"Gut aufgestellt?"

Der Streit um Bert Hellinger und seine "Aufstellungsarbeit"

von Kurt Pelzer (September 2003)

(Vortrag, gehalten am 27.03.2003 in Bonn)

Ein großer Saal, in dem sich über 200 Leute erwartungsvoll drängen, eine Bühne mit einem freundlich bebrillten weißhaarigen, älteren Herrn, neben ihm eine Frau.

Sie hat einen geschiedenen Mann, 2 Kinder und leidet an Krebs. Der weißhaarige Mann, Bert Hellinger, holt einen großen Holländer auf die Bühne. Der dünne grauhaarige Mann spielt schon zum dritten Mal den Tod; er trägt einen schwarzen Anzug.

"Die Kinder sind bei Deinem Mann richtig", sagt Hellinger zu der Kranken. Sie selbst stellt er neben den Tod : "Dein Platz ist hier". Die Frau starrt den Hellinger, sie hat Angst, sie weint laut, sie kann nicht mehr aufhören.

"Sag: mein Platz ist hier". Die Frau wimmert, sie schüttelt den Kopf. "Das ist die Wahrheit, sag es ganz klar". "Mein Platz ist hier", flüstert sie mit niedergeschlagenen Augen. Hellinger setzt nach :"lauter, schau ihn an". Dann baut er die Stellvertreter für Sohn und Tochter auf. Hellinger verkündet, was sich ihm zeigt.

"Die Tochter wird Dir nachfolgen in den Tod. Sie ist nicht zu retten". Die Krebskranke weint noch lauter. "Aber es gibt eine Lösung", wendet sich Hellinger ans Publikum. "Wenn kein Geheimnis daraus gemacht wird, dass die Mutter sterben will, kann die Tochter leben". Dann lächelt er seine Klientin an. "Der Tod ist wunderschön, weißt Du das ? Die Engel stehen ums Grab". Die Frau wimmert noch, sie zittert, sie schluckt.

Dann nickt sie und versucht ein Lächeln. Hellinger schaut ihr lange mit einem hypnotisierenden Blick in die Augen, der entfernt an den eines schläfrigen Katers erinnert. "Sieht sie nicht glücklich aus"? fragt Hellinger dann ins Publikum. "Danke, das war's dann".

So beschreibt Beate Lakotta in dem 9.2.2002 erschienenen Spiegelartikel mit dem Titel "Danke lieber Papi" ein Stück der Arbeit Bert Hellingers im spanischen Toledo. Spätestens seit diesem Artikel gibt es in der Therapieszene und auch anderswo teilweise erbitterte Debatten um das Wirken des 1925 geborenen ehemaligen katholischen Ordenspriester Bert Hellinger. Der Mann spaltet. Die Kluft zwischen Anhängern und Kritikern läuft quer durch Therapieverbände, Beratungseinrichtungen und private Gruppierungen.

Gunthard Weber, Heidelberger Arzt und Psychotherapeut aus der Schule Helm Stierlins, gilt als der Entdecker und Förderer Hellingers für die therapeutische Welt. Er war es, der vor Jahren das Wirken Hellingers als Variante der Systemischen Therapie nutzbar machen wollte und den Meister durch die Herausgabe von Büchern und Videos im Heidelberger Carl-Auer-Verlag einem breiten Publikum zugänglich machte. Noch heute verdient der Verlag sich daran eine goldene Nase.

Die Aufstellerszene umfaßt heute mehr als 2.000 Therapeuten und Therapeutinnen. Viele mit zweifelhafter Reputation, aber auch etliche, wie z.B. Weber, die einen guten Ruf unter den Professionellen genießen.

Ende April, Anfang Mai dieses Jahres veranstaltet die Internationale Arbeitsgemeinschaft "Systemische Lösungen nach Bert Hellinger e.V." eine internationale Tagung zu Systemaufstellungen mit dem Titel "Leidenschaft und Verantwortung im Herzen von Konflikten" - Aufstellungen von Familien, Organisationen, Volksgruppen u. Nationen.

Die drei Themenbereiche der Tagung sind:

  1. Friedens- und Versöhnungsarbeit in Aufstellungen,

  2. Stand der Kunst der Organisationsaufstellungen und von Strukturaufstellungen,

  3. Grundlage Neuentwicklungen und brennende Themen der Aufstellungsarbeit,

Es nehmen u.a. als Referenten teil:

Was bewegt diese Menschen, die sich offensichtlich nicht von dem oben zitierten Spiegelartikel abschrecken lassen, unter der Flagge Bert Hellingers zu segeln oder dies nicht so genau realisieren?

