Beratung herangetragen werden, sowie die methodischen und fachlichen Ansätze, mit denen die Nachfrage zufriedengestellt werden soll.

Man könnte die Frage, wer kommt denn eigentlich zu Erziehungs- und Familienberatungsstellen, zunächst mit einem der traditionellen Symptomkataloge beantworten. Hier fände man dann von Ängsten, Depressionen, Entwicklungsverzögerungen, Hyperaktivität, Dissozialität, Magersucht, Zwangsstörungen, Legasthenie usw. eine ganze Palette sogen. Störungsbilder, wie sie auch in den entsprechenden diagnostischen Katalogen des Gesundheitssystems zu finden sind ( z.B. ICD 10).

Im Gegensatz zu eben diesem Gesundheitssystem ist jedoch die diagnostische Feststellung einer bestimmten symptomatisch beschriebenen Krankheit nicht die notwendige Eintrittskarte zu der entsprechenden therapeutischen Beratung.

Die Einengung auf ein krankheitsspezifisches Störungsbild und entsprechend individuell angelegte sogen. "heilkundliche" Behandlungsmethoden, verführen eher dazu, lebensweltorientierte Zusammenhänge zu übersehen oder die oft hilfreiche Einbeziehung weiterer relevanter Personen in die Behandlung zu vermeiden. Der einzelne Mensch wird reduziert auf sein Symptom, so wie es beispielsw. im Alltag von Kliniken zu beobachten ist, wo man weniger von Patient A oder B, sondern von "dem Blindarm" oder "der Schädelfraktur" auf Zimmer 107 spricht.

Die gerade z. Zt. heiß diskutierten Strukturmängel des Gesundheitswesens, nämlich dass der Arzt - wenn er denn nur wirtschaftlich denken würde - mehr an chronifizierter Krankheit als an Heilung verdient, steuern geradewegs auf den finanziellen Kollaps hin. Auch das eiserne Festhalten an der "Objektivität von Diagnosen" - beim gebrochenen Knochen noch nachvollziehbar - wird bei komplexen "Krankheiten" oder psychosomatischen Wechselwirkungen immer zweifelhafter. Der flotte Spruch: "Drei Ärzte - vier Diagnosen" ist sicher Ausdruck allzu tief sitzender Vorurteile. Aber die Kennzeichnung von Diagnosen als im besten Fall höchstmöglichen intersubjektiven (wissenschaftlichen) Konsens, der nicht unabhängig ist vom Kontext (Zeit, Kultur etc.), erscheint auch aus erkenntnistheoretischer Sicht angemessener.

Heinz von Foerster brachte es auf den Punkt, indem er sagte: "Objektivität ist die Illusion, dass Beobachtungen ohne einen Beobachter gemacht werden könnten".

Und schon Epiktet bemerkte: "Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen über die Dinge".

Die "Meinung" des Patienten (und seiner Umgebung) über sich und seine "Krankheiten" beeinflusst Symptomatik, Heilerfolge, Rückfälle und anderes. Schon der Glaube an die guten (weil teuren) Tabletten ist Ausdruck subjektiver Wirksamkeit. Will der Patient eine "gute" (lange u. teure?) Behandlung, muß er sein Leiden nachdrücklich beschreiben, nicht etwa seine Heilungskompetenzen (was kann ich beitragen, damit's besser wird). So werden ungewollt Krankheitsidentitäten gefördert, die keinen anderen Gesprächsstoff mehr kennen.

Das; psychosoziale Beratungswesen hat sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund anderer Finanzierungsmöglichkeiten und gesetzlicher Anbindung (s.o.) den notwendigen Freiraum erhalten, der vor den impliziten Fallen des traditionellen medizinischen Weltbildes schützen kann. Der freie und kostenlose Zugang garantiert, dass jeder/jede Ratsuchende erst mal mit der ihm ureigenst individuellen Beschreibung der Fragestellung, des Problems oder der Zielsetzung in ein Erstgespräch kommen kann. Es genügt nachzuweisen, dass (auch nur indirekt) das Familienleben bzw. die Entwicklung von Kindern behindert oder gefährdet ist.

