Die Insel der Möglichkeiten

von Sylvia Weise (Juli 2002)


Dieser Text ist eine leicht überarbeitete Fassung meiner Hausarbeit, die ich im Rahmen meiner Supervisionsausbildung (2000 - 2002) am Institut für Beratung und Supervision in Aachen geschrieben habe. Die Abschlussarbeit trug den Titel 'Mein Supervisionskonzept' und wurde im Januar 2002 vorgelegt. Ich möchte mich bei Heinz Kersting bedanken, auf dessen Anregung hin ich meine Hausarbeit überarbeitet habe, so dass sie in der jetzigen Form hier im 'Gepfefferten Ferkel' erscheinen kann.

Sylvia Weise, Mai 2002


Prolog

Wie oft vermitteln Supervisanden diesen Eindruck: Reif für die Insel! Sie haben das Bedürfnis mal aus dem Strom des Arbeitsalltags auszusteigen, Zeit und Muse zur Reflexion zu haben, um wieder zu sich und dem Wesentlichen zu kommen.

Die Insel-Metapher, die ich hier in diesem Text benutze, besitzt jedoch eine spezielle Ausprägung. Oft wird mit dem Ausdruck 'Reif-für-die-Insel' assoziiert: Strand und Hängematte, gut essen, viel schlafen, vergessen und abschlaffen. Mein Bild von einem Inselaufenthalt hat jedoch viel mehr zu tun mit: Abstand gewinnen und neue Perspektiven entwickeln, mit Zeit und Muße sich ausprobieren dürfen, ohne immer alles gleich wissen zu müssen, in einem Klima von Wertschätzung Herausforderungen annehmen, Mutproben bestehen, Abenteuerlust und Entdeckergeist entwickeln, in einer sicheren Umgebung sich auf Neues und Ungewohntes einlassen, zur Besinnung kommen - im wahrsten Sinne des Wortes. Alles in allem also eher eine Art Aktivurlaub!

Ich möchte die Leserinnen und Leser auf eine Entdeckungsreise zu meiner Supervisions-Insel einladen - eine Reise in eine vielfältige Inselwelt, die überraschende Wendungen nimmt und neue Sichtweisen eröffnet.

Um diese Jahreszeit bin ich der einzige Passagier auf dem Schiff. Für Anfang Dezember ist es außergewöhnlich kalt, dicker Nebel hüllt mich ein und lässt den tastenden, suchenden Blick immer wieder ins Leere gehen. Eigentlich müssten wir die Insel doch schon längst erreicht haben. Die Überfahrt hat doch sonst nie so lange gedauert. Noch während ich darüber nachsinne, wie es kommt, dass ein optisches Phänomen wie 'Nebel' das Zeiterleben verändert, meine ich zu hören, wie das Schiff sein Geräusch verändert. Wird es langsamer? Macht es sich jetzt zum Anlegen bereit? Ja, schemenhaft tauchen die ersten Umrisse auf, verschwinden wieder, tauchen wieder auf, bis ich mir sicher bin, dass es die Supervisions-Insel ist - meine!

Ich kenne sie gut, habe sie schon oft betreten, jedesmal, wenn ich als Supervisorin tätig war. Doch dieses mal wird es anders sein. Ich komme mit einer anderen Absicht. Ich möchte die Insel neu entdecken, sie neu beschreiben, so dass am Schluss eine Landkarte der Insel dabei herauskommt - eine Übersicht über mein Supervisions-Konzept.

Schon befinden wir uns mitten im Anlegemanöver, und ich packe meine Reiseutensilien zusammen. Während ich an Land gehe, wird mir jäh bewusst, dass irgend etwas nicht stimmt. Ich brauche einen Moment bis ich drauf komme was es ist, obwohl oder gerade weil es so offensichtlich ist: Auf der Insel herrscht ein angenehmes Klima. Es ist warm, die Sonne scheint, eine leichte Brise weht und sorgt für Erfrischung. Ist es Sommer? Aber ich bin doch im Dezember losgefahren. Und überhaupt sieht die Insel, sobald ich meinen Fuß auf sie gesetzt habe, völlig anders aus. Sie ist nicht wiederzuerkennen. Verblüfft wende ich mich fragend an das Schiffspersonal aber das Schiff ist nicht mehr zu sehen. Es ist verschwunden, als hätte die See es verschluckt. Seltsam! Auf dem Boden liegt ein kleiner hellgrüner Papierschnipsel. Es ist ein Gutschein für einen eintägigen Inselaufenthalt mit Rückfahrkarte. Etwas verwirrt und gedankenverloren stecke ich ihn in meine Jackentasche. Dann gehe ich den Bootssteg entlang, der mir länger und schmaler erscheint als sonst, sehe das Schild über dem Steg und lese:

Willkommen auf der Insel der Möglichkeiten

Aha, der Name hat sich also auch verändert. Mein Interesse und meine Neugierde sind geweckt, die Sache macht mir langsam Spaß und beherzt schreite ich aus.

Interesse und Neugierde - mit diesen Grundhaltungen arbeite ich in der Supervision. Ich gehe ethnologisch / experimentell vor und nicht missionarisch, instruierend oder belehrend. Meine Aufgabe sehe ich darin, mich an die Konstrukte der Supervisanden anzukoppeln und sie durch entsprechende Fragen, Irritationen und Anregungen in ihren Suchbewegungen zu unterstützen.

Am Ende des Bootssteges treffe ich auf drei verschiedene Wege:

Es gibt einen breiten, asphaltierten Weg geradeaus, der etwas ansteigt und dann eine Biegung nach rechts macht, so dass ich nicht sehen kann, wie er weiter verläuft. Zu meiner rechten Seite führt ein eng gewundener Trampelpfad ins Gebüsch. Sieht so aus, als wäre es eine Sackgasse. Und links von mir gibt es einen Kiesweg, der gesäumt ist von Blumenbeeten. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich, dass es sich um Blumen handelt, die mir unbekannt sind und die einen Duft verströmen, der mich anzieht. Als Blumenliebhaberin lasse ich mich vertrauensvoll davon leiten und entscheide mich für den Kiesweg.

Vertrauen - ohne das die Arbeit mit Menschen unmöglich ist oder aber eine sehr andere wäre. Ich lasse mich in meiner supervisorischen Tätigkeit von dem Vertrauen in die Ressourcen, die Kompetenzen und die Entwicklungsfähigkeit der Supervisanden leiten. Ganz bewusst verzichte ich als Supervisorin auf die Expertenrolle und stelle mir die Supervisanden als autonome, sich selbst regulierende und eigendynamische Systeme vor. Dabei hilft es mir, die Theorie von Francisco J. Varela über Autopoiese im Hinterkopf zu haben. Ich betrachte mich nicht als zuständig dafür, meine Supervisanden zu verändern. Jeder Mensch entscheidet selbst darüber, durch welche Störungen und Irritationen er sich beeindrucken lässt und ob er sein Verhalten ändern möchte oder nicht. Diese Sichtweise führt zu einer eher bescheidenen, demütigen Haltung und bietet mir einen gewissen Schutz vor der Fantasie, alles sei machbar.