Auf einer Podiumsdiskussion der Deutschen Gesellschaft für Systemische Familientherapie in Freiburg habe ich G. Weber gefragt, ob hier nicht verzweifelte, aber ehrliche Hoffnungen, z.B. nach Versöhnung und Frieden auf einen fundamentalistischen Allmachtswahn stoßen, der verspricht, mit einer Ideologie und den daraus abgeleiteten Methoden (fast) alles meistern zu können. Dann sei es doch nur ein kleiner Schritt zu der Forderung, George Bush und Sadam Hussein von B. Hellinger aufstellen zu lassen, damit sie ihre unbewußten Verstrickungen begreifen und dann (vielleicht beide?) zurücktreten würden.

Weber reagierte verärgert, schwenkte aber später wieder auf einen konsensfähigen Kurs. Er habe vor, in einer seiner nächsten Publikationen sich von den Schattenseiten Hellingers zu distanzieren und von dessen unberufenen Jüngern, jedoch die positiven Möglichkeiten der Methode des Aufstellens für Therapie, Organisationsberatung usw. zu fördern und zu erhalten. Man wird abwarten müssen, in welcher Form dies geschieht und wie die Aufstellungsszene darauf reagieren wird.

Die Systemische Gesellschaft, Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung, hat in einem Positionspapier eine ähnliche Richtung gewiesen. Während man sich zunächst deutlich von Hellingers Haltung und Ideologie distanziert und vor allem feststellt, dass Aufstellungsarbeit keine systemische Therapie sein kann, will man doch die Methode der Aufstellung für die Praxis nutzbar erhalten und auch den Draht zu den seriösen Teilen der Aufsteller nicht ganz verlieren.

Den zugrundeliegenden Arbeitsansatz, das szenische Arbeiten mit Personen, hat Hellinger im Prinzip auch gar nicht erfunden, sondern er wurde bereits von Moreno und den Vertretern des Psychodramas entwickelt und angewandt. Und auch die Amerikanerin V. Satir fand großen Zuspruch mit ihrer seit den 70iger Jahren praktizierten Familienskulpturarbeit.

Was unterscheidet Hellinger von diesen Vorläufern?

Da ist zunächst die Inszenierung auf einer Bühne vor einem großen Publikum, die Hellinger vor allem in den letzten Jahren praktiziert (und wenn man den Gerüchten glauben darf, zur Zeit wieder Abstand davon nimmt) und zum anderen die bereits erwähnte ideologische Haltung.

Zum 1. Punkt zitiere ich aus der Stellungnahme der Systemischen Gesellschaft:

"Ursprünglich einem begrenzten Teilnehmer/innen-Kreis aus Fachleuten präsentiert, wird das Verfahren seit mehreren Jahren zunehmend in großen Veranstaltungen in einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt. Ein Innenkreis von Klienten, Menschen, die in oft sehr dramatischen Notlagen stehen, wird in Anwesenheit eines Außenkreises von 300 bis 500 Personen behandelt. In diesem Kontext kann nicht mehr sichergestellt sein, dass ausschließlich Fachleute und ihre Klienten teilnehmen. Vielmehr werden Inszenierungen veranstaltet, denen ein Showcharakter nicht abzusprechen ist, wie das breite Medienecho zeigt.

Die Vermarktung der Aufstellungsarbeit ist höchst bedenklich. Hier ist aus unserer Sicht zu befürchten, dass der Nutzen, den die Betroffenen von dieser Arbeit haben, den potentiellen Schaden nicht aufwiegt. Diese Art der Praxis läßt sich in weiten Teilen nicht mit den Grundsätzen systemischer Therapie vereinbaren. Vor allem dann, wenn sie in anonymen Großworkshops durchgeführt wird und nicht getragen ist von Kontakt und persönlicher Beziehung. Es ist unsere Sorge, dass hier eine virtuelle Realität von großer hypnotischer Überzeugungskraft erzeugt wird, ohne gleichzeitig von dem Fundament einer tragenden persönlichen Beziehung gedeckt zu sein."

