"Die Ursache ist tot, es lebe die lebendige Wirksamkeit" (Gustav Landauer, 1900)

von Klaus Schneider (Dezember 2004)

(Vortrag bei der Fachtagung "SuperVisionen" am 17. 10. 03 an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg im Breisgau)

Der Titel hat einige vielleicht kurz stutzen lassen: "Die Ursache ist tot, es lebe die lebendige Wirklichkeit". Was will er uns damit sagen? Was hat das mit Supervision zu tun? Nun ich meine, dieser Ausspruch Gustav Landauers (eines Anarchisten, der auch Kulturminister in der Regierung der einzigen Räterepublik war, die je auf deutschem Boden existiert hat und zwar in Bayern 1919 unter Ministerpräsident Kurt Eisner), dieser Ausspruch trifft exakt den Paradigmenwechsel von den Warum- zu den Wie-Fragen und den Wechsel vom analytischen zum systemischen Denken, dass vor allem das 1969 erschienene Buch Menschliche Kommunikation von Paul Watzlawick auslöste. Landauers Ausspruch könnte das Leitmotto konstruktivistisch-systemischer Supervision sein und damit ein Leitmotiv für die Fortschreibung unseres Ausbildungskonzeptes.

Was ist anders am konstruktivistisch-systemischen Ansatz? Es ist das "Rechnen" mit dem Unvorhergesehenen oder eben mit der lebendigen Wirklichkeit. "KonstruktivistInnen" glauben nicht an Ursachen und tote Mechanismen. Deshalb eine Bemerkung zur lebendigen Wirklichkeit, jetzt in diesem Moment. Martin Buber sagt "wahrhaftes Aufnehmen" heißt "zu vergessen und ... einer Menschenstimme zu horchen, die heute, hier, zu dem heute und hier "Horchenden" (d. Verf.) spricht" (Buber, Umschlagtext). Ich werde Ihnen keine Erklärung liefern, was der konstruktivistisch-systemische Ansatz ist. Vielmehr kommt es mir darauf an, Ihnen Anregungen für Ihr eigenes Erkennen zu liefern. Ich werde Ihnen eine Parabel erzählen und sie selber konstruieren lassen, was konstruktivistisch-systemisches Denken sein kann. Diese Parabel stammt von William Blake und in dieser Parabel begegnet der Dichter dem Teufel und es entwickelt sich ein interessanter, intensiver Dialog, in dessen Verlauf der Teufel dem Dichter anbietet, sich von ihm erschlagen zu lassen, um ihm Gelegenheit zu geben, ein für alle Male das Böse von der Erde zu verbannen. Der Teufel reicht dem Dichter eine Keule mit der Aufforderung, ihn zu erschlagen. Der Dichter zögert. – Wer möchte nicht das Böse endgültig von der Erde verbannen? Gerade holt der Dichter mit der Keule aus, da bemerkt er, dass der Teufel mit ihm zusammengewachsen ist. Erschlüge er den Teufel, so erschlüge er sich selber. Der Dichter erkennt die Verführung und stoppt intuitiv (erklären kann er den Vorgang und sein Tun nicht) seine Tötungsabsicht. Nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip wäre der Teufel zu töten. Er ist die Ursache für das Böse, ergo zu eliminieren. Doch dieses eindimensionale Denken übersieht, dass das vermeintlich Gutgemeinte dieser Tat in seiner Rückwirkung das Böse selber bewirkt und es damit "zum wirklichen Bösen" (Baal-Schem-Tow, s.u.) perpetuiert. Erschlägt der Dichter den Teufel, ist er durch sein Tun selber Teil des Bösen geworden. Baal-Schem-Tow der Stifter der ostjüdischen mystischen Bewegung des Chassidismus sagt zum Verhältnis von Gut und Böse: "Die einwohnende Herrlichkeit waltet von oben bis unten, bis zum Rand aller Stufen. Das ist das Geheimnis des Wortes: "Und Du belebst sie alle". Sogar wenn der Mensch eine Sünde tut, auch dann ist die Herrlichkeit darein gekleidet, denn ohne sie hätte er nicht die Kraft, ein Glied zu bewegen. Und dies ist das Exil der Herrlichkeit Gottes. ... Auch das Böse ist gut, es ist die unterste Stufe des vollkommen Guten. Tut man Gutes, dann wird auch das Böse gut; sündigt man aber, dann wird es zum wirklichen Bösen. ... Aber in Wahrheit ist da kein Gegensatz, denn das Böse ist der Thronsitz des Guten." (Baal-Schem-Tow, in: Buber , S. 84 ff.). Blake wie Baal-Schem-Tow zeigen, dass alles mit allem verbunden ist und das Leben eine Veranstaltung ist, die wir aktiv gestalten, aber nicht objektiv beobachten können. Allzu bald zeigt sich, dass wir Teil eines komplexeren Geschehens sind, das wir nicht überschauen, von dem wir uns nicht separieren können. Wir können Unterschiede machen, Grenzen ziehen, Entscheidungen fällen. All dies hat immer Auswirkungen und beeinflusst ständig unseren Beobachtungsgegenstand, ohne ihn kontrollieren oder determinieren zu können. Gut und Böse, richtig und falsch sind keine objektiven Größen, sondern entstehen im lebendigen Prozess unserer gemeinsam konstruierten, menschlichen Geschichte. Landauer sagt: "Das Individuum ist das Aufblitzen des Seelenstroms, den man je nachdem Menschengeschlecht, Art, Weltall nennt." (Landauer, S. 11).

