Zwischen Broterwerb, Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Anerkennung

Denkanstöße zur Beruflichkeit von Feldenkrais-LehrerInnen

von Sylvia Weise und Walter Goetze (Juni 2005)

Der folgende Text entstand im Frühjahr 2005 im Anschluss an eine Zukunftswerkstatt, die der Vorstand der Feldenkrais-Gilde (Verband der Feldenkrais-LehrerInnen) initiiert hatte. Im Zusammenhang mit der Frage "Ist Feldenkrais-LehrerIn ein Beruf?" entstanden zwischen den verschiedenen Interessengruppen Schwierigkeiten und Widerstände, in den gemeinsamen Arbeitsprozess einzusteigen.

Aber was ist überhaupt ein Beruf? Das Modell, das wir in diesem Text vorstellen, half, die Blockierung zu überwinden. Mit seiner Hilfe war es möglich, verschiedene Aspekte von Beruflichkeit und deren Ausprägung zu betrachten, anstatt sich in Entweder-oder-Diskussionen zu erschöpfen. Unserer Meinung nach geschah dies einerseits durch eine Öffnung, nämlich die Mehrdimensionalität des Modells, das Optionen und künftige Entwicklungsschritte aufzeigt, und andererseits durch eine Eingrenzung, nämlich indem das Modell einige wenige, aber sehr konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigt.

1. Die Welt ist voller Berufe

(Die Zahlen im nachfolgenden Abschnitt verweisen auf Elemente unserer Definition des Berufsbegriffs in Abschnitt 2)

Die Reise zum Kongress war, wie Reisen halt sind. Die Fahrt im gut besetzten Zug. Aber wenigstens fand Walter die Lektüre interessant. Die Wochenendausgabe der Tageszeitung brachte ein Interview mit dem Novartis-Chef Daniel Vasella. "Herr Vasella, Sie machen einen unmöglichen Job. Sie sind einerseits als Arzt verpflichtet, allen Menschen zu helfen ..."

"... eine völlig falsche Auffassung des Arztberufes, aber macht nichts, fahren Sie fort."

"Andererseits können Sie als Konzernchef nur dann helfen, wenn das Helfen auch Geld bringt."

"Auch das ist falsch." ... Ja, dachte Walter, viele Berufe sind halt mit bestimmten Vorstellungen verknüpft. Sag deinen Beruf und sofort glauben die Leute zu wissen, wer du bist und vor allem was du kannst (2). Na ja, man muss sich diesen Vorurteilen ja nicht unterwerfen. Herr Vasella macht das natürlich souverän, clever auch. Und nicht ohne Neid dachte er daran, dass er Jahre brauchen würde, um nur einen Monatslohn Vasellas einzunehmen (4).

Sylvia, auch im Zuge auf der Reise zum Kongress, beobachtete den freundlichen Schaffner, der nicht nur die Fahrscheine kontrollierte, sondern hier auch noch praktische Hinweise zu den Anschlusszügen gab, dort ein munteres Späßchen anbrachte oder fragte, ob er eine Kleinigkeit aus dem Bordbistro bringen dürfe. Sylvia lächelte. Ihr ging durch den Kopf, dass dieser Mann wohl den richtigen Beruf gefunden hat. Die Arbeit macht ihm sichtlich Spaß, er macht sie gut, und das fühlt sich auch offensichtlich gut an. Schön, dachte sie, wenn der Beruf einen so ausfüllt, wenn man seinen Berufsstolz haben darf und dies auch genießen kann. Sylvia kam mit dem Schaffner ins Gespräch: "Sie haben wahrscheinlich eine sehr geregelte Ausbildung (6) durchlaufen, in der Sie konsequent auf alle Aufgaben und Tätigkeiten vorbereitet wurden?", fragte sie neugierig. "Ja", bestätigte der Schaffner etwas verblüfft, da er so direkt auf dieses Thema angesprochen wurde. "Wir haben ja doch eine ganze Menge unterschiedlichster Aufgaben. Das denkt man vielleicht auf den ersten Blick gar nicht. Wenn man, so wie wir, viel mit Leuten zu tun hat, erlebt man doch so seine Überraschungen. Und manchmal sind sogar wir mit unserem Latein am Ende und es sind andere Fachleute gefragt. Letzte Woche zum Beispiel ist doch tatsächlich mitten auf der Strecke plötzlich ein älterer Herr ohnmächtig geworden. Da waren wir aber froh, dass zufällig eine Medizinerin im Zug war. Zum Glück war sie auch noch Notärztin und kannte sich bestens aus (2). Wenn es etwas Ernstes gewesen wäre, dann hätten wir den Rettungsdienst aufgeboten und sogar einen außerfahrplanmäßigen Halt eingeschaltet. Das wäre dann wieder in mein Fach gefallen.