Schon bald führt mich mein Weg auf einen Platz, auf dem dicht über dem Boden eine große Skulptur schwebt. Sie sieht aus wie eine liegende Acht, ein irgendwie in sich gewundenes breites Band. Auf einem kleinen Schild lese ich:

Eine Fläche, bei der man ohne Überschreitung des
Randes von einer Seite auf die andere kommen kann.

(nach A. F. Möbius).

Etwas skeptisch betrete ich den horizontalen Teil der Skulptur und gehe los. Anscheinend sind hier die Gesetze der Schwerkraft ausgeschaltet. Völlig mühelos kann ich bergauf und auch über Kopf gehen. Und tatsächlich kann ich rundherum gehen und befinde mich dabei mal auf der Innen- und mal auf der Außenseite des Bandes. Faszinierend!

Noch etwas benommen möchte ich meinen Weg fortsetzen, da sehe ich direkt neben der Skulptur ein zweites, etwas größeres Schild mit folgendem Zitat:

Dass du nicht enden kannst, das macht dich groß,
und dass du nie beginnst, das ist dein Los.
Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,
Anfang und Ende immerfort dasselbe,
und was die Mitte bringt ist offenbar
das, was zu Ende bleibt und anfangs war.

(Johann Wolfgang v. Goethe in West-östlicher Diwan, 1819)

Zirkularität, Interpunktion und Rekursivität
gehören zu den Hauptwerkzeugen in meinem systemischen Supervisionskoffer. Das bedeutet konkret, dass ich aufhorche, wenn jemand kausale Verknüpfungen herstellt, indem sie z.B. sagt: "Das ist alles nur so ein großes Problem, weil ..." Dann denke ich mir: 'Kann sein, es kann aber auch alles ganz anders sein', und die Suche nach anderen Möglichkeiten kann beginnen. Dabei lasse ich mich von der Idee aus der Systemtheorie leiten, dass ein System sich in seiner Ganzheit qualitativ anders verhält als die Summe seiner Einzelteile. Es lässt sich nicht allein reduktionistisch mit dem kausalen Wenn-Dann-Schema erklären, da das gesamte System nach Rückkopplungsprinzipien auf die Einzelteile zurückwirkt.

Hinter der nächsten Wegbiegung erblicke ich etwas tiefer gelegen einen See, der teilweise von einem Wald eingesäumt ist. Still und blau liegt er vor mir und lädt zum Baden ein. Ich gehe den leicht abschüssigen Weg hinunter, bis ich an das Ufer des Sees gelange. Hier jedoch ist das Wasser braun und schlammig, so dass man nicht auf den Grund blicken kann. Kleine Schaumkronen werden ans Ufer geschwemmt. 'Wie eklig', denke ich und frage mich, wie das sein kann. Von oben und weitem betrachtet sah er so heiter aus und aus der Nähe wirkt er abweisend, ja geradezu bedrohlich. Mit der Badelust ist es jedenfalls vorbei. Ich gehe weiter am See entlang und merke, wie sich seine Farbe allmählich wieder verändert. Das Wasser wird heller, durchsichtiger und bekommt allmählich eine blau-grüne Färbung, an manchen Stellen schimmert es türkisfarben. Ich kann Fische erkennen und Wasserpflanzen. An einer kleinen Bucht mache ich Rast und blicke von einem Steg aus in das Wasser. An dieser Stelle muss der See schon sehr tief sein. Das Wasser ist schwarz und glatt wie ein Spiegel. Wenn ich mich etwas nach vorne beuge, kann ich mein Spiegelbild sehen. Wind kommt auf, das Wasser kräuselt sich. Ulkig, wie sich mein Bild verändert!

Unterscheidungsvermögen - Ein zentrales Interventionsprinzip in meiner supervisorischen Praxis ist die Einführung von Unterschieden und Abstufungen, die Öffnung zweiwertiger Kategorien zu mehrwertigen. Denn je nach dem von welchen Unterscheidungen, d.h. Begriffen und Kategorien, wir unser Verhalten leiten lassen, hat das unterschiedliche Konsequenzen. Oder wie Gregory Bateson so schön sagte:

"Ein Unterschied, der durch die Zeit auftritt, wird Veränderung genannt." (Bateson, S. 580)

Und:

"Unterscheide und du erschaffst ein Universum." (Spencer Brown)

'Von einfach zu komplex, vom Universum zum Multiversum ...' Noch ganz in mein wechselndes Spiegelbild und meine Gedanken versunken, habe ich nicht gemerkt, dass das Wetter gewechselt hat. Aus dem leichten Wind ist ein Sturm geworden, aus schwarzen Wolken fallen erste dicke Tropfen. Völlig unvorbereitet auf so einen Wetterumschwung eile ich in den nahen Wald, um Schutz darin zu suchen. Der Wald hat ein dichtes Blätterdach, unter dem sich üppige Vegetation und Artenvielfalt ausbreitet. Ich komme nur sehr langsam voran, da es so gut wie keine Wege gibt und meine Aufmerksamkeit ständig von seltsamen, exotischen Pflanzen und unbekannten Tieren gefesselt wird. Orientierungslos und ohne ein bestimmtes Ziel stapfe ich durch den Wald. Ich komme an einen Fluss und sehe auf der anderen Seite eine kleine Ansammlung von Hütten stehen. Menschen! Wer da wohl wohnt?

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, den Fluss zu überqueren, gehe ich am Ufer entlang und treffe auf ein Schild. Wahrscheinlich steht drauf: Baden verboten. Aber nein, ich lese:

"Man steigt nie zweimal in denselben Fluss!"

(Heraklit)

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich in diesen Fluss steigen möchte. Das Wasser ist an dieser Stelle reißend, hat Strudel und ist anscheinend auch tief. Vielleicht gibt es weiter oben die Möglichkeit, durch das Wasser zu waten oder über eine Brücke zu gehen. Ich folge dem Flusslauf und treffe auf eine Fähre. Der Fährmann würde mich schon übersetzen, sagt aber, das wäre sehr teuer. Mit großem Bedauern stelle ich fest, dass ich keinerlei Geld bei mir habe. Er meint aber, von dieser Art wäre die Bezahlung nicht. Der Preis für die Überfahrt sei eine Geschichte. Ich willige freudig ein. Mir wird schon eine Geschichte einfallen. Während der Überfahrt stellt sich jedoch heraus, dass ER MIR eine Geschichte erzählen möchte. DAS ist der Preis. 'Seltsam', denke ich, 'hier scheint es mit der Bezahlung anders herum zu sein.' Und er erzählt mir folgende Geschichte:

Der Elefant und die Blinden

In Indien lebte einst ein heiliger, weißer Elefant. Er wurde von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf geführt, damit das Volk ihn sehen und berühren konnte.

