Bert Hellinger und die systemische Psychotherapie

von Fritz B. Simon und Arnold Retzer (Juli 2002)

Es dauert nun schon einige Jahre, dass Bert Hellinger und seine Arbeit die Gemüter bewegen. Er fährt durch die Lande und "stellt" in Großveranstaltungen vor Hunderten von Zuschauern Familien "auf" - ein Phänomen, das wir in der Zeitschrift "Psychologie Heute" bereits früher (Heft 6/95) zu analysieren versucht haben. Auf den ersten Blick gibt es nur wenig, was wir unseren Überlegungen von damals hinzufügen müssten. Warum sollte Hellinger keine derartigen Veranstaltungen durchführen, solange diejenigen, die sich ihm anvertrauen, damit einverstanden sind? Schließlich arbeitet er nicht mit unmündigen Kindern oder Personen, von denen man von vornherein annehmen müsste, sie seien nicht ganz bei Sinnen oder wüssten nicht, was sie tun. Es sind Erwachsene, die aus eigenem Antrieb auf die Bühne kommen und sich nicht nur Bert Hellinger stellen, sondern sich von ihm "stellen" lassen. Man mag dies bewerten, wie man will, das Recht dazu sollte ihnen niemand absprechen. Schließlich hat in unserer Gesellschaft auch jeder im Prinzip das Recht (und wahrscheinlich auch die Chance), sich im Fernsehen den seelsorgerischen Bemühungen von Talk-Show-Gastgebern wie Herrn Fliege oder Frau Kiesbauer auszusetzen.

Trotz solch liberaler Grundüberzeugungen fühlen wir uns veranlasst, in Sachen Hellinger noch einmal das Wort zu ergreifen. Inzwischen hat die öffentliche Diskussion über ihn und seine Methoden eine Wendung genommen, die es uns nicht mehr erlaubt, uns als unbeteiligte Zuschauer zu verstehen, die gleichermaßen fasziniert wie erschreckt das "Hellinger-Phänomen" von außen beobachten. Da in der öffentlichen Darstellung der Ansatz Bert Hellingers immer wieder mit dem Etikett "systemisch" oder "systemische Fanlilientherapie" versehen wird, sehen wir uns zur öffentlichen Klarstellung und Abgrenzung genötigt. Da bekanntlich der Gebrauch der Begriffe ihre Bedeutung bestimmt, sehen wir die Gefahr, dass die Methoden und Konzepte der systemischen (Familien?)Therapie, wie sie international in den letzten 40 bis 50 Jahren entwickelt worden sind, mit der Arbeit Bert Hellingers identifiziert werden. Wir halten das für unberechtigt und falsch, kurz gesagt: für Etikettenschwindel. Dieser Vorwurf richtet sich dabei nicht so sehr gegen Bert Hellinger, der seinen Ansatz unseres Wissens nicht als systemisch bezeichnet, sondern gegen seine Jünger, die - aus welchen Gründen auch immer - versuchen, diese Unterschiede aufzuweichen. Würde man Bert Hellingers Methoden systemisch nennen, so könnte man auch die Traumdeutungen jener "Hexe", die in einem sternenbestickten Gewand mit einem Raben auf der Schulter auf dem Jahrmarkt ihre seherischen Dienste anbietet, als Psychoanalyse bezeichnen. Wobei weder in Frage gestellt werden soll, dass diese Art der Traumdeutung beeindruckende, möglicherweise auch tief greifende therapeutische Effekte haben kann, noch dass es gewisse Ähnlichkeiten zwischen ihrer und der psychoanalytischen Methodik gibt: das Träumedeuten.

Uns erscheint es als Gebot der Fairness potentiellen Klienten und Patienten gegenüber, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der systemischen Therapie, wie sie inzwischen weltweit von den USA bis Australien, von China bis Südafrika praktiziert wird, und dem Ansatz Bert Hellingers darzustellen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir wollen Hellingers Ansatz hier nicht bewerten, weder positiv noch negativ. Worum es uns geht, ist die Darstellung der methodischen und theoretischen Unterschiede sowie der ihnen zugrunde liegenden Werte. Wir sehen dies als Akt der Aufklärung des Verbrauchers, ja des Verbraucherschutzes (wobei offen bleiben mag, ob der Verbraucher mehr des Schutzes vor dem einen oder vor dem anderen Ansatz bedarf.)

