Laudatio für den Preisträger des 2. Louis Lowy Preises: Kindernöte e.V.

von Anett Quint (April 2003)

"Ich heiße Cordula, Özgür, Ursula, Derya, Arno ... Wir kommen von heute an jeden Donnerstag, immer um die gleiche Zeit, egal, ob es regnet oder die Sonne scheint. Wir wollen mit euch eine Gruppe machen, und es wäre prima, wenn ihr mitmacht!"

Das war die standardisierte Antwort der jungen Leute (je eine Frau und ein Mann, eine/r aus Deutschland, eine/r aus der Türkei, Polen, Russland oder Bosnien) auf die neugierige Frage der Kinder, warum sie mit einem kleinen roten Handwagen mit Spielen, Springseilen, Ball und Bundstiften plötzlich und unangemeldet an ihrem gewohnten Treffpunkt auftauchten und mit Straßenmalkreide bunte Bilder auf den Bürgersteig malten ..."

So heißt es im Arbeitsbericht 2001 des Vereins Kindernöte e.V.. Und dahinter verbirgt sich für mich das Grundsätzliche, wofür heute der Verein und mit ihm all seine ehren- und hauptamtlichen MitarbeiterInnen den Louis-Lowy-Preis erhalten: es geht ihnen um die Arbeit und das Zusammenleben zwischen Kindern und Erwachsenen bzw. Kindern und Kindern sowie Erwachsenen und Erwachsenen in ihrem Gemeinwesen. Es geht ihnen, neben den vielen anderen Zielen, von denen ich noch berichten will, um die Möglichkeit mit Hilfe der Gruppe und der Gruppenarbeit zu lernen, dass das eigene Leben und damit auch die Lebenswelt in der wir wohnen, gestaltbar ist. Es ist eine wichtige Erfahrung für Kinder, aus dem Schatten der von Erwachsenen bestimmten Welt herauszutreten und aktiv zu werden, selbst aktiv sein zu können und zu dürfen.


Die Cravybreakers

Doch ich fange bei den interessanten Wurzeln dieses Vereins an.

1996 finden sich, ich vermute, gefrustete und enttäuschte Leute aus vielen Teilen der Arbeits- und Bevölkerungsschicht Kölns (unter ihnen Kinderärzte, Erzieher, Geschäftsleute) zusammen, um auf mehrere Notstände aufmerksam zu machen. Da kürzt die öffentliche Hand Geld im psychosozialen Bereich, da melden Schulen, Familienhelfer, Geschäfte verhaltensauffällige Kinder, da wurschteln sich Familien durchs Leben – und all das im Stadtteil Köln-Chorweiler. Sein Kerngebiet, in dem auch das Straßen-Kinder-Projekt von Kindernöte e.V. arbeitet, umfasst allein 40.000 Menschen, das sind je zur Hälfte Deutsche und ebenso viele Ausländer aus über 100 verschiedenen Kulturen und Nationen. Für diesen Stadtteil gibt es in bessergestellten Stadtvierteln die Synonyme "typische Hochhaus-Trabantenstadt, Ausländerviertel, viele Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger ...", aber was weniger in aller Munde ist: hier haben sich erstaunliche (Über)Lebensstrategien entwickelt, hier lebt man trotz oder gerade wegen so überwältigender Kulturen- und Nationenvielfalt akzeptierend neben- und miteinander, hier werden mehr Kinder geboren als Alte sterben und es besteht eine kleine kulturelle Infrastruktur mit Einkaufszentrum, Jugendhäusern, U- und S-Bahnverbindungen in die Innenstadt.

Und dennoch beobachtet und analysiert Kindernöte e.V. Handlungsbedarf: trotz funktionierender und von den Zielgruppen angenommener Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit bleiben immer noch unzählige Kinder und Jugendliche nicht berührt von den Angeboten und Möglichkeiten dieser Häuser. Die Gründe dafür mögen verschieden sein:

Und somit gibt es auch in einem an sich sehr dicht gestrickten soziokulturellem Netz Löcher und Lücken, die Kindernöte e.V. für sich erschließen konnte.

