Soziale Arbeit als organisierte Hilfe in der funktional differenzierten Gesellschaft

von Albert Scherr (September 2001)

Dieser Text basiert auf einem Beitrag, der für den von Veronika Tacke herausgegebenen Sammelband 'Funktionale Differenzierung und Organisationen' verfasst wurde, der im Herbst 2001 beim Westdeutschen Verlag erscheinen soll. Er wurde für diese Onlinepublikation erheblich gekürzt und inhaltlich etwas überarbeitet. Leser, die die vorgetragen Öberlegungen in wissenschaftlichen Kontexten weiterverwenden wollen, sind gebeten, für Zitate und Belege die Druckfassung zu verwenden.


(...) Im Folgenden wird hier argumentiert, dass Soziale Arbeit als organisierte Hilfe in der modernen Gesellschaft auf Folgeprobleme von funktionaler Differenzierung sowie der Inklusions-/Exklusionsmodi von Organisationen reagiert. Dies geschieht durch die Anlagerung von Hilfen an Organisationen - an Betriebe, Schulen, Krankenhäuser usw. -, aber auch durch die Entwicklung eigenständiger Organisationen der Hilfe. Insofern stellt die Soziale Arbeit ein sowohl für die Gesellschaftstheorie als auch für die Organisationssoziologie interessantes Phänomen dar. Im vorliegenden Beitrag werden jedoch nicht erneut ganz allgemein gesellschaftliche Bedingungen, Formen und Folgen von Hilfsbedürftigkeit und Helfen analysiert (s. dazu Bommes/Scherr 2000a). Vielmehr wird spezifischer danach gefragt, wie formale Organisationen sowohl an der Entstehung als auch an der Bearbeitung von Hilfsbedürftigkeit beteiligt sind. Damit wird die allein in der Theorie funktionaler Differenzierung systematisch vorgesehene Unterscheidung von Funktionssystemen, Organisationen und Interaktionen als eigenständigen Analyseebenen Analyse aufgegriffen. (...)


1. Einige Anmerkungen zum Stand der Debatte

Soziologische Theorien der Sozialen Arbeit sind seit Georg Simmels Überlegungen zur Teleologie der Armenfürsorge (Simmel 1968: 345ff.) darauf gerichtet, latente Funktionen der organisierten Hilfe aufzudecken. In zahlreichen Varianten ungleichheitstheoretisch und herrschaftssoziologisch fundierter Analysen wird akzentuiert, dass Soziale Arbeit Bestandteil von Strategien einer solchen Bearbeitung der Existenzrisiken der Lohnabhängigen sowie der Folgen und Nebenfolgen von Armut ist, die zur Absicherung der Strukturen einer kapitalistisch verfassten Ökonomie sowie der darauf bezogenen Rechtsordnung und politischen Herrschaftsverhältnisse beiträgt (vgl. als Übersicht Bommes/Scherr 2000a: 36ff.). Es gibt keinen Grund, die Plausibilität entsprechender Untersuchungen ganz generell zu bestreiten. Zusammenhänge von Hilfsbedürftigkeit mit den Existenzrisiken Lohnabhängiger und mit Armut sind ebensowenig prinzipiell in Abrede zu stellen wie die Bedeutung politischer Kalküle für die Festlegungen legitimer Hilfsansprüche und angemessener Hilfen. Grundlage der weiteren Überlegungen ist gleichwohl die Annahme, dass die Theorie funktionaler Differenzierung gegenüber gängigen Varianten des (Neo-)Marxismus, der Ungleichheitsforschung sowie der an Max Weber, Michel Foucault oder Jürgen Habermas anschließenden Herrschaftssoziologien eine genauere Betrachtung der Entstehung und Bearbeitung von Hilfsbedürftigkeit in der modernen Gesellschaft ermöglicht. Denn diese können nicht angemessen berücksichtigen, dass Soziale Arbeit veranlassende Hilfsbedürftigkeit nicht nur aus Folgeproblemen des Wirtschaftssystems und ökonomisch bedingter Ungleichverteilungen resultiert, sondern , wie wir andernorts gezeigt haben (s. Bommes/ Scherr 2000a), aus den Inklusions-/Exklusionsverhältnissen potentiell aller Funktionssysteme.

Die hier angedeutete Kontroverse zwischen Differenzierungstheorie und Neomarxismus wurde bezogen auf die Soziale Arbeit auch in der Form einer kleinen Kontroverse zwischen Michael May und mir in den Heften 77, 78 und 79 des Jahrgangs 2001 der Zeitschrift 'Widersprüche' ausgetragen.

Es ist nicht zu bestreiten, dass Phänomene wie Arbeitslosigkeit, Armut, Drogenabhängigkeit, Gewalt, Kriminalität, Obdachlosigkeit usw. gesellschaftlich bedingte sind. Damit stellt sich einer Theorie, die die moderne Gesellschaft als funktional differenzierte beschreibt, die Aufgabe zu klären, ob und gegebenenfalls wie diese und vergleichbare Problemlagen mit der Struktur funktionaler Differenzierung selbst zusammenhängen. Entsprechende Zusammenhänge sind nun keineswegs offenkundig. Anders als Theorien sozialer Ungleichheit kann eine soziologische Systemtheorie Sozialer Arbeit nicht auf die quasi vortheoretische Plausibilität von Theoremen über gesellschaftliche Ursachen sozialer Probleme setzen.

Erst die Zentralstellung der Unterscheidung Exklusion/Inklusion in der systemtheoretische Gesellschaftstheorie (Luhmann 1996b und 1997a: 618ff.) und Organisationssoziologie (Luhmann 1994 und 2000a: 380ff.)[1] hat die Theorie sozialer Systeme für Beobachtungen von Teilnahmebegrenzungen und sozialem Ausschluss sensibilisiert und damit einen Gesichtspunkt bereitgestellt, der eine genuin differenzierungstheoretische Auseinandersetzung mit jenen Phänomenen ermöglicht, die bis dahin in die Zuständigkeit von Ungleichheitsforschung, Kriminologie und jeweiligen speziellen Soziologien verwiesen waren und dies zum Teil immer noch sind.[2]

Wann, weshalb und wie diese Unterscheidung entwickelt wurde, ist ein eigenes Thema, das hier nicht ausgeführt werden kann. Wen dies interessiert, der sei etwa auf das 1987 im Merve Verlag erschienen Buch 'Niklas Luhmann: Archimedes und wir' hingewiesen, das eine Reihe interessanter Interviews enthält, insbesondere auf das Interview 'Begriff des Politischen'.