Die historischen Wurzeln

Die Geschichte der systemischen Therapie ist eng mit der Entwicklung der Kybernetik sowie der System- und Kommunikationstheorie verbunden. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in ganz unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten zu einer bemerkenswerten, fachübergreifenden parallelen Entwicklung: Der Fokus der Aufmerksamkeit verschob sich von der Untersuchung der Eigenschaften isolierter Objekte hin zur Betrachtung der Wechselbeziehungen miteinander interagierender Objekte, die gemeinsam eine zusammengesetzte übergeordnete Einheit - ein System bildeten. Es zeigte sich, dass das Verhalten der Elemente solcher Systeme besser durch die Spielregeln der Kommunikation zwischen ihnen als durch ihre individuellen Eigenschaften erklärt werden konnte. Das Forschungsinteresse verschob sich dementsprechend zur Untersuchung der Steuerung und Regelung von Verhalten innerhalb solcher Systeme.

Inzwischen ist dieser Ansatz in vielen Einzelwissenschaften - von der Physik bis zur Soziologie, von der Psychologie bis zur Literaturwissenschaft - zu einem der wichtigsten Paradigmen geworden. In der Öffentlichkeit haben wahrscheinlich die so genannte Chaos- und Komplexitätstheorie den größten Bekanntheitsgrad. Auch sie zeichnen sich - wie alle systemischen Ansätze - durch ihre interdisziplinäre Anwendbarkeit aus.

Im Bereich der Psychotherapie bedeutete dieser Paradigmenwechsel zunächst, dass nicht mehr die Strukturen und Prozesse innerhalb der Psyche des Patienten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, sondern die Kommunikationen, die mit Gefühlen und Gedanken verknüpft waren. Und da die Kommunikation innerhalb der Familie für die meisten Menschen eine besondere Bedeutung für ihr seelisches Wohl- oder Unwohlsein hat, wurden zunächst familientherapeutische Methoden entwickelt. Es wurde nicht nur - wie in anderen psychotherapeutischen Ansätzen - über die Familie, Mutter, Vater, Bruder, Schwester geredet, sondern die gesamte Familie wurde mit dem Therapeuten in einen Raum "gesperrt" und musste mit ihm und miteinander reden. Die Interventionen der Therapeuten richteten sich nicht mehr darauf, Individuen oder ihre Psyche zu verändern, sondern Kommunikationsmuster zu beeinflussen.

In den 50er und 60er Jahren wurde hier die bahnbrechende Arbeit von der so genannten Palo-Alto-Gruppe unter Leitung von Gregory Bateson geleistet. Ihr im deutschen Sprachraum bekanntester Vertreter ist Paul Watzlawick, der vor allem auch durch seine populären Bücher diese neue Art der Problemsicht bekannt gemacht hat. Der wichtigste Beitrag zur Entwicklung der systemischen Therapie der Palo-Alto-Gruppe lag in der radikalen Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die tatsächlich ablaufenden Kommunikationen.

Ihre Methoden waren damals, das muss deutlich gesagt werden, Außenseitermethoden, die vor allem in Forschungsinstituten angewandt wurden. Sie wurden nicht systematisch gelehrt, es gab noch keine Fachgesellschaften, ja, sie hatten noch nicht einmal den Namen, den sie heute haben. Man sprach bis Ende der 70er Jahre von Kommunikationstherapie, wenn man überhaupt davon sprach. Der Name "systemische Therapie" stammt von einer anderen weltweit einflussreichen Gruppe, der so genannten "Mailänder Gruppe" um Mara Selvini-Palazzoli. Auch diese Gruppe hatte zunächst Forschungsinteressen: Sie untersuchte die Kommunikationsmuster in Familien mit schizophrenen Mitgliedern. Dabei entwickelte sie die therapeutischen Ansätze der Palo-Alto-Gruppe weiter. Besonders hervorzuheben sind hier spezifische Interviewtechniken ("zirkuläres Fragen"), die es erlaubten, Kommunikationsmuster zwischen den Familienmitgliedern zu reflektieren und dadurch auch zu beeinflussen.