Warum stelle ich das Thema Supervision in solch einen universellen Kontext? Weil Supervision – wie der verehrte Kollege Heinrich Fallner immer sagt – ein "existenzielles Geschehen" ist. Das Wichtigste im Supervisionsprozess ist die Begegnung zwischen Menschen, die echte Fragen haben. Das Quälende entsteht, wenn wir auf Antworten fixiert sind und keine eigenen Fragen mehr haben. In der konstruktivistisch-systemischen Supervision stehen öffnende Fragen im Vordergrund, die neue Fragen evozieren und die Handlungsspielräume erweitern. Die Wie-Fragen liegen uns näher als die Warum-Fragen. Dazu eine kleine Geschichte: "Ein berühmter Rabbi liegt auf dem Sterbebett. Hunderte von Schülern haben sich versammelt, um Zeuge seiner letzten Worte zu sein. Schließlich fasst sich der hingebungsvollste Schüler ein Herz, beugt sich über ihn und fragt flüsternd: " Rebbe bitte geht nicht, ohne uns ein letztes Wort der Weisheit zu schenken." Eine Weile herrscht Stille, dann bewegen sich die Lippen des Rabbi und er flüstert:" Das Leben ist wie ein Glas Tee." Der Schüler wiederholt die Worte der Weisheit, so dass alle anderen sie hören können. Alle wiederholen ehrfürchtig die Worte des Rabbi: "Das Leben ist wie ein Glas Tee." Sind aber insgeheim verwirrt. Schließlich wagt einer der Schüler zu fragen: "Frag ihn, warum ist das Leben wie ein Glas Tee?" Die meisten Schüler nicken: "Ja, frag ihn warum?" Der hingebungsvollste Schüler beugt sich wieder zum Meister und flüstert: "Warum, oh Meister, ist das Leben wie ein Glas Tee?" Da zuckte der Rabbi die Achseln und flüsterte mit seinem letzten Atemzug: "Na gut, dann ist es eben nicht wie ein Glas Tee." (nach Bonder, S. 30 ff.) Warum-Fragen sind Fragen, die endgültige Antworten voraussetzen. Der weise Rabbi hatte wohl gehofft, dass die Schüler selbständig und neugierig auf die Suche gehen werden. "Das Leben ist wie ein Glas Tee." Ein warmes oder ein kaltes Glas Tee? - Ein volles oder ein leeres Glas Tee? - Ein fruchtiger oder ein herber Geschmack? - und so weiter. Um frei nach Meister Eckart, in einer kleinen Blume – hier ein Glas Tee - die ganze Welt zu erkennen. Wobei die Betonung auf Erkennen und nicht auf Erklären liegt. Supervision möchte ich als eine unexakte Wissenschaft beschreiben, weil ihr das Erkennen am Herzen liegen und nicht das Erklären. Supervision setzt geradezu da ein, wo Erklärungen nicht mehr funktionieren. Es gilt auf sehr menschliche Weise, also mit offenen Augen und Ohren, aber sich auch selber zu öffnen, sich selbst und den Kontext wahr zu nehmen, und alte Erklärungsmuster aufzugeben. Sehr schön beschrieben ist dieser Unterschied zwischen Erkennen und Erklären (den ich übrigens bei Rupert Riedl abgekupfert habe), im Roman "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" von Robert Pirsig: Der Autor fährt mit seinem Motorrad quer durch die USA, das Warten, also die Pflege und das Instandhalten der Maschine sind existenzielle Bedingung für das Unternehmen und der Autor kennt die Mechanik in- und auswendig. Nach Tagen und Wochen problemlosen Funktionierens streikt die Maschine. Sie hat Fehlzündungen und der Motor spuckt. Der Autor geht alle Einstellungen durch, alle Düsen und Schrauben (das Buch ist von 1972, elektronische Steuerungen waren damals noch eher die Ausnahme). Er findet nichts, alles ist bestens eingestellt. Auch der Luftfilter ist frisch gesäubert und durchgepustet. Dennoch die Maschine stottert und spuckt. Der Autor hat eine unruhige Nacht. Ihm fällt nichts mehr ein. Am nächsten Morgen schält er sich aus seinem Schlafsack, streckt sich und atmet die frische Morgenbrise ein. Plötzlich wird ihm klar, er befindet sich auf einer Passhöhe. Fast zweitausend Meter über dem Meeresspiegel. Die Luft ist sehr dünn. Das Gasgemisch im Vergaser zu fett. Daher die Fehlzündungen. Erkennen statt Erklären. Erkenntnis findet immer im Überschreiten gängiger Erklärungen statt. "Seid Bienen wie die Fliegen" ist ein von Dirk Baecker geprägtes Prinzip, das er in folgendem Experiment beschreibt: "Nehmen Sie zwei leere Flaschen, fangen Sie in der einen einige Bienen und in der anderen einige Fliegen. Legen Sie die Flaschen horizontal auf einen Tisch, mit der nicht verschlossenen Öffnung vom Fenster abgewendet. Und nun beobachten Sie die Fliegen und die Bienen. Die Bienen werden mit größter Sorgfalt und größtem Eifer jeden Millimeter des dem Licht zugewandten Flaschenbodens nach einer Öffnung absuchen, um ins Freie zu gelangen, und dies solange tun, bis sie an Entkräftung und Hunger gestorben sind. Die Fliegen werden aufgeregt in der Flasche hin und her schwirren, ohne Sinn und Verstand, bis sie, eine nach der anderen und jede einzelne zufällig, die Öffnung gefunden haben und auf und davon fliegen. Die Bienen sterben, die Fliegen überleben." (Baecker, S. 99f.). Systematisches Vorgehen optimiert viele Vorgänge und Abläufe, Routinen minimieren Reibungsverluste, aber ohne Spontaneität und Kreativität, können diese selber zu einem Problem der Erstarrung oder Einengung werden. Erst das unsystematische Herumgefliege bringt die Lösung. Merke: Die Lösungen von gestern sind die Probleme von heute! Und die Lösungen von heute sind die Probleme von morgen!

