Netzwerk Schulseelsorge und Beratung

Ein handlungsorientiertes Projekt

von Dagmar Elisabeth Vogel (Mai 2006)


Abstract

Wie kann ein systemisch-konstruktivistisches Beratungsmodell in einer berufsbildenden Schule erfolgreich implementiert werden und was können Schülerinnen und Schüler dazu beitragen? Dieser Aufsatz gibt eine Antwort auf diese Fragen und eröffnet Einblicke in ein handlungsorientiertes Projekt im Rahmen einer Projektwoche.


Zu den zentralen Aufgaben von Schule gehört neben dem Unterrichten, Beurteilen, Fördern und Innovieren das Beraten.[1] Beratung ist somit nicht nur Aufgabe einzelner Experten innerhalb und außerhalb der Schule, sondern gehört zum Auftrag eines jeden Lehrers.[2] Lehrer können für Schüler bei persönlichen und schulischen Konflikten ein wichtiger Ansprechpartner sein und sie dabei unterstützen, Lösungen für ihr Problem zu erarbeiten. Diesem Grundsatz trägt dieses Beratungsmodell Rechnung. Es soll einem allzu schnellen Ruf nach "Experten" vorbeugen. Stattdessen werden die Kompetenzen und Ressourcen derjenigen gewertschätzt, die jeden Tag mit den Schülerinnen und Schülern Schule gestalten.[3]

Eine wichtige Kompetenz kann aber auch sein, die eigenen Grenzen in der Beratungsarbeit zu erkennen und sich rechtzeitig Unterstützung in der Beratung von Schülern zu suchen. Dies kann in diesem Beratungsmodell dadurch geschehen, dass eine Vielzahl von helfenden und unterstützenden Kooperationspartnern sowohl den Lehrern als auch den Schülern zur Seite steht, wenn dies nötig ist und gewünscht wird. Zu diesen Kooperationspartnern gehören Fachleute, die alle über qualifizierte Zusatzausbildungen verfügen und in unterschiedlichen Beratungsstellen vor Ort arbeiten. In der Anfangsphase hatte ich bereits meine eigene Beratungsarbeit mit dem Angebot dieser Beratungsstellen vernetzt.

Wie kann dieses Beratungsmodell nun der gesamten Schulgemeinschaft, d.h. allen Schülern und Lehrern zur Verfügung gestellt werden? Wie kann es gelingen, dass alle wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie alleine nicht mehr weiter wissen?

Wir haben an unserer Schule die Ressourcen und Kompetenzen unserer Schüler genutzt, um die Beratungsarbeit zu vernetzen. Um das Beratungsangebot an unserer gesamten Schule einzuführen, haben Schüler der 12. Jahrgangsstufe des Beruflichen Gymnasiums Wirtschaft zusammen mit ihrem Klassenlehrer und mir als Initiatorin des Netzwerks das Beratungsmodell der Schulgemeinschaft präsentiert. In einem handlungsorientierten Projekt informierten sich die Schüler in einer Projektwoche über das Beratungsmodell und nahmen zu den Kooperationspartnern in den Beratungsstellen Kontakt auf. Sie stellten anschließend die gewonnenen Informationen in einer umfangreichen Präsentation anlässlich des hundertjährigen Bestehens unserer Schule der Schulgemeinschaft und den Gästen vor.

Wichtige Kennzeichen handlungsorientierter Projekte:[4]

Die einzelnen Schritte des Handlungsmodells[6]

Vor der Projektwoche

1. Schritt: Entscheidung für das Projektziel
In dem vorliegenden Fall unterbreiteten mein Kollege und ich den Schülern den Vorschlag zur Durchführung des Projektes. Die Schüler hatten die Freiheit, sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Vier Schüler der Klasse arbeiteten bei anderen Projekten mit. Zwei Schüler anderer Klassen kamen zu dieser Projektgruppe dazu. Es arbeiteten insgesamt 18 Schüler in dem Projekt mit.

Die teilnehmenden Schüler entschieden sich nach eigener Aussage für das Projekt, weil sie es für sinnvoll erachteten, sich über das Beratungsangebot zu informieren. Außerdem wollten sie das Beratungsangebot an unserer Schule allen Schülern und Lehrern zugänglich machen und in Presse und Fernsehen darauf hinweisen, um so Modell für andere Schulen zu sein. Damit sollte eine Vernetzung über unsere Schule hinaus ermöglicht werden.[7] Durch die Relevanz der Lerninhalte für die Schüler gingen wir von einer besonderen Nachhaltigkeit des Lernprozesses aus.