Dies stellte so etwas wie einen Quantensprung in der therapeutischen Praxis dar: Zum ersten Mal war eine Methode entwickelt worden, die den systemtheoretischen Vorannahmen gerecht wurde. Da die Mailänder Gruppe in alle Welt eingeladen wurde, um diese Methodik zu präsentieren, und sie ihre Arbeit auf Englisch als "systemic" charakterisierte, gelangte dieser Begriff schließlich auch bei uns als "systemisch" ins Fachchinesisch (sehr zur Verwirrung der Setzer und Redakteure von Zeitschriften und Büchern, die bis in jüngste Zeit der Versuchung nicht widerstehen können, wann immer ein Autor etwas als "systemisch" schreibt, daraus etwas "Systematisches" zu machen).

Inzwischen hat sich aus den anfänglichen Experimenten eine wissenschaftliche Szene entwickelt, welche die typischen Charakteristika anderer Wissenschaftsbereiche aufweist. Es gibt Fachzeitschriften (allein im deutschsprachigen Bereich sind es zur Zeit sechs oder sieben), Fachgesellschaften, Ausbildungsinstitute, Kongresse und so weiter. Dementsprechend haben sich Standards der theoretischen Diskussion, der Forschung und der Ausbildung herausgebildet.

Was die Entwicklung der system-therapeutischen Theorie betrifft, muss noch ein wichtiger erkenntnistheoretischer Aspekt angeführt werden. Arbeitet man als Therapeut mit Familien, in denen ein oder mehrere Familienmitglieder ein "verrücktes" Weltbild entwickelt haben, so stellt sich aus einer systemischen Perspektive zwangsläufig die Frage, wie solch ein Weltbild in der Kommunikation mit der belebten und unbelebten Umwelt entstehen konnte, wie es aufrechterhalten wird und wie es verändert werden kann. Wer sich diesen Fragen stellt, landet schnell bei der Frage, wie die so genannte "Normalität" entsteht. Ob man will oder nicht, man muss sich mit basalen philosophischen und erkenntnistheoretischen Fragen beschäftigen. Die Antworten, die sich aus der System- und Kommunikationstheorie - und der praktischen therapeutischen Erfahrung - ergeben, werden heute unter dem Namen "radikaler Konstruktivismus" diskutiert: Wir können als Menschen nie feststellen, wie die Welt wirklich geordnet ist, wir können immer nur Modelle von ihr konstruieren, die zu ihr "passen". An diesen Wirklichkeitskonstruktionen orientiert sich unser individuelles und kollektives Verhalten. Dabei können wir immer nur feststellen, wo und wann unser Weltbild nicht zur Weit passt – wenn wir zum Beispiel mit dein Kopf gegen die Wand rennen, wenn wir eine Tür "sehen", das zu diesem Konstrukt passende Loch in der Wand sich aber nicht finden lässt. Dies hat zweierlei Konsequenzen: Zum einen gibt es eine Vielzahl möglicher unterschiedlicher Weltbilder, die zur Welt passen und mit deren Hilfe man überleben kann, und zum anderen müssen wir uns klar sein, dass sich die Wahrheit unserer Konstrukte immer nur falsifizieren, nicht aber bestätigen lässt. Solch ein instrumentelles Verständnis von Realitätskonstruktionen lässt sich inzwischen durch die Befunde der neueren Hirnforschung belegen. Jeder Mensch lebt in seiner individuellen, autonomen Welt. Damit sich die Weltbilder mehrerer Menschen ähneln oder gleichen, bedarf es der kommunikativen Abstimmung.