Seitens der Systemtheorie werden die Soziale Arbeit veranlassenden Formen von Hilfsbedürftigkeit generalisierend im Zusammenhang damit gesehen, dass die Funktionssysteme der Gesellschaft Exklusionen "produzieren und reproduzieren" (Luhmann 2000a: 392). Soziale Arbeit reagiert demnach als "Nacharbeit" auf "Exklusionen oder drohende Exklusionen" (ebd.) durch Funktionssysteme und Organisationen, indem sie Leistungen der Beratung, Betreuung, Erziehung, Bildung, Quasi-Therapie und des stellvertretenden Handels zur Verfügung stellt. Diese ergänzen als personenbezogene Hilfen die administrativen Leistungen der sozialstaatlichen Sicherungssysteme als Zweitsicherung (Bommes/Scherr 1996), die Hilfsbedürftigkeit in spezifisch unspezifischer Weise beobachtet und damit Leistungen erbringt, die nicht in die Kompetenz der helfenden Berufe des Gesundheits-, Rechts- und Erziehungssystems fallen (vgl. dazu Bardmann 1996; Bommes/Scherr 2000b; Stichweh 2000). Vordergründig betrachtet, leuchtet eine solche Beschreibung der sozialstaatliche Versicherungsleistungen und sozialarbeiterische Hilfen verlassenden Problemlagen als Folgeprobleme von Exklusionen und Exklusionsverdichtungen in der funktional differenzierten Gesellschaft, wie sie inzwischen in verschiedenen Varianten vorgelegt wurde, ein.[3] Denn Individuen werden - empirisch betrachtet - in der Regel dann zu einem Fall für sozialstaatliche und sozialarbeiterische Hilfen, wenn sie eigenständig keinen Zugang zu betrieblicher Erwerbsarbeit, intakten Familien, medizinischer Versorgung, rechtlichen Entscheidungen, Warenkonsum usw. finden, d.h. die Teilnahmebedingungen jeweiliger Funktionssysteme und/oder Organisationen nicht erfüllen, oder aber von diesen als Adressen für den Fortgang der Kommunikation nicht benötigt werden. Auch ist empirisch nicht zu übersehen, dass die moderne Gesellschaft, Exklusionen und sozialen Ausschluss wiederkehrend und in großem Ausmaß produziert (Luhmann 1996b).

Anders als von Roland Merten in seiner 1997 erschienen Studie 'Autonomie der Sozialen Arbeit' und kürzlich in einem recht polemischen Aufsatz in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (4/2001) angenommen wird, kann Soziale Arbeit aber nicht als Integrationsarbeit beschrieben werden. Denn zum Einen hat die Luhmann'sche Systemtheorie die Vorstellung, Individuen könnten in die Gesellschaft integriert werden, systematisch dekonstruiert und an ihre Stelle die Beobachtung der Komplexität der Inklusionen/Exklusionen von Personen (nicht: Individuen) durch soziale Systeme gesetzt. Selbst wenn man den Integrationsbegriff theoretisch naiv verwendet, ist Soziale Arbeit manchmal auf Integration in, manchmal auf Desintegration aus jeweiligen sozialen Kontexten (Familien, Wohngebiete, psychiatrische Krankenhäuser usw.) gerichtet, also ebenso Desintegrationsarbeit wie Integrationsarbeit. Bei der Vorstellung, es gehe um Integration in 'die Gesellschaft', wird Gesellschaft wohl mit der Gesellschaft der ordentlichen - rechtskonformen, arbeitswilligen, psychisch disziplinierten usw. - Leute gleichgesetzt, die bekanntlich eine recht exklusive Gesellschaft ist.

Will man theoretisch präzise klären, wie die Soziale Arbeit veranlassenden Problemlagen als Folgeprobleme funktionaler Differenzierung begriffen werden können, dann ist es darüber hinaus erforderlich, die Bedingungen und Formen der Lebensführung in der modernen Gesellschaft, insbesondere die Abhängigkeit von Individuen und Familien von den Leistungen der Funktionssysteme und Organisationen, etwas genauer zu analysieren. Im Perspektivenwechsel von den systemischen Inklusionsbedingungen auf die Bedingungen der individuellen Lebensführung wird die besondere Bedeutung von Organisationen für die Entstehung von Hilfsbedürftigkeit deutlich - und damit zugleich plausibel, warum eine Interpretation Sozialer Arbeit als direkte Reaktion auf Folgeprobleme funktionaler Differenzierung übergeneralisierend ist. Zugespitzt formuliert:Niemand scheitert an der Struktur funktionaler Differenzierung. Soziologische Analysen des Leidens, Scheiterns und der Hilfsbedürftigkeit von Individuen und sozialen Gruppen sind deshalb zu beziehen auf historisch konkrete Bedingungen, die Organisationen als Teilnahmebedingungen an Funktionssystemen spezifizieren.

2. Abhängigkeiten und Hilfsbedürftigkeit

Modernisierung kann in sozialhistorischer Perspektive als ein Prozess charakterisiert werden, in dessen Verlauf die individuelle Lebensführung in gesteigerte Abhängigkeit von den Leistungen der gesellschaftlichen Funktionssysteme und der sich ihnen zuordnenden Organisation gerät. Erst in der modernen Gesellschaft gilt: "Ohne Geld kann man praktisch nicht leben, ohne Rechtsschutz ebensowenig." (Luhmann 2000b: 303).[4] Eine Grundlage dessen sind die Zerstörung und der Bedeutungsverlust subsistenzwirtschaftlicher Lebensformen sowie tradierten Erfahrungswissens mit der Folge des "Abreißen(s) aller Sicherheiten, die in einer gewissen nichtmonetären Selbstversorgung lagen" (Luhmann 1993: 583). Das darin begründete weitreichende Angewiesensein der Individuen auf die Leistungen der Funktionssysteme, insbesondere auf die Teilnahme an der Geldökonomie, aber auch an schulischer Erziehung, an Krankenbehandlung im Gesundheitssystem, dem Zugang zu Rechtsschutz usw. verleiht Beschreibungen von Exklusionen und Exklusionsverdichtungen ihre unbestreitbare Dramatik.[5] Solche Beschreibungen nehmen Fälle in den Blick, in denen negative Interdependenzen zu einer Verdichtung von Exklusionseffekten führen, deren Ergebnisse Varianten einer "mehr oder weniger effektiven Gesamtexklusion aus der Teilnahme an allen Funktionssystemen" (Luhmann 2000b: 303) sind.

