Helfen mit Kalkül

Ein dekonstruierendes Essay

von Jan V. Wirth (Mai 2006)

Das Helfen als ein zentraler (semantischer) Knotenpunkt in Theorie und Praxis Sozialer Arbeit verdient ganz sicher besondere Aufmerksamkeit, zählt er doch seit den Anfängen der Professionsbildung zu den ubiquitär gebrauchten Begriffen in der sozialen Arbeit. Zweitens erfreut sich die Semantik des Helfens und der Hilfe im Rahmen der System/Umwelttheorie in jüngster Zeit einer "theoretischen Renaissance" (vgl. Gängler 2001, 784). Und drittens scheint der Hilfebegriff  sich als ein "berufsgruppenübergreifender Universalcode, helfender Berufe" durchzusetzen"(Niemeyer 1999, 38). Gründe scheinen also allenthalben genug, um sich der modern-postmodernen Sinnimplikationen des Helfens reflexiv zu vergewissern und mit ihnen in ein konstruktives Verhältnis zu setzen, um ein Helfen - "als Unterstützung anderer bei der Erreichung ihrer Ziele begriffen" (Buchkremer 1996, 281) -  gelingender zu machen.

Die hiesige Titelei scheint vielleicht für manche Helfer -  auf den ersten, flüchtigen Blick -  eine semantische contradictio zu sein. Sie konnektiert alltagssprachlich betrachtet empathisch unterlegte Handlungen mit überlegter Berechnung. Das führt dieses Essay zu der interessanten Fragestellung: Wie können professionelle Helfer kalkulierend vorgehen?

Im Folgenden werde ich mich doppelsinnig dem Begriff des Helfens vor allem im Hinblick einer teils umstrittenen Theorieperspektive annähern, mit deren Einnahme und Übernahme immer öfter Einflüsse und Reflexionseffekte in der Theoriegenese Sozialer Arbeit zu vermelden sind (Baecker 2001, Kleve 1999, Eugster 2000, Fuchs 2005, Wirth 2005).

Mit der Begründerin der Sozialen Arbeit in Deutschland, Alice Salomon, ist Helfen eine "Sache des Herzens und des Gewissens" (vgl. 2004, 66 - orign. 1926). Es bedarf keiner weiteren Ausführungen: "Wer in Not ist, dem gilt es zu helfen? (Niemeyer 1999, 27). Da muss nicht lange überlegt werden, selbstlos und opferbereit tauchen HelferInnen angesichts fremden Leids in deprivierte Lebenswelten und in triste Realitäten von ubiquitärer sozialer Unterprivilegierung ein. Als Dienst am Menschen und der Gemeinschaft scheint eine Nächstenliebe als Beruf vor allem motivational Warmherzigkeit und Anteilnahme zu erfordern. Zu Recht: Eine Praxis der Sozialen Arbeit ohne Anteilnahme, Mitfühlen und Einfühlen seitens der HelferInnen ist schlechterdings nicht vorstellbar. Die auch soziokulturell angeeignete Befähigung, sich in andere Menschen hinein zu fühlen und persönliche Anteilnahme werden motivational als unerlässlich betrachtet: wie sollte sonst ein Helfen vonstatten gehen, wenn die Helfer nicht über ihren eigenen Problemchenhorizont hinaus zu gelangen bereit wären? Zum Auf- und Umbau tragfähiger Arbeitsbeziehungen zwischen Helfern und Klienten sind das Ausdrücken von Empathie und Gefühlen wichtige Elemente des Helfens. In einer kritischen (Selbst-)Beobachtung liegen die Dinge nicht so klar: Helfen ist sicher ein guter (Sozial-)Dienst. Nicht zuletzt dient es aber auch der Aufbesserung des eigenen Status?: Wer sieht sich nicht gern in den Augen anderer als selbstloser Helfer bei der Kompensation von sozialer Ungerechtigkeit? Seit Schmidbauer müssen sich Helfer sogar die Frage gefallen lassen, inwieweit sie durch ihre hohe Hilfsbereitschaft anderen Menschen gegenüber einer eigenen Problemlage, nämlich u.a. Sinnentleertheit bearbeiten.

