"Das erinnert mich an eine Geschichte"

Narrative Konstruktionen in der systemischen Therapie

von Kurt Pelzer (Juni 2005)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen!

"Lange Jahre war man davon überzeugt, wenn man sich in der Therapie und in der Theorie der Therapie möglichst metaphernfrei ausdrücke, zeige man damit die Zunahme von Rationalität, Bewusstheit und Vernunft. Die Metapher galt als das Unklare, das ins Genaue übersetzt, als das emotional Irrationale, das durch Klarheit ersetzt werden sollte und die Reinheit der Logik als jener Wert, der am höchsten besetzt werden sollte." So Michael Buchholz in seinem Artikel über Metaphern und ihre Analyse im therapeutischen Dialog.

Über Metaphern und Erzählungen gelangen das Vieldeutige, das Unberechenbare, das sich mäandrierend Fortbewegende, das humorvoll Verspielte und auch das Paradoxe ins therapeutische Gespräch.

Paul Ricoeur plädiert für den Gebrauch von Metaphern, um die Grenzen traditioneller Logik zu verwischen und so neue Ähnlichkeiten sichtbar zu machen.

Ross Ashby meinte einmal, dass jedes System eine Quelle des Zufälligen benötige, um ein neues Organisationsmuster zu schaffen. Dazu schrieb Bradford Keeney:

"Es dürfte nützlich sein, Therapie so zu begreifen, dass sie eine bestimmte Form eines bedeutsamen Rauschens einführt, aus dem das System neue Muster und Bedeutungen konstruieren kann. Geschichten, Erzählungen, Scherze, Aufgaben und Rituale usw. sind einige Möglichkeiten, wie TherapeutInnen ihre KlientInnen mit wichtigen Quellen des Rauschens versorgen können."

Auch dieser erzählende Vortrag mutet Ihnen bewusst den Verzicht auf ordnende Power-Point-Strukturen zu und lädt Sie eher zu einer Wanderung oder einem Spaziergang entlang einem rauschenden Bach ein. Es mag dabei sanfte Abschnitte geben, wo man über blühende Wiesen schlendert, die Sinne geöffnet für Bilder, Gerüche und Geräusche. Es mag steile Anstiege geben, die volle Konzentration und Trittsicherheit erfordern. Falls mal der Eindruck entstehen sollte, sich verlaufen zu haben, könnte man innehalten und einen neuen Weg suchen. Dann wieder kann es andere Strecken geben, die träumerisches Wandeln erlauben, wobei man die Umgebung nur unbewusst aufnimmt und sich hinterher gar nicht mehr daran erinnert, wo man eigentlich langgegangen ist.

Unser erster Schritt führt uns zu Gregory Bateson, einem der letzten Universalgelehrten, dessen kleine "Computergeschichte" Sie ja schon in der Einladung für den heutigen Abend lesen konnten.

Bateson benutzte erfundene Dialoge mit seiner wirklichen Tochter, (sogenannte Metaloge), um komplizierte Sachverhalte wie z.B. Fragen um den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und das Phänomen der Entropie auf eine plaudernde und unterhaltsame Art anzugehen. Jede Energie bedarf der Herausbildung von Ordnung und jede Ordnung wiederum strebt in einem geschlossenen System zu ihrer Auflösung, zum sog. Wärmetod. Bateson lässt seine Überlegungen hierzu mit der Frage seiner Tochter beginnen: "Papa, warum kommen die Dinge eigentlich immer durcheinander?"

Es entspannt sich ein Gespräch, das scheinbar vielen mehr oder minder alltäglichen Fragen nachgeht, neue aufwirft und einen schmunzelnd nachdenklich zurücklässt, ohne dass man sich von zuviel theoretischer Physik erschlagen und überfordert fühlt.

Nun nehmen wir einmal an, auch Sie hätten eine Tochter, die gerade 17 Jahre alt geworden wäre: In einem Gespräch über Ihre Arbeit fragt Ihre Tochter Sie dann unvermittelt: "Mama - oder Papa-, was ist eigentlich Zirkularität?"

Drei Varianten möglicher Elternantworten möchte ich Ihnen jetzt vorstellen.

Die erste ist dem Buch "Die Sprache der Familientherapie" von F. Simon, U. Clement und H. Stierlin entnommen:

Unter dem Stichwort "Zirkularität" ist dort zu lesen:

Eine Folge von Ursachen und Wirkungen, die zur Ausgangsursache zurückführt und diese bestätigt oder verändert. Dasselbe gilt für die Prozesse des Argumentierens und des logischen Schließens. Das einfachste technische Modell der Zirkularität ist der sogen. Regelkreis, das begriffliche Gegenstück die Gradlinigkeit oder Linearität. Zirkuläre Prozesse, bei denen zahlreiche Elemente eines Systems sich in ihrem Verhalten auf komplizierte Art und Weise gegenseitig bedingen, sind das Hauptinteressensgebiet der Kybernetik und der Komplexitätstheorie. Ein Großteil der Phänomene unserer Welt lässt sich nur erklären, wenn man die Wechselwirkungen verschiedener Variablen erfasst. Das gilt vor allem für evolutive Prozesse, Prozesse der Aufrechterhaltung und des Gewinns von Stabilität und Homöostase, der Entwicklung und Veränderung von Systemstrukturen.

Die sich in diesem Zusammenhang ergebenden Fragen versucht die Kybernetik ganz allgemein für Systeme, unabhängig von deren materieller Beschaffenheit zu beantworten. Sie sind auch für die Familientherapie von vorrangigem Interesse."

Zum zweiten versuchen Sie es bei Ihrer Tochter mit einer Metapher:

"Also das ist wie mit dem Wasserkreislauf:

Es regnet, es bilden sich Bäche und Flüsse, die sich wieder zu größeren Flüssen vereinigen und dann zum Meer fließen. Dort verdunstet das Wasser, steigt gasförmig auf, bildet Wolken und fällt als Regen wieder zurück auf die Erde. Dieser Kreislauf in der Natur hat selbst keinen Anfang und kein Ende. Wenn aber der Mensch einen Teil nicht wahrnimmt(z.B die Verdunstung), er aber andererseits furchtbar gerne die Ursache für etwas wissen will, erfindet er einfach für ein Phänomen (den Regen) eine Ursache (den Regengott etc.)."