Als gutes Beispiel mag die "Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung" dienen (§ 17 KJHG), gerade weil man die zentrale Bedeutung destruktiver Trennungsmuster bei Paaren für die betroffenen Kinder erkannt hat. Oder auch umgekehrt, die Bedeutung konstruktiver Trennungsmöglichkeiten für den Erhalt einer positiven Eltern-Kind-Beziehung und damit positiver kindlicher Entwicklungsmöglichkeiten.

Dem "Klienten" oder manchmal auch "Ratsuchenden" oder gar "Kunden" genannten Menschen, der zum Erstgespräch in eine Beratungsstelle kommt, stehen also erst einmal relativ viele Möglichkeiten offen, sich selbst, seine Frage und sein Problem zu definieren.

Wolfgang Schrödter schrieb bereits in seinem 1991 erschienenen Gutachten zu den Regeln des fachlichen Könnens in der psychosozialen Beratung : "Ratsuchende sehen sich nicht als "krank" im heutigen allgemeinen Verständniss dieses Begriffes und sie suchen in aller Regel keine "Behandlung". Statt dessen erwarten Ratsuchende Klärung, Begleitung, Problemlösung und Entscheidungsfindung, manchmal auch Informationen " (Seite 356).

Und weiter: "Ratsuchende erwarten von Beratungsgesprächen eher eine unmittelbare Veränderung in ihren Beziehungs- und Lebensverhältnissen und infolgedessen eine Veränderung ihrer momentanen Befindlichkeit.

Oder sie möchten in einer zugespitzten Krise zu einer baldigen Entscheidungsfindung und entsprechenden konkreten Handlungen fähig werden. Sie möchten ihr Leben bald wieder in die eigene Regie nehmen können. Ratsuchende erwarten in der Regel weniger eine langwierige Arbeit an inneren psychischen Prozessen, deren Geschichte und Verflochtenheiten. Im Begriffsystem einiger psychotherapeutischer Schulen werden solche Menschen nicht selten als wenig geeignet zur Therapie bezeichnet. Sie entsprechen nicht dem Lehrbuchmodell einer gut organisierten psychischen Krankheit, dass heißt einer systematisch eingrenzbaren Störung, die mit erheblichem inneren Leidensdruck bei ausgeprägter Ich-Stärke und gut entwickelter intrinsicher Therapiemotivation einhergeht." (Seite 357)

4. Systemische Leitideen

4.1. Flexibilität, Prozessorientierung und Zirkularität

Die Erwartungen der Ratsuchenden erscheinen zunächst sehr vielseitig und unterschiedlich und sie wollen, damit letztendlich Zufriedenheit entsteht, flexibel "bedient" werden. Hier ist ein erster Punkt, an dem sich aufzeigen läßt, wie die praktische Nachfrage mit Konzepten systemischer Ansätze in diesem Arbeitsfeld zusammenpaßt.

Auch der/die systemisch vorgebildete Therapeut/Berater(in) geht zunächst einmal nicht von fest diagnostizierten Krankheits- oder Störungsbildern aus. Getreu einer konstruktivistischen Erkenntnistheorie bleibt man (wohlwollend) kritisch zu den oben erwähnten "objektiven" Diagnosen. Man bleibt achtsam für die Neben- und Fernwirkungen, die eine bestimmte Fremd- oder Selbstdiagnose für Denken, Fühlen und Verhalten einer Person implizieren. Eventuell versucht man durch eine bestimmte Art des Nachfragens hier wieder neue Freiräume, evtl. auch "Irritationen", in Gang zu bringen, um neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Ich erinnere an eine anekdotisch überlieferte Begegnung von Gunthard Weber mit einem älteren Herrn, der auf die Frage, weswegen er denn zu ihm gekommen sei, antwortete: "Ich habe eine Psychose". Weber fragte als nächstes: "Haben Sie sie denn auch heute dabei?" und öffnete so einfach, aber wirkungsvoll neue Denkhorizonte.