Aus einer noch relativ unbekannten, nicht nur semantisch gänzlich anders sortierten Theoriesparte, nämlich der mathematischen Epistemologie diffundieren nun, über einen system/-umwelttheoretischen Bezugsrahmen, Begriffe wie dem Kalkül (und der Form) in die praxis-theoretischen Beschreibungen professionellen Helfens hinüber und kontrastieren die tradierten, alltagsnahen und humanistisch-philanthropisch gefärbten Alltagssemantiken. Diese zirkulieren, obwohl dem weiter anhaltenden Zuge der gesellschaftlichen Transformation sozialer Hilfe von individuell-motivierter zu professionell organisierter  Tätigkeit ausgesetzt, nach wie vor solide positioniert in den praxistheoretischen Umlaufbahnen Sozialer Arbeit. Als idealisierende humanistisch-essentialistische Beschreibungen -  warum dem Menschen als Individuum geholfen werden muss - aktualisieren sie stets die moralisch begründete Motivation und revitalisieren eine individuell-gesellschaftliche Legitimation von Helfern, die in der Praxis des Helfens als wichtige Antriebsquelle für Helfer erforderlich zu sein scheint. Diese Semantiken sekundieren jedoch m.E. - unfreiwillig -  eine unterkomplexe Auffassung vom Helfen in modernen/postmodernen Gesellschaften mit hoher Differenzierung und Interdependenz. Pointiert gesagt: Sie unterminieren die Professionalisierungsbemühungen einer Profession Sozialer Arbeit, da sie soziales Helfen primär als Sache des Herzens, als eine aus humanistisch-moralischen Gründen indizierte Tätigkeit vorstellen und begründen.

Ein soziales Helfen, mit sozialromantisch-gerechter Attitüde zur Errettung Einzelner oder Mehrerer vorgängig und als ehrendes Anliegen eines zu humanen Mitgefühl fähigen Helfers prämiiert, startet in praxi vor allem mit emotiver und persönlicher Zuwendung angesichts fremder Not.

Ohne einen präzisen Beobachtungs- und Begriffsapparat jedoch, der die Prämissen des eigenen Handelns erst nachvollziehbar und beschreibbar macht, mündet soziales Engagement und professionelles Helfen vielleicht schneller als befürchtet in gegenseitiges Unverständnis, Resignation und eigene Hilflosigkeit ein. Das praxistheoretische Problem liegt nun dergestalt isoliert auf der Hand: eine Theorie Sozialer Arbeit mit mitfühlend-moralisierender Semantik ausgerüstet und durch das Wissen legitimiert, auf der richtigen, nämlich einer humanen und humanitären Seite zu wirken, versucht den ihr gegebenen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, in dem sie sich selbst als moralisch vorstellt. Damit verleiht sie ihren professionellen Geltungsansprüchen Ausdruck und sich partielle Definitionsmacht hinsichtlich Moral.[1] Diesem theoretisch-moralisch imprägnierten Ruf wird zuweilen nicht zuletzt aufgrund zweier - problematisch zu nennender -  Hoffnungen von professionellen Helfern gefolgt, so die lokale These.

Die primäre Hoffnung ist die auf eine Verbesserung der Seite der Welt (die Gesellschaft), die als nicht oder zu wenig helfend wahrgenommen wird. Gäbe es dort Hilfe, wären Helfer per se überflüssig. Wer anderes behauptet, müsste ja auf die Frage Antwort geben können, wie sich anderweitig überhaupt ein gesellschaftliches Hilfesystem wie das der Sozialen Arbeit hätte etablieren können, das genau diese Absenz von Hilfe in anderen Funktionssystemen (Wirtschaft, Recht, Wissenschaft) kompensiert? Im Weiteren wird noch versucht dies implizit zu beantworten.