Wer solch eine systemtheoretisch begründete konstruktivistische Position vertritt, kann - das ist eine der logischen Folgen - niemals für sich beanspruchen, er sei im Besitze der Wahrheit. Was als wahr in sozialen System behandelt wird, muss daher ausgehandelt werden, und es ist dem Wandel unterworfen. Dasselbe kann über die Werte gesagt werden, die unser Handeln leiten. Wenn jeder Mensch sein Weltbild selbst konstruiert, so bleibt die Verantwortung für die Werte, denen er sich verpflichtet fühlt, bei ihm selbst. Er kann sich nicht auf eine höhere Autorität (eine Theorie etwa) und deren Wahrheit berufen.

Das hat weitreichende Konsequenzen für die alltägliche Praxis, vor allem für die Praxis von Therapeuten. Hier liegt der wesentliche Unterschied zwischen der Welt des Bert Hellinger und der Welt der systemischen Therapie. Und hier liegt auch der Unterschied zwischen der Ethik des Bert Hellinger und der Ethik der systemischen Therapie.

Das Setting

Das Setting, in dem Bert Hellhager arbeitet, ist, wenn man mal von den 500 Zuschauern absieht, das des klassischen Gruppenverfahrens, wie es im Rahmen von Gruppentherapien sowie Selbsterfahrungs- und Supervisionsgruppen seit langem etabliert ist. Ein Therapeut oder Supervisor arbeitet mit einer Gruppe von Individuen, die vor ihrem Zusammentreffen in der Gruppe keine gemeinsame Geschichte hatten. Hier liegt ein erster gravierender Unterschied zu familientherapeutischen Ansätzen, in denen die Teilnehmer an der Gruppe - die Familienmitglieder - eine längere gemeinsame Geschichte haben. Das hat weitreichende Folgen für den Verlauf der Therapie. Einzeltherapeutische und klassische gruppentherapeutische Settings haben gemeinsam, dass der Patient oder Klient der einzige ist, der seine Familie aus eigener Anschauung kennt. Er ist derjenige, dessen Darstellung der Familie - seine subjektive Wahrheit - zur Grundlage der therapeutischen lnterventionen wird. Bei Bert Hellinger heißt dies, dass ein Gruppenmitglied die "Familie stellt", wie er sie sieht oder erlebt. Er verteilt andere Gruppenmitglieder als Stellvertreter für die Familienmitglieder bedeutungsträchtig im Raum, das heißt, er nutzt den Raum als Metapher für interpersonelle Beziehungen, genauer: als Metapher für die Familienbeziehungen, wie sie von einem Familienmitglied gesehen werden.

Im Prinzip ist gegen die Nutzung solch eines visuellen Darstellungsmediums nichts einzuwenden, und auch systemische Therapeuten verwenden dieses Verfahren zu diagnostischen Zwecken. Schließlich ist es kein so großer Unterschied, ob ein Familienmitglied seine Sicht der Familie mit Worten beschreibt oder durch solch eine "Skulptur" darstellt. Der wesentliche methodische Unterschied zur Arbeit Bert Hellingers besteht darin, dass in einer Sitzung, in der noch andere Familienmitglieder anwesend sind, jeder der Beteiligten nicht nur eine Rückmeldung darüber erhält, wie die anderen die Familie sehen (was an sich gelegentlich schon therapeutische Wirkungen hat), sondern auch die Option hat, seine Sichtweise der seiner Angehörigen entgegenzusetzen. Auf diese Weise wird verhindert, dass die Sichtweise eines einzelnen Familienmitglieds stillschweigend zur Wahrheit erhoben wird. Es ist klar, dass weder Therapeut noch Familienmitglieder wissen, wie die Familie und das Familienleben "wirklich" sind. Dementsprechend versucht der Therapeut mit der Familie zu reflektieren, welche ihrer Sichtweisen welche Konsequenzen haben, welche der so gemeinsam hervorgebrachten familiären Spielregeln die SymptombiIdung eher günstig oder ungünstig beeinflussen und so weiter. Allen Familienmitgliedern wird so eine Mitverantwortung für die tatsächlichen Kommunikationsmuster der Familie und ihre Folgen gegeben. Dabei versucht der Therapeut, zukunftsbezogen den Möglichkeitssinn der Familie zu aktivieren und individuell wie kollektiv alternative Handlungsoptionen zu eröffnen.

