Vom Wiedereintritt der Gemeinde in die Gemeinde – Beratung als Irritation

Beobachtungen zum 10jährigen Bestehen der Gemeindeberatung im Bistum Aachen

von Hans-Christoph Vogel (Juni 2005)

  1. Das Thema: Der Wiedereintritt der Gemeinde in die Gemeinde

  2. Das zwölfte Kamel: Eine Erzählung

  3. Die Beobachtung

  4. Die Intervention

  5. Beratung – Beobachtung 2. Ordnung

  6. Die alte und die neue Gemeinde-Beratung


1. Das Thema: Der Wiedereintritt der Gemeinde in die Gemeinde

Wir folgen im Alltag einer linearen Logik: Wir vergleichen das Heute mit dem Gestern, als ob beide identisch wären. Sie sind es aber nicht. Es ist Zeit vergangen, Ereignisse haben Neues gebracht, wir sind als Beobachter von heute nicht mehr die Beobachter von gestern, wir verbinden heute mit unserer Sprache etwas, was gestern noch nicht "der Sprache wert war." Nichts bleibt, wie es war, Veränderungen laufen unaufhörlich, auch wenn wir selbst meinen, auf der Stelle zu treten.

Die Zeit der Überraschungen im Bistum ist nicht die Zeit der aufkommenden Klagen, Vorwürfe, Enttäuschen oder Erstarrungen. Alles, was ist, ist jetzt. Was morgen sein wird, wissen wir nicht, auch wenn wir "nach vorne" blicken und Prognosen machen. Wenn wir unsere Prognose erleben, ist sie nicht mehr dieselbe, die wir gestern entworfen haben.

Wenn ich so beginne, will ich sagen, dass die Vergleiche, die wir über uns, unsere Kirche oder die Gemeindeberatung machen, also auch darüber, wie es einmal war und wie es morgen sein wird, Produkte des Augenblicks sind. Wir schaffen heute Gemeindeberatung durch unsere Kommunikation hier und jetzt. Der Blick zurück wie der Blick nach vorne sind Blicke des Jetzt.

Das bedeutet nicht, dass wir hilflos stehen bleiben sollten, dass wir abwarten oder die Hände in den Schoss legen sollen. Es will sagen, dass das was wir jetzt beobachten, in unserer Verantwortung liegt - allein in unserer Verantwortung.

Das heißt, dass wir im "Produzieren" der Gemeindeberatung nicht fixiert, nicht abhängig sind von Ereignissen, die sich ereignet haben, ebenso wenig abhängig sind von den Ereignissen bzw. Entwicklungen, die vor uns liegen. Die Gemeindeberatung ist das was wir heute, jetzt aus ihr machen, sie ist Produkt unseres Wahr-Nehmens und Kommunizierens. Wir sind also verantwortlich für das, was wir (heute und her) reden oder beobachten. Es steht uns frei zu sagen, das Bistum sei nun arm oder immer noch reich, die Gemeindeberatung habe ausgedient oder stehe vor der Aufgabe, über sich und ihr Klientel, nachzudenken oder vorzudenken.

Das bedeutet nicht, dass wir alles dem Augenblick überlassen sollten, sondern zurück und nach vorne denken und entscheiden sollten. Es bedeutet allerdings, dass das Jetzt, je nachdem wie es gesehen wird, unser Nach-Jetzt, unser "Morgen" behindern oder beflügeln und aufmuntern kann.

Selbst die betriebswirtschaftliche Lage des Bistums bedeutet das, was wir ihr beimessen, auch wenn die Liquidität oder die Ziffern über Kirchenaustritte eine "harte" Wirklichkeit produzieren, die wir nicht so einfach fortreden können. Aber, meine Rede will sagen: Selbst diese Wirklichkeit will gemacht sein. Sie kann sowohl klagen wie auch hoffnungsfroh zur Chance für Veränderungen aufrufen.

Wussten Sie, dass der Bischof der "Auf-seher", das Bistum das "beaufsichtigte Gebiet" bedeuten? Vom Sehen ist die Rede, davon, wie die Gemeinde sich und ihre Umwelt (er-)sieht.

2. Das zwölfte Kamel - eine Erzählung

Erzählungen sind so alt, so dauerhaft, wie es Erzähler gibt. Wichtige Erzählungen werden festgehalten, werden überprüft, Abweichungen werden bestraft oder die Erzähler zum Schweigen verdammt.

