Systemische Beratung in fünf Gängen.

Ein Leitfaden. Praxiskarten.
Helga Brüggemann, Kristina Ehret-Ivanovic und Christopher Klütmann (2006),
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 150 Seiten.

Eine Rezension von Hans Scherner (Juni 2007)

Manierlich

Ich habe mir systemische Beratung in fünf Gängen auf der Zunge zergehen lassen. Aufgetafelt von Helga Brüggemann, Kristina-Ivankovic und Christopher Kütmann. Leicht bekömmlich, kann ich sagen. Dazu hat sicher der pädagogische Hintergrund der AutorInnen-Triade beigetragen. Kurzweilig geschrieben. Augenfällig einleuchtend grafisch gestaltet.

Die fünf Gänge meinen gleichnishaft fünf Phasen der systemischen Beratung, die auch die Kapitel des gut in der Hand liegenden Büchleins sind:

Dieses Fünf-Gänge-Menü ist quasi häppchenweise portioniert in je fünf Unterabschnitte. Durchzogen wird die Abhandlung durch das Darstellen von Methoden, sämtlich ins Konzept passenden und über dies gut ausgehenden Beratungsbeispielen aus dem Profit- und Non-Profit-Bereich, theoretischem Input, möglichen Fragestellungen und besonderen Hinweisen. Dem systemisch Aufgetafelten ist ein Methodenkoffer nachgestellt, in dem alles, was SystemikerInnen an Methoden lieb und teuer ist, tabellarisch aufbereitet und mit der Angabe zu erwartender Dauer versehen ist.

Für die Hand aller, die Kärtchen gebrauchen und das Kleingedruckte mögen, haben die AutorInnen 25 Praxiskarten bereitgestellt. Für jeden Abschnitt des Buches eine Karte zu Ziel, Vorgehensweise, Methode, rückseitig mit Fragen- bzw. Aussagen-Katalog.

Spricht alles in allem die Sinne an und macht systemische Beratung für jedermann schmackhaft. Soweit gelungen, Glückwunsch!

Wonach schmeckt "Systemische Beratung" eigentlich?

Was hierzulande gern als Beratung serviert wird, schlägt die VerfasserInnentriade auch der systemischen Beratung zu: Lösungsorientierte Haltung, Wertschätzung, aktiv zuhören usw. "Die systemische Beratung ist zugewandt, human, kunden- und ressourcenorientiert." Wer wollte dem widersprechen. Und fast bekam mir die systemische Beratung unterschiedslos wie Beratung schlechthin. Aber es können schon noch Unterschiede gemacht werden. Die dargelegte Grundhaltung des (systemischen) Beraters wird im Gegensatz zur Expertenberatung dargelegt, wonach "ein systemischer Berater den Kunden/Klienten mit der Haltung [berät], dass allein der zu Beratende selbst weiß, was für ihn gut ist. Der Berater hält keine Antworten bereit, sondern bringt den Kunden/Klienten und sein System in Bewegung." Ja, so einen Kunden, der selbst weiß, was für ihn gut ist, hatte ich auch schon. Systemische Beratung will keine Expertenberatung sein. Das Buch verkörpert durchgängig Beratungsoptimismus und verspricht mithin leichtes Beraten bei systemischer Beratung. Beratung light?

Wodurch systemische Beratung locker-flockig wird

Mit theoretischem Input gibt die VerfasserInnentriade die systemische Linie vor. Glaubenssätze zu Hypothesen, Konstruktivismus, Problem etc. Eingängig, nicht schwer zu verstehen. Bei der Definition von "System" (Anzahl von Elementen in Wechselbeziehung) wird auch der Mensch erklärt. Der Mensch sei in dem Sinne "ein komplexes System, das wiederum mit anderen Systemen [...] weitere übergeordnete Systeme [...] bildet. Als soziales Wesen ist der Mensch kein isoliertes Individuum, sondern lebt in Beziehungen mit anderen und ist damit Teil verschiedener Systeme." Der Mensch ist in die Seile von Beziehungen gehängt und flattert als Pappkamerad im Wind wie bei einem Mobile. Werden unter dem vordergründigen Aspekt von Kommunikation körperliche, psychische oder auch rechtliche Anteile des Menschseins von der systemischen Beratungsküche ferngehalten? Sie kommen nicht als solche vor.

Der systemische (und deshalb gleichwohl nicht isolierte) Mensch hat folgerichtig auch kein Problem. Allenfalls könne um zufällig entstandenes Verhalten eine Form der Kommunikation entstehen, die den als problematisch empfundenen Zustand weiter stabilisiert. Mithin reserviert systemische Beratung für sich und die Klientel eine ungeheure Leichtigkeit des Seins. Solange nicht jemand wirkliche Probleme hat, mag das angehen. Bei tatsächlichem Hilfebedarf wäre mir eine Beratungshaltung, die schlechte Zustände bloß als Form der Kommunikation betrachten kann, zu locker-flockig, zu dünn. Damit hätte ich ein Problem.

Was kommt wirklich auf den Tisch?

Der Berater, wird gesagt, ist offen für die Wirklichkeit des Kunden. Diese Wirklichkeit könne nicht losgelöst von ihrem Betrachter gesehen werden. Wenn z.B. ein Paar eine Party beschreibt, werde Wirklichkeit von beiden unterschiedlich entworfen. Die Sprache sei dabei der Schlüssel zur Wirklichkeit.

