Traumazentrierte Beratung

von Martina Schmitz (April 2004)

In den letzten Jahren sind die wissenschaftliche Untersuchung von Folgen traumatischer Erlebnisse und traumazentrierte psychotherapeutische Behandlungsansätze mehr und mehr ins Blickfeld der beraterischen und psychotherapeutischen Arbeitsfelder geraten. Die Psychotraumatologie hat eine Renaissance erfahren; immer mehr Berater und Therapeuten haben die Wichtigkeit dieses Themas erkannt und wenden Erkenntnisse aus der Forschung und Methoden der Traumabehandlung in ihren Berufsfeldern an.

Die Einrichtung, in der ich tätig bin, das "Zentrum für lebenslanges Lernen" in Traben-Trarbach an der Mosel, hat das Thema "Behandlung von Traumata" seit einigen Jahren zum Schwerpunkt ihrer inhaltlichen Auseinandersetzung vorwiegend im Bereich der Jugendhilfe gemacht. Gerade in der Jugendhilfe ist das Klientel in einem hohen Grad traumatisiert; das Wissen über die Folgen von traumatischen Erlebnissen hilft, Verhaltensauffälligkeiten und Symptome der Kinder und Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, besser zu verstehen und effizienter darauf reagieren zu können.

Wir veranstalten regelmäßige Fortbildungen u.a. zum Thema "Trauma-Pädagogik" und "Traumazentrierte Psychotherapie" sowohl für Pädagogen als auch für Therapeuten, die sehr gut besucht werden. Dieser Artikel soll eine Einführung in das Thema "Psychotraumatologie und traumazentrierte Beratung" sein.

Was ist überhaupt ein Trauma?

Ein Trauma ist eine lebensbedrohliche (oder als solche erlebte) Situation, in der weder mit Flucht- noch mit Kampfreaktionen reagiert werden kann – man ist völlig ausgeliefert. Dies nennt man auch die "Traumatische Zange", die einen Ausnahmezustand im normalen Erleben darstellt, da zwei grundlegende Reaktionsweisen – Kampf und Flucht – nicht möglich sind.

Es werden zwei Formen von Traumata unterschieden:

"T-Traumata": ("Big–T–Traumata")

Ereignisse, die eine Person direkt als existentiell bedrohlich erlebt, oder davon Zeuge wird.

Dazu gehören beispielsweise:

Diese Ereignisse sind durch eine Überstimulierung aller Sinne so stressbeladen, dass sie unsere gewöhnlichen Bewältigungsstrategien überfordern.

Sie lösen aus:

Dies hat in der Regel einen EMOTIONALEN SCHOCK zur Folge, der Verwirrung und massive Erschütterungen der kognitiven Funktionen, der Affektsteuerung und Körperregulation hervorruft und damit häufig dauerhafte substantielle psychische Schäden verursacht.

"t-Traumata": ("Small–t–Traumata")

Ähnliche Phänomene können auch bei "t-Traumata" ("Small–t–Traumata") auftreten:

Folgen von Traumatisierungen:

Anfallsartiges Auftreten von:

Generell gilt:

Traumatische Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren in allen Bereichen des Erlebens und Verhaltens: des Denkens (Kognitionen), der Gefühle (Emotionen), der Körperwahrnehmung und des Verhaltens (Vermeidung von "Triggern" – Hinweisreizen, die an das Ereignis erinnern). Wenn diese Betroffenen keine professionelle Hilfe erhalten, entwickelt sich eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

PTBS - Definition nach ICD 10 F 43.1:

  1. Ständiges Wiedererleben des traumatischen Ereignisses in mindestens einer der folgenden Formen:

    • Flashbacks,
    • Alpträume,
    • Panikattacken,
    • zwanghaftes Erinnern
    • innere Bedrängung in Situationen, die der traumatischen Situation ähnlich sind.

  2. Anhaltendes Vermeiden von Reizen, die mit dem Trauma assoziiert sind und / oder eine Einschränkung der allgemeinen Aktivitäten im Vergleich zur Zeit vor dem Trauma,

    • z.B. auch soziale Isolation,
    • Alkohol-, Drogen-, und Medikamentenmissbrauch,
    • emotionale Empfindungslosigkeit,
    • dissoziative Phänomene, z.B. Gedächtnislücken.

  3. Anhaltende Symptome erhöhter Erregung, die vor dem Trauma nicht bestanden haben. Mindestens zwei der folgenden Symptome müssen beobachtbar sein:

    • Ein- und Durchschlafstörungen,
    • Reizbarkeit und Wutausbrüche,
    • Konzentrationsschwierigkeiten,
    • Erhöhte Schreckhaftigkeit,
    • Überwachheit.

  4. Selbstrettungs- und Selbstheilungsversuche können sein:

    • Selbstverletzungen (SVV= Selbstverletzendes Verhalten),
    • Selbstbetäubung = Suchtmittelmissbrauch,
    • Essstörungen (Bulimie, Anorexie),
    • exzessives Sich-Fühlen-Wollen (Gefahrensuche, Extremsport),
    • Zwangsrituale,
    • Reinszenierung alter traumatischer Situationen,
    • Gewaltausbrüche.

Traumazentrierte Beratung – was ist das?

Traumazentrierte Beratung ist Beratung auf dem Hintergrund des Wissens um die Folgen von Traumata und die Linderung derselben.