Nehmen wir an, Hellinger würde in Zukunft nicht mehr in Großveranstaltungen sondern nur im vertrauten Rahmen einer kleineren Gruppe arbeiten. Dann kämen wir zum zweiten und sicherlich zentraleren Punkt: wie unterscheidet man "verbraucherfreundliche", die Menschenwürde achtende seriöse Therapie von zweifelhaften Formen ? Welche "Haltung" braucht ein Therapeut vielleicht auch ein Pädagoge, ein Seelsorger usw.?

Ich möchte für meinen Teil diese Frage zuspitzen auf die Alternative zwischen dem "Bekenntnis" zur reflektierten Achtsamkeit und professioneller Bescheidenheit auf der einen Seite, sowie fundamentalistischer (Leicht-)Gläubigkeit und missionarischer Besserwisserei auf der anderen. Die Tatsache, dass das Wörtchen "Glauben" - wenn auch etwas verborgen - auf der von mir so definierten kritischen Seite steht, macht den Diskurs auch im kirchlichen Bereich so spannend. Er führt nämlich geradewegs auf die Frage zu: Wo nutzt und wo schadet welcher Glaube?

Doch setzen wir noch mal bei Hellinger an. Was glaubt er und welches Glaubenssystem vermittelt er seinen Anhängern?

Geht man davon aus, dass Bert Hellinger früher als Missionar tätig war, so läßt sich u.U. folgern, dass das auch immer noch der Kern seines Wirkens ist. Der Missionar wird zum Guru, wenn er ein geschlossenes Denk- und Überzeugungssystem aufgebaut hat, wenn er selbst von dessen ausschließlich positiven Wirken überzeugt ist, wenn er sich im Besitze der Wahrheit wähnt und sich einem kritischen Dialog mit Andersdenkenden geschickt entzieht oder den Dialog nur in Bekehrungsabsicht nutzen will. Um dies noch einmal zu verdeutlichen, zitiere ich Ausschnitte aus einem Artikel des Aachener Psychoanalytikers Michael Hilgers (erschienen Okt. 2000 im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt):

"Mit einer Mischung aus theologischen Phrasen und mystischen Geschichten, einfachen Wahrheiten und absoluten Werturteilen, behauptet Bert Hellinger, umfassende Hilfe für alles und jeden bieten zu können. Respekt und Demut gegenüber Eltern und Familienangehörigen fordernd, behandelt Hellinger seine Patienten anmaßend und unverschämt, respektlos und in der Attitüde des Allwissenden."

Ein weiterer Fall :

Hellinger hat die Behandlung selbst in einem seiner Bücher festgehalten:

Ein Mann hat seit einem Jahr Knochenkrebs.

Hellinger zur Gruppe, der er die Geschichte darstellt: "Er wird sterben. Er geht nicht raus aus der Verstrickung". Zum Patienten: "Deine Wut ist Dir wichtiger. Was hast Du Deinem Vater angetan?"

Patient trotzig: "Das weiß ich nicht".

Hellinger: "Hast Du ihm was angetan?"

Patient: "Das wüßte ich nicht."

Hellinger: "Hast Du ihn verachtet?"

Patient mit fester Stimme: "Ja."

Hellinger: "Das ist es."

Patient: "Er hat mich ..."

Hellinger: "Was der Vater gemacht hat, spielt keine Rolle. Was Du machst, ist entscheidend. Stelle Dich wieder neben die Schwester."

Zur Gruppe: "Was jetzt fällig wäre, dass er sich hinkniet und sich tief vor seinem Vater verneigt. Das bringt er nicht fertig. Er stirbt lieber als dass er das macht".

Zum Patienten: "Stimmt das?"

Patient:"Nein."

Hellinger: "Willst Du es machen?"

Patient: "Ich will es probieren."

Hellinger: "Nicht probieren. Willst Du es machen?"

Patient mit fester Stimme: "Ja."

Hilgers führt dazu aus:

"Der krebskranke Patient erfährt vor allem eines : Er selber ist es, der an seiner Erkrankung Schuld ist. Die medizinisch bizarre Idee, die Wahl zwischen Leben und Tod zu haben, gilt der Beschimpfung des Kranken, der sich daraufhin ergibt. Der tut dann, was verlangt wird, um wenigstens nicht von der Gruppe ausgestoßen zu sein, wenn er schon das Gefühl hat, aus dem Leben gestoßen zu werden.