Eines Tages kam dieser Elefant auch in die Stadt Ghor, die am Benares gelegen ist. Dort wurde er auf den Marktplatz geführt und die Leute liefen zusammen und bestaunten ihn.

Da schickten auch die Bewohner des Blindenhospitals eine Abordnung auf den Marktplatz, die den Elefanten befühlen und dann berichten sollte, was ein Elefant sei.

Fünf Blinde machten sich auf zum Marktplatz, tasteten sich dort durch die Menge, fanden zum heiligen weißen Elefanten und betasteten ihn. Der erste Blinde fühlte das Ohr und dachte bei sich: Ein Elefant ist ein riesiges Palmblatt. Der zweite Blinde fühlte den Rüssel und dachte bei sich: Ein Elefant ist ein dicker Schlauch. Der dritte Blinde fühlte das Bein und dachte bei sich: Ein Elefant ist eine runde Säule. Der vierte fühlte den Schwanz und dachte bei sich: Ein Elefant ist ein Pinsel. Und der fünfte fühlte den Körper und dachte bei sich: Ein Elefant ist eine mächtige Tonne.

Und sie gingen zurück ins Blindenhospital und berichteten. Der erste sprach: Ein Elefant ist ein riesiges Palmblatt. Der zweite sprach: Ein Elefant ist ein dicker Schlauch. Der dritte sprach: Ein Elefant ist eine runde Säule. Der vierte sprach: Ein Elefant ist ein Pinsel. Der fünfte sprach: Der Elefant ist eine mächtige Tonne.

Da gab es große Verwirrung und großen Streit unter den Blinden, weil der Elefant so verschieden sei, und sie riefen durcheinander: Der Elefant ist ein Palmblatt ... eine Säule ... nein eine Tonne ... ein Schlauch ... aber gewiss nicht, ein Pinsel!

Da sprach Schabor, der Weiseste unter den Blinden: Lasst uns alle auf den Marktplatz gehen und den heiligen weißen Elefanten befühlen, und wenn wir dann nachhause kommen, soll jeder sagen, was für ihn der Elefant ist. Und wenn wir alle aufeinander hören und miteinander reden über den Elefanten, werden wir am Ende alle gemeinsam und jeder für sich eine Vorstellung davon haben, was der Elefant wirklich ist.

Inzwischen haben wir das andere Ufer erreicht, ich bedanke mich für diese Geschichte und verabschiede mich vom Fährmann, um meinen Weg fortzusetzen. Aber wohin? Von den Hütten ist keine Spur mehr zu sehen.

Komplexität und Handlungsvielfalt - Die Erweiterung von Perspektiven führt zu Bedeutungswandel. Durch Unterscheidungen und Perspektivenwechsel tauchen Wahlmöglichkeiten auf.

Oder wie Heinz von Foerster sagt: "Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird" (in '2x2=Grün', Begleitheft zu den Audio-CDs).

Bei meiner supervisorischen Tätigkeit lege ich Wert darauf, mit allen Sinnen zu arbeiten. So lasse ich die Supervisanden z.B. den Perspektivenwechsel auch sinnlich erfahren. Bei einer Teamsupervision in einer Kindertagesstätte habe ich die Erzieherinnen durch ihre Räume begleitet und sie dort zu ihrer Wahrnehmung befragt. Durch die verschiedenen Positionen, die sie eingenommen haben, hatten sie die Möglichkeit, sich selbst in den zum Teil sehr unterschiedlich gestalteten Räumen zu erleben und mal durch die Brille der Kolleginnen zu schauen. In den gegenseitigen Rückmeldungen wurde deutlich, wie viel die Gestaltung der Räume mit den persönlichen Vorlieben und Abneigungen der Erzieherinnen zu tun hat. Im Austausch der unterschiedlichen Wahrnehmungen, Deutungen und Wertungen wurden die verschiedenen Sichtweisen deutlich und kamen zur Sprache. Die Supervisandinnen entdeckten ihr verborgenes Motto: 'Ich hab' gedacht, du hast gedacht!'

Also, keine Spur mehr von den Hütten. Statt dessen sehe ich einen Wegweiser:

Amphitheater: 5 Minuten zu Fuß

Schnell bin ich dort und bestaune die großzügig angelegten Sitzreihen. Vermutlich kann man von jedem Platz aus alles gut sehen und hören und somit am Geschehen teilnehmen. Leider gibt es zur Zeit keine Vorstellungen. Das Drama nach der Sage von Amor und Psyche wird nur aufgeführt, wenn es sich genug Menschen gleichzeitig wünschen.

Psychodrama - Von verschiedenen KollegInnen habe ich gehört, dass das Psychodrama in der Supervision als Methode sehr gut einsetzbar ist. Das würde mich interessieren und ich kann mir vorstellen, nach entsprechenden Erfahrungen das Sortiment meines Supervisionskoffers mit dieser Methode zu bereichern. Bis dahin bleibt das Theater noch geschlossen und wartet auf den richtigen Zeitpunkt, um belebt zu werden.

Ich setze meinen Weg fort, der immer steiler wird, bis er sich als schmaler Pfad am Berg entlang schlängelt. Die Sonne steht hoch am Himmel, es muss Mittag sein und das Bedürfnis nach einer Pause macht sich in mir breit. Ich halte Ausschau nach einem schattigen Plätzchen und mein Blick bleibt an einem hohlen Baum hängen, bzw. dem, was noch davon übrig ist. Sein Umfang deutet darauf hin, dass er einmal sehr groß gewesen sein muss. Vielleicht hat ihn der Blitz getroffen oder ein Sturm hat ihn so zugerichtet. Seine Form ist bizarr und erinnert mich an irgend etwas. Ich weiß jedoch nicht, was es ist. Der hohle Baum ist so dick, dass man ihn betreten kann. Im Innern ist es schattig und kühl und es riecht ein bisschen modrig, aber angenehm. Etwas erschöpft lasse ich mich an die Baumwand fallen und horche auf. Was war das für ein Ton? Ich mach es noch mal und diesmal mit etwas mehr Schwung. Ja, tatsächlich der Baum gerät in Schwingung, beginnt zu tönen und zu vibrieren. Jetzt probiere ich es auch mit anderen Körperteilen aus: Hände, Ellbogen, Knie, Füße und Becken. Jedesmal entsteht ein anderer Ton, wie bei einem Xylophon. Ich spiele mit Rhythmen und Pausen und erzeuge im Dialog mit dem Baum mein eigenes Lied. Irgendwann habe ich genug davon und setze mich einfach auf den Boden.