Traditionelle Diagnostik behält zwar ihren Platz und ihren Wert, wird aber auf einer Meta-Ebene überprüft. Diagnose und Therapie wird aus einem linearen Verständnis (erst das eine, daraus folgt zwingend das andere) herausgelöst und in ein prozessorientiertes zirkuläres Vorgehen übersetzt, wo "Beschreibung" und "Intervention" in einer reflexiven Schleife korrigiert werden können. So vermeidet man auch langwierige, aber erfolglose Behandlungen, die manchmal nur dadurch zustande kommen, dass der/die Therapeut/in an seiner/ihrer Erstdiagnose eisern festhält.

Es steht dem Klienten im Erstgespräch frei, entweder zuerst von seiner Magenschleimhautentzündung, seinen Paarkonflikten, seinen Selbstwertzweifeln, seinem beruflichen Streß, seinen Kindheitsgeschichten oder auch seinen Zukunftswünschen zu sprechen.

Flexibilität gilt auch für das Setting (wer wann an welcher Sitzung mit welchem Thema in welchen Abständen teilnimmt), sowie für die Beendigungskriterien. Auch der Erfolg wird nicht "objektiv", sondern durch die gemeinsame Überprüfung ermittelt, inwieweit der geschlossene Kontrakt erfüllt ist.

4.2. Kontraktorientiertes Vorgehen

Die Bedeutsamkeit des Erstgespräches innerhalb der Beratungsstellen wird deutlich, wo es darum geht, aus dem - wie auch immer - formulierten Anliegen des/der Ratsuchenden einen sinnvollen Kontrakt, d.h. eine Verabredung aller Beteiligten zu schmieden. Voraussetzung hierzu ist die Selbstdefinition des Beraters/ der Beraterin bzw. seiner/ihrer institutionellen Regeln, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, sowie die Suche nach einer Passung von Klientenanliegen und Beratermöglichkeit. Sehr oft muß dazu das Anliegen erst einmal umgearbeitet, erweitert und verändert werden, um einen Kontrakt erst zu ermöglichen.

Dazu ein Beispiel:

Zeigt sich beispielsweise in den ersten 20 Minuten, dass eine Mutter oder ein Vater mit dem zunächst einmal ausschließlichen Anliegen gekommen ist, über das unmögliche Verhalten ihres/seines Sohnes zu schimpfen, zu jammern und zu klagen und höchstens noch die implizite Erwartung zu äußern, dass jemand anderes diesen unmöglichen Bengel erzieht und ihnen selbst die Verantwortung dafür wegnimmt (ohne dass sie natürlich jemals auf die Idee kommen würden, juristisch das Sorgerecht abzugeben), müßte dem erst die Selbstdefinition des Beraters / der Beraterin entgegengestellt werden, dass man nicht anstelle der Eltern die Erziehungsverantwortung und damit die Aufgabe der positiven Veränderung des Jungen übernimmt, sondern eben nur im Verbund mit den Eltern und dem betroffenen Jungen.

Als nächstes wäre dann zu fragen, welche Effekte das Klagen und Schimpfen in der Vergangenheit bewirkt haben bzw. ob die Eltern auch bereit wären, andere Aktivitäten auszuprobieren, um ein dann noch genauer beschriebenes anderes Ziel (bessere Schulleistungen des Sohnes, angenehmerer Umgangston usw.) zu erreichen. Im Sinne eines prozessorientierten Vorgehens bleiben solche Ziele immer vorläufig und können jederzeit verändert oder erweitert werden.