So verwundert es nicht, dass Hellinger korrigierende Erfolgskontrollen seiner Behandlung ablehnt. 'Das nimmt nur Kraft weg', womit er sicher nicht falsch liegt, denn die Kraft, die weggenommen würde, wäre in erster Linie die Selbstherrlichkeit, mit der er ans Werk geht."

Was ist das für eine Ordnung, die Hellinger meint, die er beispielsw. in seinem Buch "Ordnungen der Liebe" immer wieder direkt oder indirekt darlegt?

Zur Veranschauung noch zwei weitere Beispiele aus Hellingers Arbeit, entnommen eben genanntem Buch:

1. Beispiel :

Zur Arbeit mit einer kinderlosen Frau, die ein Mädchen adoptiert hat, als es fünf Tage alt war.

Nachdem Hellinger wie üblich die Stellvertreter gefragt hat, wie es ihnen geht, wendet er sich zur Gruppe und sagt: "Also, diese Frau hat ihre Rechte verspielt. Die Mutter, die ein Kind frei gibt zur Adoption, hat ihre Rechte verspielt. Rechte auf das Kind haben hier nur der Vater und seine Familie. Das Kind gehört ja nicht nur zum Vater, sondern auch zu seiner Familie, zu seinen Eltern, Brüdern und Schwestern. Da gehört das Kind hin".

"Aber dieses System" und dabei zeigt er auf die leibliche Mutter "das Muttersystem hat alle Rechte verspielt." Dann wendet er sich zu der Adoptivmutter: "Also, das mit der Adoption war kein guter Versuch."

Die Frau: "Was heißt das?"

Hellinger: "Wir haben gesehen, was das heißt. Um es in Ordnung zu bringen, muss das gemacht werden, was Du hier gesehen hast. Du kannst Dich jetzt selber hinstellen an Deinen Platz, wenn Du möchtest."

Die Frau, nachdem sie sich hingestellt hat: "Mir ist es nicht gut an dem Platz."

Hellinger: "Nein?"

Die Frau: "Weil ich den Kontakt zum Kind nicht habe."

Hellinger: "Du bist nicht zu retten ..." lange Pause "... so ist das."

Die Frau: "Wie ist das?"

Hellinger: "Ja so, Du bist nicht zu retten, habe ich gesagt. Okay, das war’s dann."

2. Beispiel:

Eine Frau, die seit 2 Wochen weiß, dass sie Brustkrebs hat (ihre Mutter ist vor neun Jahren auch an Brustkrebs gestorben).

Nach der Aufstellung der Familie zielt Hellinger auf die verschiedenen Männerbeziehungen der Frau: "Du hast sie alle verspielt."

Zur Gruppe sagt er weiter:"Merkt Ihr, wie sie mit denen umgeht, ohne Rücksicht auf sie. Sie denkt gar nicht daran, was der erste Mann fühlt und was der zweite Mann fühlt. Da ist überhaupt kein Mitgefühl mit den Männern sichtbar. Sie meint, sie könnte das nach ihrem Gutdünken machen. Jetzt sitzt sie zwischen den Stühlen, das ist das Ergebnis." Wieder zur Frau gewandt: "Krebs ist manchmal Sühne. Brustkrebs ist nach meiner Beobachtung manchmal Sühne für Unrecht, das einem Mann angetan wurde." Wieder zur Gruppe: "Ihrem ersten Mann wurde großes Unrecht getan und dem Sohn, weil ihm der Vater weggenommen wurde." Als die Frau protestiert, fährt er fort: "Was hier legal ist, spielt für mich keine Rolle. Der Sohn muß nach dem Vater genannt werden, damit er sich gut fühlt." Zur Gruppe: "Hier sieht man das Mutterrecht. Merkt Ihr das, wenn es um die Kinder geht, bestimmen die Frauen alleine." Zur Frau gewandt: "Ich lasse es mal so stehen und bei Dir wirken."

Neben einer latenten Frauenfeindlichkeit und einem alten patriarchalischen Führungsmodell wird hier vor allen Dingen eine schrecklich vereinfachende psychologisierende Erklärung von Krebserkrankungen geliefert.

