Mobbing: Ein Fall für die Supervision

Eine Annäherung aus systemisch-existentialistischer Sicht

von Holger Wyrwa (Mai 2006)

1. Zusammenfassung

Ziel des folgenden Artikels ist es, Mobbing als ein Feld für die Supervision zu konturieren. Nach einer allgemeinen Charakterisierung von Mobbing wird auf die Schnittstellenproblematik zwischen Supervision und Psychotherapie im Einzelsetting eingegangen. SupervisorInnen werden überblicksartig klinisch relevante Störungsbilder vorgestellt, um gegebenenfalls entscheiden zu können, ab wann eine psychotherapeutische Indikation vorliegt. Im Anschluss daran wird Mobbing aus einer system- und existenztheoretischen Perspektive betrachtet und beide Ansätze in einem supervisorischen Phasenmodell zur Beratung Gemobbter miteinander verbunden. Dabei geht es nicht um eine explizite Beschreibung einzelner systemischer und existentialistischer Interventionen, sondern um prinzipiell zu beachtende Spezifika bei der Supervision von Gemobbten im Einzelsetting.

2. Mobbing

Mobbing ist ein aggressiver Akt, welcher (1) die systematische Wiederholung personenzentrierter destruktiver Handlungen beinhaltet, (2) über einen längeren Zeitraum andauert, (3) primär auf einem asymmetrischen Machtverhältnis basiert und (4) zum Ziel hat, eine Person oder Personen am Arbeitsplatz zu isolieren bzw. auszugrenzen oder sie zur Kündigung zu veranlassen.

Mobbing ist ein aggressiver Akt insofern, als er eine bewusste Schädigungsabsicht eines Aggressors beinhaltet. Nach Jüttemann bezeichnet Aggression: "...eine Denkweise und darüber hinaus jede Handlungsweise, welche auf einer Denkweise beruht, die unter dem Gesichtspunkt allgemeiner oder besonderer menschlicher Verantwortung als erwartungswidrig beurteilt wird; für eine derartige Denkweise ist ein bewusstes Negieren und Ignorieren menschlicher Verantwortung charakteristisch." (Jüttemann zitiert in Borg-Laufs, 1997, S. 18). Wie Borg-Laufs betont, zeichnet sich Jüttemanns Definition von Aggression dadurch aus, dass in die Definition auch Unterlassungsaggressionen einfließen, wie z.B. hinterhältig-intrigante Aktionen und sieht den Hauptaspekt der Definition in der fehlenden Verantwortung u.a. für andere Menschen (Borg-Laufs, 1997, S. 18).

Destruktive Handlungen beziehen sich auf eine Vielzahl unterschiedlichster Verhaltensweisen. Leymann ging von 45 (Leymann, 1994, S. 33), Esser/Wolmerath gehen bereits von 120 Mobbinghandlungen aus (Esser/Wolmerath, 2001, S. 24). Im von Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff erstellten "Mobbing-Report" für die Bundesrepublik Deutschland werden die häufigsten Mobbinghandlungen aufgeführt (Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff, 2002). Hierzu zählen das Verbreiten von Gerüchten (61,8%), die Falschbewertung von Arbeitsleistungen (57,2%), Sticheleien (55,9%), die Verweigerung von wichtigen Informationen (51,9%), massive ungerechtfertigte Kritik der Arbeit (48,1%), Isolierung/Ausgrenzung (39,7%), Unterstellung von Unfähigkeit (38,1%), Beleidigungen (36,0%), Arbeitsbehinderungen (26,5%) und Arbeitsentzug (18,1%) (Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff, 2002, S. 39).

Die systematische Wiederholung destruktiver Handlungen ist dabei von entscheidender Bedeutung. Systematik bedeutet, dass Mobbinghandlungen nicht zufällig, d.h. absichtslos erfolgen, sondern Ausdruck eines Plans, einer Absicht sind, um eine Person bewusst zu schädigen. Mobbing richtet sich dabei immer auf eine bestimmte Person oder auf eine bestimmte Personengruppe (wie z. B. die Mitarbeiter einer Abteilung). Es erfolgt nicht wahllos, sondern ist Ergebnis eines expliziten Auswahlprozesses. Nach dem Mobbing-Report wurden Mitarbeiter u.a. gemobbt, weil sie unerwünscht Kritik äußerten (60.1%), als Konkurrenz empfunden wurden (58,9), der Mobber neidisch war (39,7), aufgrund starker Leistungsfähigkeit (37,3%), ein Sündenbock gesucht wurde (29,1%), der/die Mobber den Arbeitsbereich des Gemobbten an sich ziehen wollten (24,8%) (Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff, 2002, S. 111).

Die Gründe für die Bereitschaft, eine Person zu mobben, kann 1) Ausdruck persönlichkeitsbedingter Faktoren sein (Neid, Eifersucht, Machtbestrebungen, Übertragungsphänomene, etc.), 2) auf soziale Faktoren zurückzuführen sein, als Folge von negativ verlaufenden gruppendynamischen Prozessen (z.B. Sündenbockfunktion), 3) sich auf institutionelle Faktoren beziehen, wie schlechte Arbeitsstrukturen, starre Hierarchien, etc.). Die genannten Faktoren müssen nicht isoliert voneinander auftreten und können auch auf Wechselbeziehungen basieren.

Die Dauer von Mobbing ist ein kritischer Faktor. Leymann betonte, dass dieses über ein halbes Jahr oder länger mindestens einmal pro Woche andauern muss, um als Mobbing zu gelten (Leymann, 1994, S. 22). Esser/Wolmerath kritisieren berechtigterweise daran, dass z.B. ein Außendienstmitarbeiter, der nur alle 10-14 Tage in den Betrieb kommt, dann laut Definition nicht gemobbt werden könnte, obwohl er in dieser Zeit von seinem Einsatzleiter gemobbt wird (Esser/Wolmerath, 2001, S. 23). Gleiches gilt für die Einschränkung "über ein halbes Jahr". Mobbinggefährdet sind Gourmelon/Knabe-Gourmelon zufolge durchaus auch solche Mitarbeiter, die ihre Stelle neu antreten und möglicherweise noch während der Probezeit gemobbt werden (Gourmelon/Knabe-Gourmelon, 2002, S. 36ff, vgl. Esser/Wolmerath, 2001, S. 35f).

Ziel des Mobbing ist die Isolation bzw. Ausgrenzung eines Mitarbeiters. Isolation kann bedeuten, dass Mitarbeiter die Kommunikation mit einem anderen Kollegen konsequent verweigern und ihn permanent ignorieren. Dass diese Handlung im weiteren Verlauf zu einer Kündigung führen könnte, weil der gemobbte Mitarbeiter die Isolation psychisch nicht mehr erträgt, kann für den oder die Mobber nur ein positiver Nebeneffekt ihrer ausgrenzenden Aktionen sein. Mit Hilfe des Mobbing kann aber auch von Seiten der Leitung die "freiwillige" Kündigung zu teuerer und unbequemer Mitarbeiter erreicht werden.

In der Literatur zum Thema Mobbing gibt es keine einheitliche Definition (vgl. Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff, 2002, S. 18ff; Esser/Wolmerath, 2001, S. 20ff). Trotzdem lässt sich Mobbing vom Konflikt unterscheiden und muss sich davon unterscheiden, um nicht Gefahr zu laufen zu einem leeren Begriff zu werden. Da Mobbing juristische Folgen haben kann, ist eine Unterscheidung von Konflikten notwendig. Esser/Wolmerath gehen davon aus, dass einzelne destruktive Mobbinghandlungen noch nicht Mobbing sein müssen. So weisen sie darauf hin, dass nicht jede Intrige, nicht jedes Vorenthalten von Informationen Mobbing sein muss (Esser/Wolmerath, 2001, S. 44). Ein Konflikt kann verallgemeinernd definiert werden als eine belastende Auseinandersetzung zwischen Kollegen oder zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern am Arbeitsplatz bei der unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse aufeinanderprallen (vgl. Esser/Wolmerath, 2001, S. 85ff), ohne dass hierfür die obigen Kriterien von Mobbing erfüllt sind.

Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff nennen in ihrer Studie eine aktuelle Mobbingquote in der erwerbstätigen Bevölkerung in Höhe von 2,7% bezogen auf den Untersuchungszeitraum. Sie verweisen darauf, dass in einem Unternehmen mit 100 Beschäftigten ca. drei Beschäftige aktuell unter Mobbing leiden. Ausgehend von einer im Jahr 2000 vorliegenden Gesamtzahl von 38,988 Mio. Erwerbstätigen in der Bundesrepublik Deutschland entsprach dies einer absoluten Zahl von rund 1,053 Mio. Personen. Unter Einbeziehung der auch in der Vergangenheit gemobbten Befragten erhielten die Autoren eine gesamte Betroffenheitsquote von 11,3 % der erwerbsfähigen Bevölkerung, womit ca. jede neunte Person im erwerbsfähigen Alter schon mindestens einmal im Verlauf ihrer Erwerbstätigkeit gemobbt wurde. Für das Jahr 2000 konnte ermittelt werden, dass insgesamt 5,5% der erwerbstätigen Bevölkerung im Laufe des Jahres von Mobbing betroffen waren (Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff, 2002, S. 24).

Im Mobbing-Report wird herausgestellt, dass das Geschlecht und das Alter eine entscheidende Rolle dabei spielt, gemobbt zu werden oder nicht. So liegt das Mobbingrisiko für Frauen ca. 75% höher als bei Männern. Männer werden laut der Studie mehr von Männern gemobbt, Frauen hingegen von Männern und Frauen. Die Altersgruppe der unter 25jährigen und der der über 55jährigen und älter ist in besonderer Weise von Mobbing betroffen. Die Studie stellte fest, dass in der Hälfte aller Mobbingfälle Mitarbeiter von Vorgesetzten gemobbt wurden (Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff, 2002, S. 127ff).

Bezogen auf die Berufsgruppen, die gemobbt werden, kamen die Autoren zu dem Schluss, dass es insbesondere der soziale Bereich ist, in dem gemobbt wird. Darunter fallen Berufe wie SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen, ErzieherInnen, AltenpflegerInnen, etc. (2,8faches Risiko). Dem folgt Verkaufspersonal, Bank-, Bausparkassen-, Versicherungsfachleute, Technikerinnen, Übrige Gesundheitsberufe (z.B. Krankenpflegerinnen), Rechnungskaufleute, Informatikerinnen, Büroberufe, etc. (Meschkutat/Stackelbeck/Langenhoff, 2002, S. 30f).

3. Psychotherapie oder Supervision von Mobbing?

Mobbing als ein aggressiver Akt kann davon Betroffene psychisch und physisch derart beeinträchtigen, dass diese ohne externe Unterstützung die Auswirkungen und Folgen des Mobbing nicht bewältigen können. Die für die Supervision nötige Trinität von psychischen, sozialen und institutionellen Faktoren ist fraglos gegeben, um ein Beratungsfeld für supervisorisch Tätige zu sein.

Supervision von Mobbing als institutionelles Geschehen kann sich hierbei auf zwei Bereiche beziehen. Zum einen auf die Qualifizierung von Führungskräften und/oder Mitarbeitern im Umgang mit Mobbing und auf die Entwicklung von Konzepten im Hinblick auf die Einführung und Umsetzung von Betriebsvereinbarungen im Hinblick auf Prävention und Rehabilitation. Zum anderen als Teamsupervision oder als Meditation in der konkreten Bearbeitung von Mobbingvorfällen.

Erst bei der Einzelsupervision von Gemobbten kommt es zu einer Schnittstellenproblematik zwischen den Professionen Supervision und Psychotherapie. Aufgrund der hohen psychischen Belastung, die von Mobbing Betroffene am Arbeitsplatz ausgesetzt sind, überwiegt eindeutig zunächst der psychische Faktor bei der Supervision und damit der therapeutische Aspekt. Die Frage, die sich stellt, ist die, ob eine Einzelsupervision aus diesem Grunde generell abgelehnt werden sollte, weil sie tendenziell in Richtung Psychotherapie weist. Eine Bejahung dieser Frage wäre jedoch vorschnell. Zum einen, weil von Mobbing Betroffene nicht generell psychisch bzw. psychosomatisch im klinischen Sinne "erkranken" müssen. Selbst bei Personen, die über einen längeren Zeitraum gemobbt werden, muss nicht eine psychotherapeutische Indikation vorliegen. Zwar kann nicht ausgeschlossen werden, dass Gemobbte selbst im Frühstadium (innerhalb der ersten Wochen nach Beginn) bereits auffällige psychische und/oder psychosomatische Symptome zeigen. Doch kann daraus nicht die automatische Schlussfolgerung gezogen werden, dass dieser Umstand bereits eine Psychotherapie rechtfertigt.

Zum anderen kann es durchaus in der Kompetenz von SupervisorInnen liegen, den psychischen Faktor im supervisorischen Prozess vorübergehend höher zu gewichten, ohne dabei den sozialen und institutionellen Faktor aus den Augen zu verlieren und ihn als ständig bereiten Hintergrund zu betrachten, der jederzeit in den Vordergrund geschoben werden kann.

Bei der Supervision von Gemobbten ist allerdings während des gesamten supervisorischen Prozesses durchgängig darauf zu achten, ob sich eine psychotherapeutische Indikation entwickelt, um gegebenenfalls zu entscheiden, ob der Supervisand parallel oder ausschließlich an eine Psychotherapeutin bzw. an einen Psychotherapeuten verwiesen werden sollte. Hierbei darf nicht versäumt werden zu berücksichtigen, dass die momentane psychotherapeutische Versorgung in Deutschland Engpässe derart aufweist, dass es bis zur Aufnahme einer Psychotherapie zu mehrmonatigen Wartezeiten kommen kann. Entwickelt sich während einer Supervision eine psychotherapeutische Indikation, muss der Supervidierende entscheiden, ob er die Supervision abbricht und somit den Supervisanden für einen längeren Zeitraum ohne Unterstützung zurücklässt. Um diese Problematik zu vermeiden, sollte Supervidierenden bereits beim Erstkontakt mit einem vom Mobbing Betroffenen klar sein, ob sie dazu in der Lage und bereit sind, beim Auftreten einer psychotherapeutischen Indikation die Supervision fortzusetzen.

Im Folgenden werden überblicksartig psychische Störungen vorgestellt, die beim Vorliegen von Mobbing auftreten können. Der Überblick dient dazu, sowohl während des Erstgespräches als auch im Verlauf der Supervision die psychische Problematik des Gemobbten adäquat einschätzen und in Beziehung zum eigenen fachlichen Können zu setzen. Die einfache Aneinanderreihung von klinisch relevanten Symptomen ist zwar bedingt problematisch, doch kann im Rahmen dieses Artikels nicht detaillierter darauf eingegangen werden.

Als Folge des enormen psychischen Drucks, unter den Gemobbte stehen, können psychosomatische Symptome auftreten, die aber noch nicht die Diagnose einer psychosomatischen Störung rechtfertigen. So berichten Gemobbte von Magenproblemen, Schlafstörungen, Unruhe, Kopfschmerzen, etc. Diese Symptome können bereits nach einer gewissen Zeit abklingen. Stabilisieren und intensivieren sie sich und nehmen somit einen chronischen Verlauf kann von einer psychosomatischen Störung gesprochen werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich psychosomatische Symptome auch in Folge von psychischen Störungen wie den folgenden entwickeln.

Je intensiver das Mobbing von den davon Betroffenen erlebt wird und je länger das Mobbing andauert, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich psychische Störungen entwickeln, die entweder auf ein Störungsbild begrenzt sind oder aber eine mehr oder weniger hoher Komorbidität (Kombination einzelner Störungsbilder) mit anderen psychischen Störungen entwickeln, wie etwa Depression und Angststörung, Posttraumatische Belastungsstörung und Depression. Psychische Störungen hinterlassen dabei Spuren im Gehirn und führen dort zu strukturellen Veränderungen, die als das Ergebnis sehr intensiver, lang anhaltender Einwirkungen entstehen (Grawe, 2004, S. 141ff).

Wie aus der modernen Depressionsforschung bekannt ist, ist eine Depression eine besondere Form einer Stresskrankheit (Bauer, 2002, S. 108). Sie entsteht aufgrund anhaltender Belastungen (vgl. Schauenburg/Zimmer in Senf/Broda, 2005, S. 437). Gemobbte befinden sich in einem Zustand der Dauerbelastung, die selbst nach Beendigung der Arbeitszeit nicht abklingt und mit einem durchgehenden intensiven Gefühl der Hilflosigkeit einhergehen.