Am Zielbahnhof trafen wir uns und diskutierten darüber, wie wir von hier aus am besten zum Hotel kommen könnten. Auf dem Bahnhofsvorplatz parkte eine auffallend große Menge an Taxis. Die ersten Frühlingssonnenstrahlen hatten die TaxifahrerInnen ihre Türen öffnen lassen; manche lasen Zeitung, andere frühstückten, und viele standen in kleinen Grüppchen zusammen, tauschten sich aus, gaben sich vielleicht Tipps über neueste Einbahnstraßen und Verkehrskontrollen. Komisch, dachte Sylvia, so viele TaxifahrerInnen, die auf Kundschaft warten. Deutet das nun auf einen besonders großen (3) Bedarf hin oder auf genau das Gegenteil. Viele Menschen müssen in diesen Zeiten ja mehr aufs Geld achten.

"Guck mal", sagte Walter, "auch wenn sie keine Berufskleidung tragen, sie sehen trotzdem alle wie TaxifahrerInnen aus. Wie der Beruf einen doch prägt!". "Hast du das gerade gesehen, wie sie den jungen Fahrer zurechtgewiesen haben, der da drängeln wollte?" fragte Sylvia. "Wahrscheinlich ein Student und noch ganz neu. Da wurde ihm ganz freundlich aber bestimmt der (5) Verhaltenskodex unter TaxifahrerInnen beigebracht. Hast du das mitgekriegt, oder warst du gerade mit berufssoziologischen Studien bei den Verkäuferinnen der Parfümerie beschäftigt?" "Ja, stell' dir doch mal vor, wenn die Verkäuferinnen und die TaxifahrerInnen einfach tauschen würden. Wie käme das wohl heraus? Die Taxis würden dann halt nach Art der Parfümerien gefahren, würden vielleicht etwas besser duften, entsprechend ausgestattet sein, während in den Parfümerien die Verkäuferinnen schön in einer Reihe stehen und auf Kunden warten würden, denen sie dann als erstes das Gepäck abnehmen. Zugegeben, das klingt jetzt ziemlich absurd, aber der Beruf, das ist ja nicht nur ein bestimmtes (1) Methodenrepertoire, das man beherrscht, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft. Jede Gemeinschaft hat ihre Gewohnheiten und Regeln, die man, teils bewusst, teils auch unbewusst, übernimmt."