Auch Goethe nutzte im übrigen die Wassermetapher, um seine Sicht über die menschliche Seele zu verdichten:

Des Menschen Seele
Gleichet dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
zum Himmel steigt es.
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
ewig wechselnd.

Es gibt auch noch andere, ältere Bilder von Kreisprozessen. So wird im Buddhismus die Idee des Samsara, des Daseinskreislaufs, gelegentlich mit dem Bild der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beisst, symbolisiert.

Fügt man geometrisch gesehen dem zweidimensionalen Kreis den Faktor Zeit in Gestalt eines Pfeils hinzu, dann erhält man eine dreidimensionale Spirale. Die Spirale vereinigt die Idee, dass sich alles stetig weiterentwickelt mit der, dass dasselbe immer wiederkehrt.

Wir könnten zum dritten in Anlehnung an Bateson, zu unserer wirklichen oder imaginären Tochter sagen:

"Das erinnert mich an eine Geschichte" und mit Paul Watzlawick eine selbige erzählen:

"In der kolumbianischen Stadt Cartagena wurde jeden Mittag ein Kanonenschuss von einer den Hafen überlagernden Festung abgefeuert. Und das war das Zeitzeichen, nach dem sich alle Leute in Cartagena die Uhren stellten. Ein Reisender stammt aus dem Ausland und stellt fest, dass dieser Kanonenschuss immer 20 Minuten zu spät ist. Da er nichts besseres zu tun hat, geht er hinauf in die Festung und fragt den Kommandanten, woher er die Zeit nehme. Und der sagt stolz, da es sich um eine so wichtige Sache handele, schicke er jeden Tag einen seiner Soldaten hinunter in das Stadtzentrum, wo in der Auslage des einzigen Uhrenhändlers ein besonders genaues nautisches Zeitgerät steht. Der Soldat verglicht seine Uhr mit der und das ist dann die Zeit, nach der sie den Schuss auslösen.

Der Reisende geht jetzt herunter und spricht mit dem Uhrmacher und fragt den, woher der die genaue Zeit nehme, die seine Uhr anzeigt. Und der sagt ihm stolz, da es sich um so etwas wichtiges handele, vergleiche er jeden Tag den Kanonenschuss, der von der Festung zu hören ist, mit seiner Uhr und seit 3 Jahren hat sich nicht 1 Minute Differenz ergeben."

Wenn Sie sich jetzt hineinfühlen in die zuhörende Tochter, die ja eine Frage gestellt hat, wie unterschiedlich kommen die drei Antwortversuche wohl bei Ihr an? Welche passt wo besser? Woran wird Sie sich vielleicht auch nach zwei Jahren noch erinnern?

Jerome Bruner unterscheidet die logisch-wissenschaftliche von der erzählenden Denkweise. Während die erstere formal stringent sein will und damit den Idealen mathematischer Beschreibungen nacheifert, muss eine gute Geschichte durch Lebensechtheit überzeugen. Sie muss also subjektiv sein, d.h. durch die Brille des Erzählers wiedergegeben, und sie sollte offen und vieldeutig interpretierbar bleiben und somit den Raum für die von Heinz von Förster in seinem Imperativ geforderte "Erweiterung der Möglichkeiten" öffnen.

Rationaler-wissenschaftlicher Text und die Verwendung von Metaphern oder Geschichten sind unterschiedliche Wege, um eine Botschaft zu übermitteln.

Vielleicht fragt die Tochter an dieser Stelle: "Wie sicher kann ich denn sein, dass meine Worte beim Adressaten ankommen?" (Eine zentrale Frage nicht nur für Pädagogen und Psychologen!)

Hier hilft u.U. die Rückbesinnung auf ein sehr altes Buch, auf die Bibel.

Auch wer lange nicht hineingeschaut hat wird sich erinnern, dass dort Geschichten erzählt werden, die man Gleichnisse nennt. Eigentlich eine treffende Bezeichnung, die aber aus der Mode gekommen ist. Man erzählt etwas auf eine vergleichende Art und Weise, so dass dem Zuhörer das Verständnis erleichtert wird.

So ist z.B. im Evangelium des Matthäus in Kapitel 13 zu lesen:

"An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot, setzte sich, die Leute aber standen am Ufer. Und er sprach zu ihnen in Form von Gleichnissen.

Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fielt ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war. Als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.

Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen. Ihnen aber ist es nicht gegeben. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen. Weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen."

Anschließend heißt es in Vers 34:

"Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge durch Gleichnisse. Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen. Damit sollte sich erfüllen, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund und rede in Gleichnissen. Ich verkünde, was seit der Schöpfung verborgen war."

Unabhängig davon, ob man Jesus von Nazareth nun als Sohn Gottes oder auch "nur" als bedeutsamen Denker und Religionsgründer betrachtet, kann man wohl nicht daran vorbei,dass er zur Verständigung und Verdeutlichung die bildhafte Geschichte bevorzugte.

Steigen wir aber nun vom Himmel herab zum irdischen Menschen und seinem Hirn.

Auch der Neurobiologe Gerald Hüther unterstreicht die Bedeutung der von ihm so genannten inneren Bilder für unser Denken, Fühlen und Handeln. Er differenziert zwischen Selbstbildern, Menschenbildern und Weltbildern und schreibt: "Diese im Gehirn abgespeicherten Muster benötigen wir, um uns selbst zu erfinden, mit anderen zurecht zu kommen und uns in der Welt zurecht zu finden. Sie bieten uns Leitlinien, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, oder zwischen schön und hässlich. Sie ordnen die neurologischen Aktivitäten, was wiederum zu den entsprechenden synaptischen Verschaltungen, Verfestigungen und Bahnungen führt, die schließlich unser Denken formen.