Bedeutsam bleibt auf der Basis der bekannten Differenzierung von Steve de Shazer, dass der Ratsuchende auch eine Position eines Kunden einnimmt, d.h. a) einen Veränderungswunsch oder ein Ziel zu formulieren in der Lage ist und b) bereit und willens ist, auch eigene Aktivitäten, eigenes Mitmachen zu signalisieren, die dazu verhelfen, entsprechende Ziele zu erreichen. Nur so kann eine schon traditionelle Leitidee von Erziehungs- und Familienberatung, nämlich die Hilfe zur Selbsthilfe auch wirksam umgesetzt werden. Wo dies (noch) nicht möglich ist, muß eben noch eine Weile darum geworben werden, um zu einem konstruktiven Kontrakt zu kommen. In diesem Fall schließt man einen "Erkundungskontrakt" ab, um Zeit für die weiteren Verhandlungen zu gewinnen. Prozessorientiertes Vorgehen geht davon aus, dass Umwege und Sackgassen nie ganz vermeidbar, aber korrigierbar sind. Dies trägt entscheidend zur "Fehlerfreundlichkeit" einer Institution bei.

Es erfordert von Zeit zu Zeit einen bilanzierenden Dialog, ob man sich auf dem vereinbarten Weg befindet, die Richtung und das Ziel noch stimmen.

4.3. Die Orientierung an Ressourcen und Lösungen

Eine sehr populäre Leitidee systemischer Arbeit ist die Ressourcen-Orientierung. Manche Eltern werden immer noch vom Gang zu einer Beratungsstelle abgehalten durch die Besorgnis, dass man dort sowieso nichts besseres zu tun habe, als ihnen vorzuhalten, was sie alles falsch machen, bzw. auf ihren Defiziten "herumzureiten". Auch die Erfahrung mit traditionellen Formen der Jugendhilfe, wie sie beispielsweise heute noch in vielen Akten schriftlich dokumentiert ist, gibt berechtigten Anlaß zu der Vermutung, dass die Fachleute in der Hauptsache im Aufzählen und Beschreiben von Fehlern und Mängeln ihre Hauptaufgabe und damit ihre Daseinsberechtigung sehen.

Erst die systemisch inspirierte Erkenntnis, dass Wirklichkeiten (auch) durch Beschreibungen konstruiert werden, sorgte hier für mehr Vorsicht, wenn nicht gar für ein gelegentliches Umdenken.

Wenn, wie ich neulich in einer Ausbildungsgruppe entdeckt habe, eine Falldarstellung mit dem Titel "Die trinkende Mutter" versehen wird, so wird durch diese bewußte oder unbewußte Fokussierung ein bestimmtes Defizit einer bestimmten Person in den Vordergrund der Betrachtung gerückt und damit ein einfaches, monokausales Denken: "die böse Alkoholikerin und die armen Familienangehörigen" begünstigt. Entsprechend verstärken sich sogen. Tunnelblicke oder Haloeffekte, wo ein bestimmtes Merkmal beginnt, alle anderen zu dominieren.

Es wird schwerer, mögliche Ressourcen dieser Mutter oder auch mögliche Konfliktbeteiligungen der anderen am Geschehen differenziert zu betrachten.

Der defizitäre Blick des Fachmannes auf seinen Kunden kreiert auch eine besonders ungleiche Beziehung, nämlich die des problematischen oder minderwertigen "Mängelwesens" gegenüber einem nur so vor positiver Zuschreibung strotzendem Beraters.

An diesem übermächtigen Gegenüber werden dann entsprechend hohe Heilserwartungen (bei eigener Passivität) gesetzt, die diesen dann ironischerweise, nach einer Zeit heldenhaften Bemühens, verzweifeln läßt, da der Klient sich leider doch nicht so schnell bessern will. Nur auf der Basis einer solchen hartnäckig einseitigen Beziehungsgestaltung (aufgespalten in kompetent und inkompetent) läßt sich das Taumeln mancher Helfer von Allmachts- zu Ohnmachtsgefühlen verstehen. Ebenso die Verwunderung von Ratsuchenden, wenn herauskommt, dass auch Berater keine perfekten Persönlichkeiten sind, sondern Menschen, die z.B. rauchen, geschieden sind, Ängste oder Zweifel haben und längst nicht auf jede Frage eine Antwort wissen.

