Alttestamentarisch und chaostheoretisch beraten

von Hans Scherner (Juli 2004)

Das aus der Chaosforschung bekannte "Apfelmännchen" [1] hängt in meinem Beratungszimmer. Es ist mir Bild und Gleichnis für Allerlei. Für Selbstähnlichkeit von Verhalten, für Mehrgenerationen-Perspektive, für Begriffsbildung, gewissermaßen für Entwicklung schlechthin.

Zur Zurückhaltung mahnt mich aber das Gebot: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!" (2.Mos.20 (4,5))

Drei Worte wie "Schwerter zu Pflugscharen"

Während meines Forschungsstudiums im Fach Psychologie habe ich 1982 in Jena erlebt, wie die Machthaber Bereitschaftspolizei anrücken ließen, weil junge Leute diese drei Worte aus dem Alten Testament (Micha 4) für sich angenommen hatten. Gegen die Wort- und Bildgewalt des Zitats sollten die Ordnungshüter einschreiten. Die Ordnung nahm chaotische Züge an. Auch in der Chaostheorie werden unglaubliche, weltbewegende Dinge verkündet, z.B. der Schmetterlingseffekt. Könnte ja sein, dass solcherart eindringliche Sprüche und Bilder dem Berater mal mehr, mal weniger bewußt das professionelle Denken und Tun bahnen. Vielleicht ist Beratung überhaupt ein auf die gestellte Frage passendes hervorgekramtes Zitat. Hier geht es mir um die Zitierfähigkeit von Altem Testament und Chaostheorie in der Beratung.

Das alte Testament ist für mich jene kulturstiftende Sammlung von Büchern, die dem neuen Testament vorangestellt sind. Mit Chaostheorie meine ich hier die insbesondere physikalisch argumentierenden Ansichten über das Entstehen und den Zerfall von Ordnungen durch chaotische Prozesse, wie sie in der Populärwissenschaft ausgebreitet werden. Das alte Testament und die Chaostheorie gehören für mich zusammen, weil sie Glauben machen, wie die Welt entstanden sei und was der aufgeklärte Mensch davon zu wissen hat, um sich darin zu finden. Da man die immer wieder wahren Geschichten sich gern anders erzählen läßt, gibt uns die Chaostheorie das, was das alte Testament verblichenen Generationen gab. Die Evolution erzählt ihre alte Geschichte immer wieder mal neu. Das alte Testament beruft sich, soweit erforderlich, auf Gott. Die Chaostheorie besticht über alles, was wir bei Gott nicht wissen können, durch Computersimulationen und griffige Worthervorbringungen.

  Altes Testament Chaostheorie
Gemeinsamkeiten Schöpfung, Untergangsszenarien etc. Selbstorganisation, Zerfall von Ordnungen etc.
Unterschiede Glauben an Gott, Bilderverbot etc. Glauben an Physik, Computer, Simulationen etc.

Einen Unterschied machen, der einer ist,

meint die pragmatische Psychotherapie (z.B. Watzlawik, de Shazer). Da wird sprachlich an der Präzision gearbeitet, bis die geistige Landkarte stimmt. Eine Information im Chaos der Sinneseindrücke ist dann ein getroffener Unterschied, der einen Unterschied macht. Was da informationstheoretisch und kontextuell sich auf die double=bind beruft, greift auf einen Mythos zurück, der bekannt aber nicht erkannt ist: die Schöpfung, die Erschaffung der Welt in sieben Tagen (bemerkt Bateson): "Da schied Gott das Licht von der Finsternis und er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag." (1. Mose 1)

