Jesús Hernández Aristu

Special (September 2003)


zum 60. Geburtstag


Erste Begegnung mit Jesús in Eguiarte

von Michael Teichert

Es war ein heißer Sommer im Jahr 1979 – ganz Navarra flirrte vor Hitze - , als wir – eine Gruppe Aachener – in Eguiarte ankamen, um aus einem alten Pfarrhaus ein Meditations- und Kommunikationszentrum zu errichten. Dort habe ich Jesús kennen gelernt, ein bis dahin für mich völlig unbekannter katholischer Pfarrer, der aus Navarra kam und in Deutschland seinen priesterlichen Dienst versah. Er war es, der mir die Augen für die wunderbare Landschaft geöffnet und meine Liebe für diesen Teil Spaniens in mir geweckt hat.

"Cojones" war das erste spanische Wort, das ich von ihm lernen durfte, ein in Spanien durchaus gebräuchliches – wenn auch drastisches - Schimpfwort. Es sollten noch mehrere Worte – nicht nur Schimpfworte – folgen, die ich und wir bei ihm lernen durften. Als leidenschaftlicher "Jünger" Paulo Freires verstand Jesús es auf unnachahmliche Weise, uns verbildeten Deutschen soviel Spanisch beizubringen, dass wir selbständig einkaufen gehen und vor allem die Kommunikation mit den Bewohnern der umliegenden Orte führen konnten. Jeden Morgen nach dem Frühstück stand "clase" auf dem Stundenplan: in der Sonne, mit einem Fetzen Papier an der Kirchenmauer als Tafel, stand Jesús vor uns, mit Strohhut und kurzer Hose, und hatte sichtlich Vergnügen daran, mit Humor und Rohrstock eine Lernsituation zu schaffen, die es uns trotz Schlafmangels und Rotweingenusses ermöglichte, nicht nur zu lernen sondern daran auch noch Spaß zu haben.

Jesús verstand es aber auch, mich und uns mit der Lebensart der Navarrer vertraut zu machen, eine Lebensart, die dem rheinischen Frohsinn nicht unnah ist und deren Hauptbestandteil in der Kommunikation liegt. Dass diese vortrefflich durch ausgezeichneten Rot- und Rosewein, durch köstliche Tapas und lokale Spezialitäten angereichert und damit die Lebensfreude der Navarrer und die Lebensfreude von Jesús besonders betont, bedarf keiner weiteren Erklärungen.

Mit Jesús habe ich auch die größte und beste Paella gekocht – 12 Stunden waren wir beide beschäftigt, um für 35 Leute eine Paella à la Jesús herzustellen. Einkaufen, ausweiden, tranchieren, putzen, klein schneiden, anbraten, dünsten ... es war der absolute Ausnahmezustand in der Küche. Auch hier verstand es Jesús in eindrucksvoller Art und Weise das Chaos zu beherrschen: Er führte es an! Ein winziges Beispiel mag dies verdeutlichen: Jesús "bat" mich um vier klein geschnittene Tomaten. Dies erschien mir zu wenig, ich schlug acht Tomaten vor. Er beharrte aber auf vier Tomaten. Ich machte trotzdem acht Tomaten, schnitt sie klein, gab sie ihm, um dann zu hören: "Das ist doch viel zu wenig, ich brauche mehr Tomaten!" Das war dann der Moment, in dem eine andere Teilnehmerin schreiend die Küche verließ ... Aber es ist genau diese Mischung aus Leidenschaft und Kompetenz, Führungsstärke und Emotionalität, Offenheit und Menschenfreundlichkeit, die Jesús auszeichnet und ihn für mich so wertvoll macht und seine gelegentlich auftauchenden Macken zur Bedeutungslosigkeit verkommen lässt. Wir haben diese Paella zusammen gekocht, wir haben uns den ganzen Tag miteinander ausgehalten und ertragen, wir haben uns unterstützt und voneinander gelernt, wir haben zusammen fast eine Flasche Brandy getrunken und standen am Ende des Tages knöcheltief in einer Mischung aus Olivenöl und Rotwein, wir haben eine Menge Spaß gehabt und waren zum Schluss auch noch erfolgreich: Die Gruppe war begeistert von unserer Paella.

In der Nachbetrachtung würde ich sagen, dass dies für mich das Schlüsselerlebnis mit Jesús war und der Beginn einer Freundschaft, die bis heute anhält. Paella haben wir seit dem nie wieder zusammen gekocht, aber dafür gemeinsam in vielen anderen (Supervisions- und Seminar-)Töpfen gerührt und haben es geschafft, uns gegenseitig im guten Sinne zuzumuten.

"Lernen heißt ständig unterwegs sein - Du bist noch jung" – diesen Spruch schrieb mir Jesús in sein Buch "Pädagogik des Seins", das er mir Anfang der 80er Jahre schenkte. Der Spruch hat mich seit dem nicht mehr los gelassen und es ist kein Zufall, dass er mir heute wieder einfällt, wenn es darum geht, dem jungen Jesús zu seinem 60. Geburtstag zu gratulieren.

Cumpleanos feliz y Gracias por tu amistad, Jesús.


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