Coaching zwischen Handwerk und Kunst

von Michael Pohl (Juni 2005)

Soziale Prozesse, Lernprozesse, Entwicklungsprozesse werden unzulässig reduziert, wenn man sie nur unter funktionalen Gesichtspunkten betrachtet. Auch Führung und Management werden zunehmend als Gestaltung von Beziehungen und Prozessen begriffen. Gleiches gilt für wirksame Bildungsprozesse. [1]

Wenn ein soziales System funktionieren soll, ist nicht nur das Ergebnis - das "Was" - von Interesse, sondern auch die Qualität des Prozesses - des "Wie".

Gelungene Kooperation, flüssige Kommunikation, das Zusammenspiel unterschiedlicher Teile eines Teams, eines Projekts, eines Orchesters, einer Mannschaft, das professionelle Niveau einer Performance - all das wird als angenehm empfunden und fördert nicht zuletzt Leistungsbereitschaft und Motivation.

Kreatives Coaching kann als Kunst verstanden werden, da es an der Gestaltung von Beziehung, Interaktion und sozialem Raum arbeitet. Coaching trägt bei zur Schaffung von Neuem, zur Begleitung von Wachstum, zur Produktion praktischer Konzepte und zur Gestaltung von Systemen. Insofern ist Coaching kreativ und seine Vorgehensweisen haben Parallelen zu künstlerischen Prozessen.

Die Ausdrucksweise

Viele Begriffe sind durch inflationären und unreflektierten Gebrauch banalisiert worden. Dieser Begriffsverschleiß gilt gleichermaßen für Coaching, wie für die Worte Design, Kunst und Nachhaltigkeit. Was sollen wir angsichts dessen tun? Wir halten nichts davon, die Worte einfach wegzuwerfen. Wir bevorzugen kreatives Recycling. "Wir retten uns nicht durch immer neue Worte, sondern nur dadurch, daß wir semantisch genauer sind." [2]

Was ist Kunst?

Jahrhundertelang gab es keine Künstler, nur Handwerker. Roland Günter legt in seiner grundlegenden Arbeit "Was ist Gestaltung?" dar, wie im 15. Jahrhundert in Florenz der Begriff des Künstlers entstand: Die Handwerker, z.B. Maler, hatten ihre Fähigkeiten fulminant entwickelt und fühlten sich schließlich ihren Auftraggebern überlegen. Um sich im Ansehen mit den Intellektuellen gleichzusetzen, nannten sie sich Künstler.

Eine Statusanhebung, die bis heute umstritten ist, denn sie führte dazu, die sogenannte freie Kunst zu überhöhen (Superioritäts-Behauptung) und die "angewandte Kunst" abzuqualifizieren.

Was nun nennen wir sinnvollerweise Kunst, wenn wir von der "Kunst des Coaching" sprechen? Wir folgen Roland Günter, wenn er den Begriff der Dispositions-Kultur ins Zentrum rückt. "Der Gestalter überlegt weit mehr als zuvor, wie sich die einzelnen Elemente zueinander verhalten. Er denkt über Beziehungen nach. Und er schafft Beziehungen, die nun nicht mehr einfacher Art sind, sondern raffiniert sein können."

Genau diese interaktive, systemische Perspektive liegt der Arbeitsweise kreativen Coachings zugrunde. Die qualitätsvolle Gestaltung von Arbeitsbeziehungen benötigt in ähnlicher Weise "Disposition", wie bildende Kunst in Malerei und Architektur.

Eine weitere Standortbestimmung markiert die Kunst des Coaching: "Wissenschaft ist der Bereich der Analyse. Kunst ist der Bereich der Synthese." Bei der Inszenierung von Erfahrungsräumen in analogen Übungen verbindet sich digitale Aufgliederung mit analoger Zusammensetzung. Es geht nicht um Statusanhebung, es geht um Qualität.

Es darf nie vergessen werden, daß Handwerk die Basis ist, deshalb sprechen wir im Coaching-Training immer wieder von der unabdingbaren "Millimeter-Arbeit" (Heinrich Fallner), getreu dem Motto: "Übrigens: auf Originalität würde ich verzichten. Gut muß es sein."

