Ethik ist einfach!

von Stefan M. Seydel (September 2003)

Die zunehmende Verwissenschaftlichung, Verbürokratisierung und Verprofessionalisierung besitzt die zwingende Kraft, selbst aus dem Einfachsten Kompliziertes und Komplexes aufzubauen: Wissenschaft schafft immer feinere Unterscheidungen. Bürokratisierung organisiert immer differenziertere Formalitäten. Professionalisierung generiert immer spezialisiertere Handlungsweisen. Weil es uns heute wieder auffallen darf, fällt uns auf, dass gar jedes frisch erreichte Wissen ein unendliches Mehr an Unwissen produziert, welches umgehend und wiederum der Analyse, der Strukturierung und der routinierten Handhabung zugeführt werden kann. So scheint es eine angepasste Reaktion zu werden, sich surfenderweise über das Datenmeer hinweg zu bewegen! Ganz sicher ist aber: Das Ganze können wir uns nicht mehr als Ganzes vergegenwärtigen.[1] Selbst das Greifbarste entschwindet in die völlige Unerreichbarkeit. Und gar himmelschreiendste Probleme werden derzeit bloss noch als ausbeutbare Ressourcen erkannt, welche durch Differenzierung und Formularisierung bis zur Unkenntlichkeit bearbeitbar bleiben! Wem all dies nützt, wird heute deutlich deutbar. Und so beginnen wir nochmals von vorne:

Die Menschen sind ja an sich sehr schlecht für diese Welt geeignet: Auch wenn wir flink sind, holt uns jeder beissen wollende Hund ein. Auch wenn wir stark sind, werden wir gerne schwach. Frauen sind verletzbarer. Männer wehleidiger. Kinder bleiben schutzbedürftig. Schnell erfrieren wir in der Kälte. Wärme lässt uns liegen wie tote Fliegen. Selbst in winzigsten Tierchen wurden leistungsfähigere Sinnesorgane verbaut. Und trotz aller Bemühungen der Evolution und der Technik zur Verbesserung der Menschen können wir uns bis zum heutigen Tag den Rücken nicht selbst kneten.

Die Entscheidung, in Rudeln zu leben, wählten wir damit sicher fraglos: Ohne ein geeignetes Gegenüber kein Nachwuchs. Ohne anstrengende Aufzucht kein Vorkommen unter Nachkommen. Und so wehren wir uns vereint und vehement gegen den ganzen Rest der unzivilisierbaren Natur: Ratten, Marder, Ameisen, Schaben, Zecken, Viren. Selbst ein vom Winde verwehter Grashalm ist stärker als unser bester Beton!

Dieses massierte Zusammenleben generiert nun aber wiederum beängstigende Reibungsflächen: Damit wir auch nur mal acht Stunden am Stück schlafen können, braucht es ein paar klärende Worte. Und so wird nachvollziehbar, dass selbst der behauptete Grund unserer natürlichen Überlegenheit über die Natur eine ebenfalls alternativlos gewählte Notlösung war: Tatsächlich gibt es ja nichts ungeeigneteres als die Sprache, um beschreiben zu können was wir fühlen, leiden, hoffen, sehnen. Während ein B, ein L und ein A uns fast nur "BlaBlaBla" sagen lässt, reicht die Auswechslung von B durch ein E zu mehr, als was die wildeste Phantasie erlauben darf: Die sprachliche Vorstellung von "ALLE"! So bilden wir uns ganz sicher viel zu viel ein auf das, was wir uns einreden. Es wäre verzweifelnd dramatisch, wenn es nicht so wundervoll beruhigend wäre zu flüstern: "Ich liebe dich!" Wenn die Antwort keine Ohrfeige ist, kommt es zur Befruchtung. Die Samen sind schnell versprengt. Aber auch der Gebärmutter läuft das Kind bald einmal davon. Weil wir aber nicht sterben, nachdem das Leben alles gefunden hat, was es braucht um sich lebendig zu halten, bleibt unsere Existenz prekär: Wir reden weiter. Bilden uns Unvorstellbares ein. Und sammeln notgedrungen Vereinbarungen über Unvereinbarkeiten. Dieses Regeln unseres massenhaften Zusammenlebens ist nie abgeschlossen. Dennoch haben wir diesen Aushandlungsprozess in einem Wort fixiert: Ethik.

