Drehbuch zum Thema Basiskrisenintervention

von Katja Seiger (Juli 2004)

Spieler:

HERR T. (Patient)

NA (Notarzt)

FREUND (Freund des Patienten)

Und der Erzähler (kursiv)


Es ist ein sonniger Herbsttag. Die Bäume haben eine gelbliche Färbung bekommen. Schon fast golden schimmern die Blätter in der Sonne.. Ungewöhnlich warm ist dieser Novembertag.

Wir vom Rettungsdienst haben viel zu tun. Dieses Wetter macht den Kreislaufpatienten schwer zu schaffen. Viele Patienten sind in die bereits überfüllten Krankenhäuser gebracht.

Am frühen Nachmittag werde ich zu einem Notfall südlich der Stadt gerufen. Über Funk wird mir mitgeteilt, dass die Polizei schon vor Ort sei und dass es sich um einen "Psycho-Einsatz" handele.

Diese Information ist für uns nichts Ungewöhnliches. Täglich finden wir Menschen in Konfliktsituationen (Beziehungskonflikte / Arbeitsplatz) vor. Statistisch gerechnet sind es 2 Menschen in der Stadt pro Tag, die aufgrund einer Konfliktsituation den Rettungsdienst rufen.

Wir finden einen aufgeregten, weinenden 45jährigen Mann vor. Sein Verhalten lässt darauf schließen, dass er Alkohol getrunken hat. Er befindet sich bereits im Rettungswagen. Zwei Polizisten und ein Mann in Zivilkleidung stehen vor dem RTW und unterhalten sich.. Ich begrüße die Personen und spreche kurz mit ihnen. Der Mann ist ein Freund des Patienten. Er erzählt mir in wenigen Sätzen, warum sein Freund so verzweifelt ist. Danach bitte ich ihn, draußen einen Moment zu warten.

Ich betrete den RTW und stelle mich bei ihm vor. Er erwidert meinen Händedruck.

Er liegt auf einer Trage, ich setze mich neben ihm auf einen Stuhl.

NA: "Guten Tag, ich bin die Notärztin, Wie ich sehe, geht es Ihnen nicht gut. Was ist denn los?"

HERR T.: "Meine Frau hat mich verlassen" sagt der Mann (weint). "Ich bin völlig verzweifelt. Sie hat einen neuen Freund, der bei uns ein und ausgeht."
---- Pause ----
"Ich habe doch immer nur gearbeitet für die Familie, das Haus in Eigenleistung gebaut und jetzt ..."

Er stockt, schließt die Augen.

NA: "Ihr Freund draußen vor dem Rettungswagen hat mir erzählt, dass sie Gedanken an Selbstmord geäußert haben, stimmt das?"

HERR T.: "Ja, ich habe so etwas wohl geäußert, aber das denke ich jetzt nicht mehr. Ich will nach Hause, mein 13jähriger Sohn kommt gleich aus der Schule, ich muss zu Hause sein, wenn er kommt. Lassen Sie mich gehen!"

NA: "In diesem Zustand kann ich Sie nicht gehen lassen. Sie sind ja immer noch sehr aufgeregt. Ihr Sohn wird auch nicht sehr glücklich sein, wenn er seinen Vater in diesem unglücklichen Zustand sieht. Es wird das Beste sein, wir fahren jetzt erst mal zu einem Krankenhaus und sie bleiben so lange dort, bis Sie sich beruhigt haben. Danach können Sie nach Hause. Ihr Freund kann sich doch um Ihren Sohn kümmern, was halten Sie davon?"

Er überlegt eine Weile, beginnt wieder zu weinen. Ich sitze neben ihm und halte ihm einfach die Hand, wir schweigen ein bisschen. Schließlich nickt er mit dem Kopf.

HERR T.: "Ja, ich glaube, Sie haben Recht. Bitte holen Sie meinen Freund in den Rettungswagen."

Bevor ich sie loslasse, drücke ich seine Hand ganz fest.
Ich bitte den Freund, der vor dem RTW stand, zu uns. Er steigt ein.

NA: "Wenn wir Ihren Freund jetzt ins Krankenhaus bringen, werden Sie sich um den Sohn kümmern?"

FREUND: "Ja, natürlich."

Er wendet sich zu seinem Freund.

"Mach Dir keine Sorgen, es ist wichtig, dass Du wieder auf die Beine kommst, ich werde mich um Deinen Sohn kümmern."

Beide umarmen sich, bevor der Freund den RTW wieder verlässt.
Ich informiere meine Rettungsassistenten und wir fahren los.
Während der Fahrt sitze ich neben dem Patienten, halte ihm weiter die Hand. Ich merke, dass ihm das gut tut. Vorsichtig frage ich ihn:

NA: "Wie geht es Ihnen jetzt?"

Er erzählt mir in den nächsten 10 Minuten, warum seine Frau ihn verlassen hat.

HERR T.: "Während meiner Ehe war ich ab und zu gewalttätig. Ich habe sie auch geschlagen. Ich raste eben manchmal aus. Das ist nicht richtig, das weiß ich. Wir hatten viel Streit. Vor drei Wochen war ich wieder so wütend und habe sie wieder geschlagen. Es ging mir so schlecht, dass ich mich freiwillig in ein psychiatrisches Krankenhaus stationär habe aufnehmen lassen. Dort bin ich bis gestern geblieben."

NA: "Hat man Ihnen dort eine Therapie vorgeschlagen?"

