"Komm mir in die Quere,
aber steh mir nicht im Weg!"

Konsequent positive Zuwendung als Schlüsselprozess einer vollstationären Außenwohngruppe

von Jürgen Weihrauch (Juni 2007)

Ausgangspunkte

Oft sehen wir uns mit Kindern, Jugendlichen und Familien konfrontiert, deren langer Weg bis in unser Wohngruppenangebot gekennzeichnet ist durch Enttäuschungen, Rückschläge, Misserfolge und Verletzungen. Zum Zeitpunkt der Vorstellung bei uns haben sie in vielen Fällen viele Facetten sozialpädagogischen Handelns und Helfens durchlaufen, oft sogar durchlitten. Das Ergebnis dieser meist umfangreichen Hilfsversuche und Bemühungen ist sehr oft sehr niederschmetternd.

Dass dies nicht ohne Folgen bleibt, kann niemanden wirklich verwundern. Da mag die Vorstellung in einer Außenwohngruppe als letzte Haltestelle vor dem Nirgendwo erscheinen.

Unglücklicherweise treffen junge Menschen oft auf ErzieherInnen/SozialpädagogInnen und LehrerInnen, die eine defizitorientierte Sichtweise professionalisieren, in dem sie eine ausgeprägte Problemperspektive einnehmen, die sich dem Blick auf das Positive, das Erfolgversprechende fast völlig verschließt.

Wir haben uns bedeutsame Ereignisse im Laufe eines Tages angeschaut und bemerkt, dass sie oft aus einer Art tiefer Problemtrance wahrgenommen und bewertet werden. Das Positive, dass einen Unterschied Machende wird entweder nicht beobachtet oder als nicht besonders lobenswert verbucht. Kommentare wie: "Das ist doch selbstverständlich!" gehören zum Standart "erzieherischer Sprache".

Kinder und Jugendliche in teil- oder vollstationären Maßnahmen befinden sich häufig in von V. Satir[1] beschriebenen geschlossenen Systemen, die auf der Grundlage von Kontrolle oder Belohnung und Bestrafung agieren (Belohne das Kind/den Jugendlichen, wenn er tut, was du willst, und bestrafe es/ihn wenn er/es nicht tut). Die Herrschaftsausrichtung innerhalb dieser Systeme lässt nur einen Weg zu. Den bestimmt der/die mit der größten Macht; es gibt immer jemanden, der/die weiß, was am besten für einen Menschen ist. So entsteht ein Klima, das durch Kontrolle, Belehrungen und Frustrationen gekennzeichnet zu sein scheint. Der Selbstwert ist Macht und Pflichterfüllung untergeordnet. Dieser Problemfokus gibt den jungen Menschen nicht die Möglichkeit, sich als erfolgreich, kompetent und wertgeschätzt wahrzunehmen. Überlegungen und Vorannahmen professioneller HelferInnen ankern in Negativvermutungen. So wurde in unserer Wohngruppe ein Jugendlicher vorgestellt, in dessen ehemaliger Gruppe es üblich war, dass die Jugendlichen, waren sie in der Stadt unterwegs, bereits nach ein bis zwei Stunden wieder zurück sein mussten. Die KollegInnen der Gruppe hielten dies für ein effizientes Mittel, um die Jugendlichen daran zu hindern, "dummes Zeug" zu machen. Sie gingen also wie selbstverständlich davon aus, dass die Jugendlichen, sind sie erst einmal aus dem Zugriffskreis der Gruppe heraus, destruktives Verhalten an den Tag legen.

Zum Glück setzen sich zunehmend Konzepte in der Sozialen Arbeit durch, denen ein humanistisches Menschenbild zugrunde liegt und die das Positive in Menschen entdecken, fördern und nutzen wollen. So transportieren systemisch-lösungsorientierte Betreuungskonzepte Haltungen, die von der Vorannahme ausgehen, dass jeder Mensch über Fähigkeiten und Stärken verfügt, die ihn in die Lage versetzen können, ein Leben zufrieden und selbstgestaltet zu führen. Zudem hat jeder Mensch das Recht auf Wertschätzung und Respekt seiner Person und der von ihm entwickelten/erfundenen Lösungen.