Die berufs- oder szenenspezifische Verzerrung bei Erklärungsversuchen komplexer Probleme oder Krankheiten wird leider auch in der Öffentlichkeit zu wenig hinterfragt. Macht man eine kleine Umfrage zu den vermuteten Ursachen von Krebs und beginnt man beispielsweise beim Bioladen-Händler, so wird man sicherlich etwas von Umwelteinflüssen und Schadstoffen in der Nahrung hören. Geht man dann weiter zu einem Hellinger-Anhänger, wird der einem überzeugt von schuldhaften Verstrickungen im Familiensystem berichten. Fragt man den Genetiker, wird er auf den alles entscheidenden Einfluss der Erbfaktoren verweisen.

Fragt man schließlich einen Medizinstatistiker nach den Ursachen für die wachsende Zahl von Krebserkrankungen, wird er in erster Linie die gestiegenen Alterserwartungen benennen (da Krebs im wesentlichen eine Alterskrankheit ist, kommt er automatisch bei einer Bevölkerung mit hoher Alterserwartung häufiger vor).

Es ist wie in der kleinen Geschichte, von den fünf Menschen, die im Dunkeln einen Elefanten ertasten und von ihrer speziellen Wahrnehmung (leider meist falsch) auf die Beschaffenheit des ganzen Elefanten schließen.

Hellingers Ordnungsvorstellungen werden im o.g. Spiegelartikel so beschrieben:

"Jeder soziale Körper, ob Staat, Organisation oder Familie ist in naturgegebenen hierarchischen Ordnungen organisiert. Kein Mensch löst sich ungestraft von seiner Sippe. Die Frau folgt dem Mann, Kinder haben keine Rechte gegenüber ihren Eltern, der Erstgeborene hat Vorrang vor dem Zweitgeborenen. Begriffe wie Ehre, Demut und Sühne bestimmen das Weltbild des Ex-Geistlichen. Verletzt ein Mitglied die Ordnung, verstrickt es sich in Schuld und Krankheit. Scheidung und Tod sind die Folge. Klienten, die die Lösung zur Wiederherstellung der Ordnung nicht akzeptieren, haben verspielt: 'Er wird sterben.', 'Er geht nicht raus aus der Verstrickung.'.

Die Heilung erfolgt durch eine Art kathartische Unterwerfungsgeste.

Als Lösung muß die Klientin vor dem Darsteller ihres Vaters auf die Knie. Die Patientin weint. 'Den Kopf runter', sagt Hellinger, 'bis auf den Boden. Arme nach vorne, Handfläche nach oben. Und jetzt sag: Lieber Papi, ich gebe Dir die Ehre'."

Das Glaubensgebäude Hellingers zeigt sich als konservativ katholisch patriarchalisches Weltbild, das als gottgegeben richtig wahrgenommen wird. Es ähnelt dem anderer christlich fundamentalistischen Eiferern, die überall auf der Welt gegen Abtreibung, Scheidung, Homosexualität und Emanzipation der Frau zu Felde ziehen und die Lösung von diesen Geißeln der Welt in einer von ihnen proklamierten "natürlichen" Ordnung sehen.

In der Märzausgabe (03) von "Psychologie heute" zeigt Klaus Weber die Verstrickungen der Hellingerischen Terminologie in faschistisches und antisemitisches Gedankengut auf: "Hellinger benutzt in seinen Texten ideologische Figuren, die direkt an die faschistische Ideologie anknüpfen und er arbeitet therapeutisch an der "freiwilligen" Zustimmung leidender Menschen zu ihrem "Schicksal" und damit an ihrer Selbstunterwerfung."

Die stürmische Entwicklung der letzten 50 Jahre hat die Welt pluralistischer, komplexer und globalisierter gemacht. Die Weltbilder von Gemeinschaften können nicht weiter in der Abgeschiedenheit einer Insel oder eines Bergtales konstant und stabil bleiben, sondern sehen sich zunehmend den Fragen und dem Wettbewerb mit anderen Weltbildern ausgesetzt. Die Missionare, die unterwegs sind, um den einen und wahren Glauben zu verkünden, stoßen immer häufiger auf andere, die das gleiche für sich in Anspruch nehmen. Die Vernetzung und Internationalisierung bedeutet den Verlust der Eindeutigkeit zugunsten einer Vieldeutigkeit. Aus einem Universum wird ein Multiversum. Aus der einen Wahrheit werden viele Wahrheiten. Wissenschaft und Philosophie haben dies schon lange Zeit vorhergesehen. In der Tradition von Kant und Popper hält sich die kritisch rationale Erkenntnis, dass jede These falsifizierbar sein muß. In der modernen Physik fand man heraus, dass auch Naturgesetze nur in einem bestimmten Kontext gültig sind und in anderen nicht. Die Relativitätstheorie und Quantenmechanik schufen viele für das Alltagsdenken paradoxe Erkenntnisse. Neurobiologie und Erkenntnistheorie kamen schließlich zu dem Schluss, dass Nervensystem und neuronale Verschaltungen autonom, d.h. selbstorganisiert arbeiten und somit die Idee einer objektiven Erkenntnismöglichkeit verworfen werden muß.