Die häufigsten Anzeichen und Symptome von Depressionen sind: Traurige niedergeschlagene Stimmung, Appetit- und Gewichtsverlust oder gesteigerter Appetit und Gewichtszunahme, Schlaflosigkeit, Einschlaf- oder Durchschlafstörungen, Veränderung des Aktivitätsniveaus in Richtung auf Lethargie, Verlust von Interesse und Vergnügen an gewohnten Aktivitäten, ein negatives Selbstkonzept, Selbstvorwürfe, Gefühle der Wertlosigkeit und Schuld, Klagen über Konzentrationsschwierigkeiten, verlangsamtes Denken, Unentschlossenheit, wiederkehrende Todes- und Suizidgedanken. Depressionen weisen eine hohe Rate an Komorbidität auf, zwischen 75-90% bezogen auf Angststörungen, Zwängen, Posttraumatische Belastungsstörung, Sucht, etc.) (Schauenburg/Zimmer in Senf/Broda, 2005, S. 437).

Aus neurologischer Sicht können Depressionen beispielsweise zu einer Vergrößerung der Amygdala (Mandelkern) als Folge einer andauernden Überaktivierung führen. Die Amygdala erzeugt u.a. in Verbindung mit dem Hippocampus aus Wahrnehmungen und Gedanken Gefühle (was auch zu einer hohen Komorbidität mit anderen psychischen Störungen führt). Depressionen können auch eine Volumenverringerung des Hippocampus aufgrund von langanhaltendem Stress auslösen, welcher u.a. zuständig ist für die Abstimmung des Verhaltens auf sich verändernde Kontexte ist (Grawe, 2004, S. 145ff).

Angst kann ein vorherrschendes Gefühl bei Gemobbten sein. Die Unkalkulierbarkeit der Situation, die Hilflosigkeit- bzw. Ohnmachtserfahrung führt zu einem massiven Kontrollverlust in einem Bereich, der bisher als mehr oder weniger sicher galt. Bei der Angst wirken drei Ebenen zusammen. Angst manifestiert sich auf einer vegetativ-körperlichen Ebene, wie z.B. Herzrasen, auf der verbal-kognitiven Ebene, im bewussten oder nicht mehr bewussten Äußern von Angst machenden Gedanken (z.B. "Ich weiß nicht mehr weiter!") und auf einer motorischen Ebene, die sich u.a. durch Verspannungen der Rücken- und Nackenmuskulatur äußern kann.

Im Unterschied zur pathologischen Angst, die in einem neurophysiologischen Verständnis die Folge einer Fehleinschätzung an sich "neutraler Nachrichten" aus dem Körperinnern bzw. an sich harmloser äußerer Bedrohungssituationen ist (Bassler, Leidig in Senf/Broda, 2005, S. 389) ist die Angst, die aufgrund des Mobbings hervorgerufen wird, das genaue Gegenteil davon. Sie ist real. Allerdings kann aus einer realen Angst eine pathologische Angst werden, die irreal überspitzt ist und als eine Variante einer Streßreaktion nach anhaltender Belastung auftritt (Schmidt-Traub/Lex, 2005. S. 338). Sie äußert sich dann in Panikattacken, Agoraphobien (Dilling/Mombour/Schmidt, 1993, S. 155fff).

Die häufigsten Symptome bei der Angst sind: Atemnot oder Erstickungsanfälle, Schwindel, beschleunigter Herzschlag, Zittern, Schwitzen, Würgegefühl, Übelkeit oder abdominelle Beschwerden, Schmerzen oder Unwohlsein in der Brust. Bei der Angst ist vorwiegend die Amygdala betroffen. Sie reagiert empfindlich auf bedrohliche Reize und führt zu obigen Symptomen.

Die Posttraumatische Belastungsstörung stellt u.a. eine Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung dar, die bei den meisten Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Hierzu gehören beispielsweise Ereignisse wie Folter, Vergewaltigung, Naturkatastrophen, eine Kampfhandlung, Opfer eines Verbrechens zu sein. Nicht jeder Mensch entwickelt jedoch daraufhin eine Posttraumatische Belastungsstörung. Nicht jeder vom Mobbing Betroffene entwickelt sie zwangsläufig. Es hängt in hohem Maße davon ab, welche Coping-Strategien dem Einzelnen zur Bewältigung des Mobbing zur Verfügung stehen.

Von entscheidender Bedeutung bei der Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung sind die so genannten Flashbaks. Dies sind Symptome des Wiedererlebens. Tagsüber können sie in Form von Erinnerungen an das Trauma auftauchen oder als Tagträume. Nachts können sie sich in Angstträumen manifestieren. Gemobbte können beispielsweise durch das harmlose Klingeln des Telefons in der eigenen Wohnung an das Klingeln des Telefons im Büro erinnert werden. Die Intensität der Angstreaktion ist jener vergleichbar, die direkt am Arbeitsplatz empfunden wird.

Parallel zu den Flashbaks können Vermeidungssymptome auftreten: Emotionale Stumpfheit, Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit der Umgebung und anderen Menschen gegenüber. Nicht selten ist ein Zustand vegetativer Übereregtheit, der sich u.a. in Konzentrationsschwierigkeiten und Schlaflosigkeit zeigt, zu beobachten (Schnyder in Senf/Broda, 2005, S. 495). Auch bei der Posttraumatischen Belastungsstörung gibt es neuronale Korrelate. So kann es auch hier zu Volumenverrinngerungen im Hippocampus führen (Grawe, 2004, S. 158ff). Auch die Amygdala ist wie bei der Angstreaktion betroffen.

Abschließend bleibt festzustellen, dass die Posttraumatische Belastungsstörung mit einem hohen psychiatrischen Komorbiditätsrisiko verbunden ist (Depressionen, Angststörungen, Substanzmißbrauch, Substanzabhängigkeit, etc.).

Bei den Anpassungsstörungen handelt es sich um Zustände subjektiven Leidens und emotionaler Beeinträchtigung, die soziale Funktionen und Leistungen behindern und die während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung, nach einem belastenden Lebensereignis oder auch nach schwerer körperlicher Krankheit auftreten(Dilling/Mombour/Schmidt, 1993, S. 153). Die Symptome sind unterschiedlich. Sie beinhalten depressive Stimmung, Angst, Besorgnis, ein Gefühl, unmöglich zurechtzukommen, vorausplanen oder in der gegenwärtigen Situation fortfahren zu können, eine Einschränkung bei der Bewältigung alltäglicher Routinen. Die Anpassungsstörung beginnt in der Regel innerhalb von einem Monat nach dem belastenden Ereignis oder Lebensveränderung.

Diese Diagnose trifft auf Gemobbte nur insofern zu, als sie nach Beendigung des Mobbing auftreten kann. Während des Mobbing hat der davon Betroffene keine oder nur sehr leichte psychische Auffälligkeiten erlebt. Jedoch nach Beendigung der belastenden Ereignisse tritt die Problematik in oben geschilderter Form auf.

4. Mobbing aus systemtheoretischer Sicht

Mobbing ist ein komplexitätsreduzierendes Phänomen, welches als Konfliktsystem autopoietisch reguliert wird und die Destruktion eines psychischen Systems zum Ziel hat.

Komplexitätsreduzierend ist Mobbing insofern, als es Methoden (spezifische Mobbinghandlungen) beinhaltet, um eine aus der Sicht eines sozialen und/oder psychischen Systems zu komplex gewordene Problemkonstellation zu verändern bzw. aufzulösen. Reduktion von Komplexität auf der Ebene sozialer Systeme bezieht sich u.a. auf Kosteneinsparungen, die Forcierung eines konkurrenzorientierten Ausleseprinzips im Sinne eines "survival of the fittest". Reduktion von Komplexität auf der Ebene psychischer Systeme bezieht sich auf personenbezogene interne Faktoren wie etwa Neid, Eifersucht, Machtbestrebungen, Übertragungsphänomene, die ein psychisches System dazu veranlassen, ein anderes psychisches System zu schädigen.

Aus letzterem Punkt resultiert, dass das Phänomen Mobbing nicht ausschließlich auf der Ebene sozialer Systeme betrachtet werden kann. Es müssen die psychischen Systeme und deren jeweilige interne Zustände (Kognitionen, Emotionen, Einstellungen, Glaubenssysteme) mit berücksichtigt werden. Somit bietet sich bei der Analyse von Mobbing eine personenorientierte systemtheoretische Betrachtungsweise (vgl. dazu: Kriz, 1999, S. 129fff ) an, die im folgenden Abschnitt eine existenztheoretische (existentialistische) Betrachtungsweise beinhalten wird.