Lassen Sie mich einige persönliche Eindrücke über meine ersten Bezüge zur Supervision erzählen. Ich hoffe, ich langweile Sie nicht damit. Es ist auch nur der Übergang zu einem kleinen, einfachen und brauchbaren epistemologischen Modell, das ich Ihnen vorstellen möchte. Durch Supervision konnte ich mich von meinen eher dogmatisch ausgerichteten Weltbildern lösen. Die ersten Erfahrungen mit Supervision waren fundamental und existenziell, weil ich plötzlich wirklich im Mittelpunkt stand, mit allem Drum und Dran.[1] Ich brauchte nicht wie in anderen Lernsettings irgendetwas auswendig können, keine Zahlen, oder Ereignisse dahersagen, mit denen ich nichts zu tun hatte. Und vor allem ich fühlte mich von dem Zwang befreit, meinen Standpunkt ideologisch oder auch wissenschaftlich astrein begründen oder erklären zu müssen. Vielmehr waren Ungenauigkeiten, Unklarheiten, Brüche und Ungereimtheiten hilfreich als Ausgangspunkte äußerst aufschlussreicher Lernprozesse. Es gab kein richtig oder falsch, sondern die Frage: wie willst Du es machen? war das erkenntnisleitende Interesse. Ich erlebte die paradoxe Situation, mich in meiner Unvernunft, Sprunghaftigkeit und meinen Defiziten wahrzunehmen und das irgendwie erlösend zu finden. Die Schwächen und Ungereimtheiten wurden sichtbar und als bedingendes Drum und Dran meiner Person vor allem im Hinblick darauf bearbeitet, wie ich handeln, mich verhalten möchte. Ich lernte, mich zu beobachten bzw. beobachten zu lassen und dabei von den vielen Facetten, Verdichtungen und Verflüchtigungen oder dem Peripherem anregen zu lassen. Grundlegend war auch das Gefühl des Aufgehobenseins. Ich werde unterstützt, aber bin selber verantwortlich dafür, was ich denke, fühle und unternehme. Ich blieb selbstreferentiell und operational geschlossen, um die Systemikersprache zu benutzen und ich konnte es sehen, mich dabei selber beobachten (Kybernetik 2. Ordnung). Ich lernte zu sehen, dass ich vieles nicht sah. Und nun komme ich zu dem angekündigten erkenntnistheoretischen Modell, in dem die Vielschichtigkeit und Gültigkeit verschiedener Realitäten oder Modalitäten der Realität wunderbar dargestellt und erläutert werden. Von Aristoteles stammt der Überlieferung nach der Satz: "Etwas, das ist, kann nicht gleichzeitig und in derselben Hinsicht nicht sein." (Störig, S. 199) Klingt logisch, lässt aber außer Acht, dass bei aller Eindeutigkeit dessen, was ist, es vielmehr darauf ankommt, wie wir es bewerten. Was folgende Rabbigeschichte verdeutlicht, wo zwei Juden zum Rabbi kommen, um ihren Streit zu schlichten. Er hört sich die Version des ersten Konfliktpartners an, nickt und kommentiert: "Ja, du hast recht". Er hört sich an, was der zweite Kläger zu berichten hat und meint: "In der Tat, du bist im Recht". Da sagt die Frau des Rabbi: "Moment, mein lieber Mann, bei aller Liebe, wie können beide Kontrahenten recht haben." Der Rabbi denkt einen Moment nach und ohne Zögern antwortet er dann: "Liebe Frau, auch Du hast ohne jeden Zweifel Recht." Das folgende Modell (s. Abb. 1) das übrigens auch auf einen chassidischen Meister (Reb Schneur Salem aus Ljady lebte im 18. Jahrhundert) zurückgeht, macht deutlich, dass es einfach klug ist, diesen unbestimmten, vielschichtigen Wahrheitsbegriff anzuwenden.