2. Schritt: Planung des Arbeitsprozesses
Zur Präzisierung des Projektziels arbeiteten die Schüler mit uns zusammen Teilziele heraus. Sieben Arbeitsteams hatten den Auftrag, Gespräche mit den Experten aus den einzelnen Beratungsstellen[8] vorzubereiten und in diesen Gesprächen Informationen über das jeweilige Beratungsangebot zu sammeln. Die gewonnen Informationen sollten dann von ihnen in einer Präsentation aufbereitet werden. Außerdem war am Tag der offenen Tür außer dieser Präsentation eine Befragung der Experten vor einem größeren Publikum durchzuführen. Diese Expertenrunden mussten vorbereitet und am Präsentationstag mitgestaltet werden.

Ein Arbeitsteam hatte den Auftrag, den Präsentationsraum zu gestalten und für die Präsentation zu werben. Sie sollten die Projektmitglieder der Öffentlichkeit vorstellen und ein "Studio" und den Rahmen für die Expertenrunde schaffen. Es war ihre Aufgabe, die Aufbauarbeiten im Präsentationsraum zu leiten. Außerdem waren sie für den Präsentationsraum während des Tages der offenen Tür verantwortlich.

In dieser Phase wurden außerdem die Rahmenbedingungen der Projektarbeit miteinander geklärt (Arbeitszeiten, Regeln für die Zusammenarbeit, arbeitstechnische Hinweise, finanzieller Rahmen, Termine).

3. Schritt: Gruppenbildung
Die Schüler konnten sich nach Interessen den einzelnen "Arbeitspaketen" zuordnen. Bedingung war, dass alle "Arbeitspakete" bearbeitet werden mussten und die Arbeitsteams zahlenmäßig ungefähr gleich groß sein sollten. Die Lehrpersonen griffen in dieses gruppendynamische Setting nicht ein.

In der Projektwoche

4. Schritt: Durchführung der geplanten Arbeiten in den Arbeitsteams
Die Arbeitsteams erarbeiteten selbstständig die festgelegten Teilziele. Wir Lehrer begleiteten die Schüler bei auftretenden Schwierigkeiten und Konflikten. Außerdem moderierten wir die täglichen Anfangs- und Schlussrunden. Diese hatten zum Ziel, dass sich die Arbeitsteams gegenseitig über den Stand ihrer Arbeiten informierten und den Arbeits- und Kommunikationsprozess in den Arbeitsteams und im Gesamtteam kritisch reflektierten. In den Arbeitsprozess der Schüler griffen wir nicht ein. Fehler durften sein, weil wir der Ansicht sind, dass dadurch neue Lernaktivitäten und Lernprozesse ermöglicht werden. Dies setzt einen reflektierten Umgang mit der eigenen Rolle als Lehrerin voraus und das Vertrauen auf die Selbstorganisationskräfte der Schüler. Es bedeutet gleichzeitig, sich der Eigendynamik von Lernprozessen bewusst zu werden und offen zu sein für die daraus entstehenden Ergebnisse. Diese sind die Konstrukte der Schüler und damit beobachterabhängig, auf dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen aufgebaut. Das Lernen der Schüler wird hier als ein selbstreferentieller Prozess verstanden, "d.h. (als ein) ?in sich geschlossener" und auf sich selbst zurückweisender Entwickungsprozess"[9], in dem Altes mit Neuem verbunden wird. Unsere Aufgabe als Lehrende war es, einen geeigneten, schüleraktivierenden Rahmen dafür zu schaffen und dabei eine gelassene Haltung einzunehmen, die sich von der Idee der Beherrschbarkeit, Planbarkeit, Steuerbarkeit von Lernprozessen verabschiedet hat.[10] Wir gingen in diesem Zusammenhang von einer größeren Nachhaltigkeit des Lernens bei den Schülern durch ihr eigenes Handeln aus. Sie übernahmen die Verantwortung für ihren Lernprozess, während wir Lehrer für das Lernarrangement verantwortlich waren.

Über die vereinbarten Arbeitspakete hinaus erklärte sich ein Schüler bereit, ein Logo für das Netzwerk zu entwickeln und ein Schüler übernahm die graphische Gestaltung unseres Flyers. Die inhaltliche Gestaltung hatten mein Kollege und ich im Vorfeld der Projektwoche abgeschlossen.