Coaching und Design

Wenn es um die Verbindung von Funktionalität - im Sinne betrieblicher Effizienz - mit Ästhetik - im Sinne angenehmer und anregender Arbeitsatmosphäre - geht, lassen sich sinnfällige Parallelen zur gestalterischen Disziplin des Design erkennen. Wie Design bewegt sich Coaching zwischen Handwerk und Kunst, zwischen unmittelbarem Nutzen und Nachhaltigkeitsanspruch.

Design gestaltet heute nicht mehr nur einzelne Produkte, sondern das Erscheinungsbild ganzer Unternehmen vom Briefbogen bis zu Firmengebäude, von der Einkaufstüte bis zum Werbespot: die sogenannte Corporate Identity. Wir arbeiten im Coaching mit System beispielsweise mit der Methode "Organisationswappen". Design befaßt sich mit allen Bereichen der Kommunikation, auch mit der Gestaltung von Umgangs- und Informationsformen.

Die Gestaltung von Objekten ist ursprünglich nur auf Nützlichkeit gerichtet. Das "Prinzip, daß der Zweck zur Gestalt führt,...ist die früheste, erste und wichtigste Sinn-Ebene aller Gestalten, die uns umgeben. es folgt der Struktur des menschlichen Körpers und wird von uns auf alles um uns herum übertragen."

Die Dimension der Nützlichkeit ist unabdingbar. Eine Reduzierung auf das Prinzip "Form follows Function" greift allerdings sowohl im Design als auch im Coaching zu kurz. Ornament ist eben keineswegs ein "Verbrechen" (Adolf Loos), also vermeidbare Ressourcenverschwendung. Für die Sinne, für den ganzen Menschen, gehören schöne Elemente immer auch dazu.

Auch soziale Systeme verlangen nach Schmuck und Ornament, die Gegenstände werden dadurch zu Symbolen. Nach Roland Günter haben Ornamente fünf Funktionsebenen:

Gestaltung schafft soziale Symbole

Gestaltete Objekte haben also immer symbolischen "Zeichencharakter". "Denn ein Stuhl ist eben mehr als nur ein Stuhl, er kann rein funktional als Sitzgelegenheit dienen, aber darüber hinaus auch eine deutliche und von allen verstandene Sprache sprechen. Er kann als Chefsessel sozialen Status dokumentieren oder als Kunstobjekt die Persönlichkeit seines Besitzers widerspiegeln." [3]

Im Unterschied zur gegenständlichen Gestaltung - vom Handwerker bis zum Architekten - gibt es in sozialen Systemen nie den einzelnen Gestalter. Er trifft immer auf Mit-GestalterInnen und auf die beeinflussenden Wirkungen des System-Kontexts. Die Gestaltungsimpulse treffen aufeinander - sie begegnen sich im sozialen Raum - und treten zueinander in Beziehung. Sie können sich durchkreuzen, gegenseitig verstärken, ergänzen.

Etwas Neues, ganz Unerwartetes kann das Ergebnis des Interaktionsprozesses sein.

Coaching und die Gestaltung sozialer Wirklichkeiten

Coaching ist soziale Einflußnahme in Arbeitssystemen. Bei der Gestaltung sozialer Wirklichkeiten - sozialer Räume, Prozesse und Beziehungen - geht es immer auch um die Polarität von Gestalten und Wachsen-Lassen.

Lebende Systeme verfügen über Selbstorganisationsfähigkeit. Unbelebte Gegenstände können sich von selbst nur in Richtung Verfall, Erosion oder Versteinerung bewegen. Belebte, besonders soziale Systeme verfügen über eigengesetzliche bis chaotische Selbstentwicklungsformen.

Wenn Coaching gestaltet, dann nicht im Sinne des Handwerkers, der das leblose Objekt nach seinem Willen formt, sondern im Sinne des Akteurs, der seinerseits vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Der Coach weiß, daß er das System nicht formen kann. Er kann den Prozeß formen und auch das nicht allein.

Gestaltung ist hier immer ein "soziales Produkt", das im Zusammenwirken entsteht. Der Coach kann dabei Einfluß nehmen auf die Art der Beziehungsgestaltung, auf Kommunikationsformen (erweitern) und auf Wahrnehmungsformen (schärfen).

Das Produkt lebt

Das Produkt im Coaching ist nicht statisch und der Coach hat, wenn überhaupt, nur eine sehr begrenzte Kontrolle darüber. Das Produkt des Coachingprozesses lebt oder es existiert nicht.