Das Konzept der konsequent positiven Zuwendung

Einen Rahmen für den Wirkraum unseres Konzeptes bieten die von Robert Dilts beschriebenen logischen Ebenen, die wir auf die Arbeit in der Wohngruppe übertragen haben: Umgebung - Verhalten - Fähigkeiten - Glauben/Werte - Identität - Spiritualität.

Glauben und Werte bewerkstelligen die Bestärkung (Motivation und Erlaubnis) für Fähigkeiten und legen fest, ob sie unterstützt oder geleugnet werden. Sie geben Antwort auf die Frage nach dem Warum (machen wir es?). In der Sozialen Arbeit kann es meiner Meinung nach nicht zielführend sein, Menschen wie steuerbare, programmierbare Maschinen zu sehen, sondern ganz im Geiste der Idee von der Selbstorganisation menschlicher Systeme, die Autonomie eines Menschen zu respektieren und seine individuelle Kundigkeit zu entdecken und zu fördern. Im Mittelpunkt steht außerdem die Annahme, dass die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten, also das Schaffen von Verhaltensalternativen auf der Grundlage dessen, was ein Mensch bereits als Fähigkeit besitzt und erworben hat, eine der zentralen Interventionsstrategien sein kann. So wird bereits das von Anderen als Problem beschriebene Verhalten zu einer ersten Lösung, die die Grundlage sein kann für neue, im Sinne einer von den jungen Menschen positiv beschriebener Zukunft ("Wer ein Problem hat, hat eine Lösung!"). Anstelle des allwissenden Experten für die Sache werden professionelle HelferInnen so zu ExpertInnen für die Ingangsetzung hilfreicher Prozesse, die mit einer ausgeprägten Neugier für die Wirklichkeiten ihrer Gegenüber gewissermaßen ein "Steigbügelhalter" für deren Weiterentwicklung und Verwirklichung sind.

Die Faktoren der Umgebung legen fest, welchen Einflüssen eine Person ausgesetzt ist, worauf sie zu reagieren hat. Sie geben Antwort auf die Frage nach dem Wo und nach dem Wann (machen wir etwas?). Bezogen auf das Wo bedeutet dies, dass die Räume so gestaltet sein sollen, dass sich die Kinder und Jugendlichen wohl fühlen können. Die Atmosphäre soll es den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, sich sicher und aufgehoben zu fühlen, um in Phasen der Verunsicherung und der Übergänge einen beständigen warmen Rahmen zu haben. Bezogen auf das Wann ist es demnach wichtig, die Dienstzeiten so zu planen, dass sie neben den Bedürfnissen der ErzieherInnen sehr eng an die Bedürfnisse der Jugendlichen ankoppeln.

Verhalten besteht aus spezifischen Aktionen, die innerhalb einer bestimmten Umgebung unternommen werden. Sie geben Antwort auf die Frage nach dem Was (genau machen wir?). Unser Verhalten wird bestimmt durch unsere konstruktivistische Grundhaltung und der Überzeugung, dass systemisch-lösungsorientierte Haltungen und Methoden hilfreich sind. Das bedeutet, dass wir bewusst auf die oben beschriebene Herrschaftsausrichtung verzichten. Unser Verhalten soll vielmehr dazu beitragen, dass die jungen Menschen in jeder Situation etwas Neues oder etwas bekannt Gutes an sich entdecken können. Unsere handlungsleitenden Ausgangshypothesen als Ergebnis der Reflexion unserer pädagogischen Arbeit lauten:

Fähigkeiten leiten die verhaltensmäßigen Aktionen an und geben ihnen eine Richtung durch eine mentale Karte, einen Pfad oder eine Strategie. Sie geben Antwort auf die Frage nach dem Wie (machen wir es?). Das Wie ist sicher eine der schwierigsten Anforderungen an uns. Als Modell für das Wie adaptierten wir Rahmenbedingungen, die Jürgen Hargens[2] in Bezug auf das Rahmen von hilfreichen Gesprächen beschreibt: "[...] Die Gestaltung des Rahmens meint vier miteinander verbundene Aktivitäten in einem wechselseitigen Prozess einer Konversation: Die KundInnen respektieren. Einen Kontext der Kooperation schaffen. Grundlegende Regeln aushandeln. Sich um das Wohlbefinden kümmern."