Bei einem Konfliktsystem im Sinne Luhmanns werden Handeln und Kommunikation auf der Basis eines nicht lösbaren Widerspruchs als Gegnerschaft bzw. Feindschaft bezeichnet. Konfliktsysteme sind soziale Systeme, die ebenfalls nach dem Muster doppelter Kontingenz gearbeitet sind (Luhmann, 1987, S. 532). Simon differenziert das Konfliktverständnis von Luhmann insofern, als er Konflikte nicht als Kommunikationen bezeichnet, denen nur widersprochen wird, wenn Widerspruch kommuniziert wird, sondern ergänzt, dass Konflikte erst dann entstehen, wenn ein Widerspruch "?d.h. die Kommunikation der Negation ihrerseits negiert wird. Um einen Konflikt zu produzieren, bedarf es der doppelten Negation, dem Widerspruch muss widersprochen werden." (Simon, 2001. S. 222).

Simon bezeichnet dabei Kriege als eine Sonderform von Konflikten (Simon, 2001. S. 222). Er definiert Krieg als einen Konflikt, den 1) nicht alle überleben bzw. dabei ihr Leben riskieren, weil er ein Gewaltpotential beinhaltet (ebd. S. 13), 2) als eine aktive Negation, d.h. er bezieht sich auf Handlungen, welcher im Extremfall zur Vernichtung eines Gegners als Überlebensheit führt (ebd. S. 20), wohingegen bei der passiven Negation - etwa in einer Konkurrenzsituation dem Gegner nur nicht geholfen wird - die Überlebenseinheit nicht gefährdet ist und 3) als eine symmetrische Beziehung, die eine Gleichwertigkeit der Gegner voraussetzt (ebd. S. 20f) mit dem Ziel, die Autonomie des Gegners zu beenden (ebd. S. 18). Simon sieht in diesem Zusammenhang allgemein Krieg als ein spezifisches Muster der Kommunikation und Interaktion (ebd. S. 21). Er führt weiter aus, dass für die Beschreibung des Musters (der Spielregeln, nach denen eine kriegerische Auseinandersetzung abläuft) nicht wichtig ist, wer die Ursache eines Konfliktes war. Als Muster wird Simon zufolge die Interaktion und Kommunikation erst erkennbar, wenn man die Frage des Anfangs ausklammert und die Aufmerksamkeit auf die Regelmäßigkeiten und Wiederholungen des Konflikts richtet (ebd. S. 24).

Hat sich ein Krieg erst einmal etabliert, entwickelt sich selbstorganisatorisch schnell eine autopoietische Struktur, die den Ablauf des Krieges reguliert: Solange die den Krieg kennzeichnenden charakteristischen Operationen fortgesetzt werden, wird der Krieg nicht beendet (Simon, 2001. S. 226). Diese Operationen folgen laut Simon einem binären Code, der auf der Stufe des Tauschs stehen bleibt, indem die feindseligen Aktionen auf Geben und Nehmen beschränkt bleiben (ebd. S. 227).

Inwieweit trifft nun die Definition Simons in Anlehnung an Luhmann auf das Phänomen Mobbing als Konflikt bzw. Konfliktsystem und auf die Koppelung zwischen Konflikt und Krieg zu?

Im Mobbing geht es um die Destruktion des Gegners infolge eines aggressiven Aktes. Diese beinhaltet nicht die physische Vernichtung des Gemobbten, sondern seine Herauslösung aus der beruflichen Verortung innerhalb eines spezifischen sozialen Systems. Dabei kann dem beruflichen Aus die Destruktion bisheriger finanzieller Vorteile, der Familie, der persönlichen Reputation folgen bzw. während des Mobbings begleitend erfolgen. Zusätzlich dazu wird die psychische Integrität und in fast allen Fällen auch die physische Integrität des Gemobbten in höchsten Maße in Mitleidenschaft gezogen (Im Auftreten von psychischen und/oder psychosomatischen Störungen bis hin zum erfolgreich durchgeführten Suizid). Der Mobber bzw. die Mobber riskieren in der Auseinandersetzung mit dem Gemobbten im Regelfall nur in einem geringen Ausmaße ihre eigene psychische und physische Integrität, die mit den Gefahren einer traditionellen kriegerischen Auseinandersetzung nicht vergleichbar sind. Mobbing basiert in der Häufigkeit seines Auftretens primär auf einer asymmetrischen Beziehung als auf einer symmetrischen Beziehung. Bezeichnet Simon Krieg als die Auseinandersetzung auf einer symmetrischen Ebene, so muss ihm an dieser Stelle insofern widersprochen werden, da dies nicht ein absolut gültiges Charakteristikum von Krieg ist. Kaum ein Krieg, der nicht begonnen wurde und wird, weil eine Seite real oder auch irrational davon ausgeht, seinem Gegner technisch, materiell überlegen zu sein. Krieg würde somit - wenn auch sicherlich nicht ausschließlich - auf einer asymmetrischen Beziehung basieren. Dies ist beim Mobbing in den meisten Fällen der Fall, wobei eine Asymmetrie sich nicht ausschließlich an der Unterscheidung Vorgesetzter/Mitarbeiter orientieren muss. Auch die zahlenmäßige Überlegenheit mehrerer Mobber spielt eine Rolle, um eine Asymmetrie herzustellen. Ebenso der Vorteil des "verdeckten Agierens" einer Einzelperson, das sich im Verbreiten von Gerüchten und Falschinformationen äußert und das selbst von einem am unteren Ende einer Hierarchiekette angesiedelten Mitarbeiter im Kampf gegen Vorgesetzte eingesetzt werden kann.

Die herkömmliche Definition von Krieg bezieht sich auf die mittels physischer Gewalt ausgetragene Auseinandersetzung zwischen Staaten, Staatengemeinschaften, Stämmen, etc. Aber auch private Auseinandersetzungen können als Kriege bezeichnet werden (Simon, 2001, S. ). Von Clausewitz bezeichnet beispielsweise Krieg als einen erweiterten Zweikampf (von Clausewitz, 1980, S. 17). Simon beschreibt in diesem Zusammenhang unterschiedlichste Formen privater Kriege wie das Duell, Blutrache, Ehekriege (Simon, 2001. S. 111fff). Glasl beschreibt in seinem Buch "Konfliktmanagement" neun Eskalationsstufen, die - ausgehend von zwei mehr oder weniger sich in einer symmetrischen Beziehung befindenden Kontrahenten - in ihren letzten Stufen einem kriegerischen Geschehen gleichen (siehe dazu: Glasl, 1999. S. 215fff).

Mobbing als eine Variante von Krieg zu beschreiben, ist in zivilisierten Gesellschaften nach westlichem Muster, in der es keine traditionell geführten Kriege mehr gibt - außer als Export (der Krieg im Irak), ebenso keine Blutrache, Duelle - nicht einfach. Herausragendes Charakteristikum des Mobbing ist, dass kein Blut fließt, aber aus Sicht Betroffener trotzdem ein "Kampf auf Leben und Tod" stattfindet, der sich auf das berufliche, reputatorische, finanzielle und auch familiäre Überleben bezieht. Insbesondere in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit beinhaltet dieser Umstand eine besondere Brisanz, wenn eben diese durch Mobbing droht. Mobbing stellt in einem kriegsfreien Territorium eine Möglichkeit dar, auf der Ebene psychischer Systeme Aggressionspotential legitim/illegitim zu befriedigen und auf der Ebene sozialer Systeme strukturelle Gewalt einzusetzen. Mobbing kann deshalb als ein kriegerischer Akt bezeichnet werden. Es basiert auf einer asymmetrischen Beziehung, auf einem autopoietisch regulierten binären Code des Tauschs mit dem Ziel der Destruktion eines psychischen Systems (aktive Negation).

Diese Perspektive widerspricht jedoch einem hier postulierten Friedfertigkeitsmythos, der in einer kriegsfreien Gesellschaft wie in Deutschland implizit vertreten wird. Er beinhaltet die Vorstellung, dass letztlich jeder Konflikt mit friedlichen Mitteln und dem guten Willen aller Beteiligten gelöst werden kann und Konflikte letztlich nur kommunikative Verirrungen sind und nicht ein Programm darstellen. Beim Mobbing ist jedoch beides zu beobachten: Mobbing als Missverständnis oder autopoietisch regulierter Irrtum und Mobbing als Programm, einmal auf der Ebene des psychischen Systems z.B. als Lust an der Destruktion (letztlich um reale oder phantasierte Machtpotentiale nicht zu verlieren) und auf der Ebene des sozialen Systems als destruktive Aktion aus rein monetären oder selektiven Gründen.