Die sekundäre könnten wir als eine explizit moderne und alteuropäische Hoffnung (subjektunabhängig, Eindeutigkeit anstrebend, absolut) bezeichnen und somit die Aussicht auf Erfüllung derselben postmodern minimalisieren, wenn nicht sogar absorbieren. Das Moralische verleitet zu der Hoffnung, gerade durch die Hingabe an Normen und Gesetzen könnte der Mensch seine Daseinsvollzüge verlässlich strukturieren, Komplexität sinnvoll reduzieren und die belastende Vieldeutigkeit aller möglichen Weltwahrnehmungen in Eindeutigkeit überführen (vgl. Berner 2003,121). So gesehen ist Moralität - noch in konventioneller Semantik -  zwar ein anthropologisches Grundverlangen. Postmodern muss hier aber selbstreflexiv gefragt werden, auf Grund welcher, auch wissenschaftstheoretischen Prämissen, professionelle Helfer ihre eigene Weltwahrnehmung als moralisch (welcher Wertmassstab liegt ihrer Arbeit zugrunde?) beurteilen können, sind doch Terme wie Pluralität (von Welten) und Ambiguität (Vielwertigkeit) die adäquatesten  Begriffe, um gegenwärtige, noch steigerbare gesellschaftliche Differenzierungen zu beleuchten. Nicht zuletzt begibt sich der moralisch handelnde Helfer in ein neues Dilemma: wer in praxistheoretische Kommunikation moralisierende Impulse einführt oder aufgreift, läuft immer Gefahr, selbst moralisch bewertet zu werden. Mit anderen Worten: ein sozialarbeitswissenschaftliches Koordinatensystem, das sich noch durch eine, eben nicht mehr modern begründbare  und kontextunabhängige Moral zum Helfen selbst legitimiert und identifiziert, ist prekär. Gänzlich anders damit umgehend fasst zunehmend ein theoretischer Bezug wie die funktional-analytische Analyse in der Theorie (und Praxis) sozialer Arbeit Fuß. Eine vielleicht chancenreiche Konklusion für die Praxis des Helfens soll hier Gegenstand sein, um zu zeigen, dass der modus operandi, nämlich die Einheit von Helfen/Nichthelfen, nunmehr ohne Rekursion auf eine postmodern schwierig zu begründende (transzendente) Moral, keine kontradiktorische Opposition bilden. Vielmehr kann diese Operationsform als ein Möbiussches Band im Vollzug sozialer Arbeit betrachtet werden. Um sich nun zu einem Helfen ohne moralisch-essentialistischen Gehalt ins Verhältnis zu setzen, könnte es sich als vorteilhaft erweisen, kalkulierend und das bedeutet en passant zugleich differenztheoretisch vorzugehen.

Der epistemologische take off eines solchen distinktionslogischen und zugleich konstruktivistisch transdisziplinären framework,  auf den insbesondere die Systemtheorie sensus Luhmann abstellt, ist das Kalkül von Spencer-Brown[2], womit an die hiesige Titelei angeknüpft werden kann. Das Kalkül als eine Form logischer Ableitung kann lexikalisch als Synonym für Rationalität und strenge, mathematisch daherkommende Regelsysteme angesehen werden.

Was ist ein Kalkül? Kalküle sind die Elemente der  Lehre der Formen und Gesetze des Denkens: der Logik. Es ist nicht nur so behauptet, dass der Logik an sich erst einmal etwas Kaltes und Nüchternes anhaftet bzw. Kaltblütiges insinuiert, auch lautsprachlich transportiert doch z.B. der Term Kalkül  selbst die Kühle des Kalkulierens, stammt jedoch vom Lateinischen "calculus" (Steinchen) ab. Logisch denken konnotiert eine Beherrschung des Denkens in Bezug auf exklusive Schlussfolgerungen, die der konsequenten und regelgeleiteten Anwendung der zugrundegegten Prämissen und Formalien Rechnung tragen - z.B. A = (f)B -  und dem Ausschluss anderer, die zwar denkbar wären, jedoch nicht einem formal eindeutigen Denken genügen.

So betrachtet wird die Spannung zwischen der Rationalität (vernunftgemäßes Denken)  und Irrationalität (nicht mit dem regelgeleiteten Verstand erfassbar) offensichtlich, wenn wir rhetorisch an der Differenz von Rationalität/Irrationalität festmachen wollten. Während die Logik mit Markierungen arbeitet, die benennbar nachvollziehbar sein sollen, haftet der Irrationalität (in einem Atemzug mit Emotionen und Gefühlen) der Makel des Flüchtigen, des Spontanen und der Impulsivität - und damit der Ungewissheit an: man könnte auch anders handeln, die Gründe (zum Helfen) bleiben theoretisch nebulös.

