Moderne Gesellschaften und Geburtenrückgang

Ein Blick durch die Brille Karl-Otto Hondrichs
oder:
Eine Rezension von Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft
(ders. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004)

von Claudia Winkler (Juni 2007)

Zusammenfassung

Karl-Otto Hondrich zeichnet ein Bild von den Widersprüchen und Paradoxien der Wirklichkeit, in der wir leben. Seine soziologische Sicht, mit der er erklärt, warum es bei allen Paradoxien geradezu logisch ist, dass in modernen Gesellschaften weniger Kinder geboren werden, fokussiert den romantischen Faktor "Liebe". Es sind nicht Geld, nicht Bildung, nicht Armut oder Wohlstand, sondern es ist die Liebe, die maßgeblich verantwortlich ist. Je idealtypischer die Liebe durch die Menschen bewertet wird, desto weniger von Liebe getragene lang andauernde Beziehungen gibt es - was somit auch weniger Kinder zur Welt kommen lässt, für die wir ebenfalls auf Liebe gegründete Ideale wünschen, nämlich Mutter und Vater zu haben und in Liebe gezeugt worden zu sein. Dies ist der Ausgangspunkt für die Entscheidung, ob ein Kind geboren wird oder eben nicht (vgl. S.16). Die Reproduktion moderner Gesellschaften unterliegt der Romantik der Liebe, die nicht steuerbar ist (vgl. S 13). Wie Hondrich also die Gesellschaft sieht und wie er damit zusammenhängend den Geburtenrückgang erklärt, ist das, was im Folgenden zu erfahren ist.

Einleitung

Inwiefern ist Liebe der Ausgangspunkt für Hondrichs soziologische Betrachtungen bzw. für sein Verständnis moderner Gesellschaften? Wie und wo entstehen aus seiner Sicht Dank Individualisierung genau gegenteilige Effekte, nämlich Einschränkungen von Optionen, wo bilden sich Traditionen und kollektive Vorstellungen? Was geschieht in modernen Gesellschaften mit Herkunftsbindungen, welche Bedeutung nehmen sie ein? Was bedeutet all dies für die Reproduktion moderner Gesellschaften?

Um zu verstehen, welchen Stellenwert Hondrich der Liebe beimisst, ist es notwendig zu erklären, was er zum Gesellschaftsaufbau sogenannter produktiver oder moderner Gesellschaften zu sagen hat, auch im Unterschied zu sogenannten reproduktiven, also traditionellen Gesellschaften. Dabei kommt man nicht umhin, sich mit Individualisierung zu befassen, denn Hondrich befasst sich seinerseits mit deren unausgesprochenen Seiten und deren gegenteiligen Effekten. Individuen haben nicht nur die Wahl. Denn die Wahl, die auch andere haben, schränkt individuelle Wahlmöglichkeiten oft ein. Und so bedarf es des Blicks auf das Umfeld des Menschen, nicht nur seine Beziehungen und Bindungen, auch seine Herkunftsbindungen gilt es zu beschauen.

Hondrich beschreibt unter dem Begriff Rückbindung, warum der einzelne eben nicht völlig individualisiert und losgelöst von der Herkunft immer neu entscheidet, sondern warum es die Gesellschaft ist, die manche Entscheidungen trifft - wie die der Familiengründung bzw. des Kinderkriegens.

Hondrichs soziologisches Konstrukt moderner Gesellschaften

Zahlreiche Soziologen wie beispielsweise Ulrich Beck gehen heute davon aus, dass wir im Zeitalter der Individualisierung leben. Herkunftsbindungen, also angeborene, lösen sich mehr und mehr auf, zu Gunsten von selbst gewählten Bindungen. Außerdem gilt, dass die soziale Welt von Systemen, von Kommunikation oder auch von globaler Ökonomie bestimmt wird. Nach Hondrichs Ansicht ist dem nicht so. So begann vor 100 Jahren die Soziologie damit, dass die Menschen erkannten, dass geteilte moralische Gefühle zwischen ihnen das sind, was die Menschheit treibt. Er stützt sich auf die Erkenntnisse von Durkheim, Simmel und Freud und schreibt den Gefühlen der Menschen eine wichtige Bedeutung zu (vgl. S.7 /8).