Statt auf der Fahrt ins Hotel über die letzten Redaktionsdetails des Artikel zu sprechen, den wir bis heute hätten fertig stellen sollen, plauderten wir über unsere Erfahrungen in unseren Ausbildungen und stellten verblüffende Gemeinsamkeiten fest. "Du hast also eine staatlich anerkannte Ausbildung als Masseurin gemacht?", begann Walter und fragte dann weiter: "Würdest du das heute als deinen Beruf angeben? Wohl kaum, oder? Da vermute ich schon eher die Supervisorin. Aber wie steht es eigentlich mit der Feldenkrais-Lehrerin? Hat die mehr mit der Masseurin zu tun oder mit der Supervisorin? Klingt auf Anhieb vielleicht absurd, aber ich würde wetten, dass du heute, wenn du beruflich tätig bist, alles irgendwie miteinander verbindest. Ich würde auch wetten, dass du das ganz anders tust, als ich mir das denken kann, auf deine ganz eigene Weise nämlich." "Da musst du mir mal noch mehr darüber erzählen", meinte Sylvia, "aber wenn ich dich recht verstehe, willst du sagen, dass auch du - also ich habe von dir gehört, dass du Arbeitspsychologie abgeschlossen hast, mal Musiker warst und lange Zeit als Ausbildungsleiter tätig warst - dass auch du heute aus all dem einen ganz persönlichen Mix gemacht hast." "Ja genau, und ich will auch sagen, dass ich mit diesem Mix sicher nicht mehr dem Berufsbild des Arbeitspsychologen oder des Erwachsenenbildners entspreche, ja dass ich mittlerweile sogar etwas Mühe habe, auf die Frage nach meinem Beruf zu antworten. Und manchmal denke ich auch, dass ich froh bin, in den 70er Jahren studiert zu haben. Was die Studierenden heute lernen und vor allem was sie nicht mehr lernen, also ich weiß nicht. Irgendwie ist das nicht mehr der Beruf, den ich einmal erlernt habe."

An der Hotelrezeption dann die übliche Prozedur. "Sylvia, was schreibst du denn jetzt auf dem Meldeschein unter Beruf? Supervisorin? Feldenkrais-Lehrerin?" "Und du, Walter? Arbeitspsychologe oder Bildungsexperte?" "Ich glaube, ich nehme diesmal meinen Ausbildungsberuf", sagte Walter. "Und ich die Feldenkrais-Lehrerin, das steht für mich persönlich mehr im Vordergrund." Ja, so ist das eben, wenn man mehrere Möglichkeiten zur Auswahl hat. Die Empfangsdame begrüßte inzwischen die Reisegruppe aus Japan, und für die Herrschaften von Zimmer 203 reservierte sie einen Tisch im nahen Restaurant, sie buchte Karten für die Oper, nahm Telefonate auf Englisch und Französisch entgegen und vergaß daneben nicht, das Taxi für die Gäste von Zimmer 404 zu bestellen. "Sie haben das ja ganz schön im Griff, was wäre das Hotel ohne Sie?", sagte Sylvia bewundernd, und die Rezeptionistin lachte: "Ja, gelernt ist gelernt, nicht?" Und wusste natürlich nicht, weshalb Walter und Sylvia jetzt gleichzeitig sagten: "Eben", denn sie dachten an ihren Artikel. Eine berufliche Tätigkeit lässt sich - eben - erlernen. Aber wie eigentlich? Geht man auf eine Schule oder Berufsakademie, wenn man Empfangsdame werden möchte? Oder erwirbt man diese Kompetenzen und das dazugehörige Methodenrepertoire (1) auf andere Art? Ist Empfangsdame genau genommen überhaupt ein Beruf oder nicht eher ein Job? Und was wäre der Unterschied? Vielleicht hat die Dame Englisch und Französisch für das Lehramt studiert, keine Anstellung bekommen, und ihr Schwager hat gesagt: "Du, so jemanden wie dich, mit einem solchen Organisationstalent, können wir in unserem Hotel gebrauchen, und gut bezahlen (4) tun wir außerdem auch noch."

