Britta Haye

Special (Januar 2002)


zum 60. Geburtstag


Hausaufgaben für Klienten - muss das sein?

von Wolfgang Wendlandt (Januar 2002)

1. Vielleicht habe ich ja nicht richtig aufgepasst ...

Nun arbeite ich ja schon ein Weilchen in einer Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, lese auch hin und wieder ein paar Fachartikel und Bücher zu sozialwissenschaftlichen Themen, sitze in Gremien und Fachgruppen, höre aufmerksam zu, wenn es um sozialpädagogische Beratungskonzepte geht, lausche neugierig, was engagierte Praxisvertreter (unsere berufstätigen WeiterbildungsstudentInnen und TeilnehmerInnen der Fortbildungsveranstaltungen) aus ihren Praxisfeldern zu berichten haben - und doch: mir ist in all den letzten Jahren nie das Thema "Hausaufgaben für Klienten" zu Ohren gekommen. Warum mich das erstaunt?

Nun, alle Welt redet von "Hilfe zur Selbsthilfe". Das müsse als übergreifender Anspruch jeder professionellen psychosozialen Beratung gelten. Aber wie wird im Laufe eines Beratungsprozesses überprüft, ob das, was KlientInnenen im Beratungszimmer gelernt haben, sich alltagswirksam erweist? Ihre Fähigkeit zur Selbsthilfe zeigt sich doch erst an Hand eines veränderten Umgehen-Könnens mit ihren alltäglichen Bedrängnissen, Problemlagen und Konfliktsituationen - oder? Und können BeraterInnen diesen Zuwachs an Erkenntnissen und Fähigkeiten nicht besonders effektiv stimulieren durch "problemrelevante Aufgabenstellungen", sprich "Hausaufgaben", die dort zu realisieren sind, wo der Alltag unserer Klienten "tobt"? Vielleicht vertrauen wir zu sehr auf die Kraft unserer eigenen Interventionen, nehmen uns selbst viel zu wichtig mit der einen Beratungsstunde pro Woche (wenn es sich denn um eine kontinuierliche psychosoziale Beratungsarbeit handelt)? Und was passiert, um mit Shelton und Ackerman (1978, S. 11) zu fragen, in den anderen 167 Stunden der Woche?

2. Kontextabhängigkeit und Transfer von Lernergebnissen

Methodisches Arbeiten - sei es nun familientherapeutisch, personenzentriert oder anders orientiert - will KlientInnen befähigen, ihre Bedürfnisse, Probleme und Lebenslagen zu erkennen und eigenverantwortlich und selbstbestimmt, in Abstimmung mit ihrem sozialen Umfeld, neue Bewältigungsmuster in ihrem Alltagshandeln einzusetzen. Bei all den Mühen, die BeraterInnen aufbringen, wird dies - mehr oder weniger deutlich - immer wieder von den KlientInnen erwartet: Fähigkeiten, die sie im Beratungszimmer zeigen können, z.B. in einem Rollenspiel, sollen "vor Ort" realisiert werden. Psychosoziale Helfer vergessen dabei zu leicht, dass dies in sehr vielen Fällen nicht "wie von selbst" stattfinden kann. Klinische For­schungen haben die Kontextabhängigkeit des Lernens bestätigt und deutlich gemacht, dass ein fle­xibles Verfügenkönnen über neu erworbene Verhaltensmöglichkeiten voraussetzt, dass vielfältige Erfahrungen mit diesen Verhalten in unterschiedlichen - und vor allem bisher vermiedenen - Situationszusammenhängen gesammelt werden konnten (vgl. Hilgard und Bower, 1970; Krech et. al., 1995; Edelmann, 2000) Dies dürfte mittlerweile als "alter Hut" gelten: Aus unserer eigenen Lebensgeschichte wissen wir, dass sich viele Fähigkeiten nur durch systemati­sches Üben und wiederholtes Anwenden in zunehmend schwierigeren Situationen ausbilden und festigen lassen. Das übliche sozialpädagogische Beratungssetting (ein Zimmer, zwei oder mehrere Stühle auf denen einE BeraterIn und ein oder mehrere KlientInnen sitzt/sitzen) ist nun nicht gerade ein abwechslungsreicher Ort für einen systematischen Transfer neugedachter und "an-geprobter" Handlungsstrategien.

Dabei gibt es in den vielen tausend und abertausend Beratungszimmern unseres Landes sicherlich doch die methodische Arbeit mit beratungsintegrierten Hausaufgaben. Wenn man herum fragt, hört man öfter, das Hausaufgaben eingesetzt werden. Aber es muss schon deutlich herumgefragt werden. So von sich aus erzählt da keiner freiwillig etwas. Und doch stöhnen viele Kolleginnen und Kollegen in ihren Supervisionsgruppen und Fortbildungsveranstaltungen über die mangelnde Eigenarbeit von Klienten. Sie tun nicht, was sie eigentlich tun sollten. Aber was tun wir, um uns darüber zu verständigen, wie wir Klienten befähigen können, den angezielten Transfer zu leisten, neues Verhalten, neue Handlungsstrategien, neue Bewältigungsmuster unter den gänzlich anderen Lebensbedingungen ihres Alltags zu realisieren? Wir könnten darüber reden. Wir könnten eine fachwissenschaftliche Diskussion zu dieser Thematik beginnen ...