tit for tat,

wird geraten, wenn die Fronten verhärtet sind und nichts mehr geht (wie du mir so ich dir). Dazu wird die Spieltheorie mit dem Prisoners-dilemma-game zitiert. Vielleicht ist die Chaostheorie bloß die Nebenwirkung heißgelaufener Rechner. Denn bei gegeneinander spielenden Computern würde der mit der Strategie "tit for tat" gewinnen. Wem das nicht in den Kopf will, kann ebenso gut sich auf 2. Mose 21 berufend denken: "Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, ..." Das alte Testament wird gerade um dieser Stelle willen zuweilen als barbarisch angesehen. Wir seien dagegen mit unseren Rechtsnormen dem "Auge um Auge" meilenweit überlegen. Aber das ist Unfug. [Eine verpimpelte Auffassung von Gerechtigkeit begegnet mir insbesondere in Sachen sexuellen Kindesmißbrauchs. Da wird, soweit ich das mitbekome, unterschiedslos, ob gravierender Fall oder nicht, geredet und geredet und geredet und geschrieben.] Die notwendige (aber säkulär unterdrückte) Rache droht unsere "Zivilisation" zum Bersten zu bringen. Eine Welt, in der Rache und Verzeihen möglich sind, ist mir näher als eine tödlich langweilige. Doch tit for tat ist für mich nicht generell empfehlenswert, weil ich mir mit tit for tat ein Aufschaukeln, eine Eskalation erkläre. Mein Lieblingstipp ist eigentlich aktives Nichtstun. Und zu meinen Kindern sage ich: Keine Gewalt, oder es knallt.

Zirkuläres Fragen

kann in der Familientherapie das Entstehen und den Zerfall von Mustern verdeutlichen. Man erfährt, wie etablierte Ordnungen durch symptomatisches Fehlverhalten gekippt werden und ins Chaos zu stürzen drohen. Indem in der Familientherapie Unterschiede gemacht werden, bringt man Struktur ins Chaos, fügt dem System neue Energie zu. Es können sich alte Muster auflösen und neue Muster bilden. Fritz Riemann hat für die postfaschistische Erziehungsberatung in Deutschland Grundlegendes geleistet, indem er ausgehend von einer astronomischen Überlegung Nähe und Distanz, Konstanz und Wandel als Triebkräfte der Persönlichkeit darlegte (1964 und 1972). Damit sind die Zustände und Fliehkräfte markiert, die die Zyklen am Laufen halten. Ilya Prigogine oder Friedrich Cramer wären in der Sache heute aussagekräftig. Der Springpunkt ist jener Zustand, in dem das zyklisch funktionierende System platzt und einen unbestimmten, gänzlich anderen Verlauf nimmt. Im Springpunkt kommen die zyklische Zeit Tr des Bezugssystems und dessen fortschreitender irreversibler Zeitvektor Ti zusammen. Gerät nun ein zyklisches zeitliches System Tr mit einem System Ti zusammen, verleiht ihm dessen Selbstorganisations-Attraktor eine neue Systemgestalt. Ob wir dieses zyklisch-irreversible Werden von rückgekoppeltem Chaos als "Gestalt" oder "Kontext" oder "double=bind" oder "dissipative Struktur" oder "Gott" bezeichnen wollen, ist eine Frage des Verhältnisses von Tr und Ti in unserem Denken. Eine Frage des Zeitpunktes. "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: ... Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit, ...". (Pred.3)

" ... wie dich selbst."

Das Gebot der Nächstenliebe (3. Mose 19.18) fühlt sich mit den Zeiten stark abgegriffen an, und doch kommt kein Helfer ohne dem aus. In den Therapieformen wird Empathie als professionelle Nächstenliebe verordnet. Aber was ist von dem äquivalenten Teil der Aussage: "... wie dich selbst" zu halten. Gehen wir mit uns genügend narzißtisch um, dass die Eigenliebe tatsächlich ein erstrebenswertes Angebot an den geschätzten Anderen ist? Wie gehen wir mit uns selbst um? Gibt es da nicht etliche selbstzerstörerische Tendenzen, dass der eine oder andere Berater gut täte, um Himmelswillen den Nächsten davon zu verschonen, ihn so zu lieben wie sich selbst.

Dass es sich beim Alten Testament um einen genauen Text handelt, bemerkt man bei der Frage, wen man zu lieben habe, wenn man sich jenes Gebot von den zehnen anschaut, das vor dem Tötungsverbot steht!: Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren (2.Mos.20 (12). Gerade weil da nicht scheinheilig verlangt wird, Vater und Mutter partout lieben zu sollen, bekommt das Gebot Wucht. Beeindruckend ist auch die Begründung: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren," (und jetzt kommt es:) "auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird." An Erziehungszielen ist mir schon Etliches berichtet worden. Vater und Mutter zu ehren war da niemals mit genannt. Warum, warum? Ich glaube, dieses Gebot ist vergessen und nicht Teil unserer Kultur. Hier darf ich es mal sagen: Jene, die entwurzelt und von guten Geistern verlassen in meiner Beratung erscheinen, haben keine Ahnung davon, was das sein könne, Vater und Mutter zu ehren. Im Gegenteil, sie brüsten sich oftmals sogar, den einen oder anderen Elternteil nicht mal zu kennen. Viel Aufwand nehmen heutzutage Mütter oder Väter auf sich, den anderen Elternteil für das Kind unmöglich zu machen. Dem versuchte man mit der Kindschaftsrechtsreform entgegenzusteuern. Solange aber Eltern-Ehren nicht Kalkül von Erziehung ist, bleibt Umgangsrecht bloß Anordnung von kaltem Vollzug.

