Attributions-Völlerei

von Hans-Christoph Vogel (Juli 2002)

Trainer wollen gemacht sein. Völler heißt der Trainer, von dem die Rede ist. Er ist seit geraumer Zeit Trainer. Er war einst ein guter Spieler, wie man sagt; darum ist er nun "unser" Trainer, der Trainer unserer Nationalmannschaft. Das drückt sich in der monatlichen Gehaltsabrechnung aus, die ihm ein ganz gutes Gehalt "zurechnet", allerdings ein Gehalt, das niedriger ausfällt, als das mancher Spieler.

Völler ist in die Jahre gekommen. Als Spieler erhielte er allenfalls ein Gnadenbrot. Als Trainer aber steht er in der Blüte einer Laufbahn. [1]

Trainer trainieren, schießen keine Tore, allenfalls beim Training. Im Ernstfall aber sind sie ausgeschlossen aus dem Spiel, wenngleich es manche Trainer nicht auf der Trainerbank aushalten und von uneinsichtigen und pedantischen Schiedsrichtern auf ihren Platz verwiesen werden müssen. Trainer führen eine Mannschaft: Sie wählen aus, sie ermutigen, spornen an, wechseln Besetzungen der Rollen, kümmern sich um das psychische Wohl ihrer Spieler, strafen und mahnen ab, vor allem wenn das nächtliche Ausgehverbot vor dem großen Spiel nicht eingehalten wurde und in Völlerei endete.

Die Überlebenschance eines Trainers hängt entscheidend vom Spielergebnis ab. Mehren sich die Niederlagen, wird es brenzlig für den Trainer – vor allem für Vereinstrainer. Bundestrainer haben höhere Bleibechancen. Aber auch Völlers müssen mit Ablösungen rechnen, wenn die zufriedenstellenden Ergebnisse ausbleiben. Aber schon bei drohender Gefahr geraten Trainer unter Beschuss, müssen sie um ihr Verbleiben fürchten. Es hängt ja soviel davon ab; daher ist die Anspannung eines Trainer im Rahmen einer Weltmeisterschaft auch so ausgesprochen hoch, darum liegen die Nerven völlig blank.

Nun hat die deutsche Elf bislang alle Proben bestanden und glücklicherweise: nachdem bzw. weil Völler in entscheidenden Zeitpunkten (zur Halbzeit und während des Spielverlaufs) eingriff und neue Spieler einwechselte bzw. Rollenverteilungen vornahm.[2] Solches Einwechseln setzt Attributionen voraus, Attributionen, die eben einen befähigten Trainer, einen Nationaltrainer ausmachen: Er weiß, was der Mannschaft fehlt(e). Im Fall des Erfolgs lag er richtig, im Fall des Misserfolgs schreiben ihm die Zuschauer einen Fehlgriff zu.

Die Attribution erfolgt also nach dem Fall, der zu beurteilen ist. Sie weiß, woran es lag, dass der Erfolg eintrat oder worauf der Misserfolg zu rückzuführen ist. Das Gleiche gilt für den Fall des Erfolgs (s. die Kommentare nach einer erlösenden 2. Halbzeit).

Kein Zuschauer- oder -schreiber könnte das Stadion verlassen, wüsste er nicht, woran es lag, dass es so ausging, wie es ausgehen musste. Manchmal heißt es, der Urteilende, der Attribuierende richte sein Fähnchen nach dem Wind. Solche Attribution ist wahrhaftig nicht wahr. Attributionen leiden allerdings, darin sind sich professionelle Beobachter völlig einig, unter physischen und psychischen Deformationen: Da muss ein Völler dann auch einmal klarstellen, dass Bum Kun Cha, auch wenn es sich um einen derzeit gefeierten Spieler handele, in seiner Attribution, "... das deutsche Spiel sei das schlechteste Spiel, das er je von einer deutschen Mannschaft gesehen habe", völlig daneben liege. Da könne man nur attribuieren, dass er "...zuviel Aspirin gegessen habe als er bei Bayer Leverkusen gespielt habe."

Dass man Aspirin Langzeitwirkungen zurechnet, mag ja noch plausibel erscheinen, dass man aber die Qualität der Beobachtung eines Fußballspiels im Jahre 2002 gegen Paraguay auf eine längst verjährte Aspirineinnahme zurückführt (attribuiert) verwirrt dann doch den Beobachter.

Dass Kopfbälle zu Kopf steigen können und nachhaltige Auswirkungen zu zeitigen in der Lage sind, erscheint schon plausibler. Man denke an einen Strafstoß auf das Tor: die verteidigenden Spieler schützen das Wichtigste, doch der Kopf bleibt frei, bleibt der Wucht eines katapultierten Geschosses ausgesetzt. Dass solche Treffer, eingeschlossen die Kopf-Ball-Annahmen im Rahmen der eigenen Reihen, auf längere Zeit hin zu Erschütterungen führen können[3], ist zu vermuten. Man hört gelegentlich von Spätschäden. Im Fall der Attributionsleistung oder -fähigkeit von Völler kann es sich, so mag ein Beobachter zu Recht attribuieren, um ein Symptom ebensolcher Schädigungen handeln. Darauf verweist die intime Kenntnis solcher Zusammenhänge: Ein kopfball-geschädigter Spieler wie Völler attribuiert darum auch gerne, dass langjährige Kopfgeschädigte wie Netzer, Löhr, Fischer oder Paul Breitner "...ein paar Kopfbälle zuviel gemacht haben in ihrer Karriere".