Die Erkenntnis bzw. Erfahrung, dass der Friedfertigkeitsmythos sich nicht entsprechend seiner Inhalte realisiert, stellt die hohen (realen oder irrealen) moralisch-ethischen Ansprüche, die an den nachzivilisierten Menschen im Nachkriegszeitalter gestellt werden selbst in Frage. Der Historiker Eric Hobsbawn konstatiert, dass es keinen Grund gibt anzunehmen, dass die Barbarei, die im größten Teil des 20. Jahrhunderts stattgefunden hat, heute zum Stehen gekommen ist, sondern sich weiter auf dem Vormarsch befindet (Hobsbawm, 1998, S. 317). Barbarei definiert Hobsbawm zum einen als die Zerrüttung und den Zusammenbruch der Systeme von Regeln und moralischen Verhaltensweisen und die Aufkündigung dessen, was man als das Projekt der Aufklärung im 18. Jahrhundert bezeichnen konnte, nämlich die Errichtung eines universellen Systems solcher Regeln und Normen des Moralverhaltens (Hobsbawm, 1998, S. 318).

Kehrt eine real oder nur illusionär überwunden geglaubte Brutalität und Gewalt auf eine gar nicht zivilisierte Weise in Form des Mobbing in die Gesellschaft zurück? Die Höhe der Mobbingzahlen könnte einen Beobachter stutzig machen. Doch führt dies nicht automatisch zu einer Revidierung bzw. Relativierung des Friedfertigkeitsmythos. Vielmehr kommt es zum Erzeugen einer "abgedunkelten Seite", die zwar erkannt worden ist, aber - weil nicht zum zivilisatorischen Anspruch passend - verdrängt wird.

Holen wir diese abgedunkelte Seite wieder ans Licht, können wir das Phänomen Mobbing nicht mehr (nur) als ein Problem sozialer Systeme im Sinne Luhmanns beschreiben, sondern als eines von psychischen Systemen, in denen die innerpsychischen Abläufe von höchster Bedeutung sind. Damit kehren Begriffe wie Neid, Hass, der einige Zeit im konstruktivistischen Kontext negierte Begriff der Macht, ebenso auch Übertragungsphänomene wieder verstärkt in den Focus, auch einer systemtheoretischen Beschreibung von Mobbing zurück.

Die spezifische interne Struktur eines psychischen Systems spielt bei der Betrachtung von Mobbing eine herausragende Rolle. Insoweit, dass es bestimmte interne Zustände hat, weil es diese internen Zustände ist, die als genetische Prädisposition und darauf aufbauende soziale Konstruktionen (Gergen, 2002) einen narrativen Zusammenhang kreieren und sich zu einen spezifischen Denk-, Fühl- und Verhaltenskodex formieren (z.B. bestehend aus Neid, Macht, Angst). Dies entspricht zwar nicht mehr vollständig den Vorstellungen eines problemdeterminierten Systems (Schweitzer, 2005, S. 309), löst aber diese Betrachtungsweise nicht auf, sondern ergänzt sie nur durch einen personenorientierten systemtheoretischen Blickwinkel.

Zusätzlich wird auch die "Verursacherproblematik" und damit eine lineare Kausalität insoweit wieder aktuell, da auf einer Mikroebene psychische Systeme aufgrund ihrer spezifischen internen Strukturen als Auslöser für Mobbing betrachtet werden können. Insbesondere dann, wenn es darum geht, die eigenen Ambitionen der Macht (Beförderungen, Gratifikationen, Einflußnahme) auf Kosten anderer ohne moralisch-ethische Einschränkungen zu befriedigen.

Mobbing als ein vorwiegend asymmetrischer Konflikt zwischen psychischen Systemen bringt die unterlegenen psychischen Systeme (die Gemobbten) in eine Nähe zu bisher verdeckten bzw. nicht realisierten internen psychischen Zuständen, die im folgenden aus existenztheoretischer Sicht betrachtet werden sollen.

5. Mobbing aus existenztheoretischer Sicht

Mobbing ist für davon Betroffene die Erfahrung einer Grenzsituation, die als Auslöser für eine Konfrontation mit den existentialistischen Themen Angst, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit fungieren kann.

Die Erfahrung der fortgesetzten Destabilisierung der beruflichen Situation durch Mobbing, der damit einhergehenden Reduktion von Vertrautheit bzw. "Geborgenheit" am Arbeitsplatz, von Anerkennung, Selbstsicherheit und kollegialer Unterstützung führt zu einer psychischen Belastung derart, dass im allgemeinen Lebenskontext funktionierende Problemlösungsstrategien nicht mehr oder nur noch stark begrenzt von Nutzen sind. Persönlich in seinem beruflichen Lebensbereich und den damit verbundenen finanziellen, reputatorischen, kollegialen und familiären Bezügen massiv und "lebensbedrohlich" angegriffen zu werden, ist in einer Gesellschaft, in der man im Regelfall zur "Friedfertigkeit" sozialisiert wird, für die meisten Menschen ein außergewöhnliches Ereignis. Eine derartige Erfahrung kann als das Erleben einer Grenzsituation im Sinne Jaspers beschrieben werden, in welcher der Mensch vor die volle Unheimlichkeit seines Daseins gestellt und jedes routinierte Wissen und Handeln fragwürdig zu werden beginnt (Jaspers, 1932, S. 201fff).

Die "Unheimlichkeit" des Daseins zeigt sich darin, dass der oder die Gemobbte mit einer Situation konfrontiert wird, die sich jenseits seines ihm vertrauten Erfahrungshorizontes abspielt und ihn schlagartig mit der Fragilität seines Lebens in Kontakt bringt. Einer Fragilität, der sich der Mensch üblicherweise durch weitgehend automatisierte, sich mehr oder weniger täglich wiederholende Tagesabläufe und durch die Geborgenheit im Heiderggerischen "Man" (Heidegger, 1993, S. 114fff), d.h. im Eintauchen oder Untertauchen in der Masse (Yalom, 2000, S. 31), im Tun dessen, was "alle" tun, entziehen kann. Zu erleben, dass es eine Person bzw. Personen gibt oder anonymer - wenn auch durch Personen vertreten - eine Institution gibt, die skrupellos die Entfernung eines Mitarbeiters von seinem Arbeitsplatz betreibt, wirft den Gemobbten auf sich selbst zurück. Es führt ihn fast zwangläufig zur Auseinandersetzung mit den existentialistischen Themen Angst, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit und darüber hinaus zu den möglicherweise vernachlässigten Aufgaben der Individuation.

Der Existentialismus erfuhr seine intellektuelle Blüte in der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts, insbesondere vertreten durch Heidegger und Jaspers in Deutschland sowie Sartre und Camus in Frankreich. Die vom Existentialismus geforderte intensive und desillusionistische Selbstreflexion fiel in eine Zeit, die durch Gewalt geprägt war (vgl. Bastian, 2000: Hobsbawn, S. 317ff) und in besonderer Weise die Physis des Menschen - durch Kriege, Revolutionen, Straßenkämpfe - bedrohte und die Psyche zusätzlich durch Werteverfall, Relativismus, Säkularisierungsprozesse verunsicherte. Die Frage nach der Existenz des Menschen beinhaltet aus der Sicht der Existentialisten den Aufruf, sich der grundsätzlichen Angst eines jeden vor dem Unbekannten, dem Nichts, der Leere zu stellen; sich mit der Freiheit der Wahl und der damit verbundenen Verantwortung für das eigene Handeln auseinanderzusetzen; die prinzipielle Isolierung des Menschen von anderen Menschen zu akzeptieren, um damit den Weg der Individuation zu gehen und die prinzipielle Sinnlosigkeit des Lebens zu ertragen, die im Engagement, im Setzen eigener, nicht absoluter, Sinnmarkierungen, ihre Relativierung erfahren kann.

Der Mensch wird im Existentialismus als ein transzendentes Wesen gesehen, das über sich selbst in der Weise hinausgehen kann, indem es als ständig werdendes Wesen, die eigene Vergangenheit und Gegenwart übersteigen und sich für die Zukunft entwerfen kann.