3. Wissenschaftliches Niemandsland

Borgart und Kemmler haben bereits 1989 (S. 10) für den Bereich der Psychotherapie angemahnt: "Hausaufgaben für Klienten werden ... zwar häufig eingesetzt, jedoch gibt es wenig empirische Forschung dazu." Das gilt auch heute noch! Fachwissenschaftliche Erörterungen haben sich bisher vor allem auf die Prozesse und Methoden zentriert, die das gemeinsame Handeln von BeraterInnen und KlientInnen im Beratungszimmer betreffen. Hierzu gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Fülle an Veröffentlichungen. Aber es werden kaum diejenigen Schritte untersucht, die die Betroffenen außerhalb des Beratungssettings alleine zu leisten haben. Die Eigenarbeit des Klienten, die als Veränderungsarbeit ohne anwesenden Berater zu begreifen ist, und die Bedeutung, die diese beratungs-integrierten Hausaufgaben für den Beratungserfolg spielen, sind noch ein weitgehend unerforschtes Gebiet geblieben. Und auch jetzt könnte man noch einmal erstaunt fragen: Warum ist das so?

4. Negative Erfahrungen mit Hausaufgaben

Dem Thema Hausarbeiten haften ausge­sprochen negative Konnotationen an - das gilt für KlientInnen und BeraterInnen gleichermaßen: Wir haben in der Schule jahrelang "Hausaufgaben aufbekommen, haben unter ihnen gelitten, uns gegen sie gewehrt, sie immer wieder vergessen, sie vor dem Unterricht schnell noch vom Nachbarn abgeschrieben. Hausarbeiten haben uns schlechte Noten eingebracht, waren mit Flecken vom Küchentisch versehen, Tintenkleckse haben sie verziert. Und der Rotstift ist in ihnen spazieren gegangen und hat uns manches Mal klein und unwissend gemacht. Mit Hausarbeiten haben viele von uns einen Packen an Misserfolgen gesammelt, der im Lauf der Schulzeit immer größer wurde. Diese Erfahrungen sind den meisten Menschen in unserer Gesellschaft vertraut" (Wendlandt, 2002, S. ..). Die BeraterInnen tragen selbst an diesem "Schicksal", geraten in ihrer Arbeit mit Klienten nun aber unversehens in die Rolle der "Lehrer", geben selber mehr oder weniger intensiv Hausaufgaben auf. In dieser Rolle spüren sie den Ärger über nichterledigte Aufgabenstellungen, beklagen die mangelnde Mitarbeit, können mit den Widerstände auf Klientenseite nicht unbefangen umgehen. Schuldgefühle tauchen auf, die Klienten nicht angemessen unterstützen zu können. Beziehungskonflikte, die sich um Hausaufgaben zuspitzen, machen hilflos und stellen nicht selten die eigene Kompetenz in Frage. Könnte es sein, dass angesichts dieses ganzen Kuddelmuddels, das Thema Hausaufgaben ein vernachlässigtes Thema geblieben ist? So richtig Spaß, sich damit systematisch zu beschäftigen, scheint sich nicht entwickeln zu wollen. (Hier sei darauf hingewiesen, dass eine systematische Abhandlung zum Thema "Therapeutische Hausaufgaben" mit zahlreichen Materialien für Klienten, Berater und Eltern seit kurzem vorliegt: Wendlandt, 2002).

5. Beratungsintegrierte Hausaufgaben - Interventionen zum Aufbau von Selbstveränderungskompetenzen

Es wird allerhöchste Zeit, den Versuch einer Begriffsklärung vorzunehmen: Was soll hier unter "Hausaufgaben" verstanden werden?

Indem sich Menschen mit ihrer Lebenssituation, ihren Problemen, ihren Ressourcen und Handlungsspielräumen auseinandersetzen, neue Einstellungen, Fähigkeiten und Bewältigungsmöglichkeiten erwer­ben, kommt es zur Ausbildung zugrundeliegender Kompetenzen, die für jede Art von Eigenveränderung und Problemverarbeitung von Bedeutung sind. Hausaufgaben, die in die Beratung integriert sind, lassen sich in diesem Sinne als eine sozialpädago­gische Basismethode verstehen, mit der nicht nur die Bewältigung aktuell anliegender Probleme und Beeinträchti­gungen angezielt wird. Vielmehr erlaubt der gezielte und kontrollierte Einsatz von Hausaufgaben die Aneignung übergreifender Strategien und situationsunabhängiger Bewältigungsmuster, sog. "Selbstveränderungs­kompetenzen" (vgl. Wendlandt, 2002, Kapitel 5: Selbstwahrnehmungs-, Zielformulierungs-, Planungskompetenz, Kompetenz zur Handlungsausführung und Kompetenz zur Handlungsbewertung). So erhält die Formel "Hilfe zur Selbsthilfe" Sinn: Im Rahmen eines Beratungspro­zesses kann ein Klient / eine Klientin anhand einer aktuellen Problemlage eine Hilfestellung er­halten, die sich zur Selbsthilfefähigkeit ausweitet, weil Kompetenzen erworben werden, die über den aktuellen Anlass hinaus eine bessere Selbststeuerung und damit eine auch langfristig wirksame Selbsthilfe erlauben.