Normen in modernen Gesellschaften bzw. das Phänomen der kollektiven Gefühle

Hondrich beschreibt wie in modernen Gesellschaften gerade Frauen einen besonderen Anspruch an sich und ihr Leben haben. Sie wollen eine Ausbildung machen, einen Job haben, einen Partner finden, Kinder haben. Natürlich all das als "eigene" Aspekte. Dass sie all diese eigenen Wünsche haben, macht sie gar nicht so individualisiert, denn sie teilen diese Wünsche mit der Mehrheit der Frauen innerhalb der Gesellschaft. Damit werden diese Wünsche zu Normalität, bzw. zu verbindenden und verbindlichen Normen innerhalb der Gesellschaft. Es handelt sich dabei um kollektives Empfinden (vgl. S. 11). Damit steht es dem einzelnen gar nicht mehr so frei, diese Wünsche zu haben. Sie verbinden sich mit einem Muss. Natürlich "muss" jeder im Anschluss an die Schule eine Ausbildung absolvieren, dann "muss" jeder arbeiten und Geld verdienen, und Kinder "muss" man auch haben - mahnen jedenfalls Politik und gesellschaftliches Familien- und Mutterideal.

Emanzipation

Hondrichs Beschreibung sogenannter traditioneller Kulturen legt dar, dass Frauen nicht entscheiden müssen, ob und wie viele Kinder sie bekommen und es somit einfacher zu haben scheinen. Für Frauen, die jeweils in ihrem Kulturkreis leben, scheint dies nachvollziehbar. Hondrich beginnt seine Darstellung nun mit der Geschichte zweier Frauen in einer Frauenarztpraxis. Assia, die Libanesin, hat eine Spirale. Petra, die deutsche Arzthelferin hat ihr gut zugeredet, weil es eben Petras Sozialisation entspricht, Geburten zu kontrollieren, was Petra selber aber, in Ermangelung einer von Liebe getragenen Partnerschaft, nicht kann. Damit stellt Hondrich Assias Spirale als Petras Verhütungswunsch dar. Den Hinweis, dass auch Frauen, denen keine Emanzipation zu Hilfe kommt, sich ebenfalls weniger Kinder wünschen, gibt Hondrich aber selbst. Assia hat schließlich eingewilligt, denn "nun, nach dem fünften, will Assia keine Kinder mehr" (S.9).

Im Rahmen traditioneller Kulturen bekommen die Frauen dennoch mehr Kinder und oft verzweifeln sie auch, genauso oft fügen sie sich vermutlich in ihr Schicksal. Insgeheim aber scheint es denkbar, dass sie weniger Kinder und mehr (Entscheidungs-)Freiheit wünschen. Hondrich spricht unterschwellig auf diese Weise Emanzipation schuldig am Geburtenrückgang moderner Gesellschaften. Sie mag auch eine von vielen Ursachen sein, aber für diejenigen, die den Geburtenrückgang stoppen sollen, also aktiv werden sollen und gebären müssen, ist und bleibt sie eine Errungenschaft. In westlichen Gesellschaften ist die Emanzipation ein besonders großes kollektives Gefühl. Sei es, um darin aufzugehen oder um Diskussionen und Dispute daran zu entzünden.

Liebe als Institution

Liebe als Steigerung aller Gefühle; Liebe als größtes verbindendes Element zwischen Menschen; Liebe als Hingabe; Liebe als Grund für Trauer; Liebe als größtes Glück - all das kennen wahrscheinlich alle Menschen. Seit Tausenden von Jahren wird Liebe beschworen und inszeniert. Filme, Gedichte, Geschichten, Theater alles dreht sich gleichermaßen um ein romantisches Ideal, wenn es um Liebe geht. Und dies ist weltweit gleich, was sich am besten zeigt, wenn man das westliche Liebesideal vergleicht mit dem aus Indiens Traum-Film-Werkstatt Bollywood.