Es gibt innere Bilder, die Menschen dazu bringen, sich immer wieder zu öffnen, neues zu entdecken und gemeinsam mit anderen nach Lösungen zu suchen. Es gibt aber auch innere Bilder, die Angst machen und einen Menschen zwingen, sich vor der Welt zu verschließen. Es gibt Bilder, aus denen Menschen Mut, Ausdauer und Zuversicht schöpfen und es gibt solche, die Menschen in Hoffnungslosigkeit und Resignation stürzen."

Für Hüther steckt hinter der Forderung "Erkenne Dich selbst" ein "finde heraus, was für innere Bilder es sind, die Deinen und unser aller bisherigen Lebensweg bestimmt haben. Versuche zu erkennen, woher sie kommen, was sie bewirken und wohin sie Dich führen".

Die Basis für die Herausbildung dieser inneren Bilder ist in unserer Sinneswahrnehmung zu finden. Dazu führt Hüther aus:

"Wer Augen hat zum Sehen, Ohren zum Hören, eine Nase zum Riechen, Haut zum Fühlen, für den ist die Welt voller Bilder. Allerdings braucht er dazu noch ein Gehirn und das muss möglichst offen sein für alles, was über die Sinnesorgane dort in den sensorischen Arealen der Hirnrinde ankommt. Das in diesen Arealen entstehende, für jeden Sinneseindruck charakteristische Erregungsmuster wird anschließend in assoziative Rindenareale weitergeleitet. Dort führt das neu eintreffende Erregungsmuster zur Aktivierung von ältern, bereits durch frühere Sinneseindrücke herausgeformten und stabilisierten Nervenzellverschaltungen.

Durch die Überlagerung beider Erregungsmuster, des Neueingetroffenen mit dem bereits Vorhandenen, entsteht dann ein neues, für die betreffende Sinneswahrnehmung spezifisches erweitertes Aktivierungsmuster. Dieses charakteristische Geflimmer der Synapsen repräsentiert nun als inneres Bild das jeweils neu Wahrgenommene.

Im Gehirn geschieht das auch bis ins hohe Alter und bildet die Grundlage für die lebenslange Plastizität und Lernfähigkeit dieses Organs. Diese Beweglichkeit nimmt allerdings im Verhältnis zu den ersten Lebensmonaten und Jahren später extrem ab.

Aber für die älteren unter uns gibt es Hoffnung: Bleiben Sie fit durch Brainjogging".

In seinen erfrischend einfach und lesenswerten Buch "Anleitung für ein menschliches Gehirn" prägt Hüther als Mahnung den griffigen Slogan: "Use it or loose it."

Sie brauchen dafür die prinzipielle Bereitschaft und den Mut sich immer wieder in neue Verunsicherungen und Zweifel stoßen zu lassen oder auch die Herausforderung durch Notlagen und Krisen.

Schon der Lateiner sagte: plenum venter non studet libenter - ein voller Bauch studiert nicht gern.

Ohne Herausforderungen entstehen in unserem wichtigsten Organ durch Routine und Redundanz sogenannte Hirnautobahnen, die kaum noch neue Verzweigungen und neue Verschaltungen erlauben. "Selbstinterpretierte Erfolge" verfestigen die Überzeugungen und inneren Bilder und auch das zugeordnete Verhalten. Dass dies nicht leicht zu korrigieren ist, erzählt eine kleine Geschichte von Paul Watzlawick:

Ein Mann beobachtet einen anderen, der alle zehn Sekunden in die Hände klatscht.

Nach dem Grunde für dieses merkwürdige Verhalten befragt, erklärt jener: "Um die Elefanten zu verscheuchen." "Elefanten?" fragt der andere, "Aber es gibt doch hier gar keine Elefanten?"

Darauf er: "Na also! Sehen Sie? Es funktioniert doch!"

Unser Spaziergang führt uns jetzt in die Gefilde der Narrativen (oder deutsch: erzählenden ) Therapie. Er soll über vier methodische Facetten zu fünf Zielvariablen führen.

1. Facette: Die Arbeit mit und in Metaphern

Schon bei der Lektüre der freudschen Schriften wird dem genauen Beobachter die Fülle der dort gebrauchten Metaphern deutlich. So z.B. die Verwendung einer Raummetapher beim "Über-Ich", metaphorische Anleihen aus der Hydraulik bei der Triebtheorie (Verdrängung) oder auch der Rückgriff auf alte Kulturgeschichten wie beim Ödipuskomplex.

Unser therapeutischer Alltag ist ohne Metaphern kaum denkbar.

Buchholz führt dazu beispielhaft an: "Da sagt ein Mann, seine Frau sei immer die Lokomotive in der Beziehung gewesen, und der Therapeut fragt spielerisch, ob er dann ihr Anhänger gewesen sei. Eine Frau spricht davon, dass sie immer die Stacheln aufstellen müsse, ein anderer sagt, er verpanzere sich. Ein junges Paar meint, die Beziehung sei nicht mehr tragfähig, das Eis sei zu dünn" usw." Solche Bilder können für den Therapeuten/in eine willkommene Gelegenheit sein an die Vorstellungs- und Gefühlswelt der Klienten anzudocken und sich - auch evtl. lösungsorientiert- darin zu bewegen. So könnte man z.B. das Lokomotive-Anhänger-Paar fragen:" Wenn Sie nun durch außergewöhnliche Umstände Ihre Zugreise beenden und ins Auto umsteigen müssten, wer von Ihnen würde das Steuer übernehmen und wer mit der Landkarte vom Beifahrersitz aus die Route vorgeben? Was könnte dazu führen, dass Sie nach einer Rast die Plätze und die Aufgaben tauschen würden?"

Ein Meister im der therapeutischen Nutzung von Metaphern war Milton Ericson. Seine Lehrgeschichten legen hiervon Zeugnis ab. Diese wundersamen Erfolgsgeschichten mögen dem kritischen Betrachter manchen Seufzer entlocken. Scheinen sie doch allzu leicht einen Allmachtswahn bei entsprechend anfälligen Jüngern zu wecken.