Eine solcher Erzählungen ist die Geschichte des "12. Kamels", eine alte Erzählung, die den Soziologen Luhmann[1] beschäftigte und die er zur Verdeutlichung seiner Abhandlungen benutzte. Nun lebt der Erzähler nicht mehr, seine Schüler (hier: Dirk Baecker)[2] aber tragen das Medium der "Erzählungen" weiter. Diese Erzählungen sind das systemische Band, das sie zusammenhält.

Dieser Redner hier hängt sich also an eine Erzähl-Gemeinde an, und benutzt dabei die Baecker-Überlieferung:

Es war einmal ein wohlhabender Beduine, der hatte drei Söhne und einen statthaften Bestand an Kamelen. Damit es keine Unruhe beim Erbfall gab, vermachte er in seinem Testament, dass

Was die Voraussicht nicht berücksichtigte trat ein: Der Bestand reduzierte sich auf elf Kamele. Es kam zum Streit, weil die Regelung nicht aufging. Der Richter (bzw. der "Gemeinde-Berater") hatte einen genialen Einfall: Er bot den Parteien an, dass er ihnen mit einem weiteren Kamel aushelfen könne. Dann ergäben sich zwölf Kamele und die Aufteilung ließe sich, wie im Testament vermacht, vollziehen. Die Beteiligten stimmten zu, die Aufteilung konnte vorgenommen werden: das heißt der Älteste erhielt die Hälfte, also sechs, der Mittlere ein Viertel, also drei, der Jüngste ein Sechstel, also zwei Kamele. So waren alle "gerecht" bedacht.

Die Luhmann'sche Erörterung geht der Frage nach, wieweit das Rechtssystem in solchen Fällen zum Recht verhelfen kann oder nicht. Doch das soll hier nicht zum Thema werden, sondern der Hinweis mag genügen, dass ein Funktionssystem wie das Recht nicht für alle Fälle Recht sprechen kann, dass es vielmehr anderer gesellschaftlicher Normen bzw. Institutionen bedarf, um eine Gesellschaft am Leben zu erhalten, um Konsens zu finden und um das Zusammenleben zu befrieden. Dieses Zusammenleben bedarf, so lässt sich aus der Geschichte lesen, eines Dritten, eines Beobachters, der nicht befangen ist. Dieser Beobachter kann erst das er-sehen bzw. er-finden lassen, was die Beteiligten nicht sehen (können).

Der Beobachter sieht erst, dass Systeme Grenzen ziehen, dass Bewertungen stattfinden, er entdeckt erst die Ungerechtigkeit bzw. die Unmöglichkeit der Gerechtigkeit.

Der Beobachter/der Berater ist derjenige, der nicht geleitet wird durch Interessen, der vielmehr das Funktionieren eines Systems vor Augen hat und eben darum nicht interesse-geleitet ist. Der Beobachter führt - in unserer Erzählung - etwas ein, was den auf die "richtigen" Prozentwerte bedachten Beteiligten nicht in den Sinn kommen konnte.

Der Berater führt also die Hilfe ein, die andere "Professionen" bzw. die Beteiligten nicht sehen (können). Er führt die nicht zur Sprache kommenden, vernachlässigten, verdrängten, vergessenen Hilfen ein, führt das ein, was als Gemeinde immer auch verstanden werden kann. Er beobachtet, wie die Gemeinde beobachtet, wie sie sich sieht und zugleich, wie sich dieses Soziale System "Gemeinde" immer auch verstehen kann.

3. Die Beobachtung

Wer "beobachtet" (richtet) nun im Fall unseres Beispiels?

Zunächst die Beteiligten: die Söhne. Sie beobachten sich und die anderen Brüder. Sie beobachten die Teilung, vergleichen Anspruch und vermeintliche Realität, beobachten, was der jeweils andere Bruder sagt und vergleichen dies mir ihrem Interesse an einer sie nicht benachteiligenden Lösung.

Der zweite Beobachter ist der herbeigerufene Richter. Er beobachtet die Vortragenden, sich streitenden Söhne und sucht nach einer Lösung, ... die sich zunächst nicht findet.

Gemeindeberater kennen vermutlich solche Lösungsversuche bzw. Beratungsprozesse, in denen keine der Lösungen den Beteiligten als gerecht erscheint. Das Bistum als Bistum steht vor ebensolcher Situation, Lösungen zu finden, die von den Beteiligten als gerecht, als "sozial", als vertretbar erscheinen. Man holt einen Außenstehenden, der nicht zu nahe steht, der etwas um die kriselnde Kirche weiß, aber nicht "eingeweiht" ist, der kommt und alsbald wieder geht (darum rechtfertigen sich auch die hohen Honorare der Berater).