Wann Hilfsbedürftigkeit vorliegt und wie diese als Folge von Exklusionen entsteht, ist gleichwohl theoretisch - jenseits der 'clear cases' umfassender Exklusionsverdichtung[6] - keineswegs transparent. Denn ersichtlich sind nicht alle Individuen gleichermaßen auf alle Funktionssysteme angewiesen. Schon die gängige Gleichsetzung von Armut und Hilfsbedürftigkeit scheitert empirisch am Fall der freiwilligen Armut, die Gleichsetzung von Arbeitslosigkeit und Hilfsbedürftigkeit am (eher seltenen) Fall des fröhlichen Arbeitslosen. Exklusionen durch Funktionssysteme, Organisationen und Familien ziehen keineswegs in allen Fällen Hilfsbedürftigkeit nach sich. Individuen können sich in der modernen Gesellschaft bekanntlich aus der Religion ausschließen, als Erwachsene ihre Familie verlassen, sich der Teilnahme an wissenschaftlicher und massenmedialer Kommunikation verweigern oder die moderne Kunst als unverständlich erleben, ohne notwendig darunter zu leiden und/oder als hilfsbedürftig wahrgenommen zu werden. Umgekehrt gilt: Unfreiwillige bzw. erzwungene Inklusion kann, so im Fall der Gewalt in Familien, belastender Arbeitsverhältnisse oder der Einweisung in Gefängnisse und Psychiatrien, als Ursache von Hilfsbedürftigkeit wahrgenommen werden. Zudem können Individuen keineswegs in allen Fällen von Exklusionen, die sie selbst als problematisch wahrnehmen, gesellschaftlich gewährleistete, durch Rechtsansprüche garantierte und insofern erwartbare Hilfen in Anspruch nehmen. Wer den Verlust seines Glaubens und den Ausschluss aus der Kirche als Leiden erlebt, kann ebenso wenig Hilfsansprüche einklagen, wie Hilfen im Falle des misslingenden Zugangs zu Leistungsrollen im Wissenschaftssystem oder im Leistungssport garantiert sind.

Hilfsbedürftigkeit ist also kein generelles und zwangsläufiges Resultat von Exklusionen durch Funktionssysteme und Organisationen. Damit werden Analysen erforderlich, die genauer klären, wie, in welcher Weise und in welchem Ausmaß, die Lebensführung von Individuen und Familien von den Leistungen der einzelnen Funktionssysteme sowie von Organisationen abhängig ist, was also die Bedingungen dafür sind, dass Exklusionen individuelle und kollektive Problemlagen sowie gegebenenfalls Hilfsbedürftigkeit bedingen.

Mit einiger Plausibilität kann diesbezüglich angenommen werden, dass familiale Intimkommunikationen, insbesondere im Fall von Kindern und Jugendlichen (vgl. dazu Allert 1998), sowie Möglichkeiten der Teilnahme an der Geldökonomie primäre, regelmäßig unverzichtbare Bedingungen der Lebensführung sind, und insofern in der Perspektive der individuellen Lebensführung (nicht gesellschaftstheoretisch!) von einem Primat der Familien und der Ökonomie gesprochen werden kann. Familien als auf Intimkommunikationen spezialisierte Sozialsysteme sind zweifellos von zentraler Bedeutung für den psychischen Strukturaufbau und die sozialisatorische Genese von Sprach- und Handlungsfähigkeit. Zwar unterscheiden auch sie Mitglieder von Nicht-Mitglieder und entwickeln informelle Mitgliedschaftsregeln. Es handelt sich im Fall von Familien jedoch nicht um Organisationen, denn Familien unterscheiden sich von solchen u.a. durch engen Bezug auf als nicht austauschbar betrachtete konkrete Individuen, diffuse Mitgliedschaftsbeziehungen und die allseitige kommunikative Relevanz ihrer Mitglieder (vgl. Luhmann 1990: 196ff.). Die Funktion der "gesellschaftlichen Inklusion ganzer Personen" (ebd.: 211) wird weder durch ein singuläres Funktionssystem nur durch formale Organisationen gewährleistet.[7]- Der spezifische Stellenwert der Ökonomie beruht dabei darauf, dass Geld in der funktional differenzierten Gesellschaft vielfältige Leistungen von Funktionssystemen und Organisationen zugänglich macht (- oder solchen Zugang jedenfalls erheblich erleichtert), -, auf die Individuen im Interesse der Befriedung ihrer Grundbedürfnisse notwendig angewiesen sind.[8] Zwar kann man etwa weder Gerichtsurteile noch Hochschuldiplome kaufen, zumindest nicht in den entwickelten Nationalstaaten des Nordens. Wer über genug Geld verfügt, ist für seine Lebensführung aber auch nicht auf Hochschuldiplome angewiesen, und die Chancen der Rechtsdurchsetzung lassen sich dann steigern, wenn man renommierte Anwälte bezahlen kann. Umgekehrt gilt, dass basale Ernährung, Kleidung und Wohnungen ohne Geld nur schwer zugänglich sind. Insofern kommt einer Charakterisierung von Geld als "Mittler des sozialen Verkehrs" sowie "als Inbegriff des, was uns gesellschaftlich bindet" (Brückner 1982: 10) erhebliche Berechtigung zu. - Zudem werden die Teilnahme an Erwerbsarbeit bzw. die Verfügung über Vermögen sowie die Zugehörigkeit zu einer Familie in der gesellschaftlichen Kommunikation, etwa vor Gericht (vgl. etwa Dietz u.a. 1997) als Indizien einer geordneten Lebensführung behandelt, was die Wahrscheinlichkeit steigert, auch in anderen Bereichen als eigenverantwortlich sprach- und handlungsfähiges Individuum, als kommunikativ adressierbare Person, berücksichtigt zu werden. Dagegen gelten Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnde familiale Einbindung als Merkmale, die Misstrauen in die Relevanz und Eignung von Individuen für Kommunikationsteilnahme veranlassen, z. B. im Hinblick auf schulische Erziehung und Erwerbsarbeit sowie hinsichtlich künftiger Rechtskonformität.[9] Die Annahme einer Bedeutung von Familien und Ökonomie sowie auch von Staatsbürgerschaft und darin begründeten Rechtsansprüchen (vgl. Offe 1996: 274; Luhmann 2000b: 303) für die individuelle Lebensführung erlaubt jedoch "keinerlei Rückschluss auf die gesellschaftliche Relevanz und Unentbehrlichkeit dieser Funktionssysteme" (ebd.: 303). Die vorstehenden Bemerkungen implizieren also keine Rückkehr zu den Annahmen )neo-)marxistischer Gesellschaftstheorien.