Eine von einer einseitigen Expertenrolle und damit einer Expertokratie weggehende Beziehungsgestaltung (ohne naive Gleichmacherei !) hilft einerseits dem Berater, weniger das Opfer seiner eigenen Allmachtsphantasien zu werden und fordert auf der anderen Seite den Ratsuchenden stärker als sonst heraus, mitzuwirken, Mitverantwortung zu übernehmen, nach eigenen Talenten zu forschen und darauf aufzubauen.

Das Fokussieren auf Ressourcen begünstigt weiterhin die Lenkung der Aufmerksamkeit auf Lösungen. Dem Klient und dem/der Berater/in gelingt der Schritt von - wie Gunther Schmidt es in einem Vortrag nannte - der "Problemtrance" in die "Lösungstrance". Spezielle Techniken dazu wie Skalierungsfragen oder "Wunderfragen" sind vor allem durch die Arbeiten von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg bekannt.

4.4. Bestätigung und "Erstmaligkeit"

Kommunikationstheoretisch gesehen sind zwei Elemente im Beratungsgespräch von zentraler Bedeutung. Zunächst die Bestätigung des Gegenübers, das Anknüpfen an positive Möglichkeiten oder zumindest positive Absichten, an Fähigkeiten, gezeigten oder verborgenen Kompetenzen. Und zum zweiten, das Suchen und Entwickeln sogen. Erstmaligkeit, die neue Wege des Denkens, Fühlens und Handelns eröffnet. Erstmaligkeit erzielt ein Berater dann, wenn er Reaktionen bekommt in der Art wie :"darüber habe ich bisher noch nie nachgedacht", "so habe ich das noch nie gesehen", "so fühlt sich das ganz anders an" oder auch: "das habe ich ja noch nie ausprobiert". In den drei Dimensionen des Denkens, Fühlens und Handelns geht es also darum, dem ethischen Imperativ Heinz von Försters zu folgen, der da lautet: "handle stets so, dass du die Zahl der Möglichkeiten erhöht," bzw. eine Sensibilität für den von Robert Musil beschriebenen Möglichkeitssinn zu entwickeln.

Auf der Basis der Kompetenzen des Klienten wird in der Begegnung mit dem/der Berater/in versucht, die konstruierten oder auch von außen vermittelten oder gesetzten Begrenzungen des Klienten zu erweitern. Hierbei wird unterstellt, dass Leiden in der Regel dort entsteht und sich verfestigt, wo Begrenzungen entweder in der Welt des Denkens, der Selbstbeschreibung und Selbstinszenierung oder auch in den emotionalen und handlungsspezifischen Möglichkeiten vorliegen. Dabei bleibt zu beachten, dass es jenseits aller Regelfälle auch immer entgegengesetzte Herausforderungen gibt.

4.5. Balance-Kompetenz

Dies erfordert eine weitere Fähigkeit, die ich im folgenden mit "Balance-Kompetenz" umschreiben möchte. So mag es, entgegen dem obig beschriebenen Vorgehen manchmal notwendig sein, bei bestimmten Klienten gerade einengend oder besser gesagt fokussierend zu agieren. Man könnte auch sagen, dass es einer Balance-Kompetenz bedarf, um sich zwischen den Polen "Struktur" und "Chaos" zu bewegen.

Verzettelt sich beispielsw. ein Klient in vielfältigen, ineinander verwickelten komplexen Problembeschreibungen, so erscheint es sinnvoll, ihn bei einer Prioritätensetzung zu unterstützen und das Betrachtungsfeld einzukreisen auf ein bestimmtes Teilziel und die Ressourcen, die zu dessen Bewältigung nötig sind. Auch vom Setting her braucht der unstete, von Aktualitätsdruck getriebene Klient eher die Sicherheit der Regelmäßigkeit, wohingegen es für den korrekten, strengen Denkmustern folgenden Ratsuchenden u.U. bereits eine positive Irritation (Erstmaligkeit) bedeuten kann, wenn die Abstände zwischen den Beratungsgesprächen jeweils neu nach aktueller Betrachtung gewählt werden.

Balance-Kompetenz ist weiterhin gefragt beim flexiblen Umgang mit den drei Zeitdimensionen "Vergangenheit", "Gegenwart" und "Zukunft".