Und dabei nutzen sie vor allem – aus meiner Sicht – zwei unscheinbare Aspekte. Sie leisten zum einen, wie sie selbst formulieren, eine "zugehende" Arbeit und zum anderen widmen sie sich intensiv wenigen Kindern und Jugendlichen.

Zugehen bedeutet: jemand kommt auf die Kinder zu, sucht die Kinder in ihrem Lebensumfeld, in ihrem Viertel, an ihrer Ecke auf und fordert nicht den Kindern etwas ab, was jedem von uns schwer fällt: sich fremde Räume aneignen zu müssen und das vielleicht noch unter dem Druck der eigenen Probleme.

Und sich intensiv wenigen zuwenden bedeutet: fast entgegengesetzt zum lokalpolitischen Auftrag arbeiten, der da heißt, holt die Kinder von der Straße, schafft Angebote, beschäftigt sie. Das bedeutet manchmal, konsequent ausgeführt, Masse statt Klasse. Der Alltag in Jugendhäusern und –zentren ist dann hin und wieder davon gezeichnet, dass das Unmögliche mit Hilfe von Überstunden, Überlastung und Selbstausbeutung der Sozialarbeiter sowie der Überforderung von Kindern und Jugendlichen möglich gemacht wird. Eine wirkliche Gruppenarbeit kann unter diesen Bedingungen oft nicht mehr stattfinden.

Und mit Gruppenarbeit meine ich

Das bedeutet in meinen Augen intensiv. Dieses Herangehen verlangt, sowohl von den Betreuern als auch von den Kindern, sich zu öffnen, etwas preiszugeben von sich, zuzuhören, Schwächen zu akzeptieren. Wenn dies geschieht, dann ist es wunderschön. Die Kinder fühlen sich plötzlich willkommen, richtig und aufgehoben. Um diese Arbeit bemüht sich jede einzelne Gruppe des Straßen-Kinder-Projekts von Kindernöte e.V.. Eine Arbeit, die sich an den Ressourcen der Kinder und Jugendlichen ausrichtet und nicht an ihren Problemen und Fehlern. Und dieses Ansinnen verfolgen die Gruppen und jeder Einzelne in ihnen. Jeder ist wertvoll, auch mit seinen Problemen.

Meine eigenen Erfahrungen besagen, das Gruppenarbeit heute Nischenarbeit bedeutet (manche machten mir in meiner Arbeit den Vorwurf, die Arbeit ist elitär und erreicht nicht genug, aber was ist genug?). Man erreicht nicht die Massen und bleibt mitunter ewig mit den gleichen Kindern verbunden. Man geht eher in die Tiefe als in die Breite. (Ich arbeite über zehn Jahren mit Gruppen und mittlerweile arbeiten ehemalige Teilnehmer wieder mit Gruppen. Das ist mir genug. Den ehemaligen Teilnehmern, die jetzt Teamleiter sind, auch.)

Dass das Straßen-Kinder-Projekt von Kindernöte e.V. zur Zeit mit 130 Kindern zwischen 5 und 16 Jahren aus 13 verschiedenen Nationen in 9 eigenständigen Gruppen arbeitet, bestätigt dies. Und ich deute es als charakterliche Größe, wenn der Verein an dieser Stelle sagt, wir haben unsere Kapazität erreicht. Und was darüber hinaus wächst, bedeutet eine andere Geschichte und Qualität, die vielleicht nicht mehr dem Grundanliegen des Vereins entspricht.

