Begrüßungsrede zur Verleihung des "Louis-Lowy-Preises"

von Karl-Georg Rinkleff (April 2003)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste,

als Vorsitzender der Gesellschaft für Social Groupwork e.V. begrüße ich Sie alle zur Verleihung unseres Louis-Lowy-Preises und heiße Sie alle ganz herzlich willkommen!

Ich hoffe, daß Sie alle eine bequeme Anreise hatten, gut angekommen sind und freue mich, daß Sie alle mit mir heute unseren Preisträger, das Straßen-Kinder-Projekt von Kindernöte e.V. auszeichnen.

Noch gestern abend habe ich überlegt, ob es angesichts des Kriegsausbruches angemessen ist, eine feierliche Verleihung zu begehen. Ich denke aber, dass es gerade jetzt wichtig ist, ein Projekt auszuzeichnen, dass in so hervorragender Weise vermittelnd zwischen verschiedensten Kulturen wirkt und mit den Beiträgen zu Begegnung und Kommunikation Signale setzt, dass ein friedvolles Miteinander möglich ist. Darüber hinaus glaube ich, dass das Straßen-Kinder-Projekt wichtige Hilfestellungen für die Kinder dieses Stadtteils leisten wird, die Bilder und Ereignisse der letzten Tage zu verarbeiten.

Ich möchte natürlich als erstes die Mitglieder und Mitarbeiter sowie den Vorstand von Kindernöte e.V. begrüßen, die die Arbeit, die wir heute mit der Verleihung des Preises würdigen wollen, entwickelt, aufgebaut und vorangetrieben haben.

Wir sind stolz, daß Herr Bezirksvorsteher Hans Heinrich Lierenfeld als Repräsentant der Bezirksvertretung und damit der Stadt und des Stadtteils uns hier und heute begleitet und diese Verleihung dadurch besonders würdigt.

Herzlich willkommen.

Nicht zu übersehen ist, dass hier heute auch ein Teil der Fangemeinde von den Crazybreakern anwesend ist. Ich freue mich, dass auch ihr unserer Einladung gefolgt seid und begrüße Euch ganz herzlich.

Nicht vergessen möchte ich die heute hier anwesenden Mitglieder und Freunde der Gesellschaft für Social Groupwork e.V., ganz besonders Frau Prof. Breuer aus Paderborn, Ihnen und Euch ein herzliches Willkommen.

Ich möchte allen Anwesenden Grüße - und Kindernöte e.V. auch die Glückwünsche - von Menschen überbringen, die heute aus den verschiedensten Gründen nicht hier sein können, unter anderem von Frau Schmelzle vom Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes NRW, Herrn Dezernent Schulte, Frau Brigitta Radermacher, der Vorsitzenden des Jugendhilfeausschusses, Frau Dr. Lale Akgün, Mitglied des deutschen Bundestages und Gründungsmitglied von Kindernöte e.V. und Frau Weber vom Bürgerzentrum Chorweiler, bei dem wir heute zu Gast sein dürfen.

Und ich möchte heute noch einmal daran erinnern, dass der Ehrengast für die Verleihung des Louis-Lowy-Preises, seine Witwe Dita Lowy leider heute nicht anwesend sein kann. Als wir sie im Herbst letzten Jahres eingeladen haben, hat sie sich darüber sehr gefreut und spontan ihr Kommen zugesagt. Allerdings schien ihr eine Flugreise schon vor Wochen in Anbetracht der Irak-Krise zu unsicher. Die dramatischen Ereignisse der letzten Tage geben ihrer Vorsicht leider recht.

Ich bin mir aber sicher, dass Frau Lowy im fernen Boston mit ihren Gedanken und vor allem auch mit ihrem Herzen bei uns ist und sich mit uns über die Auszeichnung von Kindernöte e.V. freut.