Doch zurück zum Kalkül. Zumindest wäre bis hierhin die fachdisziplinäre Herkunft des Terms Kalkül erklärt. Nicht erklärt ist die Notwendigkeit für Helfer, dieses oder jenes Kalkül oder gar Theorien wie die System/Umwelttheorie kennen (und anwenden) zu müssen. Eine solche Notwendigkeit ließe sich auch gar nicht rechtfertigen. Postmodern betrachtet ist auch dieses Modell von Erkenntnisbildung nur ein mögliches unter vielen (vgl. zu postmodernem Helfen ausführlich Wirth 2005). Um jedoch überhaupt beschreiben bzw. erklären zu können, was die Praxis des Helfens von anderen Tätigkeiten genau unterscheidet, sind Diskurse über die Voraussetzungen des Handelns nötig, denn es gibt kein voraussetzungsloses Handeln (oder Helfen).

Im Folgenden liegt die Hypothese zugrunde, dass soziales Helfen nicht nur Helfen insinuiert, obwohl berufsbeschreibende Semantiken dies notwendig fokussieren müssen: es ist gerade das Helfen, das(s) Helfer identifizierbar macht: Tischler tischlern, Bäcker backen, Helfer helfen. Damit wird jedoch nur eine Seite der Handlungsformen markiert. In der (post)modernen Gesellschaft ist eine weitergehende (Selbst-)Beschreibung nicht nur eben verfügbar, sondern theoretisch plausibler:

Die operative Form Sozialer Hilfe ist die Wirkeinheit aus Helfen und Nichthelfen.

Sie wird von professionellen Helfern in praxi (fast) genauso reflektiert:

"Nur Akteure im Berufsfeld Sozialer Arbeit können den Zusammenhang zwischen den Interventionen helfen und nicht helfen auf Grund ihres Theorieverständnisses und ihrer Berufserfahrung sehen. Gerade dieses paradoxe Unterfangen, einem Hilfe Suchenden nur mit nicht helfen zu helfen, ist etwas, was Erfolg hat" (Heike; z.n. Harmsen 2004, 262). Dieser Interviewauszug ist zweifach interessant: Erstens ist die erfolgreiche Wirkeinheit von Helfen und Nichthelfen in der Praxis sicher lange bekannt. Das Statement von Heike ist nichts anderes als die (ob ungewusst oder gewusst, war nicht zu klären) Reflexion des Kalküls: Zuerst bezeichne dieses im Unterschied zu jenem. Spekulativ: Heike markiert nicht nur die Seite des Helfens, um dort weiter anschließend Klienten (Personen, Paare, Gruppen, Organisationen) bei der Erreichung ihrer Ziele zu unterstützen. Ihr praxistheoretischer Ausgangspunkt ist vielmehr die Einheit der Differenz von Helfen und Nichthelfen. Diese Operationseinheit ist der (paradoxe) Startpunkt ihres Helfens. Diese Operationsbeschreibung ist die Selbstreflexion des Formenkalküls:  Ein Beobachter (Heike) beobachtet: sie sieht das, was sie sieht: hier helfen. In der Selbstbeobachtung kann Heike diese Beobachtung erster Ordnung auch aufgrund ihrer Erfahrung an den Startpunkt allen Beobachtens im Kontext des Helfens zurück binden: Helfen und Nichthelfen. Das Formenkalkül macht diesen Vorgang theoretisch begreifbar und  professionell anwendbar: es versetzt HelferInnen nun (endlich, muss man fast aufatmend sagen) auch theoretisch in die Lage, diese Paradoxie professionell zu erfassen und die Anschlussbeobachtungen für Soziales Arbeiten diskutierbar, gleichsam handhabbarer zu machen.

Kritisch ist sicher anzumerken, dass Heikes Aussage zu stark auf die Nichthelfen-Seite sinnhaften Bezug nimmt: Mit Nichthelfen kann eben nur nicht geholfen werden. Ohne Hilfegeben verliert soziales Helfen seine Existenzberechtigung. Nur mit der selbstreflexiven Oszillation zwischen Helfen/Nichthelfen, eigenständig oder durch Supervision begleitet, kann die semiotisch grosse Distanz von Helfen und Nichthelfen (dazwischen liegen gleichsam Welten) im jeweiligen individuellen psychischen Vorstellungsraum verkleinert werden.