Nun aber noch etwas im Detail zu der Arbeit des Straßen-Kinder-Projektes. Es verfolgt drei Ziele: Integration, Gewaltprävention und Partizipation. Und im Alltag sieht dies so aus. Das Team aus zwei Betreuern und Ansprechpartnern kommt aus zwei Nationen und lebt den Kindern und Jugendlichen vor, miteinander leben und arbeiten zu können. Die Andersartigkeit des Anderen, die unterschiedliche Hautfarbe, die andere Religion, der fremde Feiertag, die Unkenntnisse über das Fremde – alles ist Thema, weil es immer da ist und von allen verkörpert wird, wenn die Gruppen zu ca. 50% aus deutschen und zu 50% aus ausländischen Kindern bestehen. Wichtig ist, neben dem gemeinsamen Tun, zu reflektieren. Und das ist Prinzip der Gruppen als auch Grundprinzip im Team. Der eigenen Weiterbildung, Supervision, Reflexion und dem Austausch wird viel Raum und Zeit gewidmet. Was besonders nötig ist, wenn nicht alle Sozialpädagogen sind und der Verein mit vielen Ehrenamtlichen arbeiten will. Denn die Arbeit in Gruppen, vor allem in interkulturellen Gruppen, erfordert Professionalität, Liebe, Authentizität und einen klaren Kopf.

Aber noch etwas scheint mir sehr wichtig, was in den Gruppen passiert. Die Kinder dürfen mitentscheiden, was in und mit ihrer Gruppe geschieht. Sie tragen somit Verantwortung von Anfang an und sind zur Verantwortung zu ziehen. Sie denken sich Namen, Programm, Themen und Gruppenregeln aus. Sie erhalten nach einiger Zeit ihrer Gruppenzugehörigkeit einen Ausweis und führen ein Gruppenbuch. Wer mit so einer menschlich tiefgehenden Sache verbunden ist, wird dafür gerade stehen, egal was in und mit der Gruppe passiert (und was könnte schöner sein, als wenn sich jemand mit etwas identifiziert, in was er Kraft gibt und woher er Kraft nimmt). Und genau hier kommt den Betreuern der Gruppen ein hohes Maß an Verantwortung zu. Sie sind Vorbild und dürfen sich doch nicht zum non plus ultra entwickeln. Sie sind Mittelpunkt, dürfen und wollen aber keine Abhängigkeiten erzeugen, denn Ziel ist: Kind werde selbstständig, begreife deine Möglichkeiten, entdecke deine Umwelt... Und plötzlich schauen diese Kinder, die zuvor oft Fremde in der Fremde und dazu kühlen Welt waren, sogar über den eigenen Gruppen"tellerrand" und haben Augen für andere Gruppen, andere Probleme, andere Schönheiten. Dann führt die "Zukunftswerkstatt" der GZSZ-Bande zu einem Bolzplatz in ihrem Viertel, ein Polizeibeamter ist Pate einer Gruppe und die Kindertheatergruppe spielt ihre Stücke in der Kirche.

Was gibt es schöneres?

Bleiben aus meiner Sicht noch offene Fragen. Lässt sich das Konzept vervielfältigen, auf andere Gemeinwesen übertragen? Und ist es wirklich eine preiswerte Alternative oder muss man der Öffentlichkeit, der Politik und den Ämtern nicht sagen, weil es viele ehrenamtlich Engagierte gibt, ist es preiswert, aber diese anspruchsvolle Arbeit voll Qualität hat einen, seinen Preis und man muss darüber sprechen und verhandeln können, um die Arbeit auf Dauer leisten und sichern zu können.

Heute aber geht es mit der Preisverleihung und der Würdigung Louis Lowys um die verdiente Ehrung der Powerkids, der Teufelsblumen, der GzSz-Bande, der Zaubergruppe, der No-names, des interkulturellen Kindertheaters, der Crazybreakers, der Allstars, der Chorweiler Krokodile – der Gruppen aus Köln-Chorweiler und ihrer Betreuer von Kindernöte e.V..


Autorin

Anett Quint

  • Diplom-Sozialarbeiterin / Sozialpädagogin,
  • 1. Louis-Lowy-Preisträgerin


Veröffentlichungsdatum: April 2003


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