Abbildung 1:

Kabbalistische Tradition und Konstruktivismus, nach Bonder, S. 165

Nach diesem Modell gibt es die Sphäre des Wissens, in der Erkennbares erkennbar ist. In dieser Sphäre wissen wir, was ist und was nicht ist. Alles gehorcht den Gesetzen der Logik und der Natur. Solange bis wir erfahren, dass wir etwas übersehen haben.

Nun treten wir in die Sphäre des Verstehens ein, in der Erkennbares verborgen ist. Wir erkennen, dass bisher gültige Erklärungen nicht mehr funktionieren ("jede Beobachtung ist die Beobachtung eines Beobachters"). Mit dem Eintritt in die nächste Sphäre verlassen wir die Welt des rationalen Verstehens gesetzmäßiger Gegebenheiten. Wir erreichen , die Sphäre der Intuition, in der Verborgenes erkennbar wird. Hier hilft nur der Erfahrungsaspekt weiter. Das Verborgene lässt sich nicht logisch erschliessen. Es kommt von sich aus auf uns zu, offenbart sich, ohne dass wir letztlich darauf kontrollierend oder steuernd Einfluss nehmen können. Schließlich ist da noch die Sphäre des Glaubens, in der das Verborgene verborgen ist. Wir leben in komplexeren Zusammenhängen als wir in der Lage sind zu durchschauen. So bekommen wir die Wirkungen zwar zu spüren, wir können sie aber nicht rational erklären und selbst Intuition reicht nicht aus, um zu erkennen, woher sie kommen und wofür sie bestimmt sind.

Der obere Bereich des Modells ist der Bereich des Erkennens, der untere Bereich, der des Handelns. Eines Handelns, das den einzig gangbaren Zugang zu Erfahrungen ermöglicht, die nicht zu rationalisieren sind. Keine der Bereiche bzw. Sphären ist mehr wert als die andere. Sie wirken zusammen und nur indem wir sie im Kontext sehen und aneinander binden, ohne sie allzu sehr zu vermischen, helfen sie uns, uns in diesem Leben zurecht zu finden. Alle vier Sphären haben ihren Kippunkt: die Sphäre des Wissens kann in ein starres Dogmengebäude führen, die Sphäre des Verstehens in endlose Haarspaltereien, die Sphäre der Intuition in eine esoterische Irrlehre und die Sphäre des Glaubens verabschiedet sich im Extremen völlig aus der Realität. Auf das Balancieren kommt es an. Wie uns dies gelingt, wird erfahrbar durch unser Tun, für das wir schließlich die Verantwortung übernehmen müssen.