In der Lounge wurden wir von einem sehr modisch gekleideten Herrn angesprochen. Doch als er merkte, dass wir nicht wie er zum Kongress der Modedesigner wollten, kam die übliche Small-talk-Frage: "Ja und was machen Sie denn beruflich? Ach Supervision?! Ja, das machte ich auch mal, ich war Aufseher in einem Call-Zentrum und passte auf, dass die Anrufe auch richtig beantwortet wurden. Aber jetzt bin ich in der Textilbranche." Wahrscheinlich ist er Verkäufer und gibt ganz schön an, dachte Sylvia. "Welcher Branche würdest du Feldenkrais zurechnen?", fragte Walter. "Wie du ja weißt, läuft diese Debatte in der Schweiz gegenwärtig. Viele Ausbildungen wie Shiatsu, Alexander und eben Feldenkrais sollen eidgenössisch geregelt werden. Nur lässt der Bund keine Einzelregelungen zu, sondern verlangt einen Zusammenschluss zu sogenannten Berufsfeldern, was in etwa einer Branche gleichkommt. "Was für eine Branche wären wir denn in der Schweiz?", wollte Sylvia wissen. "Die Diskussion läuft gerade, welche Branchenbezeichnung hättest du denn gerne? Du musst nur beachten, dass da noch rund 30 andere Ausbildungen sind, und dass alle Betroffenen mit der zu findenden Bezeichnung auch glücklich sein sollten". "Wie wärs mit 'Somatisches Lernen'? Da gibt es doch schon eine Menge Methoden, die in diese Kategorie passen würden, mit denen wir auch bereits in Kontakt stehen. Ich befürchte jedoch, dass der Begriff noch zu wenig bekannt ist und sich nur wenige Menschen etwas darunter vorstellen können, oder aber, dass er missverständlich sein könnte. Wie gut, dass wir hier in Deutschland im Moment nicht so unter Zugzwang stehen und die Überlegungen für unsere nächsten Schritte in Ruhe anstellen können."

2. Beruf - was ist das eigentlich?

2.1 Der Blick "von außen"

Haben die Leute, die wir in unserer kleinen Geschichte angetroffen haben, einen Beruf? Eine Beschäftigung? Welchen Beruf haben sie? Bewegen sie sich in einem spezifischen Arbeitsfeld? Oder gehen sie einfach einer Tätigkeit nach? Wie würden diese Menschen selbst solche Art von Fragen beantworten? Wie würden andere, die das von außen betrachten, sie beantworten? Die Antworten wären wohl von Beispiel zu Beispiel verschieden.

Die oben erzählte Geschichte hat aber auch gezeigt, dass das Phänomen Beruf ganz verschiedene Facetten hat. Zu dieser Schlussfolgerung kam auch die diesjährige Zukunftswerkstatt der Feldenkrais-Gilde Anfang Januar in Frankfurt. Der nun folgende Text wurde nur leicht verändert aus einem Artikel übernommen, den wir für das Feldenkraisforum (Ausgabe 50) geschrieben haben.

Es gab in Frankfurt viele spannende Diskussionen. Eine davon war besonders wichtig. Es ging um das Thema Beruf: "Was ist ein Beruf?", "Ist Feldenkrais-Lehrerin ein Beruf?". Die Fragen mögen einfach klingen, doch zeigte die Diskussion schnell einige Unklarheiten auf. Sehr hilfreich waren in dieser Situation vier Schaubilder, die ich (W. G.) als Experte für Berufsbildung eingebracht habe und die wir im Folgenden vorstellen und erläutern. Wir verstehen sie als Denkanstöße, nicht als bereits Feststehendes. Mit diesem Artikel wollen wir versuchen, den Prozess, der im Rahmen der Zukunftswerkstatt läuft, für alle Mitglieder der Gilde nachvollziehbar zu machen. Es soll damit also keine zukünftige Richtung vorweggenommen werden, vielmehr fragen wir: Sind diese Modelle für< das Arbeitsfeld Feldenkrais sinnvoll? Wozu können sie nützlich sein? Welche nächsten Schritte könnten sich daraus ergeben? Wir freuen uns auf eine lebhafte Diskussion.