5. Schritt: Projektveranstaltung
Am Abschluss der Projektarbeit stand die Präsentation des gemeinsam erarbeiteten Produkts "Netzwerk Schulseelsorge und Beratung. Ein interdisziplinäres Beratungsmodell für SchülerInnen und LehrerInnen an der BBS Wirtschaft Bad Kreuznach". Die Schüler hatten unterschiedliche Präsentationstechniken gewählt. Zur Präsentation gehörte auch die Befragung der Experten vor einem interessierten Publikum. Das Publikum wurde durch gezielte Werbung auf die Expertenrunden aufmerksam gemacht. An diesem Tag verteilten wir auch zum ersten Mal unseren Flyer an interessierte Schüler, Lehrer und Gäste.

Nach der Projektwoche

6. Schritt: Abschließende Reflexion
In diesem Schritt würdigten wir die erfolgreiche Arbeit der Arbeitsteams. Die Schüler arbeiteten die Erkenntnisse aus der Projektarbeit (Inhalte, soziales Miteinander, Arbeitstechniken) heraus und reflektierten die aufgetretenen Schwierigkeiten, um sie für zukünftige Projekte fruchtbar zu machen.

7. Schritt: Informationsaustausch
Die Mitglieder der einzelnen Arbeitsteams waren nun selbst "Experten" in Bezug auf das von ihnen präsentierte Beratungsangebot. In Kleingruppen tauschten sie ihre Informationen mit den Mitgliedern der anderen Arbeitsteams aus, indem die "Experten" den anderen Schülern Rede und Antwort standen. Dadurch fand eine Vernetzung der Informationen der einzelnen Arbeitsteams statt. Es war gleichzeitig die Vorbereitung auf eine weitere Präsentation. Das Projektteam lud einen Gast in den Unterricht ein, stellte in einer Power-Point-Präsentation den gesamten Arbeitsprozess nochmals vor und stand für Fragen zur Verfügung.

8. Schritt: Abschließendes Plenumgespräch
Ziel dieser Phase war es, noch offene Punkte im Plenum miteinander zu klären und abschließend den Arbeitsprozess miteinander zu reflektieren. Dabei wurde der Fokus auf Fach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenzen gelegt.

Ergebnis des handlungsorientierten Projektes und weitere Schritte

Wichtiges Ergebnis des handlungsorientierten Projektes ist, dass sich nun alle Schüler und Lehrer unserer Schule über das Beratungsangebot mit Hilfe unseres Flyers informieren können. Klassenlehrer, Fachlehrer und Verbindungslehrer haben die Möglichkeit darin nachzulesen, von welchen Kooperationspartnern sie Unterstützung für sich und für ihre eigene Beratungstätigkeit bekommen oder wen sie ihren Schülern als geeigneten Ansprechpartner nennen können. Die Schüler haben aber auch mit Hilfe des Flyers die Möglichkeit, sich direkt an die außerschulischen Kooperationspartner zu wenden, wenn sie das, was sie beschäftigt, lieber mit einer außenstehenden Person besprechen und bearbeiten wollen.

Zusätzlich wurden die von den Schülern des beruflichen Gymnasiums zusammengetragenen Informationen über die unterschiedlichen Beratungsangebote weiter verarbeitet. Eine Berufsschulklasse hat sie in einem fächerübergreifenden Projekt in Form einer Power-Point-Präsentation aufbereitet. Diese Präsentation kann von Lehrern im Unterricht eingesetzt werden, um die Schüler mit dem Beratungsnetzwerk vertraut zu machen.

Außerdem richteten wir für interessierte Kollegen mit Hilfe des Schulpsychologischen Dienstes an unserer Schule eine "Kollegiale Praxisberatung" ein, die dem Austausch, der Reflexion und der Unterstützung der eigenen Arbeit - auch der Beratungsarbeit - dienen soll.

Für die Zukunft setzten wir uns ein weiteres Ziel. In einem begrenzten Rahmen sollen Schüler Beratung für Schüler anbieten. In Unterrichtsprojekten in Kooperation mit den Fachleuten aus den Beratungsstellen können Schüler auf ihre beratende Aufgabe vorbereitet werden. Viele Themen sind hier denkbar: "Ohne Moos nix los oder der verantwortliche Umgang mit Geld" (Schuldnerberatung), "Weg vom Glimmstengel oder auf dem Weg zu einer rauchfreien Schule" (Suchtberatung) oder "Bin ich noch im Bilde oder schon aus dem Rahmen gefallen? - Umgang mit Prüfungsängsten" (Lebensberatung, ausbildungsbegleitende Hilfen).