Dazu meinte bereits G. Bateson: "Milton arbeitete in dem Gewebe des Gesamtkomplexes, wohingegen diese Leute mit einem Trick durchkommen wollen, der vom Gesamtkomplex losgelöst ist. Dieser Abkopplungstrick läuft dem Ganzen zuwider und trägt zur Verewigung der Illusion von Macht bei."

Der erfahrene Praktiker weiß zur Genüge, dass es leider nicht immer so einfach geht ,wie die Ericsonschen Geschichten manchmal suggerieren.

Dennoch bleibt die Neugier und die Hoffnung, manchmal eben auch auf kurzem und ein wenig zauberhaftem Weg zum Erfolg zur kommen.

Wer möchte nicht auch mal einem Alkoholiker mit einer Metapher den entscheidenden Anstoß geben?

Hören Sie dazu Milton Ericson:

"Normalerweise schicke ich Patienten, die Alkoholiker sind, zu den anonymen Alkoholikern, da diese bessere Arbeit leisten können, als ich.

Ein Alkoholiker kam einmal zu mir und sagte: "Die Eltern meiner beiden Eltern waren Alkoholiker. Meine Eltern waren Alkoholiker. Die Eltern meiner Frau waren Alkoholiker. Meine Frau ist Alkoholikerin und ich war schon elf mal im Delirium Tremens. Ich habe es satt, Alkoholiker zu sein. Hier haben Sie also einen verdammt schwierigen Job. Was glauben Sie, können Sie tun?" Ich fragte ihn nach seinem Beruf. "Wenn ich nüchtern bin, arbeite ich für eine Zeitung. Dort gehört Alkohol zu den Berufsrisiken".

Ich sagte: "Sie wollen also, dass ich etwas dagegen unternehme, bei dieser Vorgeschichte. Das, was ich Ihnen vorschlagen werde, wird Ihnen vermutlich nicht als das richtige erscheinen. Gehen Sie in den botanischen Garten. Sehen Sie sich alle Kakteen dort aufmerksam an und bestaunen Sie die Kakteen, die drei Jahre ohne Wasser überleben können, ohne Regen und denken Sie dabei mal gut nach".

Viele Jahre später kam eine junge Frau zu mir und sagte : "Dr. Erickson, Sie kannten mich, als ich drei Jahre alt war. Mit drei Jahren zog ich nach Kalifornien, jetzt bin ich in Phoenix und wollte einmal sehen, was Sie für ein Mensch sind, wie Sie so aussehen." Ich sagte: "Sehen Sie gut hin. Ich bin sehr neugierig zu wissen, warum Sie mich ansehen wollten".

Sie sagte: "Ich möchte mir den Menschen ansehen, der einen Alkoholiker in den botanischen Garten schickt, damit er sich dort umseht und lernt, wie man ohne Alkohol auskommt und bei dem das auch funktioniert. Meine Mutter und mein Vater sind seit damals trocken." "Was macht Ihr Vater jetzt?" "Er arbeitet für eine Zeitschrift. Er hat die Arbeit bei der Tageszeitung aufgegeben. Er sagt, dort sei der Alkoholismus immer ein Berufsrisiko."

Mit Ericksons Hilfe lässt sich auch leicht ein weiterer nützlicher Aspekt der Arbeit mit Metaphern demonstrieren. Dort, wo z.B. aus Scham oder Angst eine direkte Arbeit am Problem nicht opportun erscheint, wechselt man ins etwas sichere Land der Metapher.

Unvergessen bleibt die Arbeit Ericksons mit dem sexuellen Problemen eines ausgesprochen christlich-konservativen Paares. Er konnte diesen wieder zu einem befriedigendem Sexualleben verhelfen, ohne ein einziges Mal über Sex zu sprechen. Erickson redete nur übers Essen:

Zunächst machte er Ihnen deutlich, wie wichtig die Wahl eines geeigneten Ortes und eine geschmackvolle Tischdekoration für das romantische Dinner zu zweit ist. Dann erzählte er von der appetitanregenden Wirkung raffinierter Vorspeisen, nach deren lustvollen aber noch nicht sättigendem Genuß eine kleine Pause ratsam erscheint, die die Erwartung auf mehr noch etwas steigern kann.

Daraufhin ist es an der Zeit, auf den Höhepunkt der Gaumenfreuden zuzusteuern, wobei auf die unterschiedlichen Geschmäcker Rücksicht genommen werden kann, indem die Speisen jeweils anders gewürzt werden können- der eine liebt es eher scharf, der andere etwas milder. Schließlich sollte man nach dem Hauptgang nicht gleich wieder zur Arbeit hasten oder sich zur Nachtruhe begeben, sondern sich noch die Zeit nehmen, den kleinen süßen Nachtisch auf der Zunge zergehen zu lassen - mit einem zufriedenen und anerkennenden Blick auf den anderen, der seinen Teil zum gemeinsamen Erlebnis beigetragen hat.

Vielleicht vermissen einige von Ihnen noch den Aperitif vorweg oder den Espresso hinterher.

2. Facette: Das Arbeiten mit und in den Lebensgeschichten der Klienten

Eine Leitidee jedes Therapeutischen Handelns zielt auf die Schaffung förderlicher Rahmenbedingungen, unter denen die Klienten Teile Ihrer Selbst- und Lebensgeschichten erzählen können. Die Abstinenz des Analytikers und das Auffordern zur freien Assoziation, sowie Wertschätzung und verstehend ermutigende Verbalisierung emotionaler Inhalte beim Gesprächstherapeuten, laden dazu ein und unterstützen den Fluss der Erzählung.