Das sind wesentliche Unterschiede zu beispielsweise der Gestaltung eines Stuhls oder eines Gebäudes. Die Unterschiede werden geringer und scheinen tendenziell zu verschwinden, wenn der Designbegriff sich wandelt und erweitert, beispielsweise auf das Design von Prozessen. Tendenziell wird die Kontrolle des Gestalters über das Produkt immer geringer, sie sozialisiert sich.

Für Coaching als nachhaltige Beratung gilt ähnlich wie in der Kunst, daß man zwar ohne Feeling, Intuition und den "Moment der Gnade des Einfalls" nicht auskommt, daß es aber auch Produktionskriterien gibt, die lehrbar sind.

Auch die Kontextbedingungen spielen eine große Rolle. Ein kreatives Umfeld, entspannte Atmosphäre, Aktivierung, neue Anregungen und Eindrücke sowie ungehinderte Kommunikationsfähigkeit sind günstig. Förderliches läßt sich verstärken, Blockaden lassen sich erkennen und auflösen. Während Allgemeinwissen die Assoziationsmöglichkeiten fördert, schränkt Erfahrung das kreative Denken ein. Damit ist nichts gegen den grundsätzlichen Wert der Erfahrung gesagt, sie muß im kreativen Prozeß - im Sinne der Relativierung mentaler Modelle - nur zeitweilig in den Hintergrund treten.

Die Phasen des kreativen Prozesses

Kreativität entzieht sich keineswegs der bewußten Einwirkung. Im Gegenteil: Kreativität kann bis zu einem gewissen Maß analysiert, gelernt und gefördert werden. Bezogen auf innovative Teamarbeit wird das bei Pohl/Witt beschrieben. Jeder kreative Prozeß gliedert sich nach dem Walls-Modell in vier Phasen: Vorbereitung (preparation), Inkubation (incubation), Eingebung (illumination) und Verifikation (verification).

  1. In der Vorbereitungsphase wird durch den Erwerb von Wissen und Fähigkeiten die Basis für die weiteren Schritte und schließlich für die Ausführung des Werkes, die Erstellung des Produktes gelegt. Diese Phase kann Jahre oder auch nur eine Stunde dauern, ohne sie entsteht kein Werk. In kreativen Coachingprozessen basiert diese Phase auf zwei Elementen: auf der bisherigen Lebens- und Berufserfahrung der Beteiligten und auf bewußt inszenierten Einlassungs- und Joining-Sequenzen.
  2. Während der Inkubationsphase gären und reifen die vorhandenen Informationen und Eindrücke, sie beschäftigen das Unbewußte und sickern gewissermaßen nach und nach ins Bewußtsein. Auch hier gibt es keinen festlegbaren Zeitraum, er hängt von konkreten Gegebenheiten und von Art und Umfang des Vorhabens ab. Dieser Phase wird kreatives Coaching gerecht, indem es neuen Einsichten und Musterveränderung den angemessenen Zeit-Raum gibt. Coaching mit System übt produktive Geduld.
  3. Die Eingebungsphase ist die, die oft vordergründig mit schöpferischen Fähigkeiten assoziiert wird und der die Kreativität ihren manchmal überhöhten Nimbus verdankt. Im Stadium der Illumination entstehen scheinbar schlagartig die Geistesblitze, Erkenntnismomente, Visionen oder einfach die guten Ideen. Hier finden im kreativen Coachingprozeß die großen und vor allem die kleinen "Aha-Erlebnisse" statt. Ein blinder Fleck wird sichtbar, eine bislang unbekannte Verbindung wird hergestellt, neue Perspektiven entstehen.
  4. Unterbewertet wird oft auch die alles entscheidende Bedeutung der Verifikationsphase. Ohne Umsetzung, die meist mit Mühen und Anstrengungen verbunden ist, entsteht kein Werk. Salopp ausgedrückt: Inspiration ist nicht viel wert ohne Transpiration. Im Coachingprozeß ist dies der Praxistransfer. Hier liegt eine spezifische Akzentuierung gegenüber der Supervision - Coaching geht zielgerichteter vor. Es fokussiert und forciert konsequent die praktische Umsetzung ("Wann wollen sie es tun? Warum nicht sofort?").