3. Historische und regionale Unterschiede

Ausmaß des Einbezugs in und des Angewiesenseins auf Funktionssysteme und Organisationen variieren historisch und regional erheblich. Grundlage dessen ist eine komplexe Verschränkung zwischen erstens dem Umfang, in dem ökonomische, gesundheitliche, erzieherische usw. Leistungen durch Funktionssysteme und spezialisierte Organisationen erbracht werden, zweitens kulturell etablierten Festlegungen und drittens staatlich-rechtlichen Vorgaben.[10]

Auf Erziehung in Schulen sind Kinder und Jugendliche nur dann angewiesen, wenn die allgemeine Schulpflicht etabliert ist sowie staatlich durchgesetzt wird, und/oder schulische Zertifikate als Eintrittsbedingungen in den Arbeitsmarkt vorausgesetzt werden. Manche Krankheiten kann man, andere muss man in den Organisationen des Gesundheitssystems behandeln lassen - und auch dies variiert in Abhängigkeit von rechtlichen Festlegungen sowie kulturellen Normen. Die eigene Ernährung kann man an wissenschaftlich fundierten Ratschlägen, aber auch an Gewohnheiten und Geschmacksempfindungen orientieren. Im Fall psychischer Krisen können Individuen auf Therapien im Gesundheitssystem, gegebenenfalls aber auch auf Ratschläge von Freunden oder die Wirkungen von Drogen vertrauen, in anderen Fällen müssen sie mit der Zwangseinweisung in geschlossene Anstalten rechnen.

Die Struktur funktionaler Differenzierung legt also nicht fest, in welchen Ausmaß Individuen und Familien in ihrer Lebensführung Leistungen der Funktionssysteme beanspruchen müssen, können und sollen, wie Hilfsbedürftigkeit gesellschaftlich festgelegt wird und wann darauf bezogene Hilfeleistungen erwartet werden können. Entsprechend verfügt die moderne Gesellschaft als Weltgesellschaft nicht über eine gesellschaftseinheitliche Festlegung von Standards zumutbarer Lebensführung, in Relation zu denen jeweilige Fälle als defizient und somit als Anlass für gebotene Hilfen anerkannt werden.[11] Die Festlegung erwartbarer, rechtlich garantierter Hilfen fällt primär in die Zuständigkeit von Staaten. Darüber hinaus kann gegebenenfalls an weiterreichende Ethiken karitativer und humanitärer Organisationen sowie an individuelle Hilfsbereitschaft appelliert werden, aber nur wenn diese kommunikativ erreichbar sind, und nur dann wenn diese über Möglichkeiten des Helfens verfügen.

Fragt man nach den Kriterien und Gesichtspunkten, auf deren Grundlage jeweilige nationale Wohlfahrstaaten legitime Hilfsansprüche von illegitimen unterscheiden und auf dieser Grundlage sozialstaatliche Leistungen und Soziale Arbeit gewährleisten, dann stößt man auf sozialrechtliche Festlegungen und sozialpolitische Programme, die Hilfen für Arbeitslose, Wohnungslose usw. in Aussicht stellen. Darüber hinaus sind in weiteren Gesetzen, so im Fall der Bundesrepublik u.a. im Bürgerlichen Gesetzbuch, im Arbeitsrecht, der Schulgesetzgebung und in der Sozialgesetzgebung kodifizierte, gesellschaftsgeschichtlich veränderliche Annahmen darüber enthalten, was als zumutbare Lebensführung betrachtet wird, welche Hilfeleistungen zu deren Absicherung als angemessen und erforderlich betrachtet werden, sowie Festlegungen von Hilfen und Sanktionen, durch die Individuen motiviert und gegebenenfalls gezwungen werden sollen, ihre Lebensführung so zu gestalten, dass sie Zugang zu denjenigen Funktionssystemen und Organisationen finden, deren Leistungen als Bestandteil einer eigenständigen Lebensführung betrachtet werden (vgl. Luhmann 1993: 558 und 579). Sozial anschlussfähige Selbst- und Fremdzuschreibungen von Hilfsbedürftigkeit haben einen zentralen Bezugspunkt in nationalstaatlichen Beschreibungen einer gesellschaftlichen Ordnung, die weitgehende Vorgaben für die individuelle Lebensführung umfasst und auf deren Absicherung Sanktionsandrohungen, staatliche Erziehung und Hilfen zielen. Staat und Recht schränken so betrachtet die Freiheitsspielräume der individuellen Lebensführung in einer Weise ein, die keineswegs direkte Folge der Struktur funktionaler Differenzierung oder der marktwirtschaftlich-kapitalistischen Geldökonomie ist.[12] (...)

4. Soziale Arbeit als organisierte Hilfe

Soziale Arbeit als organisierte Hilfe (s. Bommes/Scherr 2000a) gewinnt ihre Freiheitsspielräume, d.h. die sie charakterisierende Möglichkeit einer umfassenden und unspezifischen kommunikativen Berücksichtigung von Hilfsbedürftigkeit daraus, dass sie auf strikte Codierungen und Konditionalprogramme verzichtet (vgl. Bardmann/Hermsen 2000; Bommes/Scherr 2000b). Hilfe wird als Programmformel verwendet, die spezifisch unspezifisch ist. Als solche befähigt sie Organisationen der Sozialen Arbeit und der psychosozialen Versorgung, die prekären Selbstdisziplinierungsanforderungen anderer Organisationen zu distanzieren, d.h. Individuen "ganzheitlich" in den Blick zu nehmen und zu berücksichtigen.

