Beraten für Schule und Berufskolleg lernen

In Fragen des Lernens, des schulischen Zusammenlebens und ausgewählter persönlicher Angelegenheiten differenziert Beratung anbieten

von J. Martin Thees (September 2001)

Wir stellen hier ein Lernfeld vor, das bisher in Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung erst in Ansätzen verwirklicht wird. Die Perspektive auf das Lernfeld ist die aus dem Berufskolleg, die Inhalte lassen sich auch auf allgemeinbildende Schulen übertragen.

Nach der heutigen Vorstellung sollen in den nächsten Ausgaben einzelne Lernsituationen angeboten werden, die mit selbstorganisierten Gruppen oder in Klassen- und Jahrgangsteams in die Praxis umgesetzt werden können. Wenn Sie Rückmeldungen senden, können die Situationen für das Lernen optimiert werden.

Kontext

Je mehr sich Vorstellungen einer konstruktivistischen und systemischen Sicht von Lernen und Erziehen im Berufskolleg durchsetzen, je mehr Verständigung über ein Handeln in geteilter Verantwortung zwischen Ausbildungsbetrieb, heranwachsendem Lerner und Berufsschule erzielt wird und je mehr komplexe Lernformen in handlungsorientiertem Arbeiten eingesetzt werden, desto mehr werden Lehrer und Lehrerinnen auch als Selbstlernende in ihrer beraterischen Kompetenz gefordert. In einer Rollendefinition als "Lernprozessbegleiter" wird deutlich, dass Lehrer nicht länger "Stoffvermittler" sein können. So liegt es auf der Hand, dass Unterrichtssituationen voll von Beratungsanteilen (Lernberatung, Beziehungsklärungen, Konfliktberatung, Förderungsmaßnahmen für einzelne und Gruppen u.v.a.m.) sind, Beurteilungssituationen einschließlich der Rückgabe von Leistungsnachweisen nach integrierter Beratung rufen, Schüler, Eltern und Ausbilder bei Schülersprechtagen oder –stunden sowie Eltern- und Ausbildersprechtagen spezielle Beratungsangebote für verlangen, bei Erziehungssituationen (z.B. beim Aufbau von Werthaltungen, Sozialkompetenz, Identität u.v.a.m.) Beratung unabdingbar ist und in gegenseitiger Beratung der Lehrer und Lehrerinnen ("Mit der 8b habe ich so große Schwierigkeiten. Kannst Du mir nicht einmal helfen?") und Kollegialer Praxisberatung Beratungskompetenz gefordert ist. Dabei meint hier Beratung grundsätzlich Begleitung bei der Selbstberatung bzw. Selbstaufklärung.

Kompetenzen

Die Lehrer und Lehrerinnen identifizieren im alltäglichen Unterricht Beratungsbedarf und Beratungssituationen. Sie nehmen kritisch ihr "intuitives" Leitbild von Beratung und seine Konsequenzen in der eigenen Alltagspraxis wahr, verfügen über für Beratungsgespräche grundlegende kommunikative Fähigkeiten, setzen Formen einer nicht-direktiven Gesprächsführung in der Einzelberatung ein und realisieren Grundfähigkeiten der Gruppen- und Systemberatung u.a. in Kollegialer Fall- und Praxisberatung.

Mögliche Inhalte

Unabdingbar in einer grundlegenden Beratungsausbildung ist die Auseinandersetzung des Beraters mit seinen eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern von sich selbst und von der Welt und den Menschen, wie er sie sich erfindet. Vernetzt mit Lernsituationen zur professionellen Kommunikation, zum Lernen und Arbeiten von Gruppen bieten sich Inhalte systemischer Sichtweisen von Verhalten, "Störungen", Interventionen und "Lösungen" an. Grundsätzlich bietet die Lerngruppe aus sich heraus die Inhalte, weil sie in aller Regel selbst und in ihren Mitgliedern die Inhalte permanent lebt. Die Auseinandersetzung mit sich und der eigenen Gruppe ist dringend zu ergänzen durch außerschulische Beratungseinrichtungen und deren Zuständigkeiten und Arbeitsformen.

Arbeitsformen

Beraten lernt man durch Beraten! Folglich ist die zentrale Arbeits- und Lernform die "Hier-und-Jetzt-Situation", möglichst als Echt-Situation, ggf. auch als Simulation. Verknüpfungen zu Inhalten der Gestaltpädagogik und zu ganzheitlichen Lernformen sind zu suchen. Von zentraler Bedeutung sind unterschiedliche Formen der Reflexion des Erlebten und der Theorie-Praxis-Verknüpfung.

Beispiele für Lernsituationen:

  1. Mit einem oder einer Lernenden ein Optimierungsgespräch über das Lernen führen (und eine Zielvereinbarung treffen).

  2. Das Lernverhalten und eine Verbesserung mit einer Klasse oder Gruppe thematisieren.

  3. Mit einem Auszubildenden eine die Ausbildung sichernde Lern- und Arbeitsstrategie vereinbaren.

  4. Zwischen Konfliktparteien einen Mediationsprozess durchführen.

  5. Anders handeln und dadurch Lernatmosphäre ermöglichen.

  6. Einen Unterrichtskontakt mit einer Lerngruppe schließen, durchsetzen und einem Controlling unterwerfen.

  7. In einer ausgewählten persönlichen Angelegenheit beraten und mit Grenzen gekonnt agieren.


Der Autor:

Martin Thees

  • Dipl.-Hdl., Supervisor DGSV, ehemals Berufsschullehrer, danach Lehrerausbilder,
  • Supervisionsausbildung am IBS Aachen, Supervisor seit 1991,
  • NLP-Master, Ausbildung im Provokativen Stil nach Farrelly-Höfner,
  • Supervision, Coaching und Personalentwicklung in öffentlichen und Non-Profit-Unternehmen,
  • Lateinamerikaexperte und Marathonläufer.

Mail: j.martin.thees@t-online.de


Veröffentlichungsdatum: September 2001


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