Die kreative Haltung

Kreativität als schöpferische Akt lebt von der Kombination zweier Wege der Problemlösung. Die kreative Haltung erfordert sowohl

Der erste Denkstil befähigt zur Hervorbringung neuer Ideen, der zweite dazu, sich auf die besten von ihnen zu konzentrieren.


Symbolische Interaktion bringt Farbe ins System
(Illustration Gudrun Pohl)

Verbildlichungs-Methoden im weiteren Sinne, also auch Körper-Bilder, Interaktions-Bilder und Erlebnis-Bilder setzen das schöpferische "Denken" bei der Gestaltung von Arbeitsbeziehungen und Organisationen um. Sie sind ebenso notwendige wie wirksame Ebenen kreativen Praxislernens.

Bob Dylan - Ein populäres und nachhaltiges Gestaltungskonzept

Angewandte Kunst beinhaltet die Integration verschiedener Formen. Ein herausragendes Beispiel für die Integration von Sprache, Musik, Präsentation und Botschaft ist Bob Dylan. Er gilt als "die wichtigste Figur im Bereich des populären Liedes" [4]. Sein Einfluß auf die Kultur der englischsprachigen Welt - und damit mittelbar auch auf unsere Alltagskultur - läßt sich "zumindest in Bezug auf die Bereicherung der Sprache nur mit Shakespeare und der Bibel vergleichen".

Schön und gut - aber was interessiert das den Coach?

Kreatives Coaching kann unter vier Gesichtspunkten von der künstlerischen Gestaltungskonzeption Bob Dylans profitieren.

Kreativitätsblockaden

Kreative Haltung beinhaltet immer die Bereitschaft, ausgetretenene Wege zu verlassen. Kreativität kommt nicht aus heiterem Himmel und ist keineswegs Genies vorbehalten, sie kann und muss geübt werden. Allerdings gibt es auch viele Wege, ihre Entfaltung zu behindern, schlimmstenfalls zu verhindern.

Zinker und Nevis identifizieren vierzehn Möglichkeiten, Kreativität in sozialen Systemen und bei Individuen zu blockieren [6]. Für Coachingprozesse sind u.E. sieben davon besonders bedeutsam:

Kreatives Coaching nutzt das spielerische Element in zweifacher Weise:


Anmerkungen:

[1] Vgl. Pohl, M./ Braun, M. 2004.

[2] Zitate in diesem Abschnitt aus Roland Günter 1999.

[3] Thomas Hauffe 1998, S.17/18.

[4] Zitate in diesem Abschnitt nach Mathias R. Schmidt: Bob Dylan und die sechziger Jahre. Aufbruch und Abkehr. Frankfurt/M. 1983.

[5] Das gilt von der Folk-Rock-Synthese bis zu Dylans Alterswerk "Love And Theft" von 2001.

[6] Joseph Zinker 1993, S.70 ff.


Literatur:

Fallner, H., Pohl, M.: Coaching mit System. Die Kunst nachhaltiger Beratung, 2.Auflage, Wiesbaden 2005.

Günter, R.: Wissenschaftliche Grundlagen der Ästhetik. Bielefeld 1998.

Günter, R.: Was ist Gestaltung? FHspecial '99, Bielefeld 1999.

Hauffe, T.: Design. 3. Auflage Köln 1998.

Nevis, E. C.: Organisationsberatung. Köln 1988.

Pohl, M., Braun, M.: Vom Zeichen zum System. Coaching und Wissensmanagement in modernen Bildungsprozessen. Waltrop 2004.

Pohl, M., Witt, J.: Innovative Teamarbeit zwischen Konflikt und Kooperation. Heidelberg 2000.

Schmidt, M. R.: Bob Dylan und die sechziger Jahre. Aufbruch und Abkehr. Frankfurt/M. 1983.

Senge, P. M.: Die fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation. Stuttgart 1996.

Zinker, J.: Gestalttherapie als kreativer Prozeß. Paderborn 1993.


(Erstveröffentlicht als Kapitel 3. des Textes "Die Kunst des Coaching" in Fallner/Pohl "Coaching mit System. Die Kunst nachhaltiger Beratung", Verlag für Sozialwissenschaften, 2. Auflage, Wiesbaden 2005).


Der Autor

Michael Pohl


Veröffentlichungsdatum: Juni 2005


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