Resonanzkörper - wäre das eine mögliche Beschreibung meiner Rolle als Supervisorin? Nein, nicht ganz. Das Bild ist zu passiv. Und doch spielt Körperlichkeit eine große Rolle, wenn ich als Supervisorin arbeite. Zum einen berücksichtige ich den körperlichen Ausdruck der Supervisanden und spreche das in der Supervision auch an. Ich achte auf Kongruenz von Sprache und Körperhaltung, was für die Eindeutigkeit von gelungener Kommunikation hilfreich ist. Zum andern arbeite ich mit so genannten Körperankern, ein Begriff aus der Hypnotherapie von Milton Erickson. Sie dienen der Vergewisserung, der Überprüfung und Abstimmung. So würde ich z.B. bei der Frage: "Woran würden sie merken, dass sie erfolgreich waren?" und der Antwort: "Ich würde mich freuen!" unter Umständen noch mal nachhaken und fragen: "Und wo im Körper würden sie diese Freude wie spüren?" Falls diese Frage für die Supervisanden nicht so leicht zu beantworten ist, mache ich mich mit ihnen folgendermaßen auf die Suche: "Befindet sich die Freude dann, wenn sie sie empfinden, eher oben oder unten, rechts oder links, innen oder außen? Ist sie punktförmig oder flächig, hat sie eine Farbe, einen Klang, ein Muster? Wenn die Freude ein Material wäre - aus welchem Stoff wäre sie?" Der Fantasie sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Oft richte ich mich bei der Wahl der Bilder nach den Berufen oder Hobbys der Supervisanden. Wenn ich also zum Beispiel weiß, dass jemand musiziert, töpfert oder Erzieherin ist, benutze ich Begriffe aus diesen Bereichen.

Außerdem setze ich meine eigene Körperlichkeit oft ganz bewusst ein. Ich achte bei mir auf körperliche Reaktionen und bringe sie in den Supervisionsprozess mit ein; z.B. könnte ich sagen: "Ich weiß ja nicht, ob das etwas mit der Situation hier zu tun hat, aber ich werde gerade ganz kribbelig, mein Nacken wird steif, ich bekomme kalte Füße, mein Hals schnürt sich zusammen, etc.". Es bleibt dann selbstverständlich den Supervisanden überlassen, ob sie damit etwas anfangen können oder nicht; ob dieses 'Anklopfen' bei ihnen auf Resonanz stößt.

Auch habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, meine Präsenz über den körperlichen Ausdruck zu regulieren. Ich meine damit so einfache Dinge wie: bin ich zurückgelehnt oder nach vorne gelehnt, habe ich die Ellbogen auf dem Tisch, die Hände in den Hosentaschen, runzle ich die Stirn oder presse ich Lippen aufeinander. Die Liste ist beliebig zu ergänzen. Wie wirkt es auf mich und wie wirke ich auf die Supervisanden, wenn ich mich auch körperlich betrachtet in einer eher neutralen Haltung befinde? Oder krass gesprochen: Wieviel Spielraum stelle ich jemandem zur Verfügung, wenn ich ihr mit verschränkten Armen vor dem Brustkorb begegne?

Bei der Einbeziehung des Körpers in meine supervisorische Tätigkeit stehen mir vielfältige und langjährige Erfahrungen aus dem Bereich des somatischen Lernens zur Verfügung: Angefangen bei der Bioenergetischen Analyse über Tai Chi, Feldenkrais bis hin zur Konzentrativen Bewegungstherapie. Besonders die beiden letzten Methoden prägen meine Grundhaltung für die Arbeit und meine konkreten Vorgehensweisen. Einen theoretischen Hintergrund dafür bieten die Embodied-Mind-Forschungen von Francisco J. Varela. Basierend auf der Neurobiologie formuliert er ein wissenschaftliches Erklärungsmodell für eine ganzheitliche Betrachtungsweise von Körper und Geist. Auch manche der Ergebnisse der Bewegungswissenschaften und der neuesten Gehirnforschung verweisen in diese Richtung.

Zur Körperlichkeit gehört für mich auch der Umgang mit dem Verhältnis von Körper und Raum. Also solche Fragen wie: Wo bin ich im Raum, wo sind die andern? Wo befinden wir uns im Verhältnis zueinander? Welcher Platz ist unbesetzt? Wer sitzt an der Stirnseite des Tisches? Wer hat das Licht im Rücken, wer die Tür? Wie ändern sich diese Positionen und Verhältnisse? Was ändert sich nie, auch wenn sich alles andere ändert (z.B. beim Umzug in einen anderen Raum)? Wie wirkt es, wenn ich meine Position im Raum verändere? Was ändert sich an unserer Beziehung, wenn ich mich neben jemanden stelle - ist das Beistand? Wer steht als erster auf? Wer verlässt als letzte den Raum?

Diese Beobachtungen können besonders in Teams sehr aufschlussreich sein in Hinblick auf Hierarchien, Rollenverteilung, Traditionen, Tabus und vieles andere mehr. Je nach dem was mir sinnvoll erscheint, beziehe ich diese Wahrnehmungen in meine Hypothesenbildungen mit ein und/oder ich spreche sie direkt an. Ich sage dann z.B.: "Mir ist jetzt schon ein paar mal aufgefallen, dass der linke Platz neben Frau M. immer leer ist. Hat das ihrer Meinung nach etwas zu bedeuten oder ist es reiner Zufall?"

Wertschätzung, Achtung und Respekt - Meiner Erfahrung nach ist es bei dieser Art von Intervention besonders wichtig, dass sie auf der Basis von Wertschätzung geschieht, damit sie nicht peinlich oder entblößend erlebt wird. Auch formuliere ich meine Beobachtung als rein subjektiv und biete sie den Supervisanden an. Es gehört für mich zu der Grundhaltung von Achtung und Respekt, dass die Supervisanden meine Angebote annehmen können oder nicht, d.h. sie haben ständig die Gelegenheit "nein" zu sagen: zur Form der Unterhaltung, zu ihrem Inhalt, ihrem Kontext oder zu allen dreien.

In diesen Zusammenhang passt gut was Heidi Neumann-Wirsig in ihrem Artikel: 'Blick auf die Landkarte' (in 'Systemische Perspektiven', S. 54) geschrieben hat:

"In der systemischen Organisationsberatung begreife ich Kooperationsweisen im System und/oder zwischen mir und dem System, die als Widerstand etikettiert werden, als 'Eigensinn' der Organisation, dieses Verhalten, diese Kommunikationsstruktur macht einen eigenen Sinn."