Soziale Arbeit als an rechtliche Vorgaben gebundene, überwiegend von staatlichen Mittelzuweisungen abhängige und beruflich erbrachte Hilfe kann selbst nur als organisierte Hilfe erbracht werden. Im Fall organisierte Sozialer Arbeit handelt es sich also um solche Organisationen, die auf den Ausschluss aus anderen Organisationen reagieren.

Die Angewiesenheit von Individuen auf Organisationen der Sozialen Arbeit wird der Sozialen Arbeit selbst wiederkehrend unter dem Gesichtspunkt zum Problem wird, dass auch die Organisationen der Hilfe Teilnahmebedingungen am Hilfeprozess festlegen müssen (z.B. Problemdiagnosen, Dienstzeiten und fachliche Spezialisierungen), die die Zugänglichkeit von Hilfen einschränken. Darauf reagiert Soziale Arbeit generell durch einen nicht starren, sondern flexiblen prozessualen Umgang mit Teilnahmebedingungen sowie durch Organisationsformen, die Anforderungen an Klientenrollen maximal reduzieren. So sollen Maßnahmen für Schulverweigerer die Erziehung von Kindern ermöglichen, denen Teilnahme am Schulunterricht nicht zugetraut wird. Heime versuchen Bedingungen bereitzustellen, die auch für Kinder erträglich sind, die ihre Herkunftsfamilie nicht mehr ertragen können, heilpädagogische Heime sind Angebote für solche Kinder, die sich den Bedingungen gewöhnlicher Heime nicht unterordnen können oder wollen. So genannte niedrigschwellige Einrichtungen der Drogenhilfe etablieren Angebote für solche Drogenbenutzer, die sich den Teilnahmebedingungen stationärer Therapien verweigern. Aufsuchende Jugend- und Sozialarbeit sowie Straßensozialarbeit versucht diejenigen noch kommunikativ zu erreichen, die anders nicht mehr erreichbar sind. Solche Organisationsformen sind der für die Organisationssoziologie interessante, bislang aber empirisch kaum beforschte Fall eines Organisierens, das darauf reagiert, dass Individuen an den Teilnahmebedingungen von Organisationen gescheitert sind, deren Erfüllung von Individuen durchschnittlich erwartet wird. Ihr Extremfall sind solche Formen der Einzelfallhilfe, in denen Jugendliche, die selbst innerhalb von Einrichtungen der Sozialen Arbeit, insbesondere von Kinder- und Jugendheimen, als nicht mehr tragfähig betrachtet werden, von einem ihnen individuell zugeordneten Sozialarbeiter - und dies vielfach in entlegenen ländlichen Gebieten - in einer Eins-zu-Eins-Beziehung betreut werden, also unter Verzicht auf personenunabhängige Regeln. Anderen deren Stelle treten interaktive Aushandlungsprozeduren in der diffusen Sozialarbeiter-Klient-Beziehung.

Soziale Arbeit ist gekennzeichnet durch eine unüberschaubare Anzahl von Organisationsformen, die sich hinsichtlich der jeweiligen Aufgabenstellungen, der rechtlichen Verfassung (staatliche Verwaltung, Verband, Verein, GmbH etc.), des Modus der Rekrutierung von finanziellen und Sachleistungen (Selbst- und Fremdfinanzierung auf der Basis von Spenden, Mitgliedsbeiträgen, Sponsoring, staatlichen Zuweisungen), der Höhe des Budgets sowie der Anzahl der hauptamtlich und ehrenamtlich beschäftigten Mitarbeiter unterscheiden. Auf der Grundlage der wohlfahrtsstaatlichen Bestimmungen über rechtlich verbindlich zu erbringende Hilfeleistungen und der gegebenenfalls rechtlichen Ausgestaltung der Bestimmung von Hilfsbedürftigkeit legen Organisationen der Sozialen Arbeit fest, wer als Hilfsbedürftiger und was als Hilfe gelten kann, wie Hilfe in welcher Form (als Sach-, Geld- oder Dienstleistung) durch welche Einrichtung zu erbringen ist. In der Beantwortung dieser Fragen durch Entscheidung bilden sich je organisationsspezifische Traditionen aus, in denen als Strukturen abgelagert ist, was als Ziele, Probleme, Fragen, Streitfälle, Ressourcen, Lösungen, mögliche Teilnehmer, legitime oder illegitime Erwartung usw. im jeweiligen Bereich der Hilfe gelten darf. Mit der Festlegung, dem Weiterreichen, dem Verschieben oder der Lösung ihrer je eigenen Probleme der Entscheidung definieren Organisationen der Sozialen Arbeit stets selbst, was für sie ein Problem der Hilfe ist und was mögliche Formen seiner Bearbeitung sind.Systematisch kann man drei Organisationsformen unterscheiden:

  1. Soziale Arbeit im Kontext wohlfahrtstaatlicher Leistungsverwaltungen (v.a. Jugend- und Sozialämter);
  2. Soziale Arbeit in eigenständigen Organisationen der Sozialen Arbeit (z.B. Kinder- und Jugendheimen, Jugendzentren, Frauenhäusern, Beratungsstellen);
  3. Soziale Arbeit als berufliche Tätigkeit im Rahmen von Organisationen der Wirtschaft, der Gesundheit, des Rechts oder der Erziehung (z. B. als Betriebssozialarbeit, Schulsozialarbeit, Sozialarbeit in Gefängnissen, Jugendgerichtshilfe).