Aus meiner Sicht ist die Gestaltung eines Rahmens für eine gute, förderliche Beziehung zwischen uns als Team und den Kindern und Jugendlichen unserer Wohngruppe von grundlegender Bedeutung für die pädagogische Arbeit. Wir messen der Gestaltung und Pflege von förderlichen Beziehungen große Aufmerksamkeit bei. Für uns macht es einen Unterschied, ob wir uns von dem jungen Menschen distanzieren, oder von seinem als problematisch beschriebenen Verhalten. Die Trennung von Person und Verhalten ist für uns ein wichtiger Schritt hin zu mehr Wertschätzung und zu mehr Respekt dem Anderen gegenüber. Um zu einer von den Beteiligten als förderlich wahrgenommenen Beziehung zu kommen, liegt ein Schwerpunkt auf der Wertschätzung von Kindern und Jugendlichen und deren Bedürfnissen und Fähigkeiten zur Autonomie, zur sozialen Bindung und Selbstwerterhöhung. Eine förderliche Beziehung soll es den bei uns lebenden Kindern und Jugendlichen ermöglichen, trotz der vorliegenden Problembeschreibungen ihr Leben kompetent zu gestalten und eigene Fähigkeiten einzubringen. So machen wir uns vom ersten Tag an auf die Suche nach den Kompetenzen der jungen Menschen. Entdecken ihre Stärken, stellen diese in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit, würdigen sie und installieren darauf unsere Arbeitsgrundlage. Wir lassen uns dabei von der Erkenntnis leiten, dass Beziehungen zirkulär organisiert sind. Tritt eine Veränderung eines Pols ein, so wirkt sich diese auf diesen selbst aus sowie auf die anderen.

Wir koppeln an die Aussage von Thom Hartmann an[3]: "Interaktionen sind kooperativ und positiv, selbst wenn die Erwachsenen klar die Parameter von Verhalten und die Werte definieren, die diese Parameter unterstreichen." Unser Blick richtet sich auf die Fähigkeiten der jungen Menschen, auf die Ausnahmen von unerwünschtem Verhalten, seien sie auch noch so klein. Er richtet sich darauf, dass die Kompetenzen der jungen Menschen gesehen und gefördert werden. Wir rahmen die Aufnahme in unsere Außenwohngruppe neu, indem wir die Vorstellung bei uns nicht als Endstation aller Sehnsüchte sehen, sondern als Entscheidung für einen Übergang in eine neue kreative Phase, die als Übungsraum beschrieben werden kann. Ein Übungsraum, "der zum Ziel hat, dass der junge Mensch und seine Familie imstande sein sollen, sich als kompetent und erfolgreich zu erleben. Und durch diesen Prozess wird es ihnen möglich, eine neue Sichtweise von sich selbst zu entwickeln, die es ihnen erlaubt, fortlaufend hilfreicheres, akzeptableres und erfolgreicheres Verhalten zu entdecken".[4]

Eine Weisheit der Dakota-Indianer[5] verdeutlicht sehr schön, was gemeint sein könnte: "Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!" "Tote Pferde", das sind in diesem Zusammenhang all die Interventionen, die im Laufe eines pädagogischen Prozesses nicht hilfreich waren, jedoch in schöner Regelmäßigkeit wiederholt werden, ohne im Sinne eines vorherbestimmten Zieles nützlich zu sein. Keine "toten Pferde reiten" ist ein erster Hinweis auf die Ausgestaltung der von mir oben beschriebenen kreativen Phase, die, wenn sie für unsere Kunden handlungsleitend werden soll, natürlich auch für uns als professionelle Helfer gilt, verbunden mit der Aufforderung, mehr zu tun von dem, was bereits hilfreich ist, oder etwas Neues zu erfinden. Auf jeden Fall aber auf die Dinge zu verzichten, die sich als nicht zielführend herausgestellt haben.