Wir haben jetzt eine Vorstellung, ein Modell vom Außen, von der Vielschichtigkeit der Realität bzw. den vielen Welten da draußen. Und wie sieht es drinnen aus? Wie operieren wir mit dem, was da an Realität auf uns einwirkt? Der Begriff des "inneren Teams" (u.a. Richard Schwartz, Friedemann Schulz von Thun) wäre hier zu nennen. Wir treffen auch hier auf Vielschichtigkeit und unterschiedliche Gültigkeiten. Wie wird daraus ein Lernprozess? Darum geht es ja nicht nur in der Supervisionsausbildung, sondern in jeder Supervisionssitzung (Supervision ist Erwachsenenbildung). Wie Supervisionslernen funktionieren kann, wird in dem Modell des Erfahrungslernen von Louis van Kessel (a.a.O., S. 52) treffend erfasst. Das zu erläutern würde hier zu weit führen. Ich werde ihnen stattdessen noch eine Geschichte erzählen, die zeigt, dass die Suche nach Sicherheit und endgültigen Erklärungen nach dem Ursache-Wirkungsprinzip zwar vielsprechend klingt und auch ein machtvolles Instrument ist, aber letztlich in die Irre (ver-) führt. Wir müssen selber Verantwortung übernehmen und uns in das Getümmel der lebendigen Wirklichkeit stürzen und dies - ich erlaube mir diese persönliche Bewertung - im Zeichen der Liebe Gottes und in der Abkehr vom menschlichen Machbarkeits- und Machtwahn. Und nun die Geschichte: Ein junger Geistlicher, Pfarrer Lindvers, klopft an die Türe des großen Talmudgelehrten Rabbi Schwartz: "Ich habe in Tübingen Theologie und danach in Göttingen Philosophie studiert. Für meine Dissertation über sokratische Logik bekam ich "summa cum laude". Jetzt möchte ich meine Bildung gerne mit einem Talmudstudium bei Ihnen, großer Meister, abrunden." – "Ich zweifle sehr, dass Sie die nötigen Voraussetzungen dafür mitbringen" , entgegnet der Rabbi skeptisch. "Der Talmud ist das tiefste Buch meines Volkes. Aber wenn Sie wollen, prüfe ich Sie in Logik, und wenn Sie bestehen, können Sie bei mir den Talmud studieren." Pfarrer Lindvers ist einverstanden. Rabbi Schwarz hält zwei Finger hoch. "Zwei Männer rutschen einen Kamin herunter. Der eine kommt mit einem sauberen Gesicht heraus, der andere mit einem schmutzigen. Welcher von beiden wäscht sich nun das Gesicht?" Der Pfarrer schaut den Rabbi entgeistert an. "Ist das eine Prüfung in Logik?" Der Rabbi nickt. "Der mit dem schmutzigen Gesicht," entfährt es Pfarrer Lindvers siegessicher. "Falsch", entgegnet der Rabbi. "Die Logik ist doch ganz simpel. Der mit dem schmutzigen Gesicht sieht den mit dem sauberen Gesicht und meint, seines sei auch sauber. Der mit dem sauberen Gesicht sieht den mit dem schmutzigen und meint, seines sei auch schmutzig. Ergo wäscht er sich das Gesicht." – "Raffiniert," sagt Pfarrer Lindvers. "Bitte die nächste Frage." – Wieder hält der Rabbi zwei Finger hoch. "Zwei Männer rutschen einen Kamin herunter. Der eine kommt mit einem sauberen Gesicht heraus, der andere mit einem schmutzigen. Welcher von beiden wäscht sich das Gesicht?" – "Das ist doch bereits geklärt," entgegnet Pfarrer Lindvers verdutzt. "Der mit dem sauberen Gesicht." – "Falsch. Beide waschen sich das Gesicht. Die Logik ist doch ganz simpel. Der mit dem sauberen Gesicht sieht den mit dem schmutzigen und meint, sein Gesicht sei auch schmutzig. Ergo wäscht er sich das Gesicht. Wenn der mit dem schmutzigen Gesicht sieht, wie sich der mit dem sauberen das Gesicht wäscht, tut er es ihm gleich. Ergo waschen sich beide das Gesicht." – "Oh, daran habe ich nicht gedacht. Peinlich, dass mir ein logischer Fehler unterläuft. Bitte stellen Sie mir noch eine Frage." Der Rabbi hält zwei Finger hoch. "Zwei Männer rutschen einen Kamin herunter. Der eine kommt mit einem schmutzigen, der andere mit einem sauberen Gesicht heraus. Welcher von beiden wäscht sich?" – "Beide waschen sich," antwortet der Pfarrer leicht verunsichert. "Falsch. Keiner von beiden wäscht sich das Gesicht. Die Logik ist doch ganz simpel. Der mit dem sauberen Gesicht sieht den mit dem schmutzigen Gesicht und denkt seines sei auch schmutzig. Aber als der mit dem schmutzigen Gesicht sich nicht wäscht, weil er meint, sein Gesicht sei so sauber wie das seines Gegenübers, wäscht der mit dem sauberen Gesicht sich auch nicht. Ergo wäscht sich keiner das Gesicht." Lindvers ist der Verzweiflung nahe. "Ich bin ganz sicher, dass ich die Voraussetzungen zum Talmudstudium mitbringe. Bitte noch eine letzte Frage." Der Rabbi hält wieder zwei Finger hoch und dem Pfarrer entfährt ein Stöhnen. "Zwei Männer rutschen einen Kamin herunter. Der eine kommt mit einem sauberen Gesicht, der andere mit einem schmutzigen heraus. Welcher von beiden wäscht sich?" – "Keiner von beiden." – "Falsch. Wie soll es denn möglich sein, dass zwei Männer denselben Kamin herunterrutschen und der eine mit einem sauberen, der andere aber mit einem schmutzigen Gesicht herauskommt? Begreifen Sie doch endlich, dass die ganze Frage närrisch ist." (nach Bonder, S.169ff.). Zum Erkennen der lebendigen Wirklichkeit ist Logik nur bedingt tauglich. Sie ist schlüssig, blickt aber nicht über sich hinaus.