Bert Hellinger nutzt die "gestellte Familie prinzipiell anders. Er bewerte die dargestellte Ordnung normativ als gut oder schlecht. Und dementsprechend interveniert er. Er versucht die Ordnung, die er für richtig und gut befindet, "in die Familie" zu bringen. Dies macht er, indem er die Repräsentanten der Familienmitglieder umstellt, sie in die "richtige" Ordnung bringt und sie gelegentlich symbolische und rituelle Sätze und Akte ausführen lässt. So veranlasst er zum Beispiel in manchen Fällen diejenigen, die ihre Familie gestellt haben, dazu, dem Stellvertreter des Vaters oder der Mutter gegenüber ritualisiert Bekenntnisse abzulegen ("Vater, für dich habe ich es gern getan!"), die eine veränderte Beziehungsdefinition beinhalten.

Die Haltung des Therapeuten

Die Haltung systemischer Therapeuten ihren Klienten und Patienten gegenüber wird im allgemeinen von der Überzeugung bestimmt, dass es viele unterschiedliche Arten gibt, sein Leben und seine Familie zu organisieren, die mit körperlicher und geistiger Gesundheit zu vereinbaren sind. Auch wenn die Erfahrung zeigt, dass bestimmte Kommunikationsmuster die Wahrscheinlichkeit der Symptombildung erhöhen, heißt dies nicht, dass es nur eine einzige "richtige" Alternative dazu gibt. Das ist es jedoch, was Bert Hellinger suggeriert: Es gibt richtige und falsche Ordnungen, und er ist es, der sie kennt. Damit verbunden ist ein Heilsversprechen: Richtet euch nach der von mir vorgegebenen Ordnung und sorget euch nicht!

Hellinger bietet sich als Autorität an, die in unsicheren Zeiten für Orientierung sorgt, und sagt, wo es langgeht. Die Normen, die er verkündet, sind unseres Erachtens höchst fragwürdig, Ausdruck einer Ordnungstheologie - oft ein Schritt zurück in vergangene Zeiten. So verhilft er zum Beispiel ausgedienten Pathologisierungen zu neuem Leben ("Ich habe den homosexuellen Sohn vor dem Vater niederknien und sagen lassen: ‚ich gebe dir die Ehre', und zwei Monate später hat er geheiratet und hat jetzt ein Kind").

Wenn wir davon gesprochen haben, dass systemische Therapeuten den Möglichkeitssinn nutzen, so arbeitet Hellinger mit dem Unmöglichkeitssinn, indem er postuliert, dass bestimmte familiäre Konstellationen (wenn zum Beispiel ein älterer Mann eine jüngere Frau heiratet) nicht gut gehen können ("niemals"). Hier erscheinen systemische Therapeuten weit bescheidener: Auch sie sehen natürlich, um beim Beispiel des alten Mannes und der jungen Frau zu bleiben, dass solch eine Konstellation mit Schwierigkeiten verbunden ist oder sein kann: Wer wollte leugnen, dass es in unterschiedlichen Stadien des Lebenszyklus unterschiedliche Erfahrungen, Wünsche, Interessen, Aufgaben gibt, welche das Zusammenleben komplizieren können. Und sie würden wohl auch auf den Preis hinweisen, den beide für ihre Entscheidung zu zahlen haben; sie würden möglicherweise auch zukunftsorientiert reflektieren, wie beide ganz sicher erreichen könnten, dass ihre Beziehung scheitert. Sie würden aber auch herauszuarbeiten versuchen, welches die Ressourcen und Chancen solch einer Beziehung sind. Kurz gesagt: Sie würden sich in der Frage, ob solch eine Form der Beziehung gut oder schlecht ist, neutral verhalten. Sie würden ihre Aufgabe darin sehen, den Klienten dabei zu helfen, zu einer ihren Werten entsprechenden, das heißt von ihnen selbst verantworteten Entscheidung zu kommen.

Hier geht Bert Hellinger einen gänzlich anderem Weg: Er ist parteilich und sagt, was richtig und was nicht richtig ist. Er bietet sich an als Erlöser von der Qual der Wahl. Er verspricht in unseren Zeiten, in denen der einzelne mit einem nie da gewesenen Maß an Komplexität konfrontiert ist, die großen Vereinfachungen. Hierin dürfte die Erklärung für seine Attraktivität liegen - die "Furcht vor der Freiheit".