HERR T.: "Ja, ich sollte noch weitere sechs bis acht Wochen dort bleiben. Aber am letzten Sonntag habe ich mit meinem Sohn telefoniert. Da hatte ich so großes Heimweh, dass ich gegen ärztlichen Rat das Krankenhaus verlassen habe. Sie konnten nichts dagegen tun, schließlich war ich ja freiwillig da."

NA: "Wie war es, als Sie wieder nach Hause kamen?"

HERR T.: "Ich habe meine Frau gefragt, ob unsere Ehe noch eine Chance hat. Aber sie lehnte es ab. Schuld daran ist nur dieser Typ, der bei uns ein und ausgeht."

Er fängt wieder an zu weinen.

"Ich kann ohne meine Frau nicht leben, was soll jetzt werden?"

NA: "Es wird Ihnen gut tun, wenn Sie jetzt Unterstützung bekommen. Manchmal schafft man es nicht allein. Wenn Sie wieder Kraft haben, ich meine seelische Kraft, können Sie Ihre Zukunft wieder planen und neue Schritte unternehmen. Im augenblicklichen Zustand geht das nicht. Es ist wie bei einem Akku, irgendwann ist er leer und muss wieder neu geladen werden. Sicher ist es schwer für Sie, neu anzufangen, Vieles wird sich jetzt in Ihrem Leben ändern, darauf müssen Sie sich einstellen. Aber Sie werden Hilfe bekommen, professionelle und die Ihrer Freunde."

Er wird ruhiger, während wir miteinander sprechen. Als wir im Krankenhaus ankommen, hat er aufgehört zu weinen.

HERR T.: "Ich glaube, Sie haben recht. Ich muss jetzt in Zukunft viele Dinge regeln."

Ich bringe ihn in die Aufnahmestation und mache die sogenannte "Übergabe", indem ich einem diensthabenden Psychiater erzähle, warum ich den Patienten bringe. Anschließend verabschiede ich mich von dem Patienten.

NA: "Auf Wiedersehen und Ihnen alles Gute."

HERR T.: "Vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen. Ich denke, es war richtig, mich ins Krankenhaus zu bringen."

NA: "Ja, das denke ich auch."

Ich drücke ihm noch einmal fest die Hand und gehe dann zu meinem Fahrzeug zurück.

Während eines Einsatzes habe ich nicht viel Zeit. Meine Aufgabe ist es, den Patienten möglichst schnell zu versorgen und seine Vitalfunktionen zu stabilisieren. Das ist bei somatischen Krankheiten in relativ kurzer Zeit möglich, bei Konfliktsituationen allerdings müssen wir uns etwas mehr Zeit geben. Trotzdem bleibt zur "Basiskrisenintervention" meist nur eine kurze Zeit am Einsatzort und im RTW. Das Ziel einer solchen Basiskrisenintervention ist die verbale Beruhigung des Patienten, die Schaffung einer Hoffnung auf Hilfe und die Möglichkeit des Erkennens, mit einer zunächst untragbaren Situation fertig zu werden. Diese Situation kann bedingt sein durch einen Beziehungskonflikt wie in unserem Beispiel, aber auch hervorgerufen werden durch andere psychisch belastende Situationen wie das Miterleben eines Unfalls, der plötzliche Tod eines Angehörigen usw. Auch Mobbing gehört zu den Dingen, die einen psychischen Erregungszustand auslösen können.

Die Fähigkeit, eine Basiskrisenintervention ist nur bedingt erlernbar. Wichtiger ist eine ausreichende Lebenserfahrung und das "Fingerspitzengefühl", mit den Patienten richtig umzugehen. Zum Beispiel möchte nicht jeder Patient berührt werden, andere wünschen sich körperliche Nähe. Manche Patienten sind in der Akutphase nicht in der Lage zu sprechen. Auch das gehört zur Krisenintervention: dass man erkennt, was der Patient gerade braucht und ihm nach Möglichkeit das gibt. Dazu kann auch Schweigen gehören.

Oft genug erlebt der Patient/Klient zum ersten Mal, dass ihm jemand zuhört. Durch das nur wenige Minuten dauernde Gespräch reflektiert er sein eigenes Problem, beleuchtet es im Sinne der Supervision "von außen" Die Distanzierung ermöglicht ihm, über spätere Lösungsmöglichkeiten nachzudenken bzw. sich selbst die Chance solcher Möglichkeiten einzuräumen.

Dadurch wird eine Basis für eine evtl. sich anschließende Therapie geschaffen.


Literaturhinweis:

Krisenintervention im Rettungsdienst – eine Herausforderung an den Notarzt? Ein Bericht aus der Stadt Aachen, Notfall- & Rettungsmedizin 2: 2002, 116-118.


Die Autorin:

Dr. med. Katja Seiger

  • geb. 05.08.1956,
  • Fachärztin für Anästhesie, Psychotherapeutin, Schmerztherapeutin, Notfallmedizin,
  • seit 1989 als Notärztin im Rettungsdienst der Stadt Aachen tätig,
  • seit 1995 stellv. Ärztliche Leiterin Rettungsdienst der Stadt Aachen,
  • Beauftragte der Leitenden Notarztgruppe, Gründerin und Vorsitzende des 2000 gegründeten gemeinnützigen Verein "Notärzte im Rettungsdienst Aachen e.V.,
  • ... und schließlich und endlich angehende Supervisorin,
  • Hauptschwerpunkt: psychosoziale Konflikte im Rettungsdienst (Patienten und Mitarbeiter), Umgang mit psychotischen Patienten.

eMail: katjaseigermd@t-online.de
Web: www.notaerzte-aachen.de


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2004


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