Die Besonderheit unserer Konstellation hier und heute liegt darin, dass hier "Söhne" und "Töchter" versammelt sind, die selbst beraten ("Richter-Funktion" einnehmen).

Gleichviel: Berater stehen zumeist vor einem scheinbar unlöslichen Dilemma. Sie sollen helfen, dieses Dilemma zu beseitigen. Manche lassen sich überreden und versuchen zu helfen, indem sie sich selbst als Lösungsmedium einsetzen. Erfahrene Berater haben damit ihre Erfahrung gemacht und begnügen sich mit der "richterlichen" Beraterrolle ... auf Zeit!

4. Die Intervention

Berater stehen unter Interventionsdruck bzw. -zwang. Sie sollen das Unmögliche möglich machen. Dieser Anspruch verlangt nach Lösungen, die außerhalb des Lösungsbereichs liegen, außerhalb der Auseinandersetzungen der Beteiligten, außerhalb der Vorstellungen.

Von Beratern, die in ihrer Arbeit das Lösungsrepertoire der Beteiligten zitieren, trennen sich die Ratsuchenden schnell, selbst wenn das gleiche Wort im anderen Munde immer ein wenig anders erklingt als aus den Mündern der Betroffenen.

In unserer Erzählung findet der "Richter" bzw. Berater eine geniale Lösung: Das "zwölfte Kamel". Der Beobachter wird allerdings sogleich die Fragen hinzufügen: Woher nimmt der Richter das zwölfte Kamel? Wer kommt für die Kosten eines Kamels auf und wie werden die Gebühren auf die Ratsuchenden verteilt?

Die Geschichte schweigt darüber, vermutlich weil das Gerede über das Geld oder die kleinmütige Aufteilung der Beratungskosten die Geschichte zu einer banalen Episode abwerten würde. Lassen wir das also offen, lassen wir die "Kamele im Zoo".

Das Eigenartige der hier referierten Intervention liegt in der Irritation, im "Trick" wenn man so will: Die Lösung liegt in der Lösung von der Einseitigkeit, von der Einseitigkeit der vererbten Kamele, liegt in der Hinzufügung einer anderen "Kamelseite", nämlich den oder dem nicht-vererbten, vielleicht geschenkten, geliehenen oder einfach "zugefügten" Kamel(en). Aus dem eindeutigen Kamel wird ein Kamel mit zwei Seiten. Es ist ein geniales Medium in einem Konfliktfall, und es ist zugleich ein "verhökertes" Kamel. Die Zankenden sind befangen in den Zahlenwerken, den "gerechten Abfindungen", den absoluten Ziffern, den Leistungen und Verdiensten. Der Berater, der freie Beobachter, sieht das System als Ganzheit (als eine Form mit zwei Seiten), die es zu wahren gilt.

Die Erzählung sagt uns ferner, so lässt sie sich wenigstens deuten, dass solche Einfälle in der Regel den Betroffenen nicht ein-fallen, sondern dass es der Umwelt, der Außenstehenden, der Beobachter bedarf, um sich aus der Verzwicktheit herauszulösen.

Er ver-führt die Beteiligten, damit ihr System aufrechterhalten bleibt.

5. Beratung - Beobachtung 2. Ordnung

Die Geschichte der Kamele ist eine alte Geschichte. Sie ist eine Geschichte der Beratung, und zwar einer Beratung, die sich nicht anheischt, die rechte Lösung zu wissen. Sie weiß nur, dass ein Überreden nicht hilft, dass vielmehr eine Lösung gesucht werden sollte, die aus der vertrackten Situation hinausführt, ohne die vereinbarte Lösung zu verletzen. Jedes Einreden auf ein Nachgeben, auf einen Verzicht oder ein Vertrösten, wäre vermutlich auf Widerstand gestoßen. Der Beobachter 1. Ordnung, also der übliche, uns vertraute Beobachter, bleibt in solcher Situation befangen, kommt aus ihr nicht heraus, findet keine Lösung, ausgenommen in Form eines Appells an die Beteiligten, sich auf eine Ersatzlösung zu einigen, vielleicht derart, dass der Älteste auf ein Kamel doch verzichten solle. Doch unser Beobachter, unser Richter, wählte die Rolle eines "externen" Beobachters, eines Beobachters 2. Ordnung, der eine Unterscheidung zu Hilfe nimmt, nämlich die einer "Ersatzlösung" im vermeintlichen Sinne des Testaments und einer Nicht-Ersatzlösung, die fragt, wie eine Lösung zustande kommen kann, die dem Testament entspricht. Eine Nicht-Ersatzlösung sucht vermutlich zunächst nach einem Kamel, also dem zwölften Kamel, und zwar im Umfeld. Zu diesem Umfeld zählt der Suchende selbst, hier in der Rolle eines Stifters eines weiteren Kamels.