Die Zukunft üben

"Man kann bei allem so tun, als ob, und es erreichen!"[6] Milton Erickson

Die Zeit in unserer AWG definieren wir als eine Zeit, die Zukunft zu üben. Junge Menschen und ihre Familien können sich darin üben, Dinge anders zu machen, als sie bisher gemacht wurden. Neues auszuprobieren und zu experimentieren. Für eine bessere positiver beschriebene Zukunft. Die Herausforderung an uns ist, nicht unser "Wissen" über die positive Zukunft als handlungsleitende Idee zu installieren, sondern eine wirkungsvolle Unterstützung zu sein, bei der Neubeschreibung der Zukunft durch die Kinder und Jugendlichen und deren Familien.

"CASTANEDA, ein amerikanischer Antropologe, der bei einem indianischen Heiler in die Lehre ging, schreibt: "Die erste Handlung eines Lehrers besteht darin, die Idee einzuführen, dass die Welt, die wir zu sehen glauben, nur eine Sichtweise, eine Beschreibung der Welt ist. Dies zu akzeptieren scheint eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt zu sein. Wir sind auf selbstgefällige Weise in unsere bestimmte Weltsicht verstrickt, die uns zu Empfindungen und Handlungen zwingt, als ob wir alles über die Welt wüssten. Ein Lehrer zielt von seiner allerersten Handlung darauf ab, diese Sichtweise zu beenden."" [7]

Entscheidend ist es für uns, lösungsorientierte Strategien auf der Grundlage vorhandener Ressourcen zu entwickeln. Handlungsleitend und zielführend sind die konsequent positive Zuwendung zu den uns anvertrauten jungen Menschen und deren Familien. Wir bauen darauf, dass die Menschen mit denen wir kooperieren, eigene Lösungen finden können und es unsere Aufgabe ist, diesen Prozess zu unterstützen, indem wir ihnen wohlwollend unterstellen, dass es trotz großer Probleme Zeiten gibt, in denen sie ihre Fähigkeiten nutzen können, um etwas "richtig" zu machen. Michael Durrant beschreibt: "Im alltäglichen Ablauf des stationären Programms versuchen die Angestellten, so viele Gelegenheiten auf so viele Arten wie möglich zu finden, um auf die kleinsten Zeichen zu reagieren, die auf einen Erfolg ihrer KlientInnen oder einen Schritt nach vorn hinweisen. Vom theoretischen Standpunkt aus gesehen geht dieser Ansatz davon aus, dass es viele solcher Beispiele des Erfolges und viele Ausnahmen des Problemverhaltens gibt."[8] "Die Herausforderung liegt darin, dass man auf diese Zeichen reagiert, damit der junge Mensch sich allmählich ein neues Bild vom Erfolg machen kann ...".[9]

Nun wissen wir, dass es sehr schwierig ist, alte Muster aufzugeben, Neue zu erlernen und in unseren Alltag zu integrieren. Aber genau das erwarten und fordern wir von den jungen Menschen, selbst tun wir uns manchmal unendlich schwer damit. Wir kennen wohl alle Bemerkungen wie: "Das habe ich schon immer so gemacht, und es war gut, wieso soll ich es dann verändern?" Wenn wir ermöglichen wollen, dass die jungen Menschen in unserer Gruppe sich in eine erfolgreichere Zukunft entwickeln können, dann müssen wir bei uns anfangen. Der erste Schritt ist unsere Veränderung!

Wir stellten uns die Frage, wie können wir Voraussetzungen für Veränderungen schaffen? Hilfreich erschien uns die Idee des Empowerment, die aus der Entwicklungshilfe bekannte und bewährte Hilfe zur Selbsthilfe. Wir machten es uns zur Aufgabe, die jungen Menschen dabei zu unterstützen, sie zu Akteuren des eigenen Lebens zu machen. Wir beauftragten uns, die jungen Menschen bei der Beschaffung von Ressourcen zu unterstützen und ihnen alle Möglichkeiten und Hilfen zu geben, die es ihnen ermöglicht, Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen.