Gemeinsam ist den genannten Organisationsformen ihre Bindung an gesetzliche Vorgaben, insbesondere der Sozialgesetzgebung, das grundlegende Technologiedefizit pädagogischer und therapeutischer Interventionen sowie die dort im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Hochleistungsbereichen (s.o.) reduzierten Anforderungen an Klienten- bzw. Mitgliedschaftsrollen. Hinzu kommt das Problem, dass berufliches Handeln in der Sozialen Arbeit nicht nur in der Anwendung formaler Qualifikation besteht, sondern sich in zahlreichen Fällen als sozialisatorische Interaktion vollzieht, die als solche eng an die Individualität der Beteiligten gebunden ist. Jeweilige Organisationen der Sozialen Arbeit sind Moralunternehmer, die um die Zuweisung knapper wohlfahrtsstaatlicher Ressourcen konkurrieren. Welche Bedeutung diesen Merkmalen in den zu unterscheidenden Organisationsformen zukommt, ist bislang nicht zureichend erforscht. (...) Organisationen der Hilfe sind in vergleichbarer Weise wie die Erziehungsorganisationen durch ein "Technologiedefizit" gekennzeichnet. Rechtliche Bestimmungen in diesen Bereichen stellen keine Entscheidungstechnik zur Verfügung. Sie determinieren nicht den Entscheidungsprozess der Organisationen Sozialer Arbeit, sondern definieren einen Kontingenzraum und damit verbundene Unsicherheiten, die diese Organisationen durch ihre Entscheidungen und entsprechende Strukturbildungen bearbeiten und absorbieren. In der Bearbeitung und Absorption dieser Unsicherheiten greifen sie dabei auf die innerorganisatorisch abgelagerten Traditionen der Bestimmung und Strukturierung von Kontingenz, d.h. die im Alltagsbetrieb bewährten und bis auf weiteres rechtsbeständigen Festlegungsmodi zurück, die es ihnen erlauben, jeweils praktikable Entscheidungen zu finden, für wen welche Art der Hilfe von welchem Träger in Frage kommt bzw. in welchen Fällen auch Hilfe abzulehnen ist. (...) Soziale Arbeit, d.h. die berufliche Erbringung von Hilfeleistungen erfolgt nicht ausschließlich in sozialstaatlichen Leistungsverwaltungen und eigenständigen Organisationen der Sozialen Arbeit. Sie geschieht auch eingelagert in verschiedene Funktionssysteme und ihre Organisationen. So finden sich Betriebssozialarbeit in Wirtschaftsunternehmen; Schulsozialarbeit in der Schule, Sozialarbeit in Krankenhäusern, Jugendgerichtshilfe im Verhältnis zu Jugendgerichten und Sozialarbeit in Gefängnissen. Hilfe setzt hier jeweils spezifisch und unmittelbar an Problemen der Inklusion in den jeweiligen Organisations- und Funktionszusammenhang bzw. damit verbundenen Folgeproblemen an. So kümmert sich der Betriebssozialarbeiter um Problemstellungen, die die Inanspruchnahme von Mitgliedern für die betriebsspezifischen Anforderungen gefährden, seien sie betriebsextern oder-intern veranlasst. Schulsozialarbeit reagiert auf Probleme, Jugendliche dauerhaft erfolgreich für schulische Erziehung zu motivieren, durch die Verlagerung von sozialpädagogischer Erziehung und Hilfeangeboten in das schulische Umfeld - ein Versuch, Jugendliche für die Erziehung zu erziehen. Soziale Arbeit im Krankenhaus richtet sich auf die Bearbeitung der Folgeprobleme krankheitsbedingter Einschränkungen der Lebensführungsmöglichkeiten, die erforderlichen Umstellungen der Lebensführung zur Sicherung von verbleibenden Teilnahmechancen und die Bereitstellung von Sinnformen etwa in so genannten Selbsthilfegruppen, die es den Individuen erlauben, die veränderte Lebenssituation in einer Weise zu verarbeiten, dass sie sich ihr möglichst selbständig stellen können. Soziale Arbeit als Betriebs-, Schul- oder Krankenhaussozialarbeit erfolgt ausgehend von den Primaten und Inklusionsbedingungen der Funktions- und Organisationsbereiche, in denen sie angesiedelt ist. Sozialarbeit im Gefängnis richtet sich neben dem Bemühen, den Gefangenen dabei zu helfen, sich mit den Bedingungen des Strafvollzugs zu arrangieren, vor allem darauf, die Inklusionsfähigkeit der Insassen für ein Leben nach dem Gefängnis zu befördern und zugleich Ausgangsbedingungen dafür zu schaffen, dass Inklusion nach der Entlassung gelingt.Soziale Arbeit als Hilfe, die durch Interaktionen in Organisationen des Wirtschaftssystems, Erziehungssystem, Gesundheitssystems und des Rechtssystems erbracht wird, ermöglicht es den jeweiligen Organisationen, in ihren Teilnahmebedingungen eingelassene Risiken des Scheiterns organisationsintern zu bearbeiten. Dabei findet Soziale Arbeit ihre Grenze daran, dass sie nur eng begrenzten Einfluss auf die Teilnahmebedingungen von Organisationen hat, aber auch ihre Einwirkungsversuche auf Individuen Selbstveränderungen nur anregen können.

Zusammenfassung

Organisationen haben eine zentrale Bedeutung für die Spezifizierung der Bedingungen der Teilnahme an den Leistungen der Funktionssysteme, für die Festlegung von Inklusionsbedingungen und für Exklusionen, aber auch für die Beobachtung und Bearbeitung von Hilfsbedürftigkeit zukommt. Für eine Theorie der modernen Gesellschaft bzw. eine gesellschaftstheoretisch informierte Theorie der Sozialen Arbeit, die sich dafür interessiert, wie Hilfsbedürftigkeit gesellschaftsstrukturell hervorgebracht wird und über welche Möglichkeiten des Helfens diese verfügt, genügt es demnach nicht, Hilfsbedürftigkeit allgemein als Folgeproblem der Exklusions-/Inklusionsverhältnisse der funktionaler Differenzierung zu fassen, sondern es gilt zu analysieren, welche konkreten Bedingungen für die Lebensführung und korrespondierende Risiken des Scheiterns mit jeweiligen Teilnahmebedingungen einhergehen, die durch Organisationen in regionalen und historischen Kontexten festgelegt werden. Organisationssoziologisch betrachtet, weist Soziale Arbeit, die auf Exklusionsfolgen aus Organisationen und Exklusionsgefährdungen in Organisationen reagiert darauf hin, dass in den "Hochleistungsbereichen" (Luhmann 1994: 190) der modernen Gesellschaft riskante Anforderungen an Individuen als Träger jeweiliger Leistungsrollen durchgesetzt sind, die komplexe Disziplinierungsleistungen voraussetzen. Soziale Arbeit bezieht sich parasitär auf entsprechende Gefährdungen und ist darauf ausgerichtet, die weitere Teilnahme von Individuen an Organisationen und darüber vermittelt an den Funktionssystemen der Gesellschaft zu ermöglichen. Sie kann auch organisationsintern dazu verwendet werden, drohende Exklusionen zu vermeiden.