Lassen wir einmal außer Acht, ob der Richter für seine Eingabe entgolten wurde und wie er entgolten wurde. Er bringt eine 2-Seiten-Form ins Spiel: Eine Lösung und eine Nicht-Lösung. Und er belässt es eben nicht bei einer Nicht-Lösung, die einen der Brüder benachteiligt hätte, sondern er handelt so, als ob eine Lösung möglich sei. Er geht auf die Lösungs-Seite - und er findet dabei eine Lösung! Er erweitert die anfängliche Kurzsichtigkeit der beteiligten Brüder durch eine Weitsichtigkeit, die danach fragt, wie eine Nicht-Kurzsichtigkeit, also die "alte Lösung", hätte aussehen können. Er führt die "alte", schon verloren geglaubte Lösung wieder ein in die Lösungssuche, indem er ein zwölftes Kamel beschafft - woher auch immer und wie auch immer. Das Kamel wird zum Medium, zum Transportmittel einer Mitteilung, zu einer Form mit zwei Seiten, die hier das Gewand des symbolischen Kamels, dort den leiblichen Unterbau ausdrückt.

Die Intervention des zwölften Kamels liefert uns eine Option für die "Wissenschaft" bzw. hier für eine "reflektierende Gemeindeberatung": Sie bringt die Beobachtung ins Spiel, indem sie unterstellt, dass der Blick auf die eine Seite, die eine Situation - hier das "fehlende Kamel" - abhängt von der anderen Seite, dem "aushelfenden Kamel", die erkennt, dass "Kirchenaustritte" immer auch mit "Kirchen-Eintritten" verbunden sind.

6. Die alte und die neue Gemeinde-Beratung

Gehen wir noch einmal zurück: Die Gemeindeberatung steht zur Diskussion. Sie scheint nicht mehr tragbar, nicht mehr finanzierbar. Die Unterscheidung lautet: Alte Gemeindeberatung vs. neue, verbesserte Gemeindeberatung", und um letztere rankt die Diskussion (hier in Aachen wie in Berlin wie in anderen Bistümern im Norden und im Süden).

Benutzen wir hier einmal das Spiel der Unterscheidungen:

Da ist die Unterscheidung, um die man ringt. Gehen wir einmal davon aus, dass alle Beteiligten diese Fortsetzung wünschen, und zwar in der gegenwärtigen Form.

Die hier verwendete Unterscheidung lautet also:

Fortsetzung der heutigen Gemeindeberatung (GB) vs. Verbesserung dieser GB. Achten Sie auf den beiläufigen Verweis: "dieser". Der Hinweis ist wichtig, weil er zum Ausdruck bringen will, dass es um die GB geht, die heute praktiziert wird, die man meint, wenn man über die Zukunft der GB diskutiert.

Aber diese Unterscheidung ist nicht die einzig mögliche. Bliebe sie als alleinige Option, wäre ihre Auflösung vermutlich voraussehbar.

GB vs. verringerte GB ergäbe die Form: GB = bisherige GB / verringerte GB.

Wir landeten, bliebe es bei dieser Lage, dort, wo die drei Brüder in unserem Beispiel landeten: vor dem Richter: Wie können wir erreichen, dass jeder zu seinem Recht kommt, und zwar so, wie es festgelegt ist?

Nun spielen wir aber einen Richter, der, wie im Beispiel, nicht "richten" soll. Sondern dieser Richter müsste die eingefrorene Form (bisherige GB vs. verringerte bisherige GB - solange es geht) erweitern; denn es handelt sich ja um einen systemischen Richter, der mit einer 2-Seiten-Form operiert. Er beließe es nicht bei einer Form: GB= richtige vs. nicht- richtige GB., sondern:

Richtige GB = geläufige GB vs. neue (andere) GB.

Das hieße beispielsweise: Aus der gegenwärtigen GB lässt sich eine neue GB entwickeln, z.B. eine GB, die sich, wie auch immer, selbst trägt, und damit aber anders trägt.