Berufe sind eine facettenreiche Angelegenheit. Deshalb ist es sinnvoll, sie aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten. In Frankfurt wurden die folgenden berufssoziologischen Aspekte dargestellt:

Ein Beruf ist zunächst einmal ein Bündel spezifischer Methoden (1), die erlernbar sind und auch erlernt werden müssen. Berufe unterscheiden sich durch ihre jeweils spezifischen Methodenrepertoires, wobei es immer auch Überschneidungen gibt. Für die spezifischen Methoden muss auch ein Bedarf bestehen, und zwar in doppelter Hinsicht. Die Methoden müssen einerseits in dem Sinne bekannt sein, dass die Leute in bestimmten Situationen erkennen, dass sie nun genau diese Leistungen benötigen (wir brauchen eine Ärztin, es muss ein Klempner her). Wir nennen dies qualitativen gesellschaftlichen Bedarf (2). Die andere Seite, wir nennen sie quantitativen gesellschaftlichen Bedarf (3), betrifft ganz einfach die Tatsache, dass diese Leistungen auch in ausreichender Menge über einen längeren Zeitraum hinweg von Kunden und Klienten angefordert werden müssen.

Ein anderer Aspekt ist die Erwerbsgrundlage (4) der Berufsausübenden. Mit einem Beruf kann ich meinen Lebensunterhalt verdienen - das stimmt allerdings nicht immer, es gibt auch die sogenannten "brotlosen" Berufe. Sie unterscheiden sich von den andern sehr deutlich in ihren Verdienstaussichten, und dies hat natürlich einen starken Zusammenhang mit den oben genannten beiden Aspekten des Bedarfs.

Weitere Merkmale eines Berufs betreffen das Vorhandensein von Strukturen, d.h. von Institutionen wie etwa Verbänden, sowie Regelungen, etwa Standesordnungen (5), aber auch von Ausbildungsstätten mit offiziellen Berufsabschlüssen und anerkannten Curricula (6).

Mit Hilfe des ersten Schaubildes (siehe weiter unten) wurde in Frankfurt deutlich, dass die zweite Frage, nämlich ob Feldenkrais-Lehrerin nun ein Beruf ist, so eigentlich wenig sinnvoll ist. Stattdessen stellten wir uns die Frage, inwieweit Feldenkrais-Lehrerin ein Beruf sei. Der Vorteil einer solchen Betrachtungsweise liegt in der Differenzierung, und zwar in dreierlei Hinsicht:

Das Arbeitsfeld des Feldenkrais-Lehrers hat eine hohe Ausprägung, was das Vorhandensein eines spezifischen Methodenrepertoires betrifft (siehe Schaubild). Ähnlich gilt dies, wenn auch mit etwas geringerem Ausprägungsgrad, unserer Meinung nach für die berufliche Organisation. Die Gilde setzt Standards der Berufsausübung für ihre Mitglieder und dokumentiert diese in der Öffentlichkeit. Dazu gehören ganz wesentlich das Berufsbild als Arbeitsfeldbeschreibung sowie die ethischen Richtlinien und die Lizenzierung. Die Gilde hat einen hauptamtlich arbeitenden Geschäftsführer, ist aber zusätzlich noch auf viel ehrenamtliche Freiwilligenarbeit angewiesen. Geringere Ausprägungen liegen wahrscheinlich bei den Aspekten Erwerbsgrundlage, quantitativer und qualitativer Bedarf vor. Was die Aspekte der Regelungen von Ausbildungen betrifft, gibt es zwar internationale Richtlinien. Diese sind aber rein quantitativer Art, d.h. die Ausbildungen sind zu wenig inhaltlich geregelt. Vor allem weiß die Öffentlichkeit zu wenig, auf welche Art von Ausbildung die Leistungen eines Feldenkrais-Lehrers sich abstützen; oder anders gesagt: es mangelt an Transparenz.

Jeder Beruf hat eine eigene Geschichte mit entsprechend unterschiedlichen Ausprägungen der verschiedenen Aspekte. Ich (W.G.) zeigte dies anhand des Berufs des Informatikers in den 80er Jahren, wobei die Einschätzung der sechs Bereiche, wie schon bei der Feldenkrais-Lehrerin, ad hoc erfolgte und sich nicht auf Zahlen oder anderes objektives Material abstützen konnte. Es ging auch vor allem darum, die Art und Weise zu demonstrieren, wie mit dem Berufsmodell gearbeitet werden kann.