Uns bleibt also der Dialog, die scientific community, der Fortschritt durch reflexiven Zweifel. Auf der Strecke bleibt der Wunsch nach Eindeutigkeit, nach Einfachheit und nach Gewißheit.

Dies ist für viele Menschen nicht nur kränkend sondern auch zutiefst verunsichernd und ängstigend. Besonders die Benachteiligten und Verlierer der globalisierten Entwicklung wenden sich also vermehrt denen zu, die wieder einmal und immer wieder Gewißheit, Ordnung und Wahrheit ex cathedra verkünden. Die Entwicklung des politisch fundamentalistischen Islam ist auch hier ein aktuell bedrohliches Beispiel. Empfehlenswert ist hierzu das Buch des Nobelpreisträgers V.S. Naipaul "Eine islamische Reise", der an vielen Beispielen aufzeigt, wie dieser Prozess zur Radikalisierung führt. Das tagtäglich erlebte Unrecht soll eben rasch durch die Einführung der Scharia, das feudalistisch korrupte Staatswesen durch den Gottesstaat, die gestörten und verunsicherten Identitäten durch den festen Glauben genesen.

Die Geschichte hat des öfteren schon die häßliche Seite der im Prinzip wohlmeinenden Weltverbesserer und Utopisten aufgezeigt. Ob nun die klassenlos glückliche Gesellschaft eines Marx, die schließlich zu Stalin oder Honecker führten, ob der Gottesstaat eines Khomeini, ob die Parole "am Deutschen Wesen soll die Welt genesen" oder die Kreuzzüge vergangener oder evtl. auch künftiger Zeiten : Die Verführung, Andersgläubige oder gar Widerständler gegen die eigenen, das Paradies versprechenden Zielideen zu verfolgen und zu bekämpfen und somit selbst zum Täter zu werden, ist offenbar riesengroß.

Auch in der modernen westlichen Welt erschafft der Hunger nach Orientierung und einfachen Antworten für komplexe Probleme immer wieder Menschen, die dies mehr oder weniger autoritär und ohne Irrtumsvorbehalt anbieten.

Zumindest in der Protestantischen Tradition nimmt die Erkenntnis der Irrtumsfähigkeit einen bedeutsamen Raum ein. Hierzu möchte ich aus der Dürener theologischen Erklärung des früheren Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, zitieren:

"Gott spricht zu uns im Worte irrtumsfähiger Menschen, die keine Weltanschauung anbieten, sondern ihr Vertrauen und die Erfahrungen ihres Vertrauens bezeugen."

Im Kommentar zu der Erklärung heißt es weiter: "Das Wort Gottes läßt so Freiheit zur Entscheidung. - Indem das Wort Gottes diesen Raum der Freiheit läßt, erweist es sich gerade als menschenfreundliches Wort Gottes."

Die vielen Jünger, die einem Hellinger folgen, sind wohl auch von der eigenen Macht fasziniert, das "Richtige" zu sehen, zu verkünden und den Menschen Heil zu bringen - wie sie es wohl selbst glauben. Den so genannten "Stellvertretern", die in der Gruppe oder auf der Bühne in der Aufstellungsarbeit die Rollen der Familienangehörigen einnehmen, suggerieren sie auf eine esoterisch anmutende Art Unfehlbarkeit. Hierzu wird eine Theorie des umstrittenen Physikers Rupert Sheldrake über "morphogenetische Felder" herangezogen. Daraus bastelt man die Idee, dass diese Stellvertreter in der Aufstellung ein "wissendes Feld" darstellen, die sie zum Sprachrohr einer unbewußten "wahren" Lösung werden läßt.