Man sieht, das Handeln mit Kamelen ist einfacher als ein Handeln ohne Kamele. Die folgende Aufzählung entspricht einem Medium, das zu neuen Formen animiert. ... wenn man so will: Dieses Medium soll aufweichen, was feste ist und damit letztlich wieder zu einer Form zurückfinden, die für zukünftige GB brauchbar erscheint.

GB = etablierte GB / verdeckte GB

GB = stille Gemeinde / laute Gemeinde

GB = junge Gemeinde / alte Gemeinde

GB = reiche Gemeinde / arme Gemeinde

GB = lose verbundene Gemeinde / eng gekoppelte Gemeinde

GB = schnelle Gemeinde / langsame Gemeinde

Wir halten uns jedoch, wenn wir so verfahren, immer noch in altem Fahrwasser auf. Wir wiederholen, was wir schon kennen und beherrschen. Wir versuchen, aus der alten Gemeinde eine "neue" zu machen, rufen uns immer wieder dazu auf ... und sehen doch "alt" aus.

Soweit so (halbwegs) gut. Aber "wie können wir denn wissen, was wir wollen (was uns hilft), ehe wir nicht sehen, was wir tun?

Und: Wir landen immer wieder bei der hinlänglich bekannten Aufmunterung zu hinlänglich bekannten Zielen. Die Moral ruft: Werde offen, werde (bleibe) jung, beziehe die Armen, die Ausgeschlossenen mit ein, öffne dich aus deiner Verschlossenheit ...

Damit bleiben wir jedoch dem alten Spiel verhaftet, einem Spiel, das keine Überraschungen kennt, dessen Ausgang wir schon wissen, etwa in Gestalt der Hersage: "Versuchen wir es doch noch einmal", oder in Form der moralischen Verpflichtung, nicht aufzugeben, auch wenn die Gemeinde schmilzt und ruht.

Wir können aber auch zu einer anderen Sichtweise greifen:

Wir gehen über zu einer anderen Form: Wir definieren eine "gute Gemeindeberatung" als ein Produkt von "schlechter GB" und "guter GB" (s. oben unser Schaubild) Wir sagen also, dass gute GB aus schlechter GB entsteht bzw. entstehen kann, dass aus Fehlern, die wir benennen und zu denen wir stehen oder: die wir brauchen, eine "gute GB" hervorkommen kann.

Wir erkennen dann, dass wir aus:

müder Arbeit

enger Arbeit

klagender Arbeit

mühseliger Arbeit

einsilbiger Arbeit

lustloser Arbeit

enttäuschender Arbeit

lernen können.

Merken Sie? Unser Titel lautet: Wiedereintritt der Gemeindeberatung in die Gemeindeberatung.

Die "andere" Gemeindeberatung lernt aus ihren "Fehlern". Sie holt das Ausgeschlossene, also die: müde Gemeindeberatung, die einsilbige Gemeindeberatung, die einseitige Gemeindeberatung, die sich einkapselnde Gemeindeberatung, die klagende Gemeindeberatung ... in die (2-Seiten-) Form wieder hinein, schließt sie also nicht als Debakel aus, sondern benutzt sie als Lernchance.

Wir holen das Ausgeblendete, also das, was wir nicht wollen, zurück in die Kommunikation, freuen uns über unsere Lustlosigkeit, unser stetes gleichförmiges Reden, unsere Beschuldigungen Anderer, unsere ewigen Routinen oder stehen wenigstens dazu, dass diese Erscheinungen dazugehören, lernen sie zu "lieben" oder sehen in ihnen unsere notwendigen Unzulänglichkeiten. Wir scheuen uns nicht vor der Irritation, sondern rechnen mit ihr, kalkulieren sie ein (s. Baecker 2003, 27 ff.). Fehler, so sagt Baecker (S. 27 f.), gehören ganz einfach dazu. Sie sind Teil unserer Arbeit: Ohne Arbeit keine Fehler, ohne Fehler keine Arbeit.

Fehlerbehaftetes und richtiges Verhalten gehören also zusammen,

  1. weil alles Verhalten immer auf die Zukunft gerichtet ist und diese Zukunft immer ungewiss bleibt. Niemand weiß, kann sicher sein, wie eine Intervention ausgeht,

  2. weil wir in unserem Handeln immer hart an der Grenze zu fehlerhaftem Verhalten/Konsequenzen entlang trudeln: "Fast wäre es wieder einmal passiert".