Um in unserer Gedankentradition zu bleiben, erinnern wir uns an den ersten ordnenden Satz unter Juden und Moslems: "Machet euch die Welt untertan!" Dieser Aufruf galt in der Wüste schutzlos umherziehenden Nomaden. Haben die nicht ständig Sand in den Unterhosen? Die erste Verbesserung scheint die Annahme einer freundlichen Ermutigung zu bestätigen: "Auge um Auge. Zahn um Zahn." Der Unaussprechliche sprach deutlich genug: "Wenn dir einer eins aufs Maul gibt, zieh ihm einen Zahn, aber hau ihm nicht gleich den Kopf vom Hals!" Und weil alle guten Söhne radikaler als ihre Väter sind, kennen wir auch das zweite Update (Ethik 2.0): "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Das ist wie wenn Bill Gates uns plötzlich eine funktionierende Software anböte: Niemand nähme ihn ernst! Und exakt dies taten jene käsbleichgesichtigen, saufenden Raufbolde ebenfalls: Sie bekreuzigten sich kurz und führten weiter was sie konnten: Krieg! So lebte es sich im Mittelalter wie in einem nie enden wollenden Dickdarm: Ziemlich verschissen! Dem Ratschlag Thales von Milet folgend, erkannten sie sich selbst und testeten auch seinen anderen Tipp: "Wer harten Stuhlgang hat, soll drücken!" [2]

Sturm und Drang der damaligen Neugierologen (Neugier auf Logos!) verlief einigermassen erfolgreich. Diesen Künstlern, Spinnern und Bastlern wurde das Problem übertragen, masslos gewordene Könige und Päpste zum Verschwinden zu bringen. Diese Reichen wurden immer unanständiger und auch das Ausmass der Armen vermehrte sich! Ganz gewaltig setzte sich die neue europäische Version der Ethik - "Liberté, Egalité, Fraternité" – durch. Die Kraft der angewandten List überraschte wohl alle:

Diese Spinner, Künstler und Bastler fragten ganz stur und ziemlich kindisch: "Warum?" Zuerst kamen die Antworten der Mächtigen noch auf lateinisch. "Gott rede halt eben so", sagten die Päpste. Aber das funktionierte nicht lange. Immerhin fiel jetzt allen auf, dass Baumstämme in der Nähe ihrer gefallenen Früchte standen. Auch ein einsam herumliegender Kuhfladen lag stets nur dort auf dem Weg, wo vorher eine Kuh hat einen lassen müssen! Kurzum: Es wurde immer klarer, dass alles irgendwie zusammenhängt. Die zunehmend ausgeklügelten Prinzipien und Methoden konnten diese Netzwerke aufschlüsseln, verstehen, begreifen und damit sogar manipulieren. Zu all dem brauchte es nun überhaupt rein gar keinen unsichtbaren Gott mehr: Eine imaginäre Wahrheit genügt vollauf! [3] Und so riefen unsere zu Wissenschaftern mutierten Freunde nicht ohne Grund: "Wissen ist Macht!" Womit wir bereits zu der Erkenntnis eilen können, dass einfach jede Lösung ihre Probleme findet: Wie viele der sozial zu schnell Aufgestiegenen, sind auch unsere "Neureichen im Geiste" ziemlich unangenehme Kumpanen geworden. Und wie alle erfolgreichen Revoluzzer, vergassen auch sie den Grund ihrer damaligen Auflehnung rasch. So braucht wohl einfach jede Zeit mutige Frauen und willige Männer!

In diesen Tagen entdecken wir, dass Neugieronauten (Neugier in Bezug auf Orientierung!), Transdisziplinäre, Gläubige-aller-Religionen-der-Welt-Vereinigte, Globalisierungsgegner wiederum eine banale Lösung gefunden haben. Wir fragen grell, laut und ziemlich kindisch: "Warum nicht?" Die Professoren hassen diese Postmoderne! Und das ist eine begreifliche Reaktion: Es geht ja auch exakt ihnen an den Kragen! Während sie selbst die Übersetzer des Willen Gottes vom Thron holten, scheitern aber die Gescheiten ganz von selbst. Noch bevor unser Plan als solcher erkannt wurde, sind sie auf der Flucht! Die kostbaren Elfenbeintürme stehen verlassen da und fallen bereits in sich zusammen. Der Rückzug in die unabhängige Abgeschiedenheit, die Konzentration auf die Herstellung vernunftgeleiteter Wahrheit, war uns einst Versicherung gegen unmenschliche, egoistische, selbstsüchtige Regime! Doch da liegen sie nun am Busen, welcher allen Milch und Honig um die Lippen schmiert. War den Wissenschaften noch eben die Unabhängigkeit von Wirtschaft und Staat eine heilige Kuh, ist diese offenbar längst gegessen. Stolz prangern die Zeichen der Geldgeber auf den Homepages! Das universitäre Institut trägt den Namen des Hauptsponsors! Doch niemand weiss schmerzlicher als das Volk, was ganz sicher stimmt: "Wer zahlt, befiehlt!" Weil uns die in Experimenten nachgewiesene Wahrheit Könige und Päpste zum Teufel gejagt hat, brauchte es keinen zweiten Beweis wissenschaftlicher Nützlichkeit! Jetzt kichern wir im Kanon: "... und tschüss!"