Literatur

Allert, T., 1998: Die Familie. Fallstudien zur Unverwüstlichkeit einer Lebensform. Berlin, New York: de Gruyter.

Baecker, D., 1994b: Experiment Organisation. In: Lettre International. 22: 22-26.

Baecker, D., 1994a: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. In: Zeitschrift für Soziologie 23, 93-110.

Bardmann, Th. M.,1996: Parasiten - nichts als Parasiten! S. 15-34. In: Bardmann, Th. M./Hansen, A. (Hg.) (1996): Die Kybernetik der Sozialarbeit: ein Theorieangebot. Aachen: Kersting.

Bardmann, Th. M. / Hermsen, Th., 2000: Luhmanns Systemtheorie in der Reflexion Sozialer Arbeit. S. 87-114. In: R. Merten (Hrsg.): Systemtheorie Sozialer Arbeit. Opladen: Leske und Budrich.

Baumann, Zygmunt (1992): Dialektik der Ordnung. Hamburg: Junius.

Bommes, M./Scherr, A., 1996: Soziale Arbeit als Exklusionsvermeidung, Inklusionsvermittlung und Exklusionsverwaltung. In: Neue Praxis 26: 107-122.

Bommes, M. / Scherr, A., 2000a: Soziologie der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in Funktionen und Formen organisierter Hilfe. Weinheim und München: Juventa.

Bommes, M. / Scherr, A., 2000b: Soziale Arbeit, sekundäre Ordnungsbildung und die Kommunikation unspezifischer Hilfsbedürftigkeit. S. 67-86. In: R. Merten (Hrsg.): Systemtheorie Sozialer Arbeit. Opladen: Leske und Budrich.

Bourdieu, P. u. a, 1997: Das Elend der Welt. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz.

Brückner, P., 1982: Ostern. In: Freibeuter 12: 5-14.

Crone, P., 1992: Vorindustrielle Gesellschaften. Stuttgart: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Dubet, F. / Lapeyronnie, D., 1993: Im Aus der Vorstädte. Stuttgart: Klett-Cotta.

Fuchs, P. / Schneider, D., 1995: Das Hauptmann-von-Köpenick-Syndrom. Überlegungen zur Zukunft funktionaler Differenzierung. In: Soziale Systeme, 1. Jg., H. 2, S. 203-224.

Grunow, D.,1995: Zwischen Solidarität und Bürokratie. S. 253-279. In: T. Rauschenbach/C. Sachße/T. Olk (Hg.): Von der Wertegemeinschaft zum Dienstleistungsunternehmen. Frankfurt a.M., S. 253-279.

Luhmann, N, 1993: Das Recht der Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp.

Luhmann, N., 1989: Individuum, Individualität, Individualismus. S. 149-258. In: Ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Band 3. Frankfurt: Suhrkamp.

Luhmann, N., 1990: Sozialsystem Familie, S. 196-217, In: Ders.: Soziologische Aufklärung 5. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Luhmann, N. 1971: Lob der Routine, S. 113-142, In: Ders.: Politische Planung. Aufsätze zur Soziologie von Politik und Verwaltung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Luhmann, N., 1980: Begriff des Politischen, S. 2-13. In: N. Luhmann: Archimedes und wir. Berlin: Merve Verlag.

Luhmann, N., 1984: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt: Suhrkamp.

Luhmann, N., 1994: Die Gesellschaft und ihre Organisationen. S. 189-201. In: H.-U. Wehler u. a. (Hrsg.): Systemrationalität und Partialinteresse: Festschrift für Renate Mayntz. Baden-Baden: Nomos.

Luhmann, N., 1996a: Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie. Wien: Pincus.

Luhmann, N., 1996b: Jenseits von Barbarei. S. 219-230, In: M. Miller/H.-G. Soeffner (Hg.): Modernität und Barbarei. Frankfurt: Suhrkamp.

Luhmann, N., 1997a: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp.

Luhmann, N., 19997b: Wie konstruiert man in eine Welt, die so ist, wie sie ist. Freiheiten hinein? Gespräch mit Karin Dollase. S. 67-83. In: Th. M. Bardmann (Hg.): Zirkuläre Positionen: Konstruktivismus als praktische Theorie. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Luhmann, N., 2000a: Organisation und Entscheidung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Luhmann, N., 2000b: Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp.

Luhmann, N., 2000c: Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamo.

Maas, U., 1996: Soziale Arbeit als Verwaltungshandeln. Weinheim und München: Juventa.

Merten, R., 1999: Systemtheorie Sozialer Arbeit. Opladen. Leske und Budrich.

Neidhardt, F., 1999: Das "Innere System" sozialer Gruppen und ihr Außenbezug. S. 135-156. In: B. Schäfers (Hg.): Einführung in die Gruppensoziologie. 3. Auflage. Wiesbaden: Quelle & Meyer.

Offe, C., 1996: Moderne 'Barbarei': Der Naturzustand im Kleinformat. S. 258-289. In: M. Miller / H.-G. Soeffner (Hg.): Modernität und Barbarei. Frankfurt: Suhrkamp.

Rauschenbach, Th. / Gängler, H., 1992: Soziale Arbeit und Erziehung in der Risikogesellschaft. Neuwied.

Scherr, A., 1998: Randgruppen und Minderheiten. S. 505-513. In: B. Schäfers / W. Zapf (Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Opladen: Leske und Budrich.

Scherr, A., 2000a: Was nützt die soziologische Systemtheorie für eine Theorie der Sozialen Arbeit? In: Widersprüche, H. 77, S. 63-82.