Bereits in den 80er Jahren verdienten Informatiker überdurchschnittlich viel. Genauso bestand ein großer quantitativer Bedarf, insbesondere in Großbetrieben (Banken, Versicherungen, Industrie, etc.). Die Ausbildung war aber noch kaum geregelt. Sehr oft durchlief man firmeninterne Schulungen. Selbst heute noch hat die Mehrzahl der in der Informatik Beschäftigten keine eigentliche Informatikerausbildung vorzuweisen. Es gab zwar Computersprachen, aber über die Methoden, wie zu funktionierenden Programmen zu gelangen sei, herrschte Uneinigkeit. Es war sogar von einer eigentlichen "Softwarekrise" die Rede. So gesehen hatte der Informatikerberuf wahrscheinlich etwa ähnlich spezifische Ausprägungen wie der "Feldenkraisberuf", nur eben auf ganz anderen Achsen, d.h. zum Beispiel, dass bei Informatikern der gesellschaftliche Bedarf an erster Stelle stand.

2.2 Der Blick "von innen"

Wir haben bisher Beruf als soziologisches Phänomen betrachtet. Wir haben quasi die Frage beantwortet, unter welchen Umständen eine Gesellschaft ein bestimmtes Arbeitsfeld als Beruf bezeichnet. Man kann die Frage aber auch ganz anders angehen, indem man Beruf als entwicklungspsychologisches oder biografisches Phänomen ansieht. Die Frage lautet dann viel eher, welches Arbeitsfeld das Individuum als seinen Beruf bezeichnet.

Sehr prägend für unsere berufliche Identität ist selbstverständlich die berufliche Erstausbildung, also die Ausbildung, in welcher wir das berufliche Grundrüstzeug erhalten.

In einem ersten Schritt hatten wir uns mit einer Grafik die Struktur eines solchen "Grundberufes" vor Augen geführt (siehe nächstes Schaubild). Ein Beruf beinhaltet verschiedene Tätigkeitsbereiche oder Aufgaben. So muss ein Schreiner beispielsweise den Kundenwunsch erfassen, er muss eine Planung und Kalkulation mit einem Angebot machen, er muss Material bestellen, muss es in der Werkstatt zuschneiden, den Einbau vor Ort vornehmen, usw. Jeder dieser Bereiche erfordert entsprechende berufliche Kompetenzen, die in der Ausbildung vermittelt werden. Die haben wir in der Grafik ganz abstrakt als "Kompetenzbereiche" eingetragen und fett umrahmt. Der Rahmen symbolisiert das in der Ausbildung vermittelte Grundrüstzeug an beruflichen Kompetenzen.

In vielen Berufen bilden sich die Menschen sehr häufig aber noch weiter und erwerben Zusatzqualifikationen. Sie besuchen beispielsweise Sprachkurse, weil die Firma häufig mit ausländischen Kunden zu tun hat, sie bilden als Ausbilder weiter, weil die Firma Lehrlinge beschäftigt, oder sie besuchen Informatikkurse. Wir sprechen hier übrigens bewusst nicht von fachlichen Zusatzqualifikationen, die selbstverständlich in jedem Beruf eine wichtige Rolle spielen. Wir haben unser Augenmerk insbesondere auf Qualifikationen gerichtet, die gewissermaßen "quer" liegen, indem diese Qualifikationen sich von Beruf zu Beruf kaum unterscheiden. Englisch ist Englisch, Excel ist Excel und Azubi ist Azubi. Schon hier tauchte natürlich die Frage nach dem Selbstverständnis auf: Sehen wir Feldenkrais als Tätigkeit, die eher dem fettumrahmten Bereich des beruflichen Grundrüstzeugs oder einer zusätzlichen und "quer" einsetzbaren Qualifikation entspricht?