Ganz wichtig ist die

1. Phase : AUFKLÄRUNG:

Posttraumatische Streß-Symptome sind eine normale Reaktion auf abnorme Erlebnisse. Sie sind ein Zeichen dafür, dass das oder die traumatischen Erlebnisse noch nicht verarbeitet werden konnten, der Körper und die Psyche aber daran arbeiten.

Suchtverhalten, Selbstverletzungen, Essstörungen, Wutausbrüche sind Selbstheilungsversuche, auch wenn sie destruktiv wirken.

Wichtig ist, den Betroffenen zu erklären, dass alle ihre Symptome die normalen, ja gesunden Folgen davon sind, das Trauma zu verarbeiten.

Im Zustand des übermäßigen Stresses, den ein Trauma im Gehirn auslöst, verändern sich durch extrem hohe Ausschüttungen verschiedener Hormone, Opiate etc. die normalen Verarbeitungsweisen des Gehirns. Das führt dazu, dass Traumainformationen unverarbeitet in verschiedenen Gehirnregionen stecken bleiben. Deshalb kann es passieren, dass plötzlich und scheinbar unerklärlich wieder die ohnmächtige Wut oder die Todesangst hochkommt, wenn ein Trigger (Auslöser) auftaucht. Trigger können alle Sinneswahrnehmungen und Gefühle sein, die zum Zeitpunkt des Traumas erfahren worden sind: ein Gesichtsausdruck, ein Geräusch, eine Farbe, Musik, Kleidungsstücke; Gerüche, Körperempfindungen, ja sogar Schmerzen werden beim traumatischen Erleben im Gehirn gespeichert und können später als "body memories" wieder auftauchen. Alle Eindrücke können einher gehen mit dem damaligen Gefühl der Ohnmacht, Todesangst, Scham, Verzweiflung etc.

Dies sind jedoch normale, hirnphysiologisch logische Vorgänge, unter denen Menschen mit PTBS in der Regel leiden, weil ihr Gehirn die Erlebnisse noch nicht verarbeiten konnte.

Die Aufklärung über diese Sachverhalte führt zu einer enormen Entlastung der Klienten, von denen viele glaubten, verrückt zu sein.

Dann folgt die

2. Phase: Stabilisierung und Ressourceninstallation

Zunächst ist bei akut Traumatisierten folgendes wichtig:

"Stabilisierung, Stabilisierung, Stabilisierung ...!"

z.B. auch durch

In der Beratung/Therapie, die nur von entsprechend ausgebildeten Helfern durchgeführt werden sollte, gibt es mittlerweile erfolgreiche Interventionen zur Unterstützung der Selbstheilungskräfte bzw. Ressourceninstallation:

  1. Imaginations- und Visualisierungsübungen (der Sichere Innere Ort, der Tresor, die Fernbedienung, die Inneren Helfer usw.) fördern die Wahrnehmung eigener Ressourcen durch den Aufbau von Kontrolle u. der Steuerung eigener Gedanken und Gefühle sowie des Körpers;

  2. Positive "Innere-Kind"-Arbeit;

  3. Selbstfürsorge-Training (körperlich, mental und emotional);

  4. Screentechnik für positive Life-Events, Liste positiver Life-Events;

  5. und alle sonstigen Maßnahmen, die dazu geeignet erscheinen, die Ressourcen einer Person hervorzuheben und zu stärken.

Das Wissen über die Entstehung und die Folgen von seelischen Traumata kann sehr nützlich sein, um die Dynamik und Herkunft von sehr unterschiedlichen Beschwerden und Störungsbildern zu verstehen.

Beispielsweise sollten Berater bei allen Suchterkrankungen, aber auch bei Hyperaktivität / Aufmerksamkeitsstörungen / Verhaltensstörungen von Kindern, bei psychosomatischen Beschwerden und Depressionen stets einen eventuellen "Trauma-Hintergrund" in Betracht ziehen und entsprechende Anamnesen durchführen.

Eine meiner Standardfragen ist seit meinen Traumaausbildungen ist: "Hast du / haben Sie jemals etwas Schlimmes oder Lebensbedrohliches erlebt"? Man wird sich wundern, welche Antworten man auf eine so simple Frage bekommen wird!

Traumazentrierte Beratung hört da auf, wo traumazentrierte Therapie beginnt: bei der Be- und Verarbeitung der Traumata. Traumatherapie darf in jedem Fall erst dann durchgeführt werden, wenn ausreichende Stabilisierung erreicht worden ist, was je nach Schwere bis zu einigen Jahren dauern kann.

In manchen Fällen ist eine Durcharbeitung der traumatischen Erfahrungen auch nie angezeigt oder erfolgversprechend, insbesondere bei schweren, sequentiellen und sehr früh in der Biographie aufgetretenen Traumatisierungen. Eine Durcharbeitung dieser katastrophalen Ereignisse würde die Bewältigungsmöglichkeiten der Personen überfordern und die psychische Stabilität extrem gefährden.


Autorin

Martina Schmitz

  • Jahrgang 1966,
  • Dipl.-Psychologin,
  • Psychologische Psychotherapeutin,
  • Mitarbeiterin im Zentrum für lebenslanges Lernen, Traben-Trarbach (Außenstelle Haus Nazareth, Brunnenstr. 57a, 54484 Maring-Noviand),
  • Homepage www.rg-diakonie.net/zentrum,

E-Mail: hausnazareth@rg-diakonie.de


Veröffentlichungsdatum: 19. April 2004


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