6. Zu guter Letzt ...

Kemmler u.a. (1992, S. 9) sind von der Notwendigkeit des Einsatzes von Hausaufgaben überzeugt; sie formulieren (für den Bereich der Psychotherapie), dass sich Helfer dieses Instruments bedienen, "... damit das in der Therapie Erworbene, die dort gewonnenen Einsichten und die neu gelernten Verhaltensweisen in die Alltagswirklichkeit" umgesetzt werden können. Und Dryden und Feltham (1994, S. 94) betonen, dass der Einsatz von Hausaufgaben zu den "Grundfertigkeiten" eines Beraters gehören müsste, da der Veränderungsprozess durch den expliziten Einsatz von Hausaufgaben gefördert werde. Kanfer, Reinecker und Schmelzer (2000, S.416) mahnen, dass als Kriterium für eine effektive Veränderung eines Klienten nicht dessen verbale Aussagen, auch nicht dessen Verhalten im Beratungszimmer gelten könne, sondern "Veränderungen in dessen Alltagsleben". Und sie fahren fort: "Entscheidend sind damit die Aktivitäten und Veränderungen des Klienten zwischen den Sitzungen und nicht so sehr innerhalb der jeweiligen Therapiestunde."

Vielleicht habe ich ja nicht richtig aufgepasst. Vielleicht gibt es ja bereits eine Verständigung über die "Methode Hausaufgaben" in der psychosozialen Beratung. Ich meine nicht die Formulierung von Ansprüchen in den psychotherapeutischen Fachdisziplinen. (In der Kurzzeittherapie, Familientherapie und Verhaltenstherapie z.B. gelten therapeutische Hausaufgaben sehr wohl als gezielte Veränderungsinstrumente). Nein, ich meine die Kommunikation unter Kolleginnen und Kollegen, die Verständigung in der Sozialarbeiterwissenschaft oder - zumindest - in der sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Berufspraxis. Aber vielleicht habe ich ja nur nicht richtig aufgepasst ...


Literatur

Borgart, E.-J., Kemmler, L. (1989): Hausaufgaben in der Psychotherapie. Psychologische Rundschau 40, 10-17

Dryden, W., Feltham, C. (1994): Psychologische Kurzberatung und Kurztherapie. Einführung in die praktischen Techniken. München: Reinhardt

Edelmann, W. (2000): Lernpsychologie. Weinheim: Beltz PVU

Hilgard, E., Bower, G. (1970): Theorien des Lernens. Stuttgart: Klett

Kanfer, F., Reinecker, H., Schmelzer, D. (2000): Selbstmanagement-Therapie. Ein Lehrbuch für die klinische Praxis. Berlin: Springer, 3. Aufl.

Kemmler, L., Borgart, E.-J., Gärke, R. (1992): Der Einsatz von Hausaufgaben in der Psychotherapie. Report Psychologie 46, Heft 8, 9-18

Krech, D. et al. (1992): Grundlagen der Psychologie. Weinheim: Beltz PVU

Shelton, J.L., Ackerman, J.M. (1978): Verhaltens-Anweisungen. Hausaufgaben in Beratung und Psychotherapie. München: Pfeiffer

Wendlandt, W. (2002): Therapeutische Hausaufgaben. Materialien für die Eigenarbeit und das Selbsttraining. Eine Anleitung für Therapeuten, Betroffene, Eltern und Erzieher. Stuttgart: Thieme


Autor: Wolfgang Wendlandt, Diplom-Psychologe, geb. 1944, Promotion zum Doktor der Philosophie 1977. Seit 1979 Professor für Psychologie mit dem Schwerpunkt Beratung und Therapie an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin. Langjährige Tätigkeit als Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor mit Zusatzausbildungen in Gesprächspsychotherapie und Verhaltenstherapie. Seit drei Jahrzehnten Fortbildung von Berufsgruppen, die in der Diagnostik, Beratung, Therapie und Prävention von Menschen mit Störungen des Sprechens und der Sprache arbeiten. Forschungs- und Publikationstätigkeit auf dem Gebiet "Sprache und Kommunikation", "soziale Kompetenz" und "Redeflussstörungen".


Veröffentlichungsdatum: Januar 2002

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