Damit lösen wir uns aus einer Krise, welche uns die Wissenschaft nicht lösen wollte. Wir kennen kein soziales System mehr, welches nicht in dicken Büchern die totale Ökonomisierung belegte: Politik, Bildung, Pädagogik, Jurisprudenz, Kunst, Kultur, Gesundheit, auch das Private und Intime! Der Liberalismus befreite offensichtlich nicht - wie so lange versprochen! - den Menschen. Eine neue Vorsilbe huldigt dem neu Befreiten und verachtet die Menschen hemmungslos: Im Neoliberalismus stellen sich Dienstleistende - alle für sich alleine! - fröhlich lächelnd zum Ausschluss bereit. Wer keine Aufträge erhält, sucht die Schuld bei sich und schreibt einen neuen Businessplan. So rast das Geld über die Welt hinweg, an allen Bereitwilligen vorbei, und bespringt nur den Einen: den Gewinn! Wir aber sind sicher: Alles was gewusst werden kann, kann irgendwo auf der Welt besser, schneller, billiger gewusst werden. Alles was hergestellt werden kann, kann irgendwo auf der Welt besser, schneller und billiger hergestellt werden. Bleiben wenige ortsgebundene Tätigkeiten, um welche immer mehr, mit immer besser trainierten soft skills immer softer killen.

Auch so lässt sich der Aufruf an die Soziale Arbeit deuten, sich von der Bescheidenheit zu verabschieden und sich selbstbewusst, als Transdisziplinäre, zuständig zu erklären für die Arbeit an der Durchsetzung einer globalen Ethik! [4] So brauchen wir Denkmodelle, mit welchen wir unser Handeln fundieren können nicht, weil wir damit gesellschaftliche Anerkennung erreichten. Wir brauchen diese Hilfsmittel des differenzierteren Beobachtens, damit unsere Sozialarbeitskunst uns das Handeln verfeinert.

Während uns das Wort "Ethik" an Gesetzesbücher in den stets länger werdenden Regalen der Juristen zu erinnern scheint, handelt es sich dabei dennoch um eine völlig andere Kategorie. Weil wir selbst leben wollen, gestehen wir anderen zu, sich entwickeln und verändern zu dürfen: In dem wir sind, ist Ethik einfach!

Wenn wir Mithelfen, die seit der französischen Revolution unüberarbeiteten drei Kapitel der Vereinbarungen menschlichen Lebens auf dieser Erde auf globaler Ebene neu zu buchstabieren, dann beginnt diese Sammlung vielleicht mit der Feststellung: "Gewinnen ist nichts! Gestalten alles!"


Anmerkungen

[1] frei nach Niklas Luhmann. In: Reto Eugster, Die Genese des Klienten, Haupt, 2000, S. 104.

[2] Bruno Snell; Leben und Meinungen der Sieben Weisen, 1971, Heimeran Verlag, München.

[3] frei nach Vilém Flusser: Die Informationsgesellschaft, www.suppose.de.

[4] frei nach Silvia Staub-Bernasconi. Div. Ausführungen seit 1995. Aktueller Beitrag: Vom transdisziplinären Wissenschaftlichen Bezugswissen zum professionellen Handeln am Beispiel der Empowerment-Diskussion, www.sozialinfo.ch/saw/material/staub.pdf.


Der Autor:

Stefan M. Seyel
Sozialunternehmer am Bodensee

Web: http://neugieronautik.ch/sms/


Veröffentlichungsdatum: 07. September 2003


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