Wir haben in unserem Team Lösungen (er)-funden, die es uns ermöglichen sollen, positive Anzeichen der Veränderung oder Ausnahmen vom problematischen Verhalten der jungen Menschen selbstverständlicher zu bemerken und dies in angemessener Form auch dem jungen Menschen gegenüber zu würdigen. Bei der Suche nach Lösungen ließen wir uns von der Idee leiten, dass Ziele leichter zu erreichen sind, wenn die einzelnen Schritte sehr spezifisch, schnell erkennbar, am Tun orientiert, realistisch und terminierbar sind. Dabei sind wir auf eine Idee gestoßen, die, obwohl ziemlich unspektakulär, der zentrale Punkt für alle weiteren Maßnahmen war.

Die Dinge neu rahmen, oder wie man mehr bessere Tage haben kann

Nach eingehendem Studium unserer Gruppentagebücher stellten wir fest, dass in überwiegendem Maße das negative und das problembestätigende Verhalten der jungen Menschen bemerkt wurde. So wurden die Tagebücher zu Dokumentationen und zur Manifestation des Defizitären. Für uns war dies eine relativ erschreckende Erkenntnis, wähnten wir uns bereits auf einem guten Weg hin zu unserem Ziel der konsequent positiven Zuwendung. Nun steckt der Teufel bekanntlich im Detail. Anspruch und gelebte "Realität" sind manchmal Dinge, die ungefähr so nah zusammen liegen wie die Erde und die Sonne. Wie aber sollen sich Menschen als erfolgreich, ressourcevoll und positiv erleben, wenn sie dies nur unzureichend rückgemeldet bekommen? Wir müssen bei uns anfangen, das schien uns klar. Nur wo und womit? Nach ausführlichen Diskussionen und der Konstruktion von teilweise sehr komplexen Ideen entschieden wir uns zu einem Experiment. Neue Ideen als Experiment zu rahmen und sich so die Chance auf Erfolg, aber auch die Erlaubnis zum Misserfolg zu geben, ist im übrigen eine ausgesprochen gute Erfindung. Unser Experiment bestand darin, mit Hilfe unterschiedlicher farblicher Einträge ins Tagebuch unseren Blick zu schulen.

Rot für alles Positive, blau für alles Organisatorische und schwarz fürs Negative. Wir vereinbarten, dass, wann immer etwas in Schwarz geschrieben wurde, auch etwas in rot geschrieben werden musste. Außerdem sei der Fokus am Tage auf positive Ereignisse zu lenken.

Die Folge dieser Strategie war eine deutliche Veränderung der Tagebucheintragungen, aber auch eine mit der Zeit deutlich veränderte Wahrnehmung der Tagesereignisse durch uns, mit stärkerem Fokus auf Positivem, ohne das von uns als problematisch Gesehene zu unterschlagen. Ein Effekt war, dass das von uns negativ Bewertete zunehmend eine andere Bedeutung bekam. Und diese Bedeutung nahm kontinuierlich ab. Was wir anfangs völlig unterschätzten, war unsere eigene Sorgfalt im Umgang mit drei Stiften. Eine Herausforderung übrigens, an der wir mehr als einmal zu scheitern drohten.

Die folgenschwere Einführung der Wortkombination "noch nicht"

Sprache ist ein machtvolles Instrument. Dies meine ich wörtlich und durchaus doppeldeutig. Sicher kennen alle von uns so machtvolle Zuschreibungen, wie: "Du bist ... Du sollst ... Du darfst nicht ... Du musst ...!". In der Zementierung defizitärer Sichtweisen sind diese Zuschreibungen leider sehr weit verbreitet. Nur ein Beispiel: "Du sollst zur Schule gehen! Du darfst nicht schwänzen! Du musst lernen! Du bist ein Schulschwänzer." Sprache, so genutzt, wird zu einem Instrument für die Festschreibung von Problembeschreibungen und lässt den Beschreibenden und den Betroffenen so gut wie keine alternativen Sichtweisen. "Du bist ein Schulschwänzer und basta!"