Natürlich hat der einzelne Mensch auf der Bühne keine Chance auf eigene Meinung und Gefühl gegen die geballte Kraft einer gesamten "wissenden Gruppe" inklusive des Meisters. Der Meister selbst hat schließlich noch genügend Spielraum, die Aussagen des "wissenden Feldes" auf seine Art zu interpretieren. Solche Anleihen lassen es dann nicht verwunderlich erscheinen, dass die Aufstellungsarbeit von der Esoterikszene nur zu gern aufgenommen wird, was beispielsweise auch von G. Weber kritisiert wird.

In einem Artikel aus dem "Focus" Magazin Nr. 26/2002 wird beispielsweise beschrieben:

"Reinhold Kopp´s Karriere ist nicht untypisch für einen alternativen Psychoheiler. Vor 10 Jahren hängte der damals 30-jährige seinen ursprünglichen Beruf (Friseur) an den Nagel, ging nach Indien und erlernte Yoga. Zurück in München ließ er sich als Psychoheilpraktiker nieder und offerierte Behandlungen nach verschiedenen esoterischen Methoden.

Die beruflichen Kenntnisse von einst befähigen Kopp außerdem - behauptet er jedenfalls -, aus dem Zustand der Haare eines Klienten auf dessen Seele zu schließen und dies so zu bearbeiten, dass selbst Glatzenträger wieder Locken sprießen. Momentan der Hit in seinem Angebot sind jedoch Aufstellungen.

Kopp: "Die haben sehr zugenommen". Bis zu 40 Interessenten kommen in seine Wochenendgruppen und inszenieren dort unter seiner Anleitung reihum ihre Probleme. Besonders unter Frauen ist die wundersame Seelenkur beliebt. Etwa ¾ der Klienten sind weiblich. In nur 10 bis 60 Minuten führt eine Aufstellung angeblich sicher zum Erfolg. Reinhard Kopp formuliert im Brustton der Überzeugung: "Bei Aufstellungen kommt immer, immer, immer die Wahrheit ans Licht."

Seine Münchener Kollegin, Christine Alex, ebenfalls gut im Geschäft, verspricht ihren Kunden: "Sie erhalten in kurzer Zeit einen maximalen Erkenntnisgewinn."

Die Armada von praktizierenden "Nach Bert Hellinger" (der Name des Meisters gilt als Markenzeichen), begnügt sich jedoch nicht mehr damit, bloß Familienprobleme zu beheben, auch um zerstrittene Paare, um Eltern mit Erziehungsproblemen und verzweifelte Lehrer wirbt man. Mit Organisationsaufstellungen soll der lukrative Markt der betrieblichen Weiterbildung erschlossen werden.

Collin Goldner fragt in seinem Buch "Die Psychoszene": Wer lobt eigentlich Hellingers Arbeit?

Dazu gehört der Ganzheitsmediziner Ingfried Hobert, der sie zusammen mit Bachblütentherapie, Kinesiologie und schmanistischen Ritualen zu den Heilweisen für das neue Jahrtausend zählt.

Der schwäbische Johanniterhof bietet Familienaufstellung mehrfach an, angeboten von Leuten aus der Osho-Bewegung. Auch die schwäbische Reinkarnations-Therapeutin und Geistheilerin Iris Shanti Sautter veranstaltet einwöchige Familienaufstellungs-Seminare auf Korfu. Der Leiter der Hellinger-Ausbildung an der Bayrischen Gesellschaft für ganzheitliche Medizin ist Peter Griester, vormals Gemüsegärtner und Körpertherapeut im Esoterikzentrum Colomann.

Hugo Stamm kommt in einem Artikel des Züricher Tagesanzeigers zu dem Ergebnis: "Die meisten Hellinger-Therapeuten kommen aus der Esoterikszene und arbeiten sonst als Reikimeister, Heiler, Astrologen, Tarotberater, Atemtherapeuten usw ..."

Mehr Sorgen als das Blühen Hellingerisches Wirken in der Esoterikszene, wo statt dessen sonst eben Reinkarnations-Therapie und Rebirthing angeboten würde, macht die Verbreitung in traditionellen Feldern von Therapie und Beratung. So argumentiert auch G. Weber immer wieder damit, dass hunderte von niedergelassenen Psychotherapeuten, Erziehungs-, Ehe- u. Lebensberatern und andere Profis aus dem psychosozialen Leben schließlich die Seminare besuchten oder eine entsprechende Weiterbildung machten. Dies ist ein weiteres Argument für die Notwendigkeit der kritischen Reflexion therapeutisch, beraterischer Arbeit in einer möglichst interdisziplinären Team- oder Supervisionsgruppe. Auch an den Volkshochschulen grassieren die Versuche arbeitsloser Lehrer oder unterbeschäftigter Heilpraktiker mit Aufstellungsarbeit ins Geschäft zu kommen.