Wo bei traditionellen Psychotherapien die Dimension der Vergangenheit überproportional stark im Vordergrund steht (Stichwort : Analyse der Kindheitserlebnisse), ist der Erwartungshorizont der Ratsuchenden oft mehr auf die Gegenwart gerichtet.

Aus systemischen oder hypnotherapeutischen Konzepten heraus hat sich die gelegentliche Konzentration auf zukunftsorientiertes Fragen und Arbeiten als fruchtbar erwiesen. Auch hier heißt Ausbalancieren, bei Klienten, die vorwiegend die Erzählform der Vergangenheit benutzen, stärker Gegenwart und Zukunft einzubringen und umgekehrt bei Klienten, die sich ausschließlich in der Gegenwart erzählend bewegen, Ausflüge in Vergangenheit und Zukunft zu machen.

Ein Ausbalancieren ist ebenso sinnvoll im Umgang mit den Dimensionen "Verändern" und "Beharren".

Während die traditionelle Aufteilung (s.o.) mehr der in Leiden und bei Problemen verharrende Klient mit dem Gegenüber des sich rasch auf die Seite der Veränderung schlagenden Beraters ist, hat insbesondere die bekannte "Mailänder Schule" die Wirksamkeit von Nichtveränderungsstrategien beschrieben. Dadurch, dass sich Therapeut oder Berater zunächst eher auf den Stuhl des Beharrens, des Nichtveränderns setzen, wird dem Klienten ermöglicht, sich langsam mit eigenen Veränderungswünschen und Veränderungsverhalten anzufreunden.

4.6. Die Nutzung von Geschichten und Metaphern (der narrative Ansatz)

Die Position der Nichtveränderung auf seiten des Beraters erlaubt es auch, zunächst einmal Raum und Zeit zu bekommen, eine sinnhafte Version der Problemgeschichte erzählen zu können und mittels einer solchen Sinngeschichte den Erklärungsbedarf auf der einen Seite zu stillen und Platz für Veränderungsstrategien zu schaffen. Solche Sinngeschichten können bereits bestimmte Lösungsideen enthalten. Diese Vorgehensweise des sogen. narrativen Ansatzes, der mit Hilfe von Geschichten und Metaphern eine bestimmte Problemkonstellation und vorhandene Kompetenzen und Ressourcen sinnhaft zu beschreiben versucht, löst den Klienten aus der unmittelbaren Betroffenheit und führt ihn in eine Geschichtenwelt, wo es eher gelingt, Lösungsideen und Handlungsoptionen zu entwickeln.

4.7. Lebensweltorientierung

Eine immer wieder in der Diskussion von Erziehungs- und Familienberatung geforderte Leitidee ist die Lebensweltorientierung, die den Menschen nicht losgelöst, sondern eben eingebettet in einer sozial vernetzten Lebenswelt betrachtet. Diese Idee der Vernetzung entspricht dem systemischen Denken, das weniger von der Vorstellung einer "Persönlichkeit" ausgeht, sondern von der zunächst mal abstrakten Idee, dass Beziehungen mindestens genauso relevant bei der Beschreibung von Wirklichkeiten sind wie Personen. Das heißt, was eine Person ist (besser : wie sie sich "zeigt"), läßt sich nicht nur aus sogen. inneren psychischen "Strukturen" erklären, sondern auch aus früheren und aktuell wirksamen Beziehungen. Auch eine noch so differenzierte Genom-Analyse wird nicht zurückführen zu einfachen Ursache-Wirkungserklärungen. Erst "Beziehungen", das jeweils andere Zusammenspiel von Genen, Neuronen, Organismen, Sozialsystemen und Kulturen liefern sinnhafte Hypothesen über die Evolution des Lebendigen. Nimmt man hier psychoanalytisches Gedankengut auf und definiert es ein wenig systemisch um, so geht es ja auch in der Psychoanalyse um die vergangenen "Beziehungsgeschichten" und die daraus entstandenen kognitiven und emotionalen Eigenarten.