Ob es Wirklichkeit in der systemischen Beratung wirklich geben kann, weiß ich nach der Lektüre des Buches nicht. Ich bin skeptisch. Ein Unterschied von Wirklichkeit und Sichtweise auf Wirklichkeit kommt nicht vor: Im Beratungsleitfaden gibt es Diagnostik nicht als Mittel der wie auch immer eingeschränkten Erkenntnis von Wirklichem. Hypothesen werden hier jedenfalls nicht gebildet, um eine praktisch verfolgte Theorie zu prüfen, die etwas über Wirklichkeit auszusagen vermag. Nein. Der Kunde/Klient entscheidet durch seine verbalen und nonverbalen Reaktionen, ob eine Hypothese für den Beratungsverlauf Sinn ergibt.

Die Sichtweise des Kunden gelte es, in systemischer Beratung durch das Hinzufügen neuer Bedeutungsbeschreibungen zu verändern. Dazu wird die gezielte Einnahme von unterschiedlichen Beobachterpositionen und Perspektivwechseln propagiert, um starre Interaktionsmuster zu verflüssigen.

Was das mit den jeweiligen Wirklichkeiten des Kunden macht, was nach der Beratung wirklich anders sein soll, kann man über die fünf Gänge nur ahnen. Nach meinem Geschmack wäre erst eine Beratung, die Wirklichkeit kennen und sich darauf einlassen kann. Eine Beratung, die ausgehend von einer geerdeten Vorstellung von Wirklichkeit, sich daran machen kann, mit der/m Ratsuchenden Ursache von Wirkung, Gründe von Handlungskonsequenzen, Verhalten von Verhältnissen zu unterscheiden. Mit Wirklichkeit in der Beratung verständig umgehen und sich nicht abspeisen lassen. Das interessiert mich, um entscheiden zu können, wer in die systemische Beratung gehen sollte und wer nicht. Oder ist systemische Beratung unterschiedslos für alle da? Ohne Kontraindikation? Das kann doch nicht wirklich gemeint sein.

Timing, Schlag auf Schlag

In welcher Beziehung die Beratung zur Wirklichkeit des Kunden/Klienten steht, hängt wohl auch mit der Dauer der Beratung zusammen. Für lediglich einen Termin können die o.g. fünf Gänge zu üppig sein. Für längere Beratungsprozesse wäre es für meinen Geschmack etwas wenig, mit "Bearbeitungs- und Lösungsebene finden" als Hauptgang abgespeist zu werden, "Impulse als Nachspeise" gereicht zu bekommen und mit "Gespräch abschließen als Digestiv" hinausgebeten zu werden. Dabei hätte ich das Gefühl, womöglich die eigentliche Speisung verpasst zu haben. So etwas gibt es ja wirklich. Gut genährt ist der Kunde/Klient nicht nach typischen fünf Gängen, sondern wenn sein Anliegen durch die Beratung im wohlverstandenen Interesse erledigt ist.

Dass der Kunde/Klient in der systemischen Beratung womöglich tatsächlich etwas verpaßt, dazu könnte auch das Timing bei der Methodenanwendung beitragen. Für das Arbeiten an einer Skulptur oder am Tetralemma sind ja noch realistische 60 Minuten anberaumt. Da kann man/frau mitgehen. Dagegen sollen für das Anknüpfen an Leidenschaften, Irritieren/Provozieren, Musterunterbrechung(!), Paradoxe Intervention, Reframing(!) etc. je 2 Minuten genügen. Das Wechselspiel von Anpassen an den Klienten und Führen durch den Berater braucht alle Zeit der Welt. No fastfood, please.

Schließlich

Ich habe bei aller Kurzweil mit dem Bändchen keine Aufrechnung der erfreulichen Stärken und der etwa unterlaufenen Schwächen des Buches vorgenommen. Wichtig ist, ich bin nach der Lektüre um eine wichtige Praxiserfahrung Anderer bereichert. Ja, ja, ich bin verwöhnt. Mir will besonders munden, was ich mir selber anrichte. Insofern dem AutorInnentrio für ihre Menüfolge mein weitgehendstes Lob: Es war bekömmlich.

Dem besprochenen Buch ist zu wünschen, dass es Eingang in die Bibliothek von Beratungseinrichtungen findet. BeraterInnen, die wissen, was sie tun, werden an dieser leicht daherkommenden Beratungsanleitung ihre Freude haben. So, wie es da geschrieben steht, kann er sie es machen. Oder anders.

Die AutorInnentriade ist ein unerschöpflicher Quell für Fragen, die man stellen kann, wenn man gern fragt. Und selbst bei der Werbung für den Kartensatz ist ihnen das Fragen nicht vergangen: "Kennen Sie nicht auch das Phänomen, dass einem ausgerechnet in der Situation, in der einem ein Kunde oder Klient gegenübersitzt, nicht die richtige Frage einfällt?" Meine Antwort: Nein. Wenn es in der Beratung klemmt, dann liegt das nicht an einer fehlenden Frage. Aber ich wüßte, was ich als systemischer Berater in solchem Fall täte. Ich würde meinem Kunden oder Klienten das Buch "Systemische Beratung in fünf Gängen" für eine Weile in die Hand drücken und derweil wirklich essen gehen.



Der Autor

Dr. Hans-Peter Scherner

  • geboren 1954 in Berlin,
  • Studium der Psychologie in Jena,
  • verheiratet, fünf Kinder,
  • seit 1983 Erziehungsberater in Berlin,
  • leitet seit 1990 eine öffentliche Familienberatungsstelle am Standort Hellersdorf von Berlin.

eMail: hans.scherner@t-online.de


Veröffentlichungsdatum: Juni 2007


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