Wir gingen zunächst einen Schritt weiter und betrachteten zwei typische berufliche Biografien. Wir blieben bei unserem Beispiel des Schreinerberufes. Eine häufige berufliche Entwicklung ist die der Spezialisierung auf einen Teilbereich des Berufsbildes. Wahrscheinlich wird eine solche Person sich selbst immer noch als Schreiner bezeichnen.

Eine andere Spezialisierung zeigt das zweite Beispiel, es ist die Spezialisierung auf eine Zusatzqualifikation. Welchen Beruf werden solche Personen als den ihrigen bezeichnen? Es kommt sehr darauf an, muss die Antwort lauten. Ist die Zusatzqualifikation eine Führungskompetenz, so wird wohl eher diese Führungsrolle in der Berufsbezeichnung erscheinen (z.B. Vorarbeiter), Sprachkompetenzen führen kaum zu einer anderen Berufsbezeichnung, bei den Ausbildungs- und Informatikkompetenzen kommt es sehr auf die Umstände an.

Aus psychologischer Sicht wichtig (und bisher in diesem Artikel noch nicht erörtert) ist die Tatsache, dass Menschen ihre berufliche Entwicklung nicht nur individuell gestalten, also eigene Wege gehen, sondern dass sie ihren Beruf auch erleben, und zwar tagtäglich. Berufliche Tätigkeit ist untrennbar mit unserem Leben verknüpft, sie prägt unseren Tagesablauf, bestimmt viele Gespräche unter Freunden und in der Familie, hat großen Einfluss auf unsere Stimmung, auf unser Wohlbefinden. Aus berufssoziologischer Sicht, d.h. von außen betrachtet, ist der Wandel oder die Veränderung von Berufen sicherlich spannend - im Sinne von intellektuell herausfordernd. Aus Sicht der Betroffenen ist dies in einem ganz anderen Sinne spannend, denn beruflicher Wandel bedeutet nicht selten Veränderung des eigenen Lebens. Er wird je nach Situation als Chance für die eigene Entwicklung oder als Bedrohung der eigenen Identität erlebt.

Feldenkrais-Lehrerinnen haben in der Regel eine berufliche Biografie, die dem zweiten Beispiel ähnlicher ist. Ein Feldenkrais Training wird im Erwachsenenalter und in der Regel nach Jahren der Berufspraxis in einem anderen Beruf absolviert. Ähnlich wie bei unserem Schreinerbeispiel praktizieren manche die Feldenkrais-Methode dann in ihrem Herkunftsberuf, also quasi als Zusatzqualifikation. Andere wiederum versuchen, die Methode zum Hauptinhalt zu machen.

3. Zwei Sichtweisen miteinander verschränken

Bei der Frage, ob Feldenkrais-Lehrer nun ein Beruf sei, kann man also zwei ganz unterschiedliche Sichtweisen einnehmen:

Aus psychologischer respektive biografischer Sicht (Abschnitt 2.2) lautet die Frage dann, auf welche Weise die Anwendung der Feldenkrais-Methode sinnvoll in die eigene Erwerbstätigkeit, ja ins eigene Leben integriert werden kann. Bei der Beantwortung kann der Austausch unter Kolleginnen sehr hilfreich sein, sicher wird auch der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle spielen. Die Antwort muss sich aber jede und jeder selber geben, und sie kann ganz unterschiedlich ausfallen.

Aus berufssoziologischer respektive struktureller Sicht (Abschnitt 2.1) lautet die Frage anders. Wir haben gesehen, dass die Tätigkeit der Feldenkrais-Lehrerin teilweise bereits klare Merkmale eines Berufes aufweist.