Der Unterschied zwischen den Kulturen besteht nicht darin, dass man dieses romantische Ideal kennt, verehrt, ja selber gern für sich in Anspruch nehmen will, sondern welche Bedeutung es in der Lebensrealität einnimmt. Hondrich wählt wieder den Vergleich der beiden Frauen. Die Libanesin bekam den Ehemann mehr oder weniger gut gewählt durch ihre Eltern, die nach rationalen Gesichtspunkten und dem, was sie für ihre Tochter für gut halten, entschieden. Kinder bekommt sie, weil das so ist, und sie hat wenige Steuerungsmöglichkeiten. Die Deutsche sucht sich ihre Partner selber. Sie wünscht sich Kinder und die große Liebe. Letztere findet sie nicht, daher hat sie auch noch keine Kinder. In der westlichen Gesellschaft heiratet man nicht, weil man sich gut einrichten will im Leben, man heiratet aus Liebe, aus ehrlicher bedingungsloser Liebe, die bis in den Tod Liebe bleiben soll. Damit ist die Liebe in modernen Gesellschaften Institutionalisiert. Heiraten aus anderen Gründen, etwa als sogenannte "Scheinehe", um im Land bleiben zu können, ist verboten und wird strafrechtlich verfolgt. Der Stellenwert der Liebe wird in diesem Beispiel besonders deutlich. Mit dieser Institutionalisierung von Liebe baut die Regeneration moderner Gesellschaften auf einem romantischen Konstrukt und bleibt folglich zwangsläufig bei geringer Rate (vgl. S. 12/ 13).

Individualisierung und das Dilemma von Freiheit und Fremdbestimmung in der Liebe

In der Liebe zeigt sich ein Dilemma von Freiheit und Fremdbestimmung. Liebe, als historischer Teil der Bewegung zur Freiheit, ist mit dem Freiheitsbegriff verbunden, und so haben wir heute auch die Freiheit, aus Liebe zu heiraten und die Familie auf Liebe zu gründen. Wir sind frei von Klassenzugehörigkeiten, Herkunft und anderen strukturellen Machtaspekten. "Liebe zieht auch eine Grenze gegenüber Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft und befreit so gut es geht von deren Zwängen. Freiheit heißt hier Verselbständigung und Selbststeuerung von Lebenssphären gegeneinander." (S. 13)

Gleichzeitig engt sie aber auch wieder ein. Hondrich spricht von "Ausleben und Einhegung" (S.14) zugleich. Denn nun ist Liebe eigentlich auch auf einen Partner festgelegt, obwohl gerade diese Grenze durch Aspekte wie Erotik außer Kraft gesetzt wird. Da die individualisierte Weltgesellschaft gerade keine Grenzen setzen will, tritt an dieser Stelle das benannte Dilemma besonders deutlich hervor.

Hinzu kommt, dass in Weltgesellschaften zwar scheinbar frei gewählt werden kann, wen man zum Partner nimmt, aber auch hier die Wahl nicht über bestimmte Grenzen hinauskommt. Die Menschen bleiben eng in ihrem sozialen Umfeld, suchen sich Partner aus ihren Bildungskreisen. Schulen, Arbeitsstellen, Universitäten werden zu "Heiratsmärkten" (vgl. S. 14). Die Partnerwahl innerhalb der Bildungsschicht erfolgt eher unbewusst, ist aber logisch auf Grund der gemeinsamen Basis der Menschen. Zudem ist es so, dass Partnerschaften heute desto weniger funktionieren, je mehr sich einer scheinbar weiterentwickelt und der andere nicht. Er wird damit uninteressant für den Partner, der dann jeder Zeit neu wählen kann. Um dies zu vermeiden, wählt man gleich entsprechend, oder der eine Partner entwickelt sich zwangsweise im Sinne von Individualisierung weiter. Was, wie sich zeigen wird, auch nicht hilft, um Liebe bzw. die Beziehung ewig zu konservieren. Der Aspekt der Fremdbestimmung - in der Freiheit des Partners - wird hier besonders archaisch und elementar erlebt, und ist somit schicksalhaft (vgl. S.15).