Öffnet man jedoch die Sprache und fügt ihr die an sich sehr unscheinbaren Worte "noch nicht" hinzu, ergibt sich eine neue sehr kreative Möglichkeit in der Kommunikation mit Menschen. Der Satz "Du schaffst es noch nicht, in die Schule zu gehen!" ermöglicht es in der Verbindung mit dem Verzicht auf Zuschreibungen mit den Worten "Du bist" den Fokus zu verändern. "Noch nicht" lässt nämlich die Möglichkeit zu, dass zukünftig durchaus möglich ist, was momentan unmöglich zu sein scheint. Zudem wird dem Gegenüber wohlwollend unterstellt, dass er oder sie durchaus in der Lage ist und über Ressourcen verfügt, die einen Schulbesuch möglich machen.

Erfolge und Fortschritte würdigen

Ein weiterer Schritt war eine stärkere Würdigung der Fortschritte der jungen Menschen. Nicht mehr schlechte Ergebnisse von Klassenarbeiten wurden bemerkt, sondern auch kleinste Verbesserungen wurden gewürdigt und dem jungen Menschen, aber auch den anderen in der Gruppe deutlich gemacht. Wir erhofften uns dadurch, dass der junge Mensch neue Motivation für sich entwickelt. Zudem haben wir angefangen, den Kontext der Klassenarbeit mit in unsere Beschreibungen einzubeziehen. Diese Erkenntnis hat uns zugegebener Weise eher zufällig und als Reaktion auf unsere Defizitbrille ereilt.

Eine der mit uns lebenden Jugendlichen kam aus der Schule und berichtete stolz von einer 3,8 in Mathe. Nun war zu diesem Zeitpunkt eine 3,8 aus unserer Sicht keine Note, auf die man stolz sein kann, schrammte sie doch haarscharf am ausreichend vorbei. Erst als die Jugendliche uns mitteilte, dass der Durchschnitt der Klasse bei 4,1 lag, wurde das ganze Ausmaß des Fettnäpfchens deutlich, in das wir getreten waren. Zum einen war die 3,8 besser als jede andere Mathenote des Schuljahres, zum anderen wies der Durchschnitt der Klasse darauf hin, dass der Jugendlichen hier ein durchaus bemerkenswertes Ergebnis gelungen war. Von nun an haben wir, wenn es möglich war, die Noten unserer Jugendlichen in den Kontext des Gesamtergebnisses gestellt.

Na ja, werden jetzt einige denken, bei so einfachen Sachen ist es ja nicht schwer, aber wie ist das bei den "richtig knackigen Problemen", mit denen wir in unserer Arbeit konfrontiert werden. Zugegeben, es gibt keine Garantie für die Wirksamkeit irgendwelcher pädagogischen Interventionen, und ein bestimmtes Ergebnis auf Grund einer bestimmten Vorgehensweise hochzurechnen, ist ebenfalls nicht möglich. Wichtig aus meiner Sicht ist allerdings, dass ein neuer, öffnender Rahmen, in dem ein Verhalten gestellt wird, möglicherweise dazu führt, dass neue Zugänge zu einer Problembeschreibung ge- und vielleicht neue Lösungen erfunden werden können. Diese Idee ist angewandt auf die so genannten "richtig schwierigen Probleme" aus meiner Sicht ähnlich hilfreich wie auf so einfache Dinge wie die Beurteilung einer Klassenarbeit.

So kam ein Jugendlicher in unsere Gruppe, der mit dem Beginn der neunten Klasse den Besuch der Schule fast völlig eingestellt hatte. Nach dem Motto, "keine toten Pferde zu reiten", verzichteten wir auf all das, was sich im Bezug auf das Schulschwänzen in der Vergangenheit als nicht hilfreich erwiesen hat. Besonders galt dies für alle Vorgehensweisen, die zur Eskalation der Situation beigetragen hätten. So wurde der Jugendliche stets dann gelobt, wenn es sichtbare Zeichen dafür gab, dass er sich mit dem Thema Schule auseinander setzte. In Verbindung mit der Beschreibung des momentanen Zustandes, du schaffst es noch nicht, in die Schule zu gehen, gelang es dem Jugendlichen seine Situation neu zu rahmen und ein neuer Zugang wurde für ihn möglich. So schaffte er es, wieder regelmäßig in die Schule zu gehen und letztlich einen für ihn selbst akzeptablen Abschluss zu machen.