Der Gemobbte befindet sich auf diesem Hintergrund durch die massive Erschütterung seines vertrauten Lebensumfeldes in einer ihn (zunächst) überfordernden Situation. Fast zwangsläufig wird er mehr oder weniger deutlich mit den existentiellen Fragestellungen konfrontiert, die ihm die Unheimlichkeit seiner Existenz erahnen lassen und denen er durch schablonisierte Handlungsoptionen zu entkommen versucht. Mit ihrer Hilfe versucht er, die verlorene kognitive Sicherheit und Stabilität zurück zu gewinnen. Schablonisierte bzw. konventionelle Handlungsoptionen beziehen sich auf Maßnahmen wie die Einschaltung der Mitarbeitervertretung, Rehabilitierungsversuche durch Klarstellungen, Aussprache mit dem Mobber, Einbezug eines Rechtsanwaltes, Klage vor Gericht, Inanspruchnahme von Psychotherapie, Supervision, Coaching, Beratungsstellen, ärztlichem Beistand. Insofern dieses berechtigte und sinnvolle Vorgehen Erfolg verspricht, kommt es zu einer akzeptablen Schadensbegrenzung, die den Gemobbten sein bisheriges Leben, wenn auch mit Blessuren, weiterführen lässt. Greift es jedoch nicht - d.h. das Mobbing setzt sich fort - oder eine psychische Entlastung tritt trotz Schadensbegrenzung nicht ein, steigt die Gefahr einer Traumatisierung, falls sie nicht schon zu Beginn des Mobbings eingetreten ist. In solch einem Fall kann die existentielle Dimension des Mobbings im psychotherapeutischen bzw. supervisorischen Kontext an Bedeutung gewinnen.

Aus existentieller Sicht hat Angst eine andere Bedeutung als die klinische Definition im ICD 10 (WHO) und dem DSM IV (Amerikanischer Raum), den beiden Klassifizierungssystemen psychischer Störungen. Das, was in ihnen als Angst beschrieben wird (z.B. soziale Phobien, Posttraumatische Belastungsstörungen, Panikattacken) wird im klassischen existentialistischen Kontext im Sinne Kierkegaards als Furcht bezeichnet (Kierkegaard, 1971). Angst steht im Existentialismus für das, was hinter der mehr oder weniger klar umschriebenen Furcht liegt. Rank (1931, S. 35f) spricht in diesem Zusammenhang von der grundsätzlichen Angst vor dem Leben (Isolation), Angst vor dem Tod (Auslöschung). Yalom spricht von der Angst als der Angst vor der Leere, dem Nichts, dem Unbekannten, vor der Bodenlosigkeit (Yalom, 2000, S. 264f). Hauptursache der Angst und Verzweiflung des modernen westlichen Menschen ist nach May der Verlust eines Daseinsgefühls und der Verlust seiner Welt (May, 1990, S. 112). Im Prozess des Mobbing erhält Letzteres eine besondere Brisanz, denn hier bricht das gesamte vertraute Weltgefüge fast schlagartig in sich zusammen. Was bisher vertraut war, wird fremd und damit - unheimlich.

Nach May ist Angst fundamental mit dem Problem der Freiheit verknüpft (May, 1999, S. 106). Schablonisierte Handlungsoptionen entlasten den Gemobbten (zunächst) von einer grundsätzlicheren Entscheidung, nämlich die Verantwortung für alle Entscheidungen alleine zu tragen. Im Vertrauen auf Hilfe von außen wird die Verantwortung im weitesten Sinne auf Dritte verlagert, die dem Betroffenen sagen sollen, was zu tun ist. Natürlich benötigt der Gemobbte professionelle Unterstützung, die dieser sich aufgrund der Unvertrautheit mit dem Phänomen Mobbing nicht selbst geben kann. Doch hat aus existentieller Sicht das Problem eine tiefere Dimension. Wie immer der Gemobbte auf das Mobbing im Einzelnen reagiert, es ist seine Entscheidung, seine Wahl, die er zu treffen hat und für die er alleine die Verantwortung trägt. Und er trägt auch für all die anderen alternativen Verhaltensmöglichkeiten, die er durch seine Entscheidung ausgeklammert hat, die alleinige Verantwortung. Da es sich um Entscheidungen handelt, die sich massiv auf das weitere Leben des Gemobbten auswirken, wie Kündigung, Kampf um den Arbeitsplatz, Gegenmobbing, erhöht sich fast zwangsläufig die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Die Angst, eine so folgenreiche Wahl zu treffen - die sich elementar von der Wahl zwischen zwei Zahnpastasorten unterscheidet - kann zu einer Paralysierung oder Fixierung des Denkens, Fühlens und Handelns führen.

Doch es ist nicht nur die Wahl und die damit verbundene Verantwortung für die Wahl, die sich als existentialistisches Problemfeld im Kontext Mobbing herauskristallisiert. Es ist auch der Verlust des Gefühls von Vertrautheit, Bindung, Gemeinschaft, Kollegialität, was den Gemobbten auf sich selbst zurückwirft. Die Erfahrung der Isolation oder drohenden Isolation von der Gemeinschaft belastet den Gemobbten massiv. Für Fromm (1981) ist die Isolation die ursprüngliche Quelle der Angst. Eingebettet in ein Gefühl der gemütlichen, vertrauten Zugehörigkeit wird die unermessliche Leere und Isolation der ursprünglichen Welt, Yalom zufolge, totgeschwiegen (Yalom, 2000 S. 424). Um letzterem zu entgehen, sucht der Mensch die Nähe der Gruppe. Sie ist eine Zuflucht, welche von der Beschäftigung mit der grundsätzlichen Isolation des Menschen ablenkt und sie zu negieren versucht. Letztlich ist jedoch auch die Gruppe nicht nur ein Ort der Geborgenheit, sondern immer auch gleichzeitig ein Ort der Konkurrenz und damit der Selektion. Sartre spricht von der massiven Bedrohung, die von dem Anderen für eine Person ausgeht, wenn Menschen sich begegnen und dabei Anspruch auf bestimmte Ressourcen erheben, die verknappt sind (Sartre, 1967, S. 138). Dabei kommt es m. E. nicht darauf an, dass die Ressourcen "objektiv" verknappt sein müssen, sondern dass auch der subjektive Eindruck ausreicht, das dies der Fall ist. Verknappte Ressourcen müssen sich dabei auch nicht nur auf materielle Ressourcen beziehen - wie Arbeitsplätze - sondern sie beziehen sich auch auf subjektive immaterielle Bedrohungen, die eine Person wahrzunehmen und von denen sie sich in ihrem Denken, Fühlen und Handeln eingeschränkt glaubt (Bedrohung durch die Kompetenz, Beliebtheit, Andersartigkeit etwa eines Mitarbeiters).

Gruppe sieht Sartre als etwas, das auch durch seine Überzähligen definiert wird und die, um fortzubestehen, sich zahlenmäßig reduzieren muss. "Hier tritt in ihrer ganzen Härte jene Austauschbarkeit zutage, (?) die jedes Mitglied der Gruppe gleichzeitig sowohl zu einem möglichen Überlebenden, als auch zu einem zu vernichtenden Überzähligen macht" (Sartre, S. 137).

Wird dieser grundlegende Aspekt einer (Arbeits-)Gemeinschaft - die eben nicht eine familiäre Grundstruktur beinhaltet - nicht oder nur unzureichend wahrgenommen, konfrontiert dieser Umstand den von Mobbing Betroffenen massiv und vor allen Dingen plötzlich mit dem kaum zu ertragenen Faktum der Isolation.

Der Zusammenbruch bislang als selbstverständlich erlebter Routinen, das Erleben von Furcht und Angst, die Konfrontation mit Wahl und Verantwortung und das Erfahren prinzipieller Isolation können den Gemobbten in einen Zustand der Sinnlosigkeit führen. Der drohende Einbruch der Sinnlosigkeit allen Tuns - und damit der Einbruch eines weiteren Angstaspektes - macht die Spannung zwischen dem menschlichen Streben des Einzelnen und der nun erlebten Gleichgültigkeit der Welt deutlich (Camus, 1985). Hier muss sich der Gemobbte zurechtfinden, der nicht mehr auf vorgefertigte Sinnschablonen zurückgreifen kann (wie etwa dem Sinn der Arbeit, von Karriere und Leistung oder zu erreichende Ziele wie Beliebtheit, Fleiß, Wahrheit). Die Fraglichkeit bisheriger Ziele und Sinnvorstellungen kann dann u.a. zur klinischen Depression führen oder aber zur Neuformierung von Sinn und Lebenszielen.