Soziologisch wird mit der Indienstnahme des Spencer-Brownschen Formenkalküls die Operationsform der Systeme Sozialer Hilfe (Organisationen, Funktionssysteme) in funktional differenzierten Gesellschaften abgeleitet: Diese operieren entlang der Leitdifferenz von Helfen und Nichthelfen, wobei die existenzsichernde Präferenz des Systems Sozialer Arbeit - auf welcher Systemebene auch immer - das Helfen ist. In ihrer sozialen Umwelt identifiziert sie mittels dieser Unterscheidung in der Kommunikation Hilfebedürftigkeit und Problemlagen und dockt mittels Unterscheiden/Bezeichnen (hier Hilfe nötig ) an. Das Nichthelfen als Selektionsmöglichkeit ist - semantisch -  ein unerkundeter Raum, der für soziales Arbeiten zunächst nichts darstellt außer eine (kommunizierende) Umwelt, die sie benötigt, um sich von ihr semantisch abzugrenzen und ihre Binnenorganisation strukturieren hilft. Dergestalt wird verstehbar, dass die Alltagssemantiken, aber auch die soziale Gesetzgebung problem-orientiert daherkommen: Wo kein Problem ist, ist Hilfe unnötig. Anders herum: Hilfe soll/kann erst gewährt werden, wenn Bedarf - angesichts eines Problems - von wem auch immer artikuliert wird.

Mit der Indienstnahme eines theoretischen Formbegriffs wie dem Spencer-Brownschen Formenkalkül kann ja nun der Beobachtungsapparat schärfer gestellt werden. Eine postmodern agierende soziale Arbeit fokussiert damit theoretisch und praktisch stets die Wirkeinheit von Helfen und Nichthelfen zugleich. Kein Hilfesuchender ist völlig hilflos, so lautet die zugrunde gelegte Annahme, auf die sich nicht nur Berufsoptimisten einlassen dürften. Mit räumlicher Metapher gesprochen: empathiegeleitete Helfer (ich sehe doch, dass hier Hilfe angezeigt ist) sichten zuerst den Hilferaum - schließlich sind sie ja Helfer (keine Biologen oder Bäcker)  -  und bewegen sich dann methodisch angelehnt in die Richtung der Ressourcenecke des Klienten und stöbern vielleicht diese oder jene positiv bewertete Quelle und Ressource auf. Auch mit Blick auf Lösungsorientiertheit wäre dieses Vorgehen zweifelhaft. Zweitens bleibt auch unklar, "ob das, was als Hilfe beschrieben wird" zum Beispiel vom Klienten als Hilfe gewertet wird (oder als Eingriff, Übergriffe, Unverfrorenheit, Kontrolle, Willkür usw.), hängt von Erwartungslagen, von Erwartungserwartungen, von Vorverständnissen ab? (Hervorhebungen im Original; Eugster 2000, 33).

Mit dem Wissen um Beobachtungsmodi wie dem Formenkalkül  kann der ,kalkulierende? Helfer den einen oder anderen Geländegewinn (daraus folgt Effizienzgewinn) für sich bzw. für klientele Systeme verbuchen, denn sein Beobachtungs-Workflow prozessiert nicht nur entlang der Beobachtung der Einheit der Differenz von Helfen/Nichthelfen, um dann - auf einer Seite verbleibend  - weiter zu operieren.Vielmehr nimmt er diese permanent selbstre-flexiv in den (oszillierenden) Blick. Diese Oszillation ist nicht voraussetzungslos zu haben. Sie benötigt Ressourcen, die Sozialarbeiter für sich einfordern müssen: z.B. mehr Zeit (angesichts voller Warteflure), Supervision und Wissen über Gesprächsführung (Weiterbildung).