Im therapeutischen Prozess werden diese Erzählungen neu gewichtet entweder durch Fokussierung bestimmter Ausschnitte und Vernachlässigen anderer sowie durch Deutung und Interpretation. Dies führt schließlich durch veränderte Wiedererzählungen (Renarration) zu einer neuen "Lebensgeschichte". Auch die Methoden der systemischen Therapie sind gut für diese Arbeitsweise nutzbar. So wird z.B. eine Teilerzählung durch ein Reframing in einem neuen Bedeutungsrahmen gesetzt und ist damit einer neuen Bewertung zugänglich. Mit Hilfe von lösungsorientierten Fragen wird die Erzählung des Klienten von einer evtl. Problemtrance in eine Lösungstrance (Gunther Schmidt) hinübergeleitet und schließlich kann man mit Hilfe zirkulärer Fragen evtl. Problemgeschichten in einen Beziehungszusammenhang und damit wieder in neuen Betrachtungswinkel stellen.

Keeney bezeichnet Geschichten als goldenen Weg zum Erkennen von Mustern auf höherer Ebene. "Die von den Menschen gelebten Geschichten sind- ebenso wie ihre Geschichten über diese Geschichten-, alles worauf ein Therapeut seine Arbeit stützen kann."

M. Withe, einer der Pioniere des narrativen Ansatzes, unterstützt die Entwicklung einer positiven Selbsterzählung des Klienten, indem er Symptome oder sogen. negative Kräfte externalisiert und auf der anderen Seite positive Kräfte und Ressourcen internalisiert. In dem Buch "Die Zähmung der Monster" schildert er die Geschichte von Nick, der wegen Einkoten angemeldet worden war. White erfindet als Drahtzieher dieses unappetitlichen Verhaltens den sogen. "hinterhältigen Dreckmacher". Indem also das Symptom zu einer eigenen weiteren Person im Beziehungsnetz wird, öffnen sich wieder neue Möglichkeiten der anderen Beteiligten (Eltern und Kind) zur solidarischen Kooperation.

Diese Technik - die Repräsentierung von bestimmten Persönlichkeitsanteilen durch symbolische Personen - findet sich auch bei Virginia Satirs Parts Party und bei der Teilearbeit von Gunter Schmidt oder Hans Schindler.

3. Facette: die Arbeit mit tradierten Geschichten

Nossrat Peseschkian war einer der ersten, der die Bedeutung und den positiven Nutzen überlieferter Geschichten für die Psychotherapie unterstrich. In seinem Buch "Der Kaufmann und der Papagei" zeigt er insbesondere Beispiele aus der orientalischen Tradition.

Es mag für den erzählenden Therapeuten hilfreich sein, sich eine Sammlung überlieferter Geschichten zuzulegen, aus denen er dann bei Bedarf die eine oder andere auswählen kann und sie in den therapeutischen Prozess einbaut.

Auch viele Klientengeschichten folgen archetypischen Vorbildern, wie C. Rösler in seinem Aufsatz nachweist. In diesen archetypischen Orientierungsmustern vermittelt eine Kultur den ihr zugehörigen Menschen Hilfen oder Trost in krisenhaften Phasen. Kulturübergreifende Themen sind dabei: Geschichten von einer Suche, von Reife und Wachstum, von einem heiligen Ort, von Gerechtigkeit, von weisen Männern und Frauen, über Gemeinschaft und/oder Führer, über Helden und Heldinnen, über Strafe und Vergebung usw.

Natürlich haben diese Geschichten auch immer eine Botschaft, die die Perspektiven und Leitideen der Erzählenden wiedergibt. Über die Geschichte erfährt man also Wesentliches über deren Denken und Menschenbild.

Eine typische Geschichte des Zen-Buddhismus geht z.B. so:

Tenzan und Ikido wanderten einmal eine schmutzige Straße entlang. Zudem fiel auch noch heftiger Regen. Als sie an eine Wegbiegung kamen, trafen sie ein hübsches Mädchen in einem Seidenkimono, welches die Kreuzung überqueren wollte. "Komm her Mädchen" sagte Tenzan sogleich. Er nahm sie auf die Arme und trug sie über den Morast der Straße. Ikido sprach kein Wort, bis sie des nachts einen Tempel erreichten, in dem sie Rast machten. Da konnte er nicht mehr länger an sich halten. "Wir Mönche dürfen Frauen nicht in die Nähe kommen" sage er zu Tenzan "vor allem nicht den jungen und hübschen, es ist gefährlich. Warum tatest Du das?"

Tenzan antwortete: "Ich ließ das Mädchen dort stehen. Trägst Du sie immer noch?"

Jetzt wäre es vielleicht an Ihnen zu überlegen, wem Sie eine solche Geschichte schon immer einmal gerne nahegebracht hätten.

Zu einer Sammlung potentiell nützlicher Geschichten gehören sicher auch die Bücher von Anthony DeMello, Matthias Nöllke und Idries Shah. Doch auch im Internet ist unter den entsprechenden Suchbegriffen vieles zu finden.

4. Facette: die individuell passend konstruierte Geschichte

Eine Alternative zur Verwendung bekannter Geschichten ist die Konstruktion individuell passend konstruierter Geschichten für einen therapeutischen Prozess. Dies kann auf die bekannte Weise geschehen, dass man der Familie/dem Paar erzählt: "Ich kannte einmal eine Familie / ein Paar, das ...". Es müssen natürlich Möglichkeiten zur Identifikation mit den Figuren dieser Geschichte geboten werden. Zudem müssen die Klienten ihre zentralen Themen wiederfinden sowie lösungsgenerierende Anregungen oder Hilfestellungen.

M. Withe nennt noch weitere Kriterien für eine gute Geschichte:

Die Bezogenheit auf die gelebte Erfahrung und die Einbeziehung des Faktors Zeit (eine Erzählung beginnt in der Vergangenheit, bewegt sich schließlich bis zur Gegenwart und kann auch in die Zukunft schauen.

Indem im Sinne der sog. zweiten Kybernetik der Erzähler in die Gesamtbeobachtung mit einbeschlossen wird und damit der Reflektion zugänglich gemacht wird, wird dem Erzählenden verdeutlicht, dass er der Autor seiner Geschichte ist und damit letztlich auch der Schöpfer eigener Lebenserzählungen.

Detaillierter werden wir dies morgen im Technikseminar für die Praxis einüben.