Individualisierung am Beispiel von Paarbeziehungen

Das beschriebene Dilemma mit seinen Folgen veranschaulicht Hondrich nun am Beispiel von Paarbeziehungen.

Paarfindung

Jeder einzelne ist gefangen in kollektiv verbindlichen Normen. Sie lösen sich nicht Dank Individualisierung auf und werden zu "individuell beliebige[n] Entscheidungen". Das "ist eines der größten Selbstmissverständnisse "freier" Gesellschaften" (S. 16).

Für Paarbeziehungen heißt das, dass jeder sich zunächst seinen Partner mehr oder weniger frei wählen kann. Man kann heiraten, wen man liebt, man kann lieben, wen man mag und man kann auf das Heiraten verzichten usw. Voraussetzung ist aber immer: der Partner entscheidet gleich. Spätestens wenn der Partner sich gegen einen entscheidet, kann man nicht entscheiden, die Partnerschaft fortzusetzen. So finden Individuen in unserer Gesellschaft ihren Partner nach ihren Vorstellungen und nach ihrer Wahl. In traditionellen Gesellschaften ist das oft nicht so, gleichwohl heutzutage oft die Wünsche der Beteiligten mit bedacht oder berücksichtigt werden, die Wahl haben Eltern oder Verwandte, nicht aber das Paar selbst. In modernen Gesellschaften kann aber genauso wenig frei entschieden werden, dass eine Beziehung gut und von Dauer verläuft. Gerade die Liebe als Vorraussetzung, als gesellschaftliche Norm und Grundlage der Paarbeziehung zwingt das Individuum eine Beziehung einzugehen, wenn Liebe vorhanden ist, oder sie zu beenden, wenn die Liebe verloren gegangen ist. In dieser Hinsicht wirkt eine Festlegung auf das Schicksaal der Liebe, während es früher das Schicksaal der Klasse war oder das Schicksal, das andere gewählt haben.

Partnerschaften und Herkunftsbindungen

Da Liebe kein Garant für ewiges Fortbestehen der Beziehung ist, liegt es nahe, das Zusammenleben in den Beziehungen, von denen ein Mensch in westlichen Gesellschaften viele im Leben hat, in Phasen zu gliedern. Hondrich geht von I. Treffen und Zusammenleben, II. Heiraten, III. Kinder kriegen und IV. Scheidung aus. Letzteres geschieht schon deswegen, weil Liebe mit ihrem hohen Anspruch auf Harmonie die Beziehung zerstören kann. Auch wenn das Paar sich entscheiden würde, trotz fehlender Liebe zusammenzubleiben, würde es immer mit Konflikten leben müssen, welche sich im Zusammenleben zwangsläufig einstellen und am Ende käme möglicherweise die Trennung wegen der Konflikte. Verliebte sind bemüht, das Positive im anderen zu sehen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Die gemeinsame Liebe, die man miteinander teilt, ist bereits ein kollektives Gefühl, sie macht die Menschen "besser".

Lebt das Paar zusammen, erst recht nach der Hochzeit, entdeckt es allmählich die Unterschiede. Die Partner sind sich einander sicher, sind nicht mehr so verliebt wie am Anfang, sehen mehr von den Wirklichkeiten des Partners und sehen wie er geprägt ist von seiner Familie und von früheren Partnerschaften. Sie lehnen Dinge am Partner ab, die ihnen nicht gefallen. Gleichzeitig werden Dinge, um dem Partner zu gefallen aufgegeben. Langsam übernehmen die Individuen die Art zu leben, wie sie sie von der Herkunftsfamilie kannten, greifen auf Altes zurück. Damit wird das vermeintlich individuelle und neue gemeinsame Ich zugunsten eines alten kollektiven Kontextes - der Herkunftsfamilie - aufgegeben. Das Paar verliert an kollektivem Bewusstsein. Je länger die Ehe oder Beziehung allerdings dauert, desto größer ist auch die Chance, viele Gemeinsamkeiten zu entwickeln und daraus ein recht tragfähiges kollektives und verbindendes Gefühl des neuen gemeinsamen Ich aufrecht zu erhalten.