  3. weil wir aus Fehlern lernen (können) und zugleich lernen (können), was wir, wie viel wir, an welchen Stellen wir Änderungen vornehmen können, ohne das System zum Erliegen zu bringen. Das Lernen aus Fehlern will selbst gelernt sein!

  4. weil wir mutiger werden, wenn wir uns zutrauen, risikobehaftetes Verhalten auszuprobieren.

Ein mit Fehlern rechnendes System verhält sich, so Studien von Weick/Sutcliffe (2003), eher "kommunikativ", beobachtend, auf andere Stellen ausgerichtet als ein System, das von Fehlern "absieht", sie nicht "wahr-nimmt", sich von ihnen distanziert.

Der Unterschied zu herkömmlichem Denken liegt darin, dass wir als Folge einer Unterscheidung entdecken, dass wir etwas im Alltag ausblenden, was wir hier nun einblenden, dass wir etwas vom Müll oder vom Ausgegrenzten holen, das uns brauchbar erscheint. Wir wollen vielleicht keinen losen Verbund, aber wir entdecken, dass wir uns in einem engen Verbund zu sehr abgrenzen und uns damit auf Dauer ausgrenzen. Wir können uns durchaus abgrenzen, aber zugleich neu ein- und an-grenzen.

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass jede Form eine Zweiseiten-Form ist, bedeutet das nicht, die Fusion anstreben zu wollen, bedeutet das nicht, den Appell an die Berücksichtigung der 2-Seiten-Form. Die Systemik von Spencer Brown fordert zur Unterscheidung auf: Draw a Distinction! ... und Du wirst sehen. Das bedeutet zugleich, das Risiko der Fehlentscheidungen mit einzukalkulieren. Wie kann ich denn auch wissen, was ich will und wie eine Entscheidung sich auswirkt, ehe ich nicht sehe, was ich angerichtet habe (frei nach Weick 1985). Erst die Retro-Spektion zeigt die Auswirkung. Wie können wir sehen, was die Gemeinde ist, ehe wir diese Gemeinde nicht beobachtet und gestört haben. Nicht alle von uns haben die Geduld, können die Dissonanz ertragen, die Zeit auszuhalten, bis sich zeigt, wie eine Entscheidung wirkt. Eine Attitüde der Fehlerfreundlichkeit ermutigt jedoch zu solchem ungewohnten Handeln und zum Aushalten dieser Dissonanz.

Die Differenz kann uns darauf aufmerksam machen, dass die beiden Seiten einer Form sich gegenüberstehen. Damit ist gesagt, dass es keine (dauerhaften) Ruhezustände gibt, sondern laufende Übergänge, die wahrgenommen sein wollen. Wenn die Kirche ins Ehrenamt drängt, so mag dies eine Rettung sein, aber eine Rettung, die bald in Krisen mündet oder gar eine Entwicklung beendet. Die Entwicklung entwickelt sich, wenn sie immer wieder eine Zwei-Seiten-Form annimmt, eine Form, die Ordnung und Unordnung kennt.

Dem Übergang kommt dabei eine besondere Rolle zu. Aber auch der Übergang darf nicht zur Gewohnheit werden, denn Systeme brauchen, bei aller hilfreichen Entwicklung, immer auch den Ort des Sich-Einfindens, des Festigens, der Besinnung auf das eigene System. Wenn die Beteiligten dann wieder bei Sinnen sind, können sie sich wieder auf sich, und zwar in der Gestalt des Wiedereintritts der Form in die Form besinnen, hier: der Gemeindeberatung in die Gemeindeberatung.


Literatur

Baecker, D.: Wozu Systeme? Berlin 2002.

Weick, K. E. / Sutcliffe, K.M.: Das Unerwartete Managen, Stuttgart 2003.

Weick, K. E.: Der Prozess des Organisierens, Stuttgart 1985.


Anmerkungen

[1] s. Luhmann, N.: Die Rückgabe des 12. Kamels: Zum Sinn einer soziologischen Analyse des Rechts. In: Zeitschrift für Rechtssoziologie 21, 2000, S. 3-60.

[2] s. Baecker, D.: Wozu Systeme? Berlin 2002, S. 126 ff.


Autor:

Prof. Dr. Hans-Christoph Vogel

  • Professor für Organisations- und Institutionslehre, Planungs- und Entscheidungslehre am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein

eMail: christoph.vogel@hs-niederrhein.de


Veröffentlichungsdatum: Juni 2005


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