Ich muss eingeschlafen sein und geträumt haben, dass jemand mir ein Buch geschenkt hat mit dem Titel: 'Das Recht des Kindes auf Eigensinn - Die Paradoxien von Störung und Gesundheit'. Komisch, dass ich mich so gut erinnern kann. Vielleicht habe ich es tatsächlich geschenkt bekommen. Ich muss zu Hause im Bücherschrank nachsehen. Allmählich erinnere ich mich auch, wo ich eigentlich bin, recke und strecke mich und trete aus dem hohlen Baum heraus. Ein atemberaubender Anblick bietet sich mir. Ich muss vorhin, ohne es zu merken, auf die Spitze des höchsten Berges gestiegen sein und habe von hier aus einen wunderbaren Blick über die gesamte Insel. Ich kann zum ersten mal ihre Form und Größe sehen. Sie ist viel größer, als in meiner Vorstellung. Überwältigt von diesem Anblick setze ich mich auf einen Stein, packe aus meinem Rucksack das mitgebrachte Essen aus und mache mich mit Heißhunger darüber her. Wie lange ist es eigentlich her, dass ich etwas gegessen habe? Wie spät ist es jetzt? Eigenartig, dass sich mein Zeitempfinden so geändert hat. Während ich esse und trinke lasse ich meinen Blick schweifen. Steht da nicht ein Teleskop? Ich stecke mir auch noch das letzte Radieschen in den Mund und stehe seufzend auf. 'Vielleicht war es doch nicht so gut, alles auf einmal zu essen?'

Das Teleskop ist eins von der großen, schweren Sorte. Ich muss es mit beiden Händen umfassen, um es zu bewegen. Es hat vorne noch einen Ring, um es einzustellen. Ich schaue durch und mein Blick geht erst mal in die Ferne auf das blaue Wasser, den Horizont. Dort sehe ich zu meinem Erstaunen noch eine Insel und etwas rechts davon noch eine etwas kleinere. Und noch weiter draußen eine ganze Inselgruppe. Auch herrscht reger Schiffsverkehr zwischen den Inseln. Mit bloßem Auge sah das Wasser völlig leer aus. Am Himmel steht schon der Mond. Er ist zwar etwas blass, da es ja noch hell ist, aber die Mondsichel ist deutlich zu erkennen. Der Rest des Mondes ist im Moment nicht sichtbar. Aber es ist nur eine Frage der Zeit dann ... Wie war das doch gleich in dem Abendlied aus meiner Kindheit? 'Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.'

Jetzt interessiert mich wieder meine Insel und ich stelle das Teleskop auf nah ein. Aha, ein Gebäude. Sieht aus wie ein altes, verlassenes Schloss. Bei der Naheinstellung hat sich vor die Linse ein konvexer Spiegel geschoben. Das Schloss erscheint etwas verzerrt als kugelförmiger Kosmos. Es liegt eingebettet in einer reizvollen Landschaft, ist von dicken Mauern umgeben, die es schützen, hat aber auch jede Menge Verbindungen zur Außenwelt in Form von Brücken und Toren. Je länger ich durch das Teleskop schaue, um so deutlicher kann ich erkennen, dass auf den Zufahrtsstraßen viele Menschen unterwegs sind. Oder ist es so, dass es sich unter meiner Beobachtung verändert hat - oder etwa DURCH meine Beobachtung? Das Schloss wirkt jetzt auch nicht mehr ganz so verlassen. Etwas verwirrt lasse ich das Teleskop sinken. So betrachtet ist das Schloss nur ein hellgrauer Fleck in der Landschaft. Ich beschließe, jetzt dorthin zu wandern.

Kurz bevor ich den Gipfel verlasse, lese ich noch ein paar kleine braune Früchte vom Boden auf und stecke sie mir in die Hosentasche. Wegzehrung! Sie haben eine dreieckige Form, erinnern mich an die Buchecker meiner Kindheit und könnten von dem hohlen Baum stammen.

Figur und Hintergrund / Kontextualisieren / Die Rolle des Beobachters / Rückkoppelnder Dialog - In meiner Arbeit als Supervisorin lenke ich meine Aufmerksamkeit und mein Augenmerk immer mal abwechselnd auf den Vorder- und Hintergrund. Man könnte auch sagen, ich fokussiere und defokussiere meinen Blick. Larry Goldfarb, einer meiner Feldenkrais-Ausbilder, forderte uns auf: "Think globally, act locally!"

So gelingt es mir, den Kontext wahrzunehmen, also die bedeutsamen organisatorischen und strukturellen Bedingungen eines Systems, und seine Auswirkungen auf die Interaktions- und Kommunikationsprozesse zu verstehen. Mir ist dabei bewusst, dass ich in meiner Beobachterrolle nicht neutral und außenstehend bin, sondern meine subjektive Betrachtungsweise bestimmte Folgen hat, da ich meine abgedunkelten Seiten nicht sehe.

Heinz von Foerster (in '2x2=Grün', Begleitheft zu den Audio-CDs) formuliert das so herrlich paradox: "Wenn ich nicht sehe, dass ich blind bin, dann bin ich blind; wenn ich aber sehe, dass ich blind bin, dann sehe ich."

Im Gegensatz zum Mond, ist es bei den Menschen jedoch nicht einfach eine Frage der Zeit und/oder des Wetters bis die abgedunkelten Seiten ihr Schattendasein aufgeben können und das Ganze erscheint. Es geschieht vielmehr durch den Perspektivenwechsel und die damit verbundene Erhöhung von Komplexität und natürlich nicht zuletzt durch den rückkoppelnden Dialog mit anderen Menschen. Dieses dialogische Prinzip hat Martin Buber folgendermaßen ausgedrückt:

"Betrachte den Menschen mit dem Menschen, und du siehst jeweils die dynamische Zweiheit, die das Menschenwesen ist, zusammen: hier das Gebende und hier das Empfangende, hier die angreifende und hier die abwehrende Kraft, hier die Beschaffenheit des Nachforschens und hier die des Erwiderns, und immer beides in einem, einander ergänzend im wechselseitigen Einsatz, miteinander den Menschen darzeigend. Jetzt kannst du dich zum Einzelnen wenden und du erkennst ihn als den Menschen nach seiner Beziehungsmöglichkeit; du kannst dich zur Gesamtheit wenden und du erkennst sie als den Menschen nach seiner Beziehungsfülle. Wir mögen der Antwort auf die Frage, was der Mensch sei, näher kommen, wenn wir ihn als das Wesen verstehen lernen, in dessen Dialogik, in dessen gegenseitig präsentem Zu-zweien-Sein sich die Begegnung des Einen mit dem Andern jeweils verwirklicht und erkennt." (in '2x2=Grün', Begleitheft zu den Audio-CDs)

Die kleinen nussartigen Früchte knabbernd, mache ich mich an den Abstieg und schlage dabei einen Weg ein, der in Richtung Schloss führt. Es kommt mir so vor, als wäre ich schon Tage oder Wochen auf der Insel unterwegs. Oder besser gesagt, es hat mich so eine Art Zeitlosigkeit befallen, so als würde ich in einem unendlichen Zeitozean treiben. Ich erinnere mich, dass ich so etwas schon einmal erlebt habe während meines Aufenthaltes in Israel. Ich badete im toten Meer und ließ mich von dem salzhaltigen Wasser tragen. Das war zuerst ein sehr lustiges und ungewohntes Gefühl. Allmählich gewann ich mehr und mehr Vertrauen in die Tragfähigkeit des Wassers und überließ mich dem Schaukeln der Wellen. Es war sehr genussvoll, bis zu dem Augenblick, in dem mir schlagartig bewusst wurde, dass ich meine Grenzen nicht mehr spüren konnte - weder die räumlich-körperlichen noch die zeitlichen. Ich wusste nicht (für wie lange eigentlich), wer und wo ich war. Panik überfiel mich, allerdings so distanziert, als wäre es die Panik einer anderen. Erst als ich die Augen öffnete und mich wieder selbst bewegte, um mich in eine aufrechte Position zu bringen, kamen meine gewohnten Empfindungen zurück. Es war ein sehr seltsames Erlebnis damals. Oder ist es so, dass ich mir das alles vorgestellt habe und es noch in meiner Zukunft liegt? Ich werde im toten Meer baden und mich von dem salzhaltigen Wasser treiben lassen ... Oder habe ich es gerade eben im Akt des Erinnerns wieder erlebt?