Das nächste Stück unseres gemeinsamen Weges führt uns zu 5 Zielvariablen in der narrativen Praxis:

Die ersten drei sind Ihnen sicher bekannt als Kriterien die Kurt Ludewig für die systemische Therapie aufstellte:

  1. Nutzen,
  2. Respekt und
  3. Schönheit.

Hinzufügen möchte ich

  1. emotionales Mitschwingen und
  2. die Co-Konstruktion von Sinn.

1. Nutzen

Zum ethischen Imperativ für eine Therapie gehört auch, dass sie nützen soll.

Was bringt nun Nutzen für den Klienten?

2. Respekt

Respekt drückt sich aus in der schon von Rogers geforderten Wertschätzung durch den Therapeuten. Die Wertschätzung der Person bedeutet nicht automatisch die Wertschätzung jedes Verhaltens oder jeder Einstellung. Gerade die Differenzierung zwischen respektlosem oder auch kritischen Umgang mit Denk- oder Verhaltensweisen und der Annahme und Wertschätzung der Person ,ist eine wichtige, im wahrsten Sinne des Wortes vorbildliche Maßnahme im therapeutischen Prozess.

Weiterhin drückt sich Respekt auch in zugewandten Zuhören aus.

Brandl-Nebehay führt hierzu aus:

"Respekt vor der Eigenart unserer Klienten, die als lebenskundige, mündige Auftraggeber und insofern als Kunden gesehen werden, die über die Fähigkeit verfügen, ihre eigenen Strategien und Ziele zu entwickeln. Es gilt, sich eine innere Haltung anzueignen, die es einem ermöglicht, den Klienten als kompetenten Experten für sich selbst, seine Probleme und seine Veränderungswünsche zu sehen und dies auch spürbar werden zu lassen. Respektvolle Gespräche zu führen bedeutet auch, sich zu öffnen und offen zu halten für Meinungen, Ideologien, Werte und Gefühle der Menschen, mit den wir arbeiten".

VertreterInnen der narrativen Therapie betonen gerne die Expertenrolle des Klienten. So bezeichnet John Walters in einen Interview durch Wolfgang Loth die Konversation selbst als die Autorin und Direktorin des Prozesses. Hier plädiere ich jedoch für die Einbeziehung ökonomischer Kontexte und Ihrer Wirklichkeiten.

Diese verlangen deutlich die offizielle Annahme einer Expertenrolle, denn nur für eine professionelle Arbeit ist es verantwortbar, ein Honorar zu kassieren.

Bei aller Liebe zum zirkulären Denken braucht die linear denkende Realpolitik eben die Interpunktion, dass der Therapeut der Profi ist und auch aus juristischer Sicht die Verantwortung für die Steuerung des Prozesses hat und akzeptiert.

Einen guten Weg, diese Rolle selbstbewusst zu besetzen -und nicht zu leugnen- und auf der anderen Seite den Gesprächspartner nicht zu entmündigen, hat bereits Sokrates mit seiner "Mäeutik" gewiesen. Die Metapher der Hebammenkunst unterstreicht, dass die professionelle Leistung im Angebot optimaler Rahmenbedingungen besteht. Gebären muss die werdende Mutter immer noch selbst.

Der Respekt vor dem Gegenüber gebietet weiterhin die Tugend therapeutischer Bescheidenheit: Der Respekt vor der eigenen Begrenztheit schützt vor Allmachtswahn und einem "Alles ist machbar", wie es manche Motivationsgurus verkünden. Er respektiert die Autonomie des Gegenüber und bietet diesem ein Modell, sowohl Begrenztheit (und damit indirekt auch die Sterblichkeit des Menschen) zu akzeptieren, als auch gegebene oder erfundene Spielräume nutzen zu lernen.

3. Schönheit

Bateson formulierte es zugespitzt so: "Ich bin der Überzeugung, dass Handlung, soweit sie überhaupt geplant ist, immer auf einer ästhetischen Grundlage geplant werden muss."

Eine gute Geschichte ist schön, eine schöne Geschichte ist gut. Hier findet sich das griechische kalon kagathon (die Einheit von Gutem und Schönen) wieder.

Allein die Einmaligkeit einer subjekterzählten Lebensgeschichte macht sie zu etwas Rarem und damit Wertvollem, eben zu einer einmaligen Komposition aus unendlich vielem denkbaren Ereignisfolgen.

Wie findet nun ästhetische Qualität Eingang in den therapeutischen Dialog?

Kennen Sie die Geschichte vom Rabbi, dessen Mantel verschwunden war?

Der gestohlene Mantel

Jakob geht zum Rabbi und beklagt sich bitterlich über die Schlechtigkeit der Mitmenschen: "Ich suche meinen neuen Mantel und ich habe die Vermutung, dass einer meiner Verwandten ihn gestohlen hat. Mindestens der Hälfte diese Leute traue ich eine solche Schändlichkeit zu. Wie kann man einen armen Mann wie mich bestehlen, noch dazu, wenn man mit ihm verwandt ist? Oh, wie ist die Welt doch schlecht. Ich weiß nicht, was ich tun soll, ich traue keinem mehr über den Weg. Außerdem möchte ich meinen Mantel wieder zurückhaben".

Der Rabbi hört dem schimpfenden Jakob geduldig zu, betrachtet ihn lächelnd und rät ihm dann folgendes: "Lade alle deine Verwandten ein, vor allem diejenigen, die du in Verdacht hast, den Mantel gestohlen zu haben. Stelle eine Kerze auf den Tisch und bitte sie zum Gebet. Erzähle dann vom Exodus, vom Sinai und von den Gesetztafeln mit den zehn Geboten. Wenn du zu dem Gebot kommst "Du sollst nicht stehlen", dann schaue deine Verwandten genau an und überprüfe, welcher von ihnen rot wird und schamvoll den Blick senkt. Das weitere überlasse ich Deiner Eingebung und deiner Geschicklichkeit".

Nach drei Wochen kommt Jakob wieder zum Rabbi und sagt: "Vielen Dank für deinen weisen Rat, es hat wunderbar geklappt und ich habe meinen Mantel wieder".