Scherr, A., 2000b: Sozialarbeit/Soziale Hilfe. In: J. Schmidt/H. de Berg (Hrsg.): Rezeption und Reflexion. Zur Resonanz der Systemtheorie Luhmanns außerhalb der Soziologie, Frankfurt: Suhrkamp (im Erscheinen).

Scherr, A., 2000c: Individualisierung - Moderne - Postmoderne. S. 185-202. In: T. Kron (Hrsg.): Individualisierung und soziologische Theorie. Opladen: Leske und Budrich.

Simmel. G., 1968/1908: Soziologie. Berlin: Duncker und Humblot.

Stichweh, R., 2000: Professionen im System moderner Gesellschaften. S. 29-38. In: R. Merten (Hrsg.): Systemtheorie Sozialer Arbeit. Opladen: Leske und Budrich.

Streeck, W., 1999: Korporatismus in Deutschland: Zwischen Nationalstaat und Europäischer Union. Frankfurt a.M./New York: Campus.

Türk, K., 1995: "Die Organisation der Welt". Herrschaft durch Organisationen in der modernen Gesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Weber, G. / Hillebrandt, F, 1999: Soziale Hilfe - ein Teilsystem der Gesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Weick, K. E., 1995: Sensemaking in Organizations. Thousand Oaks.

Willke, H., 1992: Ironie des Staates. Frankfurt: Suhrkamp.


Anmerkungen:

[1] Das Problem des "Totalausschlusses einer bestimmten Schicht von der Teilhabe an der Funktionsbereichen" (Luhmann 1980: 6) wird von Luhmann bereits 1980 benannt. Neu an den Schriften der 90er Jahre ist also nicht die Entdeckung der Exklusionsthematik, sondern ihre gesellschaftstheoretische Zentralstellung.

[2] Veranlasst war dies durch zunehmenden Plausibilitätsverlust fortschrittsoptimistischer Beschreibungen des Modernisierungsprozesses. An deren Stelle tritt die Kritik eines Verständnisses funktionaler Differenzierung, das unterstellt, alle Funktionssysteme zögen "letztlich an einem Strang, um die globalen Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern" (Luhmann 1996: 26).

[3] Auf die internen Kontroversen zwischen diesen Positionen ist hier nicht einzugehen; insbesondere kann hier keine Auseinandersetzung mit der Behauptung (s. dazu zuerst Baecker 1999a) erfolgen, es habe sich ein eigenständiges Funktionssystem der Hilfe herausgebildet; 4as. dazu Bommes/Scherr 1996 und 2000a und Stichweh 2000. Luhmann selbst hält diese Frage offen, s. Luhmann 2000c: 423, Fn 23.

[4] Die Frage der tatsächlichen Reichweite rechtlicher Regulierungen kann hier nicht diskutiert werden.

[5] Vgl. etwa Bourdieu u.a. 1997; Dubet/Lapeyronnie 1993; Luhmann 1993: 584; Luhmann 1997b: 618ff.

[6] Dann gilt: "Was dem Einzelnen bleibt, ist der eigene Körper, Sorge für dessen Überleben, Hunger, Gewalt, Sexualität", wie Luhmann (2000b: 303) - in einer quasi materialistischen Formulierung - argumentiert.

[7] Damit stellen diese als Sozialsysteme einen Sonderfall dar, der für die Systematik der Theorie funktionaler Differenzierung insofern Probleme aufwirft, als Familien weder als Interaktionen, noch als Organisationen und auch nicht als ein Funktionssystem (Luhmann 1990: 211) hinreichend bestimmt werden können. Es spricht einiges dafür, sie als einen eigenständigen, sozialen Gruppen vergleichbaren Systemtypus zu betrachten. Vgl. Neidhardt 1999.

[8] Dies hängt damit zusammen, dass "alle Organisationen Geld kosten" und "insofern... alle Organisationen im Wirtschaftssystem" (Luhmann 2000a: 405) operieren.

[9] Zahlreiche Belege hierfür hat die Kriminalsoziologie im Rahmen der Untersuchungen über die Selektionsmechanismen der Instanzen sozialer Kontrolle zusammengetragen. Von einem als Kaufhausdetektiv arbeitenden Studenten wurde mir kürzlich berichtet, dass zur Einarbeitung in diesen Job ein entsprechendes Wahrnehmungstraining gehört. Als Kennzeichen potentieller Diebe gelten hier u.a. abgetragene Schuhe.

[10] So sind Subsistenzökonomien in vielen Regionen der Weltgesellschaft nach wie vor von erheblicher Bedeutung; immer noch gibt es Bevölkerungsgruppen, die religiöse Bindungen für unverzichtbar halten und Staaten, die die Schulpflicht nicht durchsetzen.

[11] Zwar liegen etwa mit der Erklärung der Menschenrechte, der Genfer Flüchtlingskonvention und von den Organisationen der UNO angefertigten Beschreibungen von Grundbedürfnissen und Gesundheitsstandards durchaus solche Festlegungen vor, für die gesellschaftsweite Geltung beansprucht wird. Bekanntlich sind diese jedoch in den Maß folgenlos, wie ihnen keine staatlich gewährleisteten Rechte von Individuen entsprechen.

[12] Dies verschafft Beschreibungen des modernen Staates Plausibilität, die diesen "als eine missionierende, bekehrende, Kreuzzüge führende Macht" charakterisieren, "die entschlossen ist, die beherrschten Bevölkerungen einer gründlichen Kontrolle zu unterwerfen, um sie in eine ordentliche Gesellschaft zu transformieren" (Baumann 1992: 35).


Der Autor

Prof. Dr. Albert Scherr

  • Geboren 1958, Prof. Dr. habil.,
  • 1977-1982 Studium der Soziologie und Pädagogik in Frankfurt,
  • danach Leiter eines kommunalen Jugendhauses,
  • 1985 Promotion an der Universität Frankfurt,,
  • 1985-1988 Sozialarbeiter in einem sozialen Brennpunkt,
  • 1989 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld,
  • seit 1990 Professor für Soziologie und Jugendpädagogik am Fachbereich Sozialpädagogik der FH Darmstadt.

eMail: scherr@fh-darmstadt.de
Web: http://dr.scherr.bei.t-online.de


Veröffentlichungsdatum: 15. September 2001


©   IBS - Institut für Beratung und Supervision - Aachen