Die Erklärung für therapeutische Effekte

Diese Orientierung gebende Funktion kann Bert Hellinger wahrscheinlich weit besser als jeder systemische Therapeut übernehmen, da er davon auszugehen scheint, einen direkten ("phänomenologischen") Zugang zur Wahrheit zu haben. Er meint, die Ordnung oder Unordnung der Familie zu sehen. Deswegen macht er sich daran, Ordnung zu schaffen. Er stellt die "Lösung" für die Familie, das heißt, er verändert die Positionen der Stellvertreter der Familienmitglieder so, wie er es - nach deren Feedback - für richtig hält. Manchmal lässt er die bereits erwähnten rituellen Sätze sprechen. Damit ist die Angelegenheit erledigt, die Protagonisten können sich wieder setzen, der nächste bitte.

Dass die gesamte Prozedur für denjenigen, der eine Familie gestellt hat - sei es ein Psychotherapeut, der ein Supervisionsanliegen hat, oder ein Familienmitglied, das ein eigenes Problem bearbeiten will - , wichtige Anregungen bringen und auch therapeutische Effekte hallen kann, soll hier nicht bestritten werden. Etwas größere Mühen haben wir, den Glauben zu übernehmen, dass sich durch das Stellen der "richtigen" Ordnung der Familie ihre Probleme von allein lösen. Zumindest liefert Hellinger hier keinerlei plausible Erklärungsmodelle. Er fördert ihre Diskussion auch nicht gerade und scheint nicht weiter daran interessiert. Das erschwert die wissenschaftliche Auseinandersetzung über seine Methode und macht ihre Akzeptanz zur Glaubensfrage.

Es gehört zu den Spielregeln der Wissenschaften, dass Personen ihre Autorität durch die Qualität ihrer Theorien und Forschungsergebnisse erhalten. Sie müssen von Dritten überprüft werden können. Für Theorie bedeutet dies, dass sie konsistent und widerspruchsfrei sein müssen. Bei Bert Hellinger haben wir es mit dem umgekehrten Fall zu tun: Seine Theorien und Methoden erhalten ihre Autorität durch die Autorität dessen, der sie verkündet. Dies ist zweifellos nicht der Weg, durch den im Bereich der Wissenschaften kommunikativ ausgehandelt wird, was als (vorübergehende) "Wahrheit" zu betrachten ist, sondern der Weg, der in Religionen beschritten wird. Hellingers Konzepte werden daher in systemischen Fachzeitschriften so gut wie gar nicht diskutiert, während seine Massenveranstaltung immer mehr den Charakter von Hochämtern und Gemeindeversammlungen annehmen.

Die Erklärungsmodelle der systemischen Therapie stehen dagegen – ein nicht gering einzuschätzender Unterschied - im Einklang mit den Prinzipien einer wissenschaftlichen Streitkultur. Ihre therapeutischen Erfolge stellen sich der empirischen Überprüfung, und ihre ErklärungsmodeIle werden kritisch auf ihre logische Konsistenz und Plausibilität überprüft.

Die Großveranstaltungen

Noch ein paar Worte zu den Großveranstaltungen. Solange niemand zwangsweise dazu vorgeführt wird, erscheinen sie uns nicht als problematisch. Es gibt hier auch keinen prinzipiellen Unterschied zur systemischen Therapie. Auch wir haben schon Familien vor Hunderten von Zuschauern interviewt, ohne dass es dabei zu irgendwelchen erkennbaren Problemen für die Beteiligten gekommen wäre (außer vielleicht für die Therapeuten, die es im allgemeinen vorziehen, hinter gepolsterten Türen zu arbeiten, damit niemand hört, was sie ihren Patienten sagen). Es gibt allerdings eine Gefahr bei solch einem Setting: Der Therapeut wird nur zu leicht verführt, seine Wirkung auf das Publikum wichtiger zu nehmen als seinen therapeutischen Auftrag. Das ist als allgemeine Feststellung zu verstehen und bezieht sich nicht Bert Hellinger.