Jetzt ist aber mal gut mit all der Verwirrung! Ich schüttle den Kopf und beschleunige meinen Schritt. An einer Tafel mit einer Inschrift bleibe ich dann doch noch mal kurz stehen und lese:

Die Zeit ist immer reif, es fragt sich nur wofür.

(Francoise Mauriac)

'Genau', denke ich mir 'die Zeit ist jetzt reif für meinen Schlossbesuch!' Gerade eben hatte ich doch noch einen guten Ausblick auf die Schlossanlage und es schien nicht mehr weit zu sein. Doch der Weg schlängelt sich langsam bergab, schmiegt sich den Formen des Berges an und gibt so immer mal wieder den Blick auf mein Ziel frei und verbirgt es dann wieder.

Sich Zeit lassen / Tiefenzeit - "Zielstrebig, aber nicht rastlos, links und rechts schauend, zurückblickend, sich und die Natur genießend, eher dem mäandrierenden Weg des Maines als dem des geraden Rhein-Main-Donau-Kanals gleichend, so müsste, so könnte Leben, Lehren und Lernen vonstatten gehen. Voraussetzung ist, dass man sich an den Wegen und Umwegen der Erkenntnisgewinnung bei den beteiligten Subjekten ausrichtet: erwanderte Erkenntnis. Eine Episode, die Hans Freyer bei einem Besuch in der Türkei erfuhr und die Jürgen Habermas weitererzählte, bringt diese Einstellung zum Ausdruck:

Ein hochbetagter, strenger Mohammedaner lässt sich, zur Pilgerszeit, nach langem Drängen der Familie dazu bewegen, diesmal statt des beschwerlichen Fußwegs nach Mekka das Flugzeug zu besteigen. Zurückgekehrt und befragt, wie es denn gewesen sei, meint der Alte, doch wohl nicht mit dem Geist in Mekka gewesen zu sein, denn - 'der Geist geht zu Fuß'."(in 'Zeit erleben' von Karlheinz Geißler, S. 166)

Mit der oben beschriebenen Einstellung zum Weg und zur Zeit, die von der in der Arbeitswelt weit verbreiteten Zeit-ist-Geld-Haltung abweicht, arbeite ich in der Supervision. Da ich den Supervisanden die Zeit lasse, die sie für ihre Suchbewegungen brauchen, haben sie das Gefühl, sie hätten 'alle Zeit der Welt' oder erleben manchmal auch Phasen von Zeitlosigkeit. Gemeinsam trete ich mit den Supervisanden aus dem üblichen Erlebniszeitstrom heraus und wir schauen von außen auf den Strom. Auf diese Art und Weise können die Supervisanden über ihren Umgang mit der Zeit reflektieren und die eigene innere Zeitlandkarte erweitern. Oder wir schauen, einer Idee von Luigi Boscolo und Paolo Bertrando folgend, ob der Ursprung der Probleme an der mangelnden Koordination unterschiedlicher Zeiten liegt.

Wenn es gelingt, in diese so genannte 'Tiefenzeit' einzutauchen, ist es immer wieder faszinierend für mich, mitzuerleben, welche Struktur sich in diesem so geschaffenen und bereitgestellten ‚leeren' Raum entwickelt. Einfach abwarten können was geschieht. Durch Verlangsamung und Innehalten verändert sich die Wahrnehmung und es ist möglich, immer feinere Unterscheidungen vorzunehmen, die Grundlage für immer differenzierteres Handeln. Was nicht heißt, dass es nicht auch möglich ist, zu schnellen Ergebnissen zu kommen, ohne dass die Qualität darunter leidet. Aber eben alles zu seiner Zeit.

Moment mal, was ist das denn? Abrupt bleibe ich stehen. Mein Weg ist plötzlich zu Ende - eine Sackgasse! Mist! Ich versuche mich zu erinnern, wo die letzte Weggabelung war. Hier jedenfalls geht es nicht weiter, da sich links von mir ein steiler Abhang befindet und an meiner rechten Seite sich Felsen auftürmen. Enttäuscht lasse ich mich auf ein Stückchen Gras fallen, das am Wegesrand wächst. Wo bin ich eigentlich gelandet? Warum habe ich nicht besser aufgepasst? Während ich mich umschaue, beschleicht mich das Gefühl, mich zu weit vorgewagt zu haben. Die Vegetation in dieser Gegend ist karg und struppig. Alles ist in ein seltsam fahles Licht getaucht und aus den Tiefen steigen Nebelschwaden, nein, Dämpfe auf. Riecht es nicht auch brenzlig? Schnell bin ich auf den Beinen und trete den Rückweg an. Zum Glück komme ich bald darauf an eine Wegkreuzung, an der drei Wegweiser mit folgenden Symbolen stehen: Auf dem einen Wegweiser befindet sich ein Pfeil, der von links unten nach rechts oben geht, auf dem zweiten ein Kreis und auf dem dritten eine Spirale, die sich nach oben hin öffnet.

Ohne viel darüber nachzudenken was diese Symbole bedeuten könnten, entscheide ich mich für die Spirale und stelle nach einiger Zeit erleichtert fest, dass die Landschaft wieder freundlicher wird. Es gibt sogar schon wieder Vogelgezwitscher und die Sonne lässt sich hinter den Wolken ab und zu wieder blicken, auch wenn sie bereits tief am Horizont steht. Ich besinne mich auf meinen Plan, das Schloss zu besuchen und halte Ausschau danach. Mittlerweile kann mein Blick auch wieder weit schweifen. Er reicht bis auf das Wasser, wo gerade ein bemerkenswertes Naturschauspiel stattfindet: Geradeaus sehe ich eine kleine Wolkenwand, aus der es in den See regnet. Etwas rechts davon kann ich beobachten, wie Wasserdampf aus dem See aufsteigt und sich ganz allmählich am Horizont daraus wieder Wolken bilden. 'Das ist ja wie in meinem Erdkundebuch!' Ich kann mich daran erinnern, so etwas schon einmal während einer Wanderung in den Bergen von La Palma erlebt zu haben. Faszinierend! Der Kreislauf des Wassers auf einen Blick. Ich gehe langsam weiter, ab und zu einen Blick auf die immer blasser werdende Erscheinung werfend. Nach der nächsten Wegbiegung sehe ich ganz in meiner Nähe das Schloss liegen. Es sieht sehr stattlich aus, so als ob es Reichtümer und Schätze beherbergen würde. Ich betrete es über die nächstbeste Zugbrücke und wundere mich darüber, dass mir hier keine Menschen begegnen. Vom Berg aus durch das Teleskop sah es doch so bevölkert aus.