6. Supervision von Mobbing im Einzelsetting

Überträgt man die gerade überblicksartig dargestellten system- und existenztheoretischen Überlegungen zur Supervision von Mobbing auf einen systemisch-existentialistischen Beratungsansatz ergibt sich ein vielfältiges Interventionsspektrum für Supervisorinnen und Supervisoren. Doch entscheidend für die erfolgreiche Supervision von Gemobbten ist das Wissen um und das Eingehen auf gewisse mobbingrelevante Spezifika, auf die hier primär Bezug genommen werden soll.

In der Supervision von Gemobbten können grob drei aufeinander aufbauende, allerdings auch wechselseitig aufeinander bezogene Phasen unterschieden werden.

  1. Akute Phase

  2. Reflexionsphase

  3. Existentielle Phase

In der akuten Phase, die den Großteil der Sitzungen beanspruchen kann, geht es vor allem um die Bearbeitung der aktuellen Problematik. Wichtig ist, in der ersten Sitzung abzuklären, inwieweit der Gemobbte einer psychotherapeutischen oder auch ärztlichen Unterstützung bedarf, um im Bedarfsfall den supervisorischen Kontrakt zu erweitern bzw. den Supervisanden an einen Therapeuten und/oder Arzt zur parallelen oder alleinigen Unterstützung zu verweisen.

In der akuten Phase geht es den Gemobbten im allgemeinen um die Entwicklung von Gesprächs- und Verhaltenstechniken, die im Umgang mit dem Mobber eingesetzt werden können, um rechtliche Hinweise, um Erklärungen für das Verhalten der Mobber, um Selbstvorwürfe und insbesondere um emotionale Unterstützung.

Vom Mobbing Betroffene interessieren sich in dieser Phase kaum für eine Analyse institutioneller Zusammenhänge, die zum Mobbing geführt haben oder für eine intensive Selbstreflexion. Sie sind häufig noch nicht in der Lage, die eigene Situation als Ganzes zu überschauen. Ihr Focus ist eingegrenzt. Sie reagieren nur auf die einzelnen Mobbinghandlungen, meistens emotional mit Wut, Hass, Verzweiflung, Angst, so dass sie eine Person benötigen, die vorübergehend als Ersatz für die eigene fehlende Rationalität fungiert. Das Erleben von Hilflosigkeit bzw. Ohnmacht lähmt die Betroffenen oft so stark, dass sie in einen "psychischen Paralysierungszustand" fallen, in dem sie weitgehend entscheidungsunfähig sind und Hilfe brauchen, ihre Gedanken zu ordnen.

Gemobbten geht es darum, einen Verbündeten zu finden, der sich ganz auf ihre Seite stellt. Dieser Wunsch resultiert nicht zuletzt aus der Erfahrung der Isolation, die unterschiedlich schwerwiegend sein kann. Die Isolationserfahrung bezieht sich nicht nur auf Kollegen, die sich aus verschiedensten Gründen (z.B. aus Angst, selbst gemobbt zu werden) vom Gemobbten distanzieren, sondern auch auf Freunde, Bekannte, Familienangehörige, Ehepartner, die sich aus Überforderung vom Gemobbten zurückziehen, insbesondere bei langjährigem Mobbing. Nähe, Geborgenheit, Sicherheit zu erfahren, ist für ihn von großer Bedeutung. Für Supervidierende stellt sich dabei die Frage, inwieweit sie in der akuten Phase bereit sind, ihre therapeutische bzw. supervisorische Neutralität gegebenenfalls zu relativieren oder phasenweise stark zu reduzieren.

Ein weiteres Spezifika in der Supervision von Gemobbten ist der - insbesondere bei exzessiv und langjährig Gemobbten - häufig auftretende Rededrang bzw. Redezwang. Hier spricht der vom Mobbing Betroffene "ständig" über seine Erlebnisse und Erfahrungen, die er durch immer "neue" Varianten des Mobbingsgeschehens manchmal geradezu detailliert und minuziös berichtet. Durch die verbale Wiederholung des Immer-Gleichen in Variation hofft der Gemobbte eine Möglichkeit zu finden, das Geschehene für sich begreifbar und bewältigbar zu gestalten. Es hängt von der vereinbarten Sitzungshäufigkeit und dem Gespür des Supervidierenden ab, wie viel Zeit man dem Supervisanden hierfür einräumt. Räumt man ihm zu wenig Zeit ein und versucht man zu schnell auf Lösungen und Alternativen zu fokussieren, besteht die Gefahr, dass sich der Gemobbte missverstanden bzw. sich in seiner Problematik nicht genügend ernst genommen fühlt. Räumt man ihm zuviel Zeit ein, ist zu berücksichtigen, dass durch die ständige verbale Wiederholung negativer Ereignisse - die allerdings durch reale und sich mehr oder wenig ständig wiederholende Mobbinghandlungen am Arbeitsplatz neue Nahrung bekommen - ein negatives Denk- Fühl- und Verhaltensmuster auf neuronaler und psychischer Basis weiter etabliert und fixiert wird. Ein ausbalanciertes Vorgehen von Seiten der Supervidierenden würde bedeuten, beiden Möglichkeiten Raum zu geben, dabei jedoch in Kauf zu nehmen, dass aufgrund dessen positive Veränderungen beim Gemobbten nur verzögert zu erwarten sind.

Das Problem des Rededranges wird unter Umständen zusätzlich durch ein fixiertes Denken erschwert, wenn Gemobbte trotz einer ausweglosen bzw. schwierigen juristischen Position auf ihrem Recht beharren, vollständig rehabilitiert zu werden oder trotz massiven Mobbings aus "Prinzip" nicht zu kündigen oder sich gegebenenfalls versetzen zu lassen bereit sind. Der Wunsch vollständig rehabilitiert zu werden, ist eine Illusion, die eine Reihe von Gemobbten nur schwer in Frage stellen kann. Sie sind nicht (mehr) dazu bereit bzw. fähig, zu erkennen, dass der berufliche Zustand vor dem Mobbing nie wieder erreicht werden kann. Insbesondere bei der Verbreitung von Gerüchten (z.B. Unterstellung von Fehlverhalten, Unfähigkeit, Diebstahl, sexuelle Belästigung) lässt sich eine vollständige Rehabilitation nicht mehr erreichen, weil ein verbreitetes Gerücht nicht mehr aus dem Gedächtnis derer gelöscht werden kann, die davon Kenntnis erlangt haben. Für nicht wenige Gemobbte ist es schwer (für manche auch unmöglich) zu ertragen, dass Kollegen, Vorgesetzte einen negativen Eindruck von der Person des Gemobbten haben bzw. haben könnten. Dies berührt die grundsätzliche Frage nach der Isolation, der Trennung des Menschen vom Menschen. Es zeigen sich bereits Überleitungen zur Bearbeitung der entsprechenden existentiellen Thematik in der dritten Phase.

Häufig ist zu beobachten, dass Gemobbte sich weigern, eine notwendige Auszeit in Betracht zu ziehen und über Krankschreibungen eine solche zu benutzen, um physisch wie psychisch "wieder zu Kräften zu kommen". Die Argumentation, dass während einer solchen Auszeit die Gefahr des verstärkten Grübelns und die Angst vor dem Ende der Auszeit den Effekt dieser Maßnahme zunichte machen könnten, ist insofern unrichtig als in dieser Zeit gezielt an der Mobbingproblematik gearbeitet werden kann, um diesen Effekt zu vermeiden bzw. zu verringen.

Erschwerend kann in der Supervision von Gemobbten hinzukommen, dass insbesondere ältere Gemobbte "keine" andere Wahl haben, als das Mobbing bis zu ihrer Berentung/Pensionierung zu ertragen und die Aufgabe des Supervisors dann darin bestehen kann, die gemobbte Person über diesen Zeitraum, soweit gewollt und finanzierbar, zu begleiten und psychisch zu unterstützen. Hier bieten sich die zweite und die dritte Phase der Supervison von Mobbing an, um systematisch neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

Das primäre Ziel der Supervision in der Reflexionsphase besteht darin, den vom Mobbing Betroffenen dazu anzuregen, die eigene Situation systematisch zu hinterfragen, um den vorherrschenden negativen Fokus zu verändern. Systemisches Fragen, die Externalisierung des Problems, Reframing, etc., narrative Vorgehensweisen sind hervorragende nichtinstruktive Interventionen, um die Reflexionsfähigkeit des Gemobbten zu unterstützen und um gegebenenfalls mit ihm auch schon praktikable Lösungen zu entwickeln.