Anmerkung

[1] Hier möchte ich ausdrücklich meinen wichtigsten Lehrer Diedrich Krüger nennen, der in den achtziger und neunziger Jahren u.a. die Supervisionsausbildungen bei der Diakonischen Akademie der Evangelische Kirche Deutschlands in Stuttgart und Bonn-Bad Godesberg geleitet hat.


Literatur

Baecker, Dirk (1994): Postheroisches Management, Ein Vademecum. Merve Verlag, Berlin.

Bonder, Nilton (2001): Der Rabbi hat immer Recht. Pendo Verlag, Zürich.

Buber, Martin (1981): Baal Schem Tow, Unterweisung im Umgang mit Gott. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg.

van Kessel, Louis (1998):Theorie und Praxeologie des Lernens in der Supervision, in: Peter Berker, Ferdinand Buer (Hrsg.): Praxisnahe Supervisionsforschung. Votum Verlag, Münster, S. 46 - 68.

Landauer, Gustav (1994): Die Botschaft der Titanic. Kontext Verlag, Berlin.

Pirsig, Robert (1978): Zen und die Kunst ein Motorrad zu Warten. S. Fischer, Frankfurt a. Main.

Riedl, Rupert (2000): Strukturen der Komplexität. Eine Morphologie des Erkennens und Erklärens. Springer, Heidelberg.

Schwartz, Richard C. (2000): Systemische Therapie mit der inneren Familie. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart.

Störig, Hans Joachim (2002): Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. Main.


Autor

Klaus Schneider

  • Jahrgang 1953,
  • Dr. phil., Dipl.Päd., Supervisor (DGSv), Organisationsberater,
  • Professor für Theorie und Methoden der Sozialpädagogik,
  • Studiengangsleiter des universitären Masterstudiengangs Supervision an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg,
  • Mitglied des Gründungsvorstandes der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. (1989-1992),
  • berufliche Erfahrungen u.a. in der Lehrerfortbildung und Erwachsenenbildung in der verbandsübergreifenden Landestelle für Jugendschutz, als Supervisor und Fortbildner im Diakonischen Werk der Evangelischen Landeskirche von Westfalen, als Supervisor, Lehrsupervisor, Ausbilder, Organisationsberater, Trainer, Mediator,
  • im Rahmen des Masterstudiengangs Supervision Forschungsprojekte in der Evaluation von Ausbildungssupervision, Supervision und der Ausbildung zum Supervisor.
  • Adresse:
    Falkensteinerstr. 46
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Veröffentlichungsdatum: 12. Dezember 2004


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