Zeitkreisläufe - Sackgassen, Irrwege und das Betreten von Tabuzonen gehören zu den verschlungenen Wegen der Erkenntnisgewinnung, auch wenn das manchmal etwas Zeit braucht.

Der Pfeil, der Kreis und die Spirale sind Symbole für verschiedene Arten von Zeiterleben und Zeitverständnis. Der Pfeil, dargestellt als unendliche aufsteigende Linie, gilt als Symbol für das in unserer Gesellschaft vorherrschende lineare Zeitverständnis, die am Fortschritt und an wirtschaftlichem Wachstum orientiert ist. Hier liegen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einer Linie und sind fein säuberlich getrennt voneinander zu betrachten. Wer da etwas durcheinander wirft, fällt in unserer Gesellschaft unangenehm auf - es sei denn es ist z.B. ein Künstler.

Kreis und Spirale stehen für die zyklische Zeitvorstellung, wobei der Kreis stärker die Statik betont, während die Spirale die Dynamik symbolisiert. Die regelmäßig wiederkehrenden Zyklen der Jahreszeiten, der Rhythmus von Tag und Nacht, Ebbe und Flut, das Wachsen und Vergehen, Geburt und Tod sind der Ausgangspunkt für diese Metaphern. Diese Wiederkehr ist jedoch keine Wiederholung von Identischem. Max Frisch formulierte es folgendermaßen: "Alles wiederholt sich, nichts kehrt uns wieder." (in 'Zeit erleben' von Karlheinz Geißler, S. 66)

Diesem Kreislauf der Zeit entsprechend, benutze ich in der Supervision gerne das 2. Futur, in dem ich z.B. folgendes sage: "Stellen sie sich vor, sie machen eine Zeitreise in die Zukunft, in der ihr Problem gelöst ist. Wenn Sie auf diese Zeit dann zurückschauen, wie werden sie sich daran erinnern wollen?" Diese Intervention bietet eine gute Gelegenheit, die Wirkungsweise der 'selbsterfüllenden Prophezeiung' in ihrer positiven Form zu erleben. Allein die detaillierte Beschreibung einer Zukunft, in der das Problem gelöst ist, kann im Supervisanden eine Erwartung wecken, die sein Denken und sein Verhalten so verändert, dass sich seine Erwartung tatsächlich erfüllt.

Im Innern des Schlosses bewundere ich die reich ausgeschmückten Räume und schlendere mal hier und mal dort hin. Schließlich folge ich dem Schild: 'Zu den Schatzkammern'. Das klingt doch verheißungsvoll! Als ich ankomme, bin ich doch einigermaßen überrascht. Die sogenannten Schatzkammern sind eine riesige Bibliothek. Ich gehe die Buchreihen entlang und stelle fest: Es gibt Geschichten über Geschichten - Gedichtsbände, Märchenbücher, Abenteuerromane, philosophische Werke und Bücher voller Aphorismen, Metaphern und Witzgeschichten und noch vieles mehr. In der Tat - welch ein Schatz! Schon habe ich ein schmales schwarzes Bändchen in den Händen: 'Irrläufe, Hundert Romane in Pillenform' von Giorgio Manganelli. Ich schlage es auf und beginne zu lesen:

Der Herr mit der reizbaren und allgemein erregten Miene - so als wäre er fortgesetzt mit einer unerträglich belastenden Situation konfrontiert - ist grundsätzlich verliebt; genauer gesagt: in solcher Weise würde er sich selbst in diesem Augenblick beschreiben, denn es ist zehn Uhr morgens, und von dieser Stunde an bis gegen elf, spätestens aber bis elf Uhr fünfzehn, liebt er eine vornehme, edelmütige, schweigsame, leicht autoritäre und zart zerquälte Dame. Die Situation ist insofern aufreizend, als die Dame von Viertel nach zehn - sie steht etwas später auf als der Herr - bis halb zwölf einen gebildeten aber brutalen Tarockstudenten liebt, der während derselben Zeit eine englische Dame liebt, die bei ihrer dreißigsten Sanskritstunde angelangt ist. Um elf Uhr dreißig herum wandelt sich alles: die Sanskritstudentin vernarrt sich in den reizbaren Herrn, der jetzt eine Stunde lang niemanden liebt, wiewohl er eine harmlose Neigung zu einer Kissenstickerin aus der Umgegend verspürt, die gegen zwölf Uhr mittags fünfundvierzig Minuten lang einen wenig erfolgreichen, aber hinlänglich talentierten jungen Tenor liebt, der in Wirklichkeit bis dreizehn Uhr dreißig in die leicht autoritäre Dame verliebt ist. Der frühe Nachmittag erlebt im allgemeinen eine Abschwächung der wechselseitigen Liebesgefühle, ausgenommen des Tenors, der weiterhin in hoffnungsloser Anbetung der Sanskritstudentin verharrt. Um siebzehn Uhr schaltet sich ein Zoologe mittleren Alters ein, der nun endlich gemerkt hat, daß sein Leben ohne die natürliche Einfachheit der Kissenstickerin keinen Sinn hat; den Zoologen begleitet seine junge Frau, die abwechselnd entweder daran denkt, ihren zoologischen Ehemann oder die Kissenstickerin, die in Wahrheit noch nicht einmal von der Existenz des Zoologen unterrichtet ist - aus Eifersucht umzubringen, oder sich, falls gerade Freitag oder Dienstag ist - dazu entschließt, den brutalen Tarockler bis zum Wahnsinn zu lieben, der mittlerweile einen verzweiflungsvollen Liebesbrief an eine blutjunge Briefmarkensammlerin geschrieben hat, einen Brief, den er allerdings nicht abschicken wird, da er inzwischen erneut in die leicht autoritäre Dame verliebt ist, welche beschlossen hat, den reizbaren Herrn zu lieben, der erst jetzt eine Ahnung von Glück verspürt, da er der Frau des Zoologen in die Augen geblickt hat, während diese sich gerade im Geiste einem vom Schluckauf ruinierten Bariton widmet, nicht ahnend, dass dieser - von der Briefmarkensammlerin verschmäht - bereits beschlossen hatte, ins Kloster zu gehen und die Suche nach dem Glück aufzugeben, das nicht vereinbar schien mit der Existenz der Uhr.

