Hans-Christoph Vogel

Special (September 2002)


zum 60. Geburtstag


Zum Geleit

von Bernd Woltmann-Zingsheim

Am 29. September 2002 ist Hans-Christoph Vogel sechzig Jahre alt geworden. Dieses Online-FestNetz im Online-Magazin soll vor allem dem Jubilar Freude bereiten. Es strebt keine irgendwie realistische Darstellung einer Person an und verfolgt auch nicht den wissenschaftlichen Anspruch einer akademischen Festschrift. Es möge vielmehr Exempel eines anschlussfähigen und folgenreichen Werkens und Wirkens zeigen.

Apropos Person. Wie würdigt man eine "Person", die sich selbst systematisch mehr für "Organisationen" zu interessieren scheint, und darüber regelmässig in die Umwelt der eigenen(?) Überlegungen tritt - vielleicht überrascht, gelegentlich überhaupt noch vorzukommen. Ich habe zur Lösung dieser kniffligen systemtheoretischen Frage auf den bewährten alteuropäischen Ausdruck "Mensch" zurückgegriffen – was immer er bezeichnet.

So wurde plötzlich alles ganz einfach: Freunde, Kollegen, Studenten und andere Menschen wurden eingeladen, einen Beitrag zu liefern und sie liefern bis heute in einer überraschenden Vielfalt und Kreativität. Dafür sei ihnen allen herzlich gedankt.

Hervorheben möchte ich die spontane Bereitschaft von Heinz Kersting, die wunderbare Ferkel-Plattform bereit zu stellen. Und ohne den hervorragenden technischen Support und das professionelle Layout von Albert Verleysdonk, wäre es bei einem "trockenen Furz" geblieben (wie der Schriftleiter vielleicht sagen würde).

Natürlich kann ich die Gelegenheit nicht verpassen, anlässlich seines Geburtstages über mich zu reden. Alles Gesagte wird schliesslich von jemanden gesagt. So oder ganz ähnlich lautet einer der "Kernaphorismen" von Humberto Maturana und Francisco Varela in ihrem Band "Baum der Erkenntnis" (1987) und damit ging für mich irgendwie alles mit ihm los.

Beim zweiten Versuch, mein Sozialpädagogik-Studium in Mönchengladbach zu beginnen (der Erste wurde 1986 abrupt durch die späte Einberufung zum Zivildienst unterbrochen), begegnete mir am Anfang des Wintersemesters 1987/88 im Blockseminar "Studienmethodisches Arbeiten" ein Professor Vogel, dem die langen Sommerferien irgendwie nicht gut getan zu haben schienen. Allen Ernstes begann der Dozent den Montagmorgen mit der Erklärung, dass er eigentlich gar nicht mehr wisse, was er in dieser Woche tun könne. Eigentlich wäre dies nicht das erste Seminar über Wissenschaftstheorie und Methodologie, aber vielleicht sogar das Letzte. Schliesslich habe er in den Ferien ein Buch gelesen - "kann passieren" schoss vermutlich vielen irritierten Zuhörern spontan durch den Kopf -, das ihm beherrscht geglaubte und liebgewonnene Gewissheiten endgültig genommen habe. Er wirkte irgendwie am Anfang und am Ende zugleich.

Dieser Auftakt trieb bei der ersten Gelegenheit sofort eine Menge Kommillitonen auf den Flur der inzwischen abgerissenen Hörsaalbaracke. Zurück blieb eine kleine Gruppe von Unerschrockenen oder Besinnungslosen, die bis Freitag noch manche Überraschung erleben und überleben mussten [1]. Das Buch war das oben Besagte und ich fühlte mich in dem Seminar – bei ihm - intuitiv wohl und aufgehoben.

Dieser unerwartete Auftritt des entleerten Lehrenden regte meine Neugier und mein Interesse an. Ich lieh mir kurz entschlossen seinen "Baum der Erkenntnis" und schon am Dienstagmorgen, ein paar hundert Seiten und eine aufgewühlte Nacht weiter, hatte ich eine Ahnung von dem, was er meinte. Ich will nicht behaupten, "Autopoiesis", "strukturelle Kopplung", "Perturbation" usw. sofort verstanden zu haben, aber die konstruktivistische Art zu denken begeisterte mich und rührte mich zugleich an. Auch das verbindet uns, glaube ich, bis heute.

Bald wurde ich studentische Hilfskraft und verbrachte viele Stunden im Lesesaal auf der Suche nach Spuren dieses Konzeptes. Heute kann man sich kaum noch eine Fachzeitschrift zur Sozialen Arbeit oder Organisationslehre vorstellen, das nicht gespickt ist mit systemisch-konstruktivistischen Gedanken (von "Ferkeleien" wie dieser ganz zu schweigen).

Dass ich mein erstes Studium mit einer Diplomarbeit bei ihm und Heinz Kersting (der sich an der Hochschule gern mit uns lustvoll mit ungewissen Gewissheiten quälte) krönen konnte und um sie herum 1991 das "schwärzeste Kapitel" der ibs-Schriftenreihe entstehen konnte, macht mich immer noch stolz und dass er auf meiner Hochzeitsfeier im selben Jahr einen Aufsehen erregenden Vortrag über Kontingenzen im Kommunikationssystem Ehe [2] hielt, vergesse ich ihm nicht so schnell.

Auch unsere Familien sind befreundet. Wenn wir uns treffen, lachen die Kinder und Christoph und ich tauschen gelegentlich un-heimlich zirkuläre Ideen, so dass unser Kopf schwirrt und der von Doris und Ute sich schüttelt. Wunderbar. "Was mein, was Dein… Du weißt ja, es ist unentwirrbar" schrieb er mir 1989 in ein Buchgeschenk. Ich liebe diese Widmung und gratuliere dem überzeugend ratlosen Berater und Lehrer und lieben Freund Hans-Christoph Vogel voller Dankbarkeit und Respekt zum Geburtstag.

Ein weiterer Dank darf zum Schluß nicht vergessen werden: Ein Dank an Ute Vogel, der ersten der drei Frauen an seiner Seite, der Geduldigen und Ungeduldigen, der Meisterin des liebenden Unverständnisses und der unverständlichen Liebe, ohne die es Christoph zweifellos nicht und niemals dahin gebracht hätte, wo er heute steht. Wo immer das sein mag.

Ich würde mich sehr freuen, wenn die "lose Kopplung" der Beiträge und Autoren dieses FestNetzes weitere Menschen(!), Leserinnen und Leser, flüchtige BesucherInnen zu weiteren Maschen, Schlaufen und Knoten anregt. Wenden Sie sich bitte mit einer spontanen Idee rücksichtlos an mich. Ein wiederholter Besuch lohnt sich übrigens in jedem Fall (Lesezeichen nicht vergessen!). Die noch nicht hinterlegten "Platzhalter" werden sukzessive fertig gestellt.

Mönchengladbach im Oktober 2002
Bernd Woltmann-Zingsheim

(1) Zwei historische Dokumente (Seminarschriften aus 1988) stehen Interessenten hier zum Download zur Verfügung: "Liebe Organisatoren" (900 KB) und "Interventionen" (360 KB). (zurück)

(2) En passant eine klassische OE-Frage: "Die Ehe ist eine Institution. Reichen die Mitarbeiter auch aus?" (Stanislaw Jerzy Lec) (zurück)


Veröffentlichungsdatum: 22. September 2002


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