Im Umkehrschluss bedeutet dies: will man, dass ein Mensch sich verändert, so muß man entweder etwas in seinen aktuellen Beziehungen, seiner Sicht der Beziehungsgeschichten oder seinen Visionen für zukünftige Beziehungen ändern.

Betrachtet man den Menschen vernetzt mit seiner Lebenswelt , ergeben sich sowohl bei der Erklärung als auch bei der Behandlung bestimmter Probleme mehr Ansatzpunkte. Getreu der Erkenntnis, dass Bewegung oder Änderungen in einem vernetzten System möglich sind, wenn nur an einer Stelle etwas in Gang kommt (bis hin zum berühmten Schmetterlingseffekt aus der Chaostheorie, wo bereits eine kleinste Bewegung zu größten Folgen führen kann), reicht es beispielsw. oft in einer Familientherapie, wenn bereits nur ein Mitglied einer Familie etwas Neues ausprobiert.

Nur diese eine Änderung kann u.U. das gewohnte Familienmuster oder Familienspiel unterbrechen und zu neuen Suchbewegungen führen. Diese Denkweise eröffnet auch neue Möglichkeiten systemisch orientierter Beratung, beispielsw. mit nur indirekt betroffenen Klienten. Längst ist man darüber hinaus gekommen, dass eine systemische Familientherapie die Anwesenheit aller Familienmitglieder erfordert. Auch die systemische Arbeit mit einem Einzelnen erlaubt es, Veränderungen im Gesamtsystem anzustoßen. wenn auch dies oft mühsamer ist, als bei der Beteiligung mehrerer relevanter Personen.

Lebensweltorientierung erinnert zudem daran, dass so "profane" Dinge wie Finanzen, Berufstätigkeit oder sogar Hobbys eine bedeutsame Rolle bei einer Konfliktkonstellation spielen können und dann auch ihren Platz in den "Lösungsgeschichten" brauchen.

Lebensweltorientierte Betrachtung führt öfter zur Einbeziehung anderer relevanter Bezugspersonen, wie z.B. Lehrer, Mitarbeiter der Jugendhilfe, Freunde etc..

Gerade wenn beispielsweise das familiäre Umfeld "katastrophal" erscheint, wird die Wichtigkeit von evtl. nur am Rande plazierten positiven Bezugspersonen deutlich. Ein Onkel oder eine Großtante, der Kioskbesitzer, der Fußballtrainer oder die Klavierlehrerin können entscheidende "Beziehungsgestalten" auf einem heilsamen Weg sein.

Besonders gute Erfahrungen machen Kollegen/innen offenbar mit der Einbeziehung von Freunden oder Freundinnen bei der Beratung von Jugendlichen und Heranwachsenden.

Abschließend sei festgehalten, dass Lebensweltorientierung ein Arbeitskonzept ist, das in Diagnostik und Therapie einfließt. Leider wird der Begriff oft so interpretiert, dass der/die Berater/in sich in der Lebenswelt der Klienten aufhalten solle (sog. Geh-Struktur). Dies alleine hat allerdings so wenig Nutzen wie die Vorstellung, dass die bloße Anwesenheit in einem Konzertsaal musikalisches Können fördere.

4.8. Systemkompetenz

Die Idee der Systemkompetenz wurde von Manteufel u. Schiepeck als ein Qualitätsmerkmal für psychosoziale Einrichtungen beschrieben. Sie erfordert reflektive Achtsamkeit für den Kontext und die Strukturen der Lebenswirklichkeiten von Klient und Berater. Schon seit der sog. Wende zur Kybernetik 2. Ordnung (Hoffmann 87) galt die Aufmerksamkeit nicht mehr nur der zu beratenden Familie, sondern dem Gesamtsystem von Berater/in und Ratsuchenden. Somit gelangten auch implizite Leitideen, Regeln und Aufträge der Beratungsinstitution in die Analyse des Prozesses, insbesondere wenn keine Entwicklung oder gar negative Tendenzen beklagt wurden.