Um nicht den Eindruck zu erwecken, ein Allheilmittel entdeckt zu haben, möchte ich hier auch einen Fall schildern, indem unsere Bemühungen in Bezug auf das Ziel, regelmäßig in die Schule zu gehen, nicht erfolgreich waren. Ein Jugendlicher, der ebenfalls eine sehr eigensinnige Vorstellung vom Schulbesuch hatte, sich jedoch über den Zeitraum eines halben Jahres sehr intensiv und auch mit sichtbar positiven Auswirkungen anstrengte, verabschiedete sich einen Tag vor der Abschlussprüfung aus der Gruppe. Er wollte nur kurz nach Hause, um noch einige Arbeitsblätter zu holen, die für die Prüfung notwendig wären. Leider haben wir den Jugendlichen danach nicht mehr gesehen.

Rituale

Der dritte Schritt war die ritualisierte Würdigung von Erfolgen und Ausnahmen. Rituale eignen sich als Interventionsmittel in besonderem Maße. Während gemeinsamer Mahlzeiten, in Gruppenbesprechungen oder in extra für einen Anlass gemachten Situationen werden junge Menschen für das Erreichte gewürdigt. Auch hier ist es sehr von Vorteil, phantasievoll und kreativ zu sein. Ein Lieblingsessen für eine Woche pünktliches zu Bett gehen. Für Alle sichtbar eine Liste, in die die jungen Menschen ihre guten Noten eintragen können. Die Idee, dass die jungen Menschen alle Erfolgsmeldungen an ihre Familien weitergeben können und Telefonate hierfür selbstverständlich auf Gruppenkosten möglich sind. Die Urkunde für die Befreiung vom Griff der hinterhältigen Kleiderwichtel[10] für eine Jugendliche, die es nach einigen anstrengenden Wochen geschafft hat, ihr Zimmer in einen für sie und uns akzeptablen Zustand zu versetzen und dies auch durchhielt. Man kann sich kaum vorstellen, welche Bedeutung ein aus ErzieherInnensicht chaotisches Zimmer für den Alltag einer Jugendlichen bekommen kann. Ständige Ermahnungen, Erinnerungen, sogar Druck und die Androhung von Sanktionen, ohne größere Auswirkung. Erst die Externalisierung des Problems, also die Abkopplung von der Jugendlichen und Personifizierung des Problems auf die "hinterhältigen Kleiderwichtel" machte es möglich, einen neuen Zugang zum Problem und somit neue Perspektiven in der Sichtweise und neue Lösungsmöglichkeiten zu entdecken.

Die Faktoren der Identität legen die übergeordneten Visionen und die Aufgaben fest und formen Glaubenshaltungen und Werte. Sie geben Antwort auf die Frage nach dem "Wer bin ich?" oder "Wer will ich sein, wenn ich etwas mache?". Dieser Punkt stellte für uns als professionelle Helfer sicher eine der größten Herausforderungen dar. Hier spielen Anteile eine Rolle, die in unserer eigenen Geschichte, unserer Sozialisation, in der Ausprägung unserer unsichtbaren und sichtbaren familiären Bindungen sowie der Beweggründe unserer Berufswahl verborgen liegen. In der Konsequenz für die Arbeit in der Wohngruppe heißt dies, dass die Fragen nach dem "Wer bin ich?" und "Wer will ich sein bei dem, was ich tue?" in der Fachberatung, in Teamsitzungen, kollegialen Beratungen und bei Entscheidungsfindungen immer eine wichtige Rolle spielen.

Spiritualität hat mit unserer Erfahrung zu tun, dass wir Teil eines weitaus umfassenderen Systems sind als unsere eigene Identität darstellt. Besonders im Umgang mit den Lebenswelten, mit dem Erfahrungsschatz der Jugendlichen ist die Ebene der Spiritualität hoch wirksam und kann ein wesentlicher Bestandteil sein, einen hilfreichen Prozess zu initiieren und zu begleiten. Das, was wir denken, was wir für gut oder weniger gut befinden, das, was wir uns für die Jugendlichen und für ihre Zukunft wünschen, ist eben nur eine Möglichkeit dessen, was möglich zu sein scheint.