Wir halten es nun für wenig sinnvoll, bloß eine dieser Sichtweisen einzunehmen. In der Verschränkung der beiden Perspektiven tritt das Phänomen Beruf nämlich besonders deutlich zu Tage. Unsere Fragen können also nicht durch isolierte Betrachtung beantwortet werden, indem wir uns auf eine Seite schlagen und beispielsweise nur die ganz persönliche berufliche Entwicklung im Auge haben. Die Frage der beruflichen Identität ist zwar entscheidend, ohne gesellschaftlichen Bezug macht sie jedoch gar keinen Sinn. Wie weit diese Innen- und Außensicht auseinanderklaffen können, wird in folgendem Beispiel deutlich:

In der Schweizerischen Volkszählung werden unter anderem die Berufe erfasst. Regelmäßig ist die Zahl der hier genannten Berufsbezeichnungen um ein Mehrfaches größer als jegliches offizielle Verzeichnis der Berufe. Das Individuum ist in der Bezeichnung seines Berufes außerordentlich frei. Ich kann eine Musikausbildung genossen haben und mich Klangmaler nennen. Ich kann mich Musiker nennen, auch wenn ich nie eine Musikstunde absolviert habe (nur vergleichsweise wenige Berufsbezeichnungen sind geschützt). Schließlich kann ich meinen Lebensunterhalt mit Musik verdienen und mich dabei als Feldforschung betreibende Soziologin bezeichnen.

Und was bedeutet das nun für die als Feldenkrais-Lehrer Tätigen? Es stellt sich die Frage nach der Richtung der künftigen Entwicklung. Die Antwort ist heute noch offen. Der Anfang einer Diskussion fand in Frankfurt statt und wurde von den Anwesenden auch als sehr positiv erlebt. Nun muss der Prozess weitergehen, und sich daran zu beteiligen sind alle eingeladen. Denn da hier verschiedene Akteure betroffen sind, die Gilde, die Feldenkais-Lehrer, die Ausbilder, die Organisatoren von Ausbildungen, andere Berufsorganisationen, aber auch - im Ausland bereits deutlich erkennbar - der Staat, kann diese Frage nur im Gespräch aller Partner miteinander beantwortet werden. Und noch ein Letztes: jeder Partner wird in diesen Prozess eine andere Art von Betroffenheit einbringen: die einen erkennen beispielsweise die berufspolitische Bedeutsamkeit der Entwicklung, andere erleben die Herausforderung der Neuorientierung in Bezug auf die persönliche Berufsauffassung und wieder andere stellen sich die Frage nach den Auswirkungen dieses Prozesses auf die eigene Erwerbstätigkeit. Wir sind überzeugt, dass die begonnene Diskussion diese unterschiedlichen Betroffenheiten sorgfältig berücksichtigen muss, denn dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie zu positiven Ergebnissen führen wird. Der Grundstein dazu wurde in Frankfurt gelegt.


Die AutorInnen

Sylvia Weise

Sylvia Weise:

  • 1957 geboren

  • Soziologiestudium in München

  • Weiterbildung in Gesprächsführung nach Milton Erickson M.E.G. und im Bereich der Bewegungspädagogik (Feldenkrais-Methode)

  • Vorstandsmitglied und 1. Vorsitzende (1996-2002) des Berufsverbandes der Feldenkrais-LehrerInnen (Feldenkrais-Gilde); Beteiligung am Aufbau des Ressorts Supervision im Rahmen der internationalen Feldenkrais-Academy; Mitautorin des Berufsbildes der Feldenkrais-LehrerInnen

  • Assistenztrainerin in Feldenkrais-Ausbildungen und Lehrtätigkeit im Bereich der Erwachsenen-Fortbildung

  • freiberufliche Tätigkeit als Supervisorin DGSv

  • eMail: mail@sylviaweise.de

Walter Goetze

Walter Goetze:

  • 1950 geboren

  • Studium der Psychologie und Soziologie in Zürich, Dr. phil.

  • langjährige Tätigkeit als Ausbildungsleiter in einem Berufsverband

  • Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeits- und Organisationspsychologie (SGAOP)

  • Inhaber und Geschäftsführer der BfB Büro für Bildungsfragen AG, CH-8800 Thalwil

  • Internet: www.bildungsfragen.ch

Veröffentlichungsdatum: Juni 2005


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