Systemkompetenz soll den/die Berater/in fit machen, sich konstruktiv und kreativ im "Gestrüpp" seiner Institution zu bewegen, deren Eigendynamik zu verstehen und evtl. neue positive Anstöße geben zu können. Damit wird insgesamt wiederum die Fehlerfreundlichkeit (s.o.) einer Einrichtung erhöht und innovative Weiterentwicklung begünstigt.

4.9. Integrationsfähigkeit

Die zirkulär reflexive, das eigene Denken und den eigenen Kontext einbeziehende Vorgehensweise sollte gerade systemisch ausgerichtete Fachleute vor der Falle der Verabsolutierung des eigenen Ansatzes bewahren. Andere Denkschulen, Theorien und Methoden gilt es nicht unter dem Blickwinkel des Streits um das allein Seligmachende, sondern als alternative Wege und Bereicherung der Möglichkeiten zu verstehen.

Der sog. Multidisziplinäre Ansatz, wie im KJHG (§ 28) vorgeschrieben, ist ein Herzstück der Beratungsstellenarbeit. Insofern gibt es viele Erfahrungen mit der Integration von unterschiedlichen Berufsabschlüssen und Therapieschulen.

Respekt und Neugier sollten für den systemischen Berater nicht nur gegenüber den Klienten sondern auch für Kollegen/-innen und deren Arbeitsansätzen gelten.

Die Einsicht in die Begrenztheit von Erkenntnis, das Arbeiten mit (korrigierbaren) Hypothesen, die Konzentration auf anregende Fragen statt endgültiger Antworten, all dies hält systemisches Arbeiten offen für andere Ansätze und lädt ein zum gemeinsamen Suchen, anstelle einseitigem Wissen oder des Anspruchs, immer Recht zu haben. So wird eine solide Basis für integrative Teamarbeit ermöglicht, von deren Funktionstüchtigkeit jede Beratungsstelle abhängig ist.


Literatur:

Berg, I. Kim: Familien Zusammenhalt(en), Dortmund 1992, modernes lernen.

Boeckhorst, F.: Narrative Systemtherapie,, in Systema 8 (2) 2-22, 1994.

Cecchin, G.: Zum gegenwärtigen Stand von Hypothetisieren Zirkularität und Neutralität: Einladung zur Neugier, in: Familiendynamik 13, 1988, 190 - 203.

Hahn, K.: Systemische Erziehungs- und Familienberatung, Mainz 1993, Grünwald.

Hoffmann, L.: Grundlagen der Familientherapie,Hamburg 1982, Isko.Press.

Hoffmann, L.: Jenseits von Macht und Kontrolle,in : Zeitschrift für systemische Therapie 5 (2), 1987 76 - 93.

Loth, W.: Auf den Spuren hilfreicher Veränderungen,Dortmund 1998, modernes lernen.

Ludewig, K.: Systemische Therapie,Stuttgart 1992, Klett.

Manteufel, A. u. Schiepeck, G.: Systeme spielen,Göttingen 1998, Vandenhoeck & Ruprecht.

de Shazer, St.: Der Dreh, Heidelberg 1998, Auer.

von Schlippe u. Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, Göttingen 1996, Vandenhoeck & Ruprecht.

Schrödter,W.: Gutachten, Regeln des fachlichen Könnens in der in der psychosozialen Beratung, in: Wege zum Menschen 44, (351 - 371).

White, M.: Die Zähmung der Monster, Heidelberg 1990, Auer.


Der Autor

Kurt Pelzer

  • Jahrgang 1950,
  • Dipl.-Psychologe,
  • Leiter des Psychologischen Beratungszentrums Düren,
  • Fachbereichsleiter für systemische Beratung am Institut für Beratung und Supervision in Aachen (IBS),
  • Vorstandsmitglied der Systemischen Gesellschaft (Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung e.V.),
  • Mitbegründer des Zeitschrift Systhema.

Mail: pelzer.pbz@gmx.de


Veröffentlichungsdatum: 15. September 2001


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