Ich möchte Sie ermutigen, hier bei Anfragen eine differenziert kritische Stellung zu beziehen.

Wenn wir eingangs unterschieden haben zwischen der fragwürdigen ideologischen Haltung Hellingers einerseits und der durchaus seriös anwendbaren Methode andererseits, so sollten wir abschließend den Rahmen definieren, unter dem Familienaufstellungen oder auch Team- und Organisationsaufstellungen sinnvoll sind. Hierzu möchte ich noch mal zurückgreifen auf die Stellungnahmen der beiden systemischen Verbände in Deutschland (Systemische Gesellschaft (SG) und Deutsche Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie (DGSF)):

"Die systemische Therapie, ein aus der Familientherapie hervorgegangener Ansatz der Psychotherapie, beruht auf einem Verständnis des Menschen, welches ihn als Individuum und zugleich unausweichlich soziales Wesen betrachtet.

Probleme, Störungen und psychische Beeinträchtigungen, die zum Aufsuchen einer Therapie motivieren, werden in Zusammenhang mit mißglückten Situationen verstanden, die im menschlichen Miteinander und in Beziehungen passieren.

Systemische Therapie strebt es an, diese sozialen Zusammenhänge zu verstehen und zu verändern. Therapeutische Veränderung bedarf dabei eines behutsamen und respektvollen Umgangs und keiner leichtfertigen Anpassung an normative Vorstellungen. Im Wissen darüber, dass hilfesuchende Menschen gegenüber Psychotherapeuten in aller Regel verunsichert und daher leicht suggestiv beeinflußbar sind, muß ein psychotherapeutischer Prozeß, der unmäßige Verängstigung und einseitige Abhängigkeit vermeiden will, mit emphatischer Sensibilität, gerade für diesen Umstand durchgeführt werden.

Respekt vor der Eigenart und der Autonomie der Hilfesuchenden ist in hohem Maße erforderlich.

Familienaufstellungen können als eine Methode innerhalb der systemischen Therapie eingesetzt werden, wenn folgende systemische Grundprinzipien gewahrt bleiben:

  1. Die Neutralität und Allparteilichkeit gegenüber Personen und Ideen,

  2. das therapeutische Postulat, die Wahlmöglichkeit der Klienten/innen zu erhöhen,

  3. das therapeutische Selbstverständnis, dass die Klientin oder der Klient jeweils Fachfrau oder Fachmann für die eigenen Ziele ist und die Therapeuten sich darauf beschränken, gute Bedingungen für neue Lösungsmöglichkeiten zu schaffen,

  4. die Aussagen von "Stellvertretern" werden als Hypothesen gewertet und den Klienten wird jeder Zeit die Möglichkeit belassen, sie als momentan nicht nützlich zu verwerfen,

  5. die Familienaufstellungen sind in einem längeren Prozeß von systemischer Therapie oder Beratung eingebettet und nur einen Bestandteil eines beraterischen Prozesses darstellen,

  6. die Familienaufstellungen dürfen nur von Therapeuten/innen oder Beratern/innen durchgeführt werden, die eine anerkannte Fortbildung absolviert haben und beraterisch-therapeutische Praxiserfahrung mitbringen.

  7. nicht Bert Hellinger als Normen setzender Guru, sondern ein breiter wissenschaftlicher Diskurs von Fachleuten definiert die Methodik der Familienaufstellung und entwickelt sie weiter."


Der Autor

Kurt Pelzer

  • Jahrgang 1950,
  • Dipl.-Psychologe,
  • Leiter des Psychologischen Beratungszentrums Düren,
  • Fachbereichsleiter für systemische Beratung am Institut für Beratung und Supervision in Aachen (IBS),
  • Vorstandsmitglied der Systemischen Gesellschaft (Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung e.V.),
  • Mitbegründer des Zeitschrift Systhema.

Mail: pelzer.pbz@gmx.de


Veröffentlichungsdatum: 07. September 2003


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