Führen die Konflikte des Alltages und die Größe der Differenz zwischen den Paaren zur Trennung, wird die Familiengründungsphase aber nicht beginnen. Es werden keine Kinder geboren. Wurden Kinder vor der Phase des Verlustes des Gemeinsamkeitsgefühls geboren, als Ausdruck der Liebe und Gemeinschaft, wird sich das Paar nach erfolgter Trennung intensiver streiten. Die Ex-Partner streiten dann aus Liebe zu ihren Kindern, um ihre Kinder oder um den Kontakt zu diesen. Kinder verbinden auch. So kann möglicherweise ein Paar auch versuchen, über die Geburt von Kindern neue kollektive Gefühle zu schaffen. Sind zum Zeitpunkt des Verlustes des Liebesgefühls schon eine Fülle an Konflikten da, ist die Trennung bei hoher Kinderzahl eher nicht zu erwarten, da die "Liebes- und Konfliktarchitektur" (S. 20) komplexer wird. Dies aber garantiert den Fortbestand der Ehe nicht.

Erleben Menschen in vielen Partnerschaften Trennungen bevor sie Kinder oder auch nachdem sie ein Kind bekommen haben, verlieren sie Zeit und möglicherweise den Glauben an die Liebe, was beides zu geringeren Geburtenwahrscheinlichkeiten führt.

Herkunftsbindungen sind nun genau jene Bindungen, welchen sich Menschen nach zerbrochenen Beziehungen zuwenden, um Halt zu finden. Individualisierungstheoretiker gehen davon aus, dass die Individuen Dank ihrer Wahloptionen neue Bindungen wählen. Hondrich bestreitet dies und vertritt die These, dass wir auf Vertrautes setzen, dass wir zu unseren Geschwistern oder Eltern gehen, zu einer besten Freundin, die uns wieder einfällt, um dort unseren Trost zu suchen (vgl. S. 52). Herkunftsbindungen bestehen also weiter und behalten wichtige Funktionen im Hintergrund. Hondrich führt aus, dass sich Herkunftsbindungen auch im Falle des Verstrittenseins zumeist reaktivieren lassen, während es ungleich schwerer ist, schnell eine neue Beziehung einzugehen. Gern bezieht er sich in seinen Ausführungen auf den Volksmund, quasi als Indiz für empirische Nachweisbarkeit seiner Annahmen. An dieser Stelle würde die Volksweisheit "Blut ist dicker als Wasser" seine Ausführungen untermauern.

Rückbindung im dialektischen Zusammenhang mit Individualisierung

Rückbindung im dialektischen Zusammenhang mit Individualisierung ist das, was aus dem eben Dargestellten folgt. Es gibt Bindungen, die wählbar und Bindungen, die vorhanden sind, aus denen ein Mensch sich nicht lösen kann. Wie gesagt: "Die latenten Bindungen lassen sich in der Regel aktivieren. Der Individualisierungsprozess, der in der Trennung des Paares, also in der Auflösung einer Wahlbindung gipfelt, führt zur Rückwanderung dieser Wahlbindung in nicht gewählte Herkunftsbindungen. Sie haben richtig gehört: Die Bewegung geht nicht von den traditionellen Bindungen und Zwängen zu den Wahlbindungen, sondern genau umgekehrt." (S.52f.)

Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang am Beispiel von Paaren mit Kindern. Sie haben also einmal die Wahloption Kinder haben zu wollen wahrgenommen, können aber nicht mehr entscheiden, sie nicht mehr zu wollen. Die biologische Elternschaft bleibt immer bestehen. Auch die Kinder haben keine Wahl, sie sind auf diese Eltern festgelegt. Eltern-Kind-Beziehungen sind traditionelle Herkunftsbindungen. Entscheiden Eltern sich zur Trennung, bleiben sie doch mit den Kindern verbunden, und zumeist kämpfen sie "erbittert um die Bindung" (ebd.) zu diesen Kindern.

Hondrich vertritt weiter die Ansicht, dass sich zwar die individuelle Partnerschaft löst, sich damit aber die Vorstellung des Liebesideals verstärkt. D.h. die konkrete Beziehung zum Partner wird formal aufgelöst zu Gunsten der Bindung an institutionalisierte Liebe, nämlich an den kollektiven Glauben der Gesellschaft an die Liebesehe (vgl. S.55f.).

Folgerungen in Bezug auf Geburtenrückgang

Reproduktive Gesellschaften gründen Ehe und Familie auf verschiedene sogenannte Loyalitäten, so dass Liebe ihre zerstörerische Kraft für die Ehe nicht entfalten kann. Es gibt - auch ohne Liebe - gute Gründe, die Ehe einzugehen oder aufrecht zu erhalten (vgl. S.26). In diesen Gesellschaften werden fünf bis sechs Kinder pro Frau geboren, in Deutschland nur ca. ein Kind.

Warum politische Mittel gegen Geburtenrückgang nicht greifen

Politik soll regeln, wie die Geburtenzahlen sich entwickeln. Hierzulande geschieht dies mit der Forderung nach und dem Ausbau von Rechtsansprüchen auf Krippen- und Kindergartenplätze, Arbeitsplätzen für Mütter sowie mittels finanzieller Anreize und Unterstützung für Familien. Die Erfahrung zeigt aber, dass die gewünschte Wirkung weitgehend ausbleibt. Die Geburtenzahlen sanken auch in Frankreich - trotz Familienpolitik - auf unter zwei Kinder pro Frau. In den USA hingegen, wo wenig familienpolitische Unterstützung herrscht, liegt die Rate paradoxerweise höher. Das liegt in beiden Fällen daran, dass nicht die Politik, sondern die Liebe die Familie "selbst steuert" (vgl. S. 26f.).

Geburtenraten per Politik zu erhöhen, versagt nach Hondrichs Erklärungsmodell im Westen, weil Familie - auf Liebe gegründet - zu wenige Aufgaben hat. In früh- und vorindustriellen Gesellschaften, also im Süden, will Politik Geburtenraten senken und scheitert, weil Familie zu viele Aufgaben hat (Versorgung, Alterssicherung, Sicherung des sozialen Status etc.). So benötigt man im Süden die Kinder, welche im Westen als zu teuer gelten. Die Geburten werden also von Überlebensbedürfnissen und Notwendigkeiten geregelt.

Liebesehe und Wunschkindvorstellung können laut Hondrich das Modell der Zukunft sein. Dies geschieht im Zuge weiterer Industrialisierung. "Entscheidend ist, dass Industrialisierung, Wohlstand und Bildung, insbesondere aber die Trennung der Lebenssphären, die Freiräume der Menschen erweitern und damit die Voraussetzungen für die Freiheiten der Liebe schaffen" (S.28).

Unter dem Aspekt "Kampf der Kulturen" beschreibt er wie im "Wettlauf von Ausbreitungsgeschwindigkeiten" (S. 29) sich Ideale und damit Kulturen ausbreiten. Den westlichen Gesellschaften angeglichene Regionen weisen über kurz oder lang auch Geburtenrückgang auf. Das heißt, dass moderne Gesellschaften an Gebiet gewinnen und gleichzeitig an Bevölkerung gewinnen, was in Osteuropa zu beobachten ist. Bezug nehmend auf Liebe als Teil der historischen Freiheitsbewegung lautet die Schlussfolgerung: Befreit sich die Welt, entvölkert sie sich.