Natürlich gibt es keine Patentrezepte für den Umgang mit Menschen und die Wirkung unserer Arbeit lässt sich nicht vorherbestimmen. Wir sind sicher, dazu beizutragen, ein positives Klima zu schaffen, das es den jungen Menschen ermöglichen kann, sich zu verändern. Manchmal kommt es bei unserem Tun aber auch darauf an, einen scheinbaren Stillstand geduldig zu akzeptieren, hinzunehmen und ohne Druck, Ungeduld und Hektik auf den richtigen Zeitpunkt zu warten, wo Veränderungen möglich sind. Genauer hinzuschauen und in einer Art Expedition in den Lebens-, Denkens- und Entscheidungswelten der uns anvertrauten Jugendlichen zu entdecken, dass auch eine aus unserer Sicht Nichtveränderung gute Gründe haben kann.


Literatur:

Bamberger (2001): Lösungsorientierte Beratung.Weinheim: Beltz/PVU.

De Jong, Peter & Berg, Insoo Kim (1999): Lösungen (er)-finden. Dortmund: modernes lernen.

Durrant, Michael (1999): Auf die Stärken kannst du bauen. Dortmund: modernes lernen.

Hargens, Jürgen (2004): Aller Anfang ist ein Anfang. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Hartmann, Thom (2004): ADHS als Chance begreifen. Lübeck: Schmidt Röhmhild.

Omer, Haim & von Schlippe, Arist (2003): Autorität ohne Gewalt. Elterliche Präsenz als systemisches Konzept. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Satir, Virginia (1999): Kommunikation. Selbstwert. Kongruenz. Paderborn: Junfermann.

Schindler Hans (HRSG) (1996): Un-heimliches Heim. Dortmund: modernes lernen.

von Schlippe, Arist & Schweitzer, Jochen (2003): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

White, Michael & Epston, David (1998): Die Zähmung der Monster. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.


Autor:
Autor

Jürgen Weihrauch
Jg. 1961, Erzieher, Systemischer Berater, Systemischer Supervisor (SG) und Organisationsberater. 12 Jahre Erfahrung in der Vollstationären Jugendhilfe als in der Außenwohngruppe lebender Erzieher. Zusammen mit seiner Frau Entwicklung, Implementierung und Weiterentwicklung eines systemisch-lösungsorientierten Konzeptes für die pädagogische Arbeit in der AWG.
Seit Februar 2007 Erziehungsleiter bei der Gesellschaft für familienorientierte Sozialpädagogik Oldenburg, Dozent bei FoBiS, systemisches Institut für Bildung, Forschung und Beratung, Holzgerlingen; bei Perspektivblick, dem systemischen Institut für Entwicklung, Oldenburg sowie Trainer bei SENKRECHT Erlebnispädagogik St. Johann

weihrauch-supervision@freenet.de


Fußnoten

[1]Satir, Virginia (1999): Kommunikation. Selbstwert. Kongruenz. Paderborn: Junfermann, Seite 179 ff.

[2]Hargens, Jürgen (2004): Aller Anfang ist ein Anfang. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Seite 38.

[3]Hartmann, Thom (2004): ADHS als Chance begreifen. Lübeck: Schmidt Röhmhild, Seite 200.

[4]Durrant, Michael (1999): Auf die Stärken kannst Du bauen. Dortmund: modernes lernen, Seite 52.

[5]Birkenbihl, Vera F. www.birkenbihl-insider.de, Website des Institut für gehirn-gerechtes Arbeiten, Institute for brain-friendly procedures.

[6]Durrant, Michael (1999): Auf die Stärken kannst Du bauen. Dortmund: modernes lernen, Seite 101.

[7]von Schlippe, Arist & Schweitzer, Jochen (2003): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, Seite 88.

[8]Durrant, Michael (1999): Auf die Stärken kannst Du bauen. Dortmund: modernes lernen, Seite 135.

[9]Durrant, Michael (1999): Auf die Stärken kannst Du bauen. Dortmund: modernes lernen, Seite 136.

[10]Idee nach White, Michael & Epston, David (1998): Die Zähmung der Monster. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, Seite 190.


Veröffentlichungsdatum: Juni 2007


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