Wir sind bislang nicht auf den in der Presse skandalisierten Tod einer Teilnehmerin bei einer von Hellingers Großveranstaltungen eingegangen (vgl. Psychologie Heute 4/98). Wir wollen auch hier Stellung beziehen. Um es ganz unmissverständlich zu sagen: Wir glauben nicht, dass es angemessen ist, hier simple Kausalitäten zwischen Hellingers Intervention ("Hier sitzt das kalte Herz ...") und dem Selbstmord der Teilnehmerin zu konstruieren. So einfach funktionieren Menschen nicht. Und so wichtig dürfte nicht einmal der zur Idealisierung einladende Bert Hellinger für eine 15-Minuten-Bekanntschaft werden, dass er die Macht über ihr Leben und ihren Tod gewinnt. Mit Steinen wird hier nur derjenige auf Bert Hellinger werfen, der nicht im Glashaus sitzt, das heißt nicht psychotherapeutisch arbeitet. Wir kennen keinen der längere Zeit mit psychisch belasteten Patienten arbeitet, der von sich guten Gewissens behaupten könnte, er hätte noch keinen Patienten durch Selbstmord verloren (es sei denn, er hat bislang seinen Lebensunterhalt allein durch die Entwöhnung von Rauchern verdient). Das einzige, was uns an der ganzen Angelegenheit zu denken gibt, ist die Tatsache, dass Hellinger hier seine Methode geändert hat: Er hat nicht mehr mit Einzelklienten und den Stellvertretern ihrer Familienangehörigen gearbeitet, sondern mit realen Paaren. Vielleicht muss man in einem familientherapeutischen Setting eben doch anders intervenieren ...?


Der Beitrag erschien zuerst in "Psychologie Heute" Juli 1998: 64-69.
Die Redaktion erteilte dem Online-Journal freundlicherweise die Abduckerlaubnis.


Die Autoren

Fritz B. Simon

  • Dr. med., Univ. Prof,
  • Studium der Medizin und Soziologie, Ausbildung zum Psychiater und Psychoanalytiker,
  • Arbeit als Gruppendynamiktrainer, Psychotherapeut und Psychiater in unterschiedlichen Institutionen der Universitäts- und Versorgungspsychiatrie,
  • von 1982–1989 leitender Oberarzt der Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie der Universität Heidelberg,
  • 1987 Habilitation für Psychosomatik und Psychotherapie,
  • Priv.-Doz. für Psychosomatik und Psychotherapie, Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg,
  • 1989 Mitbegründer und seither geschäftsführender Gesellschafter der Carl-Auer-Systeme GmbH, Heidelberg,
  • 1990 Mitbegründer des Heidelberger Instituts für systemische Forschung,
  • seit 1994 Vizepräsident der European Family Therapy Association (EFTA),
  • seit 1996 Herausgeber (mit A. Retzer) der Zeitschrift Familiendynamik,
  • seit 1999 Professor für Führung und Organisation, Deutsche Bank Institut für Familienunternehmen, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Witten/Herdecke,
  • geschäftsführender Gesellschafter des Management Zentrums Witten GmbH,
  • 2002 Mitbegründer und Mitglied des Helm-Stierlin-Institut Heidelberg,
  • jetziger Arbeitsschwerpunkt: Organisationsforschung und -beratung,
  • Autor und Herausgeber von zahlreichen Fachartikeln und elf Büchern.

Arnold Retzer

  • Dr. med. Dipl.-Psych., Priv.-Doz.,
  • Lehrtherapeut und –supervisor der Internationalen Gesellschaft für systemische Therapie (IGST),
  • Vorstand des Heidelberger Instituts für systemische Forschung und Therapie,
  • Geschäftsführender Gesellschafter des Zentrum für systemische Forschung und Beratung GmbH,
  • Privatdozent für Psychotherapie an der Universität Heidelberg,
  • Facharzt für Psychotherapeutische Medizin
  • seit 1996 Herausgeber (mit F. B. Simon) der Zeitschrift Familiendynamik.


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2002


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