Ich bin sehr froh, dass wir heute hier in Köln Chorweiler zu Gast sein können, ganz nah an den Plätzen, Räumen und Treffpunkten, an denen sich die Gruppen des Straßen-Kinder-Projektes von Kindernöte e.V. treffen und sich ihren Lebensraum in ihrem Stadtteil gestalten.

Ich möchte allen, die dazu beigetragen haben, dass wir heute hier sein können, für ihre Unterstützung danken, ganz besonders Frau Hack und Herrn Nolden von Kindernöte e.V.

Lassen Sie mich nun die Gelegenheit nutzen, einige Worte über das Social Groupwork zu sagen und über die Gesellschaft, die diese Methode fördern will: Social Groupwork ist eine Methode des sozialen Lernens, die durch die Sozialarbeit/Sozialpädagogik geprägt ist und auf die Interaktionsfähigkeit im gesellschaftlichen Leben zielt. Viele soziale Problemlagen in unserer Gesellschaft führen wir individuell auf persönliche Kompetenzdefizite unserer Klienten oder unserer "Fälle" zurück.

Jedoch zeigen uns Phänomene zunehmender "Vereinzelung" in unserer Gesellschaft oder der Trend zum "Rückzug ins Private", daß wir ebenfalls die gestörte gesellschaftliche Interaktion und Kommunikation in den Blick nehmen müssen.

Wenn es Menschen immer schwerer fällt, miteinander zu reden und zu leben oder ihre Wirklichkeiten zu gestalten, wenn es in der Kultur unserer Gemeinwesen immer schwerer fällt, Subkulturen miteinander in einen fruchtbaren Austausch zu setzen und brauchbare Auseinandersetzungen zu führen, wenn politisches Verantwortungsbewußtsein oder die Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Kulturen abnimmt, dann ist die Interaktionsfähigkeit und die Kommunikation gestört und dann hilft uns die individualisierende "Einzelfallhilfe" allein nicht weiter.

Wir erfahren, daß hier die Gruppenarbeit ein hervorragendes Lernfeld bildet: Die GruppenteilnehmerInnen arbeiten natürlich auch in Gruppen an ihrer individuellen Identitätsbildung, lernen aber darüber hinaus, sich zu anderen in Beziehung zu setzen. Sie gestalten neue Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens, sie konstruieren bewußt ihre Werte und Normen und ihren "Sinn" für ihr Tun. Sie können in der Gruppe Sozialisationsdefizite ausgleichen und sensibel werden für die Übernahme von Verbindlichkeit und Solidarität. Sie lernen Konflikte auszuhalten und als Chancen zu sehen und zu nutzen. Sie erhöhen ihre Frustrationstoleranz und können motiviert werden, politische Verantwortung zu übernehmen. Und all dies läßt sich verbinden mit Lust, Spaß und Humor!

Social Groupwork ist somit eine Methode sozialen Lernens, die auf Emanzipation gerichtet ist, sich an den Ressourcen der Teilnehmer und ihres Umfeldes orientiert und die Beiträge leisten kann, Konzepte mit gesellschaftlicher Relevanz für das alltägliche Leben zu entwerfen.

Weil die Mitglieder der Gesellschaft für Social Groupwork die Stärken und Chancen dieser Methode sehen und erleben, haben sie sich in einem Verein vernetzt, um eben diese Methode zu fördern und zu professionalisieren. Wir wollen beispielsweise, daß Soziale Gruppenarbeit an den Fachhochschulen in Deutschland einen hohen Stellenwert erhält. Wir wollen Profis in den Feldern der sozialen Arbeit, der Supervision, der Erwachsenenbildung, der Organisationsentwicklung oder des Managements motivieren, sich konstruktiv mit dieser Methode auseinanderzusetzen, sich selbst hier als Lernende zu definieren mit dem Ziel beispielsweise, gruppendynamische Prozesse nicht als Störung zu fürchten, sondern im souveränen Umgang mit ihnen die Entwicklungschancen zu nutzen.