Auf Nachfragen des Rabbi berichtet er: "Ich habe alle meine Verwandten eingeladen, so wie du mir geraten hast. Ich habe eine Kerze auf den Tisch gestellt und gebetet. Ich erzählte vom Exodus, vom Sinai und den Gesetztafeln mit den zehn Geboten. Und als ich zu dem Gebot kam 'Du sollst nicht ehebrechen' ist mir plötzlich eingefallen, wo ich den Mantel vergessen hatte".

5. Das emotionale Mitschwingen

Ein Buch oder ein Film ist auch dann schön, wenn er an die Gefühle der Menschen anschließt. Gerald Hüther formuliert es so: "Bilder, die in emotional aufgeladenen Situationen in Form bestimmter Aktivierungsmuster in den assoziativen Bereichen des Gehirns entstehen, bleiben eng mit dem für die Regulation körperlicher Funktionen zuständigen Aktivierungsmuster verbunden und werden deshalb besonders nachhaltig stabilisiert und durch Bahnungsprozesse strukturell verankert. Es sind Bilder, die nie wieder aus dem Sinn gehen, weil sie so sehr zu Herzen gegangen sind oder so stark auf den Magen geschlagen haben."

Tom Levold schreibt:

"Kommunikation unter Anwesenden lässt sich nicht auf sprachliche Kommunikation reduzieren. Das gesprochene Wort wird durch affektive Kommunikation verstärkt, abgeschwächt, negiert oder in seiner Bedeutung verändert. In jedem Fall markiert affektive Kommunikation immer einen Rahmen, der Möglichkeiten der Bedeutungsgebung für sprachliche Äußerungen sowohl generiert als auch einschränkt."

Luc Ciompi bezeichnet Affekte als grundlegende Operatoren von kognitiven Funktionen. Die von ihm so genannten zentralen Affekte wie Angst, Wut, Trauer,Liebe, Freude oder Interesse können Eigenwelten kreieren, eine. Angstlogik oder Trauerlogik usw.

Diese wirken wie Attraktoren, die das gesamte Denken, Fühlen und Handeln versklaven können. Denken wir nur an die Angst- und Hasslogik zwischen zwei verfeindeten Völkergruppen, wie z.B. im Nahost-Konflikt.

Nur über ein Andocken an solche zentralen Affekte lassen sich diese dann der reflektierenden Betrachtung zugänglich machen. Dabei sollten natürlich innerhalb der therapeutischen Beziehung positive Affekte erfahrbar werden.

Dazu braucht die/der TherapeutIn die Bereitschaft, sich von den Geschichten der Klienten/innen berühren zu lassen, die Achtsamkeit, sich von ihnen nicht einlullen und verführen zu lassen und die Kreativität, mit Hilfe der gemeinsam konstruierten Neuerzählungen herauszuführen.

Jede Geschichte kann von anderen Grundgefühlen getragen sein. Diese können leicht und humorvoll sein. Sie können tiefschürfend und ernsthaft oder spirituell sein. Sie können auch traurig sein und dennoch über die Trauer hinwegzeigen.

5. Cokonstruktion von Sinn

Hans-Rudi Fischer schreibt in seinem Artikel "Metaphern - Sinnreservoir der Psychotherapie": "Biblische wie literarische Texte stillen den Hunger nach Sinn, indem sie unvereinbare Begriffe in Beziehung setzen. Worte sind Speisen des Geistes, die durch den Mund aufgenommen und verdaut werden. Als Bildspender kann die Metapher so nicht nur Komplexität reduzieren, sie kann gleichzeitig ein Assoziationsreservoir von Ideen öffnen und sinnstiftende Bezüge zu bestehenden Erfahrungen herstellen. Das griechische metaphorein (übertragen), ermöglicht das Verknüpfen neuer Bedeutungen, eine Bedeutungsveränderung oder auch das Herstellen einer Doppeldeutigkeit."

Auch K. Weingarten hält fest: "Eine meiner Aufgaben ist es, den Menschen behilflich zu sein, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Das ist etwas ganz anderes, als ihnen ihr Verhalten zu erklären. Während meine Klienten und ich zusammen versuchen, ihren Erfahrungen einen Sinn zu geben, kann sich diese Erfahrung verändern. Neue Geschichten werden erzählt und diese können wesentlich werden für ihr Leben."

Beschäftigt man sich mit den Fragen nach dem Sinn, kommt man natürlich nicht an Viktor Frankl und seiner Logotherapie vorbei.

"Wovon der Mensch zutiefst und zuletzt durchdrungen ist, ist weder der Wille zur Macht noch ein Wille zur Lust, sondern ein Wille zum Sinn." (so Frankl)

Aufgrund eines Willens zum Sinn ist der Mensch darauf aus, Sinn zu finden und zu erfüllen, als auch anderem menschlichen Sein in Form eines Du zu begegnen und es zu lieben. Der Sinn des Lebens sei, nicht zu erfragen, sondern zu beantworten, indem wir das Leben verantworten. Die Logotherapie versteht sich als Unterstützung zur Sinnfindung, sie möchte die Erfahrung der Sinnlosigkeit durch die Erfahrung von Sinn überwinden.

Frankl bezog sich hierbei auf die Kräfte der Selbstdistanzierung und der Selbsttranszendenz. Selbst in der Hölle des Konzentrationslagers erhielt er sich so die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Selbstdistanzierung soll allerdings kein Sich- Davonschleichen sein, sondern stets verknüpft mit einem Hingeordnet und Ausgerichtet Sein, auf ein Werk, einen Menschen oder auf eine Idee. Der Mensch braucht also eine Aufgabe in seinem Leben, die es ihm ermöglicht, Sinn zu erfahren.

Auch die Bewältigung unvermeidbarer Probleme, wie Krankheit Altern und Sterblichkeit, erfordert solche Sinngeschichten. Es ist eine der wesentlichen Kulturleistungen der Religionen, eine Vielzahl solcher Sinn- und Trostgeschichten zur Verfügung zu stellen.