Des Weiteren geht es in dieser Phase schwerpunktmäßig um die intensive Auseinandersetzung mit den eigenen internen psychischen Strukturen (Übertragungsphänomene, Biographiearbeit, Persönlichkeitsstrukturanalyse, Denkmuster), welche unter Umständen den Ausbruch des Mobbing unterstützt haben könnten. Werden eigene Anteile erkannt, die den Ausbruch des Mobbing mit ausgelöst und auch dessen weiteren Verlauf unterstützt haben, ergibt sich hier eine zumindest theoretische Möglichkeit, das Mobbing zu beenden, indem eine neue Gesprächsbasis zum Mobber hergestellt werden kann.

Kristallisiert sich jedoch innerhalb der Supervision heraus, dass das Mobbing Ausdruck einer klassischen Täter-Opfer-Relation ist, kann sich diese Erkenntnis auf das Welt- und Menschenbild des Supervidierenden auswirken und seine Arbeitsweise beeinflussen. Die Vorstellung, dass es Personen gibt, die aufgrund persönlicher Interessen und Bedürfnisse oder es Institutionen gibt, die aufgrund von Kostenersparnisgründen Mitarbeiter mobben, stellt den weiter oben skizzierten Friedfertigkeitsmythos in Frage. Insbesondere für im psychotherapeutischen und/oder supervisorischen Bereich Tätige kann es - aufgrund der eigenen auf Friedfertigkeit angelegten Sozialisation - schwer fallen, destruktive Handlungen psychischer und/oder sozialer Systeme als eine gewollte und nicht mehr auflösbare Konstante im Mobbingprozess zu akzeptieren. Die Relativierung eines zirkulär-kausalen Begründungszusammenhanges im Hinblick auf die Re-Aktivierung eines linear-kausalen Begründungszusammenhanges eröffnet für Supervidierende die Möglichkeit, den Gemobbten auch aktiv beim Einsatz von Gegenmobbingstrategien zu unterstützen (Wyrwa, 2003). Diese Möglichkeit sollte allerdings immer als eine letzte Option verstanden werden und auch nur dann, wenn der vom Mobbing Betroffene eine solche Möglichkeit in Erwägung zieht und in der Diskussion einer solchen Möglichkeit die Praktizierbarkeit gewährleistet ist (Wyrwa, 2003, S. 46, 53ff).

Ein weiteres Ziel innerhalb der Reflexionsphase ist es, den Stellenwert bzw. die Bedeutung mehr oder weniger absolutistisch gelebter Automatismen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu relativieren. Dies bezieht sich u.a. auf den generellen Stellenwert des Arbeits- und Privatlebens, dem Bedürfnis nach Anerkennung und hoher Reputation, der Bearbeitung vorhandener perfektionistischer Tendenzen, was wiederum Ansatzpunkte liefert, um in die existentialistische Phase einzutreten. Auch die Analyse der strukturellen Bedingungen der Institutionen, die zum Mobbing geführt haben, gehört in diese Phase.

Supervidierende können in die existentialistische Phase eintreten, wenn die vom Mobbing Betroffenen derart in ihrem psychischen Gleichgewicht erschüttert sind, dass ihnen eine prinzipielle Rückkehr in bisher funktionierende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster nicht mehr als möglich erscheint. Erst dann ist die Bereitschaft der Gemobbten vorhanden, sich existentiellen Fragestellungen - wie sie weiter oben dargestellt wurden - zu öffnen und adäquat mit Hilfe der Supervidierenden zu verbalisieren. So können auf dem Hintergrund der Entwicklung von Lebensqualität und neuer oder veränderter Lebensperspektiven Angst, Isolation, Wahlfreiheit, Verantwortung, Sinnlosigkeit thematisiert werden.

Die existentialistische Phase gewinnt insbesondere an Bedeutung, wenn der oder die Gemobbte, sich der Mobbingsituation durch Kündigung oder durch Versetzung nicht entziehen kann. Die Massivität und Intensität setzt den davon Betroffenen massiv psychisch und physisch unter andauerndem Druck. Die Erfahrung zu verarbeiten, der "Unheimlichkeit" der Welt nun permanent gegenübertreten und mit der darauf basierenden Angst umgehen zu müssen, mit der Verantwortung für die eigenen Entscheidungen leben zu können, die Isolation zu ertragen und der Sinnlosigkeit mit einem neuen selbst geschaffenen Sinn zu begegnen, ist Ziel dieser Phase.

7. Schlussbetrachtung

Bei aller gebotenen Versachlichung der Problematik darf bei der Supervision die kriegerische Grundstruktur des Mobbing nicht aus den Augen verloren werden. Im Mobbing kommt eine lange aus dem alltäglichen Bewußtsein verbannte Grausamkeit und Brutalität des Menschen wieder zum Ausdruck und zum Ausbruch.

Mobbing spielt sich auf einer Ebene konkreter zwischenmenschlicher Begegnungen ab, welche eine die eigene Existenz bedrohende Dramaturgie beinhaltet: "Der Kampf ums Überleben". Es ist ein Kampf Mensch gegen Mensch, unabhängig davon, ob dieser Kampf sich als Abstraktum "Soziales System" im Sinne Luhmanns definieren lässt. Denn es ist immer eine Person, die einer anderen Person bewußt und gezielt, systematisch und destruktiv, aggressiv und gewollt Schaden zufügen will. Eine Person, die eine Entscheidung getroffen hat, sei sie nun strukturell motiviert, sozial animiert oder individuell favorisiert.

Es ist diese kriegerische Grundstruktur, die einen elementaren Wandel in den Begegnungen zwischen Menschen erzeugt. Es kommt zu einer "neuen" Eindeutigkeit in einem Zeitalter der Vieldeutigkeit, die (nicht nur) vom Mobbing Betroffene und Therapeuten wie Supervidierende gleichermaßen zu schaffen macht. Nichts ist eindeutiger als ein Kampf Mensch gegen Mensch, bei dem sich alles auf ein simples Du oder Ich konkretisiert. Dies führt zu einer Re-Aktualisierung des Subjekts - als Täter und Verursacher auf der einen und als Opfer und Betroffener auf der anderen Seite - welches nicht nur als ein in Systemen und Vernetzungen hängendes Objekt zu beschreiben ist.

Dabei ist es die Erfahrung der Vieldeutigkeit als postmodernes gesellschaftliches Ereignis, welche wieder Eindeutigkeit bewirkt und das Bedürfnis des Menschen nach einer "neuen" Reduktion und Selektion provoziert. Denn zwischen der Vieldeutigkeit und Eindeutigkeit besteht ein oszillatorischer Verweisungszusammenhang, ein ständiges Schwingen von Struktur zu Prozess und umgekehrt (vgl. Wyrwa, 1996, S. 46). Nur, dass diese "neue" Eindeutigkeit heute mit dem Signum fehlender Moralität und Ethik versehen ist. Ist das Soziale, das Humane im Aussterben begriffen und zeigt sich dieser Umstand exemplarisch im Mobbing? Das Moralische und Ethische bezieht sich immer auf einen Kodex der Eindeutigkeit, welcher die Spielregeln festlegt, wie Menschen verbindlich miteinander umgehen. Wird dieser kulturell generierte Kodex entgrenzt und fächert sich im Zeitalter der Vieldeutigkeit auf, kehrt er nun aus der Vieldeutigkeit zurück und grenzt sich als barbarischer Kodex in einer "neuen" Eindeutigkeit ein. Ein Kodex, der sich jetzt lediglich an den eigenen Bedürfnissen orientiert, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse und Interessen anderer zu nehmen.

Was können Supervidierende tun, wenn ein Supervisand in einer Mobbingfalle gefangen ist, in welcher dieser verzweifelt um sein "Leben" kämpft und jeder Konfliktlösungsversuch nur noch Makulatur ist? Die Täter-Opfer-Perspektive ist nicht grundsätzlich eine unzulässige Reduktion auf einfachste Ursache-Wirkungs-Relationen, auch wenn sie systemisch Denkenden zunehmend fremd geworden ist. Welche Stellung bezieht der Supervidierende, wenn er vor den Trümmern eines implizit vertretenen Friedfertigkeitsmythos steht? Kann er auf der barbarischen, antihumanen Ebene eines brutalen Verdrängungskampfes mitkämpfen im Interesse seines Supervisanden? Ist das eine unentscheidbare Frage im Sinne von von Foerster (1993, S. 69ff), die im Rahmen seines metaphysischen Postulates als einzige über Verantwortung und Wahl entscheidbar ist?


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Veröffentlichungsdatum: Mai 2006


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