Die Gesellschaft für Social Groupwork e.V. wird noch in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum begehen, sie wurde 1993 gegründet von deutschen Mitgliedern der internationalen Berufsorganisation der AASWG, der Association for the Advancement of Social Work with Groups mit Sitz in Akron/Ohio und wurde deren deutsche Sektion.

Die AASWG will als internationale Berufsorganisation die Methode des Social Groupwork in Theorie, Ausbildung und Praxis fördern. Wir als deutsche Sektion wollen hierbei insbesondere den persönlichen Austausch unter Groupworkerinnen und Groupworkern ermöglichen sowie Qualitätsstandards entwickeln und sichern. Durch nationale und internationale Zusammenarbeit erweitern wir die Möglichkeiten, Praxisfelder der Sozialen Gruppenarbeit intensiv zu reflektieren und die Methode des Social Groupwork kontinuierlich weiterzuentwickeln. Wir bieten in Aachen, Köln, Mönchengladbach, Münster und ab der kommenden Woche auch in Hamburg regionale Foren an, bei denen sich Mitglieder und Interessierte zum Austausch treffen. Regelmäßig wird die Fachzeitschrift Mobile herausgegeben, in der u.a. Praxisberichte, Buchbesprechungen oder theoretische Abhandlungen erscheinen. Wir bieten Tagungen, Workshops und Fachkongresse an und vor allen Dingen, und dafür sind wir heute hier zusammen gekommen, verleiht die Gesellschaft für Social Groupwork den Louis-Lowy-Preis für eine Praxisstelle, ein Projekt, eine wissenschaftliche Veröffentlichung oder eine Diplomarbeit, die den Qualitätsstandards für Social Groupwork besonders gerecht wird, der Professionalisierung dient und neue Impulse gibt. Dieser Preis ist mit 765,- € dotiert.

Erlauben Sie mir nun eine kurze Führung durch unser heutiges Programm: Zunächst wird für den preisstiftenden Verlag des Instituts für Beratung und Supervision in Aachen, Herr Prof. Dr. Heinz Kersting zu uns sprechen. Er wird von seiner Motivation für diese Preisstiftung erzählen und den Bezug zu Prof. Dr. Dr. Louis Lowy herstellen, der zunächst ein prägender Lehrer war und den er später seinen Freund nennen durfte. Im Anschluß wird für die Jury Frau Annet Quint aus Bad Muskau die Laudatio auf die Arbeit von Kindernöte e.V. halten, wonach ich die Freude und Ehre haben werde, den Preis offiziell zu verleihen.

Ich freue mich ganz besonders, dass unser Programm musikalisch und vor allem tänzerisch durch die Crazybreaker abgerundet wird. Die Crazybreaker sind die am längsten existierende Gruppe des Straßen-Kinder-Projektes, die sich autodidaktisch Breakdance beigebracht haben und mittlerweile – wie ich mir habe sagen lassen- mit ihren Auftritten weit über Chorweiler hinaus bekannt sind.

Wir werden dann vom offiziellen zum gemütlichen Teil unserer Feier übergehen, uns kulinarisch stärken, und uns die Möglichkeit zum Gespräch und zur persönlichen Begegnung geben.

Es war für die Jury bei der Vielzahl und vor allem auch der Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Einsendungen nicht einfach, eine Praxisprojekt für die Verleihung des Louis-Lowy-Preises auszuwählen. Sie hat es sich nicht leicht gemacht! Doch die Wahl war klar und eindeutig!

Warum sie sich so klar für die Arbeit des Kinder-Straßen-Projektes von Kindernöte entschieden hat, sagt uns nun für die Jury Frau Annet Quint in ihrer Laudatio!

Ich freue mich ganz besonders, dass Frau Quint sich bereit erklärt hat, in der Jury mit zuarbeiten und heute die Laudatio zu halten. Frau Quint ist die erste Preisträgerin, die 1999 für ihre Diplomarbeit mit dem Louis-Lowy-Preis ausgezeichnet wurde.


Preisträger und Laudatoren


Veröffentlichungsdatum: April 2003


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