Leider zeigt die Geschichte auch, dass Segen einerseits und Fluch im Sinne missbräuchlicher Instrumentalisierung andererseits eng beieinander liegen. (Man denke nur an die Belohnungsversprechen für die Selbstmordattentäter der islamischen Fundamentalisten: 72 Jungfrauen für einen Märtyrer, etwas unklar ist mir nur geblieben, welchen Lohn die Märtyrerinnen erwarten dürfen.)

Die Geschichtenerzählerinnen, die Sinnkonstrukteure bedürfen also in guter systemisch-demokratischer Tradition einer immerwährenden Reflexion und kritischen Begleitung.

Für uns alle aber gilt:

Will der Mensch irgendwann einmal friedvoll auf sein Leben zurückblicken, braucht er eine sinnvolle Selbsterzählung, die sich einreihen kann in den Fluss der großen Rahmenerzählungen einer Kultur oder der Menschheit.

Dass alleine das Geschichtenerzählen auch und gerade in einem eher deprimierenden Umfeld Sinn schaffen oder mehren kann, möge am Ende unserer Wanderung meine letzte Geschichte für heute dokumentieren:

Das Fenster

Es waren einmal zwei Männer, die beide ernstlich krank waren und zusammen in einem kleinen Zimmer eines großen Krankenhauses lagen. Das Zimmer war wirklich sehr klein.

Es reicht knapp für die beiden - zwei Betten, zwei Nachtschränkchen, eine Tür und ein Fenster. Einer der beiden durfte nachmittags immer eine Stunde lang aufsitzen (das hatte etwas damit zu tun, dass so die Flüssigkeit in seinen Lungen besser abgebaut wurde), und sein Bett stand in der Nähe des Fensters.

Der andere Mann musste ständig liegen und beide mussten sich sehr ruhig verhalten. Deshalb waren sie auch zusammen in dem kleinen Zimmer untergebracht worden.

Und sie waren froh und dankbar für die Ruhe und den Frieden. Sie bekamen nicht viel mit von der Geschäftigkeit auf den Krankenhausfluren. Ein Nachteil war allerdings, dass sie auch sonst nicht viel tun konnten, um sich zu beschäftigen. Sie durften weder lesen, noch Radio hören oder gar fernsehen. Sie mussten sich wirklich ganz ruhig verhalten. So waren diese beiden aufeinander angewiesen und sie haben stundenlang miteinander geredet, über ihre Hobbies, ihre Kindheit, ihre Kriegserlebnisse, ihre Urlaube und noch vieles mehr.

Jeden Nachmittag, wenn der eine Mann aufgesetzt wurde, diese eine Stunde lang, sah er aus dem Fenster und beschrieb alles, was er sah und erzählte alles, was geschah.

Vor dem Fenster befand sich scheinbar ein großer Park mit einem kleinen See, auf dem Enten und Schwäne schwammen. Die Kinder fütterten sie mit Brotstücken und ließen Schiffchen schwimmen. Junge Mädchen flanierten in hübschen Kleidern und Liebespaare gingen händchenhaltend unter den Bäumen spazieren.

Der Mann im hinteren Bett hörte zu und jede Minute dieser einen Stunde am Tag wurde für ihn zu einem Vergnügen. Er hörte, dass ein Kind in den See gefallen war und patschnass herausgezogen wurde, dass ein Junge mit seinem jungen Hund herumtollte und dass ein spannendes Fußballspiel im Gange war. Und er konnte sich alles gut vorstellen, bald so, als sei er selbst dabei. Und er begann, regelrecht für diese Stunde zu leben.

Und dann, an einem schönen Nachmittag, als eine Musikkapelle durch den Park marschierte und es besonders lustig war, zuckte ihm ein Gedanke durch den Kopf: "Warum sollte eigentlich immer der andere das Vergnügen haben, in den Park zu schauen und all die vergnügliche Dinge zu sehen? Warum konnte man nicht tauschen?"

Er schämte sich wegen seiner Gedanken, aber sie ließen ihn nicht mehr los. Im Gegenteil, je mehr er versuchte, sie beiseite zu schieben, desto mehr wünschte er sich den Fensterplatz. Er musste dauernd daran denken und sein Zustand verschlechterte sich, was keiner der Ärzte verstehen konnte. Eines Nachts, als er gerade schlaflos und missmutig an die Decke starrte, wurde der andere Mann plötzlich wach. Er hustete und rang nach Luft. In seiner Not fand er den Klingelknopf für die Schwester nicht. Sein Nachbar aber lag still in seinem Bett und rührte sich nicht.

Irgendwann hörte der Mann auf zu husten, er rang nicht mehr nach Luft; er hatte aufgehört zu atmen. Der andere lag noch immer still in seinem Bett und starrte an die Decke. Am Morgen kam die Schwester, um die beiden Männer zu waschen. Sie fand den Toten und ohne viel Aufhebens wurde er weggeschafft – wie das im Krankenhaus so geht.

So bald es der Anstand erlaubte, bat der Mann darum, dass man ihn in das Bett am Fenster verlegen möge. Und er wurde umgebettet und dann ließ man ihn allein, denn er musste ja Ruhe haben. Kaum war die Schwester aus dem Zimmer gegangen, versuchte er, sich aufzusetzen. Es war mühselig und schmerzhaft, aber endlich hatte er es geschafft. Endlich konnte er mit eigenen Augen nach draußen sehen!

Was er sah, war die kahle Wand eines anderen Hauses.

G. W. Targe


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Der Autor

Kurt Pelzer

  • Jahrgang 1950,
  • Dipl.-Psychologe,
  • Leiter des Psychologischen Beratungszentrums Düren,
  • Fachbereichsleiter für systemische Beratung am Institut für Beratung und Supervision in Aachen (IBS),
  • Vorstandsmitglied der Systemischen Gesellschaft (Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung e.V.),
  • Mitbegründer des Zeitschrift Systhema.

Mail: pelzer.pbz@gmx.de


Veröffentlichungsdatum: Juni 2005


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