Versucht eine industrielle Gesellschaft den Mangel an Bevölkerung (Arbeitskräften) durch Öffnung für Menschen aus anderen Kulturen auszugleichen, kann sie somit Gefahr laufen, sich im eigenen Gebiet zur Minderheit zu machen. Diese Zusammenhänge werden an Beispielen wie Migration (vgl. S. 82f.) und Ungleichgewicht zwischen den Generationen (vgl. S. 60ff.) eindrucksvoll vertieft.

Was also benötigt wird, um Geburtenzahlen zu beeinflussen, liegt in der Gesellschaft oder der Kultur begründet. Nicht eine Politik, die Finanzen und Elternzeiten steuert, ist wirkungsvoll, sondern eine die Einfluss auf gesellschaftliches Denken und somit auch auf kollektive Empfindungen nimmt.

Es bedarf sicherlich einiger ganz verlässlicher Sicherheiten. Die Sicherheit, einen Kitaplatz zu haben, hilft sehr viel mehr, als das gekoppelt sein an die individuellen Pläne der (Schwieger)-mutter. Die Zugangschwelle aber zu dieser Kita darf dann nicht in Unkalkulierbarkeiten von Arbeit, Einkommen, möglicher weiterer Geburten, Job des Partners, dem Lebensalter des Kindes etc. bestehen, sondern allein im Vorhandensein dieses Kindes. Ökonomische staatliche Mittel freizusetzen für Kinderbetreuung hilft der ganzen Gesellschaft, es schafft Arbeitsplätze, bildet und fördert den Nachwuchs, setzt Elternstress und damit auch Frustrationen herab und somit möglicherweise die Geburtenrate herauf.

In erster Linie aber bedarf es des Wandels des gesellschaftlichen Bildes von Liebesideal und Familie als eine Einheit, hin zu Geburt als Teil gesellschaftlicher Aufgaben von Familie. Dies könnte mittels immaterieller Hilfe im Sinne gesamtgesellschaftlicher Aufgaben gesteuert werden.

Als Frau oder als Familie stellt man sich hierzulande die Frage, wie vielen Kindern man gerecht werden kann. Das "Rabenmutterbild" wirkt nachhaltig und bewirkt, dass man lieber keine Mutter als eine "Rabenmutter" sein will. Versagen (auch oder gerade als Mutter) ist nicht zulässig in einer Leistungsgesellschaft, die Leistungsschwache ausgrenzt.

Wir haben heute nicht nur viele Möglichkeiten, sondern vor allem viele Aufgaben (Individualisierung und Leistungsgesellschaft). Gleichzeitig steigt der Stellenwert von Familie und Herkunftsbindung (Rückbindung). Wie bewältigen wir all das?

Nicht materielle, sondern immaterielle Hilfen würden womöglich die Geburtenraten in unserer Gesellschaft erhöhen können. Familienhebammen für alle, Au-pair staatlich gefördert, Erzieher- und Kinderpflegepraktikantinnen in Familien, Männer, die nicht nur formal Väterrollen übernehmen können, Elternkurse besonders für neue Väter und ideelle Entlastung durch ein neues gesellschaftliches Bild von Familie und Mutterschaft - das sind Modelle, die es vor diesem Hintergrund weiter zu denken, lohnen würde.


Autorin:

Claudia Winkler

  • 1975 in Dresden geboren,
  • 1994 Staatlich geprüfte Kinderpflegerin,
  • 1994/95 Fachoberschule,
  • 1995/96 tätig im Frauengesundheitszentrum,
  • 1996 - 2001 Studium Sozialarbeit/Sozialpädagogik,
  • 2000 - 2001 tätig im Jugendbildungsbereich,
  • 2001 staatlich anerkannte Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH),
  • seit 2001 tätig im Bereich Jugendhilfe bei einem freien Träger in Berlin,
  • seit 2006 im Studiengang Master of Arts: Schwerpunkt Familie,
  • zwei Kinder (geboren 2004 und 2006).


Veröffentlichungsdatum: Juni 2007


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