Chaos als M(eth)ode

Nun erleuchtet die Chaosforschung zu Zeiten des Jahrtausendwechsels die zwar von Gott verlassene aber nicht minder hoffnungsfrohe Interessentengemeinde mit Schlagworten von Selbstorganisation und dissipativen Strukturen. All die Bilder von Selbstähnlichkeit führen einem vor Augen, daß man seinem Schicksal im Großen und Ganzen nicht entkommt. So wird sich der chaostheoretisch bewanderte Berater nicht nur an den Selbstorganisationsvorgängen in der Klientel aufhalten, sondern eine Ahnung von chaotischen Vorgängen mit der Beratung als System selbst und dem Umfeld der Beratung bekommen.

Die Fusion der Berliner Bezirke bedeutet für die behördlichen Beratungsstellen eine chaotische Herausforderung. Auf einer Tagung hatten mein Kollege Andre Jacob und ich keine Lust, an Zukunftsängsten zu feilen, sondern hielten Ausschau nach einem Modell für die Situation. Recht bald setzten wir die gegenwärtige Lage in das Bild von der Sintflut. Die Ableitung und Handlungsanweisung holten wir uns aus dem im 1. Mose 7 beschriebenen Katastrophenszenario und vertraten als Lösungsvorschlag das Ding mit der Arche als ratsames Verhalten für die betreffenden LeiterInnen in den verschiedenen Beratungsstellen: "Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche ihn mit Pech innen und außen." Jeder schwimme, wenn das Wasser gekommen ist! Ein Modell für das Durchstehen solch einer Krise, wie es die Fusion zweier Beratungsstellen ist, war gefunden und unser Herz schlug ruhig. Unser Beitrag wurde auf der Tagung gutgeheißen. Bislang ist niemand an uns herangetreten, unser vorgestelltes Modell sei trivial oder eine Gotteslästerung. Wir hätten das Gleiche unschwer in den Worten fraktaler Organisation oder der Synergie erzählen können. Wollten wir aber nicht.

[Nun, fünf Jahre später, ist gewiß, dass Andre Jacob und ich unsere jeweilige Arche verschieden manövriert haben: Er hat sein Wasserfahrzeug gewechselt, ich bin samt Kasten streckenweise abgetaucht. Überdies war die Bezirksfusion in Berlin ein Patsch ins Wasser. Durch "Regionalisierung" will die Behörde nun in gleicher Weise gegenrudern. Aber sie ist manövrierunfähig, damals wie heute.]

Schlüsse

Weltanschauliche Neutralität von Beratung ist ein Gut, das stets mit neuen lebendigen Werten aufgefüllt werden muß oder hohl wird. Vom Werteverfall bleibt die Beratung nicht verschont, denn die Attitüde des Helfers wirkt allzu schnell unecht. Gelingt es, dass wir unser Weltbild frisch halten, hat ein frisches Menschenbild für uns eine Chance. Ein Weltbild ist ein durch Glauben und Überzeugung gefügtes Gesamt an Aussagen über die Welt und die Stellung des Menschen in ihr. Das alte Testament und die Chaostheorie sind uns zugängliche Angebote von Weltbildern in der überbilderten Welt.

Wir denken und handeln in Zitaten (auch in kopierten und ausgeschnittenen Bildern). Dessen können wir uns gewahr werden, wenn wir damit Leute beraten. In der Regel dürfen die Leute auch erfahren, daß und woher wir Zitate entlehnten. Dann ist Beratung Hilfe zur Selbsthilfe beim Annehmen und Verwerfen von Zitaten. Denn die unbewußte Übermacht uns bestimmender Zitate gehört gebrochen.