Der Beobachter solcher "Erkenntnisse" gerät aber in leichte Attributions-Verwirrung: Redet da ein langjähriger Kopfballspezialist, der weiß , worüber er redet?

Was gilt?: Ist Völler selbst geschädigt, können wir dem Urteil nicht trauen, können wir die Aussage seiner eigenen Schädigung zurechnen? Völler ist also in diesem Fall nicht attributionsfähig, wenigstens nicht völlig. Lange Fußballkarrieren führen zu Attributionsverwirrungen, so müssen wir fürchten. Nehmen wir aber an, er spreche die völlige Wahrheit, er attribuiere "richtig", so haben wir es mit dem Fall (der Verdunklung) einer Straftat zu tun: Völler klagt gerade die Spieler an, mit denen er wochenlang endlose Kopfball-Situationen einübte, wohl wissend, dass jede neue Kopfball-Trainingseinheit den Zustand der ohnehin kopfgeschädigten Spieler (insbesondere nach Ende der Spielzeit) nur noch weiter verschlimmern konnte.

Holen wir uns Rat bei Attributions- bzw. Kausalitäts-Spezialisten: "Ich nehme wahr, dass Erscheinungen auf einander folgen, d. i. dass ein Zustand der Dinge zu einer Zeit ist, dessen Gegenteil im vorigen Zustand war. Ich verknüpfe also eigentlich zwei Wahrnehmungen in der Zeit (übersetzt: ohne Zeit läuft nichts!). Nun ist Verknüpfung kein Werk des bloßen Sinnes und der Anschauung, sondern hier das Produkt eines synthetischen Vermögens der Einbildungskraft, die den inneren Sinn in Ansehung des Zeitverhältnisses bestimmt." (Immanuel Kant 1966, 268).

Wir nehmen also Wirklichkeit in Gestalt einer Ursachen-Folgen-Beziehung nicht als solche wahr, sondern erschaffen Wirklichkeit, indem wir Zeit einführen und in der Zeitfolge eine vorangehende Erscheinung als Ursache für eine Folge-Erscheinung ausmachen – und dies nicht nur einmal, sondern in einer Reihe solcher Erfahrungen bzw. Abfolgen.

Wir sehen, wie wichtig bzw. lebenserhaltend Attributionsfähigkeiten sind, genauer: welches Gewicht einer entwickelten (völlerhaften) Attributions-Phantasie zukommt. Wir können uns durch Einsicht in die Attributionszusammenhänge vor einer Strafverfolgung schützen, weil wir nun sehen, wie wir sehen und nicht lediglich, dass wir sehen. Vor allem: Wir können Völler völlig entlasten. Er hat zeitlich lange kausale Schleifen gezogen und ein beträchtliches Maß an Phantasie entwickelt. Die Kopfball-Attribution scheint den Beobachter Völler auch verändert zu haben: Er blickt wieder – unser Bild zeigt es deutlich - in eine neue Attributions-Zukunft.

Wir brauchen uns also nicht vor Kopfbällen zu scheuen, weil der Blick, den wir dem auf Kant attribuierten Zitat verdanken, sich auf den Beobachter richtet, nicht länger auf die beobachteten Objekte, die Spieler des Geschehens. Und selbst der große Kahn, der sich die Schuld attribuierte, dass er es war, der den Ball in den Kahn laufen ließ, genauer, den Untergang der deutschen Elf dem Fehlgriff nach dem Ball zurechnete, scheint nun langsam einzusehen, dass die Attribution des "Fehlgriffs" ein fehler-erzeugender Griff war, dass er vielmehr der beste Hüter war. ... und darum will er nun doch beim nächsten Spiel der Spiele dabei sein.


Anmerkungen:

[1] Dieser Text entstand vor dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft und war nicht für das "Ferkel" gedacht, sondern als aktueller Beitrag zum Thema "Führung" im Rahmen der Ausbildung "Organisationsentwicklung" im Institut für Beratung und Supervision Aachen.

[2] Eine Sonderheit: In Paraguay verlassen Torhüter häufig ihren Arbeitsplatz und helfen an der Front bzw. bei Strafstössen aus.

[3] Die Gehirnzellen, als physisches System, können die Ursachen der Erschütterungen nicht attribuieren. Es gerät in Alarmzustand und stößt in Gestalt einer 1. Hilfe, allerlei helfende Botenstoffe aus. Das psychische Gehirn-System, also das Bewusstseinssystem, ist ebenfalls erschüttert, weil es die erschütternden, schmerzvollen Attacken einer befreundeten Umwelt attribuieren soll. Da muss die Kommunikation, das soziale System schon kräftig assistieren und gelegentlich fragen, ob es sich auch um eine kooperative Vorlage gehandelt habe, wie es behauptet wird.


Autor:

Prof. Dr. Hans-Christoph Vogel

  • Professor für Organisations- und Institutionslehre, Planungs- und Entscheidungslehre am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein

eMail: christoph.vogel@hs-niederrhein.de


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2002


© IBS - Institut für Beratung und Supervision - Aachen