Nicht immer sind Schüler aber auf den Informationsinput durch Experten angewiesen. Sie sind in vielen Bereichen selbst Experten. Schüler können z.B. in der Schule auftretende Probleme aus einem anderen Blickwinkel sehen als wir Lehrer. Es ist hilfreich, ihre Perspektive zur Lösung zu nutzen. Ein Beispiel: in der Beratungsarbeit war mir aufgefallen, dass sich zunehmend Schüler an mich wandten, die sich systematisch massiven Anfeindungen und Ausgrenzungen durch Mitschüler ausgesetzt sahen. Ich habe dies zum Anlass genommen und mit einer Klasse ein handlungsorientiertes Projekt initiiert. Das Ziel war ein Ratgeber für von Mobbing betroffene Schüler. In diesem Ratgeber von Schülern für Schüler zeigte die Klasse u.a. unterschiedliche Handlungsoptionen im Umgang mit Mobbing auf und nannte Ansprechpartner in der Schule. Hier konnten die Kompetenzen und Ressourcen derjenigen zum Einsatz kommen, die den Schülern am nächsten sind, nämlich die Kompetenzen und Ressourcen ihrer Mitschüler.


Literaturverzeichnis

Arnold R, Schüßler I (1998) Wandel der Lernkulturen. Ideen und Bausteine für ein lebendiges Lernen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.

Huschke-Rhein R (2003) Einführung in die systemische und konstruktivistische Pädagogik. Beratung - Systemanalyse - Selbstorganisation. Beltz, Weinheim Basel Berlin.

Landwehr N (2003) Neue Wege der Wissensvermittlung. Ein praxisorientiertes Handbuch für Lehrpersonen in schulischer und beruflicher Aus- und Fortbildung. Sauerländer, Aarau.

Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend des Landes Rheinland-Pfalz (2002) Beratung - Last oder Entlastung?, Mainz.


Anmerkungen

[1] Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend des Landes Rheinland-Pfalz 2002.

[2] Um die Lesbarkeit des Textes nicht zu beeinträchtigen, habe ich mich jeweils für eine Geschlechtsbezeichnung entschieden.

[3] Huschke-Rhein 2003. Huschke-Rhein stellt die provokante These auf, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Schule eine effektivere Beratung anbieten können als Experten von außen mit psychologischer Ausbildung.

[4] Landwehr 2003.

[5] Arnold u. Schüßler 1998. Arnold und Schüßler sprechen in diesem Zusammenhang von einer "subjektiven Aneignungstheorie" des Lernens statt einer "objektiven Instruktionstheorie" und betonen den selbstreferentiellen Charakter von Lernprozessen, S. 9.

[6] Landwehr 2003.

[7] Arnold u. Schüßler 1998. Arnold und Schüßler sprechen in diesem Zusammenhang von "expansivem Lernen" und beschreiben damit einen Lehr-Lern-Prozess, in dem der Lernende Verantwortung für sein Lernen übernimmt, S. 24.

[8] Zu dem Netzwerk gehören Beratungsstellen unterschiedlicher Träger, die u.a. nachfolgende Bereiche zum Schwerpunkt haben: Einzel-, Paar- und Familienberatung, Schuldnerberatung, Schwangerenkonfliktberatung, Suchtberatung und Krisenintervention.

[9] Arnold u. Schüßler, S. 78.

[10] Arnold u. Schüßler 1998. Arnold und Schüßler sprechen in dem Zusammenhang von "aktologischen Methoden". Der Einsatz setzt Selbsterschließungskompetenz voraus, S. 170.


Die Autorin

Dagmar Elisabeth Vogel

  • Geboren 1961,

  • Studium der Ev. Theologie in Saarbrücken, Mainz und Heidelberg,

  • zur Zeit Schulpfarrerin an einer Berufsbildenden Schule in Bad Kreuznach,

  • Systemische Therapeutin/Familientherapeutin (DGSF),

  • Supervisorin (DGSv),

  • freiberuflich tätig als Familientherapeutin und Supervisorin in eigener Praxis,

  • Referentin in der Lehrerfortbildung,

  • Homepage: www.d-e-vogel.de,

  • Mail: kontakt@d-e-vogel.de


Veröffentlichungsdatum: Mai 2006


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