'Apropos Uhr- wie spät ist es eigentlich?'

Geschichten, Märchen, Witze und Metaphern sind Interventionen, die neue Kategorien einführen. Sie sind dazu angetan, die Fähigkeit zum vernetzen Denken zu erhöhen und erleichtern damit das Erfassen von Komplexität.

Wenn mir die Supervisanden von ihren Problemen berichten, dann erzählen sie mir eine Geschichte, in der sie manches ausschmücken, anderes dafür auslassen. Dabei erklären sie sich die Situation irgendwie und bewerten sie. Da Entscheidungen auf Grund solcher Beschreibungen, Begründungen und Bewertungen getroffen werden, frage ich mich und die Supervisanden: "Wie könnte die Geschichte noch erzählt werden?"

In meiner supervisorischen Praxis arbeite ich z.B. gerne mit Postkarten.

Auch greife ich die von den Supervisanden angebotenen Metaphern auf oder biete selbst welche an: "Wenn ihre Organisation ein Schiff wäre, wie sähe dieses Schiff aus? Wie die Mannschaft, die Ladung, das Ziel ...?"

Witze können nicht nur neue Kategorien einführen und lehrreich sein, sie lockern auch manchmal die Situation auf und dienen so der allgemeinen Entkrampfung. Einer meiner Lieblingswitze geht so:

Sherlock Holmes und Dr. Watson gingen zusammen zelten. Nach einem guten Abendessen und einer Flasche Wein waren sie erschöpft und gingen schlafen. Einige Stunden später wachte Holmes auf und schubste seinen treuen Freund:

"Watson, schau an den Himmel und sage mir was du siehst."

"Ich sehe Millionen und Abermillionen von Sternen", antwortete Watson.

"Was sagt dir das?" fragte Holmes.

Watson dachte eine Minute lang nach.

"Astronomisch betrachtet sagt es mir, dass es Millionen von Galaxien und möglicherweise Billionen von Planeten gibt. Astrologisch betrachtet kann ich sehen, dass der Saturn im Löwen ist. Zeitlich gesehen folgere ich, dass es ungefähr viertel nach drei ist. Theologisch betrachtet kann ich erkennen, dass Gott allmächtig ist und wir klein und unbedeutsam sind. Und was das Wetter betrifft erwarte ich, dass wir morgen einen wunderschönen Tag haben werden. Aber was sagt es Dir?"

Holmes schwieg eine Minute lang und sagte dann:

"Watson, du Idiot! Ein Schweinehund hat unser Zelt gestohlen!"

'Und wann fährt das letzte Schiff von der Insel ab?' Ich werfe noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf all die Bücher in der Schatzkammer und verspreche mir selbst, wiederzukommen. Dann eile ich hinaus. Direkt hinter den Schlossmauern befindet sich der Schiffssteg und aus der Ferne sehe ich auch schon die Lichter des nahenden Schiffes. Ich greife in meine Jackentasche um nach dem Rückfahrschein zu suchen und finde einen Zettel auf dem steht:

"Seid allezeit bereit zur Verantwortung für jedermann, der von Euch Antwort fordert für die Hoffnung, die in euch ist."

1. Petrusbrief 3, 14

'Eine mögliche ethische Grundeinstellung für die Arbeit mit Supervisanden', denke ich mir und stecke den Zettel wieder zurück in meine Jackentasche.

Ich bin zufrieden und voller Zuversicht, nach dieser spannenden Entdeckungsreise mein Supervisionskonzept darstellen zu können und besteige, mit der Landkarte der Insel vor meinem geistigen Auge das Schiff.

Reif fürs Festland, sozusagen!


Verwendete Literatur

Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1992.

Boscolo, Luigi / Bertrando, Paolo: Die Zeiten der Zeit. Eine neue Perspektive in der systemischen Therapie und Konsultation, Carl Auer, Heidelberg, 1994.

Brockhaus, F. A.: dtv Brockhaus Lexikon, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1982.

Brüderlin, Markus (Hrsg.): Ornament und Abstraktion. Kunst der Kulturen, Moderne und Gegenwart im Dialog, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Dumont, Köln, 2001.

Foerster, Heinz v.: 2x2=GRÜN. 2 Audio-CDs, Herausgegeben von Klaus Sander unter Mitarbeit von Thomas Knöfel, c+p supposé, Köln, 1999.

Geißler, Karlheinz A.: Zeit leben. Vom Hasten und Rasten, Arbeiten und Lernen, Leben und Sterben, Beltz Quadriga, 1993.

Kersting, Heinz J. / Neumann-Wirsig, Heidi (Hrsg.): In Aktion. Systemische Organisationsentwicklung und Supervision, Wissenschaftlicher Verlag des Instituts für Beratung und Supervision, Aachen, 2000.

Kersting, Heinz J. / Neumann-Wirsig, Heidi (Hrsg.): Supervision in der Postmoderne, Wissenschaftlicher Verlag des Instituts für Beratung und Supervision, Aachen, 1998.

Kersting, Heinz J. / Neumann-Wirsig, Heidi (Hrsg.): Systemische Perspektiven in der Supervision und Organisationsentwicklung, Wissenschaftlicher Verlag des Instituts für Beratung und Supervision, Aachen, 1996.

Linke, Jürgen: Supervision und Beratung. Systemische Grundlagen und Praxis, Wissenschaftlicher Verlag des Instituts für Beratung und Supervision, Aachen, 2001.

Manganelli, Giorgio: Irrläufe. Hundert Romane in Pillenform, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 1981.

Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis. Wie wir die Welt durch unsere Wahrnehmung erschaffen - die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens, Scherz, Bern u.a., 1987.

Spencer Brown, George: Laws of Form, Dutton, New York.

Vogt-Hillmann, Manfred / Ebeling, Wolfgang / Dahm, Michael / Dreesen, Heinrich (Hrsg.): Gelöst und los! Systemisch-lösungsorientierte Perspektiven in Supervision und Organisationsberatung, borgmann, Dortmund, 2000.


Autorin:

Sylvia Weise

  • Geboren: 1957

  • Soziologiestudium in München

  • Weiterbildung in Gesprächsführung nach Milton Erickson M.E.G. und im Bereich der Bewegungspädagogik (Feldenkrais-Methode)

  • Vorstandsmitglied und 1. Vorsitzende (1996-2002) des Berufsverbandes der Feldenkrais-LehrerInnen (Feldenkrais-Gilde); Beteiligung am Aufbau des Ressorts Supervision im Rahmen der internationalen Feldenkrais-Academy; Mitautorin des Berufsbildes der Feldenkrais-LehrerInnen

  • Co-Assistentin in Feldenkrais-Ausbildungen und Lehrtätigkeit im Bereich der Erwachsenen-Fortbildung

  • freiberufliche Tätigkeit als Supervisorin DGSv


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2002


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