Der Gewinn für Theorie und Praxis ist nun einfach, dass die Oppositionen kognitiv viel enger zusammen gerückt werden und damit die Praxis des professionellen Helfens nunmehr auch theoretisch gefasst und reflexiv nach vollzogen werden kann. Das Nichthelfen, obwohl ständig in Anwendung, wird in den Suchräumen der bekannten Sozialarbeitstheorien, aber auch in der Lehre Sozialer Arbeit, stiefmütterlich behandelt. Die Einheit der Differenz von Helfen/-Nichthelfen als Theorie-Baustein in die Lehre Sozialer Arbeit zu integrieren wird m.E. die zukünftige Ausbildung zukünftiger Helfer und Helferinnen verbessern.


Literatur

Ameln, Falko von (2004). Konstruktivismus: die Grundlagen systemischer Therapie, Beratung und Bildungsarbeit. Basel: Francke.

Baecker, Dirk (2001). Systemtheorie. in: Thiersch und Otto (Hg.): Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik. S. 1870-1875, Neuwied [u.a.]: Luchterhand.

Berner, Knut (2003). Die Verwobenheit von Macht und Moral: Zur Dekonstruktion der Herrschaft von Geltungsansprüchen. in: Junge (Hg.): Macht und Moral.  S. 119-142, Opladen: Westdeutscher Verlag.

Buchkremer, Hansjosef (1996). Hilfe. in: Kreft (Hg.): Wörterbuch soziale Arbeit: Aufgaben, Praxisfelder, Begriffe und Methoden der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. S. 280-287. Basel: Beltz.

Eugster, Reto (2000). Die Genese des Klienten - Soziale Arbeit als System. Berlin Stuttgart Wien: Haupt Verlag.

Fuchs, Peter (2005). Soziale Arbeit - System, Funktion, Profession. in: Uecker und Krebs (Hg.): Beobachtungen der Sozialen Arbeit. Theoretische Provokationen - Band 1. S. 13-18, Heidelberg: Carl-Auer-Verlag.

Gängler, Hans (2001). Hilfe. in: Otto und Thiersch (Hg.): Handbuch zur Sozialarbeit - Sozialpädagogik. S. 772-786. Neuwied u.a.: Luchterhand.

Harmsen, Thomas. Die Konstruktion professioneller Identität in der Sozialen Arbeit. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme-Verlag, 2004.

Kleve, Heiko (1999). Postmoderne Sozialarbeit. Aachen: Kersting Verlag.

Krause, Detlef (1999). Luhmann-Lexikon: eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann. 2. Auflage; Stuttgart: Enke.

Niemeyer, Christian (1999). Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Münster: Votum.

Salomon, Alice  (2004). Frauenemanzipation und soziale Verantwortung: Ausgewählte Schriften (1872-1948); [Veröffentlichung des Forschungsschwerpunktes 'Theoriegeschichte Sozialer Arbeit' an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin]. [Neuwied]: Luchterhand.

Wirth, Jan V. (2005). Helfen in der Moderne und Postmoderne. Fragmente einer Topographie des Helfens. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.


Anmerkungen

[1] "Moral ist die Bewertung von Lebensvollzügen" (Berner 2003, 122).

[2] Die Logik von formbildenden Operationen wurde in Laws of Forms publiziert:

Jeder Wahrnehmungsvorgang besteht aus einer Unterscheidung (distinction) und einer Bezeichnung (indication). Durch die Bezeichnung des Unterschiedenen wird Identität konstruiert, und zwar stets im Differenz von etwas anderen. (vgl. von Ameln 2004, 29ff). Zur Einführung ins Kalkül als Baustein der System/Umwelttheorie sei Krause (1999) empfohlen.


Autor:

Jan V. Wirth

  • Kurzbiografie:

    Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge (FH),

  • Studium der Sozialarbeit/Sozialpädagogik an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin - 2002-2005,

  • NLP-Practitioner (ASFH) - 2004-2005,

  • Tutor mit Lehrauftrag im Computerzentrum der ASFH Berlin - 2003-2005,

  • Kraftfahrzeugmechaniker - 1987;

  • Forschungsschwerpunkte:

    Theorie der Sozialarbeit, Sozialarbeitswissenschaft, postmoderne und systemtheoretische Konzeption Sozialer Arbeit, Organisationstheorie;

  • Publikationen:

    Wirth, Jan V. (2005). Helfen in der Moderne und Postmoderne. Fragmente einer Topographie des Helfens. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.


Veröffentlichungsdatum: Mai 2006


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