Zitate sind Ausschnitte von Ausschnitten von Ausschnitten einer Landkarte über die Wirklichkeit. Werden sie in der Beratung eingesetzt, hängt ihre Wirksamkeit insbesondere vom gelungenen Verfahren des Ausschneidens und Einsetzens ab. Als Implantat in einer kognitiven oder emotionalen Struktur haben wir es dann auf das dissipativ strukturbildende (quasi gedanklich-gentechnologische) Eigenleben dieses Zitats in dem System abgesehen.

Chaostheorie verlöre ihr Motiv, wenn man nicht mitdächte, das Chaos irgendwie doch in den Griff zu bekommen, das Unvorhersehbare vorher zu sehen. Das ist der Daseinszweck von Visionen, wie dem alten Testament auch. Davon zu Etwas zu bekommen, gehört zum Grund, eine Beratung aufzusuchen. Mensch braucht Orakel (passende Sinnbilder). In der An-Deutung können Zitate aus dem alten Testament oder aus der Chaosforschung Gleiches leisten.

In der Beratung mit Leuten ähnelt mir so Einiges dem, was ich aus der Schrift kenne. Andermal wünschte ich den Ratsuchenden die Abgeklärtheit der Chaostheoretiker, die geraden Blicks auf nicht lineare Beziehungen schauen. Aber ich bin auf der Hut: Ein Ausschlachten von Altem Testament oder Chaostheorie zur Ersatzteilbeschaffung für mißliche Lebenslagen, wäre mir zu dürftig.

Wir entgehen der im Alten Testament wie in der Chaostheorie beschriebenen Schöpfung und dem Untergang nicht. So bekommen wir eine Ahnung, inwiefern unser Zutun als Mensch verlangt ist und wovon wir tunlichst die Finger lassen sollten. Diese Ahnung zu nähren, ist Beratung.


[Nun hat dieser Text fünf Jahre im Kompost meines Computers geruht. Bedeutsamer als damals und näher ist mir in dem Zusammenhang das 2. Gebot, "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen ..." (2. Mos. 20(4)), denn das übertrete ich schon, wenn ich nur daran denke. Keine Erkenntnistheorie ist so optimistisch, wie ein konsequenter Agnostizismus. Und im Sog der Lebendigkeit des zweiten Gebotes, des Bilderverbotes, werden mir die anderen neun Gebote lebendig.]


Zehn (An)Gebote zu chaostheoretischer Beratung ausdenken:

  1. Erlaube (dir) Ratlosigkeit, Innehalten und Langeweile gegenüber Chaos und Ordnung.

  2. Erfreue dich am Baum der Entwicklung. Arbeite stämmig für Verwurzelung wie für Verzweigung. Nutze durch Nichtstun.

  3. Du sollst Gaia nicht mißbrauchen (lassen). Sie braucht die Geschöpfe wie sie sind (gentechnisch unbehandelt. Widerstehe rassistischer Manipulation).

  4. Mach Fehler, aus denen gelernt werden kann. Sei ordentlich chaotisch.

  5. Denke beim Einstieg in ein Flugzeug an den Schmetterlingseffekt. Sei alle Wetter.

  6. Vermittle Bilder, die schon da sind.

  7. Setze dich ins Bild und gehe auf Meta. Respekt vor dem Territorium, Respektlosigkeit gegenüber den Landkarten.

  8. Wenn du beim Wasser einen dissipativen Zustand feststellst, könnte es sein, daß es siedet. Nicht hineinfassen! Aber hol das Apfelmännchen wieder aus der Bratröhre.

  9. Spür im Zyklus den Springpunkt und vertau im Springpunkt auf den Zyklus. Es "gibt" keine Zeit außer dir.

  10. Sei du selbst, misch dich nicht ein. Schaukele mit Macht und Ohnmacht. Geh mit deinem Attraktor und bilde Fraktale.


Anmerkungen

[1] (Quelle: www.smims.nrw.de/2003/projekte/4/web/gesamt.html.


Der Autor

Dr. Hans-Peter Scherner

  • geboren 1954 in Berlin,
  • Studium der Psychologie in Jena,
  • verheiratet, fünf Kinder,
  • seit 1983 Erziehungsberater in Berlin,
  • leitet seit 1990 eine öffentliche Familienberatungsstelle am Standort Hellersdorf von Berlin.

eMail: hans.scherner@t-online.de


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2004


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