Jesús Hernández Aristu

Special (September 2003)


zum 60. Geburtstag


Der ferne Nächste

(Vorlesung am 13.8.2001 UGH Siegen)

von Manfred Zabel

Eine persönliche Vorbemerkung:

1972 wurde ich aus dem kirchlichen Dienst als Studentenpfarrer in Siegen entlassen –in der Urkunde heisst es "unter Beibehaltung der Rechte des geistlichen Standes" und als Fachhochschullehrer an die UGH Siegen berufen. Seit 1966 schon hatte ich nebenamtlich mitgearbeitet in den Allgemeinwissenschaftlichen Seminaren (AWS) an den Ingenieurschulen für Maschinenbau und Elektrotechnik, sowie Bauwesen und Architektur. Sie wurden zur Fachhochschule vereint mit der 1971 neu gegründeten Abteilung Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Aus dem Nebenamt wurde mein Beruf. Die theologische Anthropologie und Sozialethik hat mich mehr als 35 Jahre nicht in Ruhe gelassen und mir Freude gemacht.

Ich erinnere mich an den Rat eines gutmeinenden Freundes, der mir damals sagte, "Du wirst das Klima in der Hochschule nur aushalten, wenn Du ausserhalb der Hochschule auch noch tätig bleibst". Das war ein guter Rat. Ich gehöre zu der seltener gewordenen Spezies von B-Professoren, nicht mit Dissertation und Habilitation, sondern auf der Grundlage mindestens 5-jähriger Praxis berufen. Das war lange Jahre ein Gegenstand des Streites, der nicht immer auf die feine englische Art ausgetragen wurde. Als die Hahnenkämpfe der gelehrten Eitelkeiten kuriose Formen annahmen, tröstete ein erfahrener C4-Professor mit den Worten: "Die Universitäten waren schon immer ein Biotop für besondere Persönlichkeitsstrukturen".

Insgesamt aber blicke ich mit Dank zurück auf meine Tätigkeit an dieser Hochschule. Anstrengender als die Lehre fand ich die Mitarbeit in Gremien wie dem Fachbereichsrat, der mich auch einmal zum Dekan wählte und dem GAS, jenem gemeinsamen Ausschuss aus 5 Fachbereichen, mit dem ich als Vorsitzender den Studiengang AES zu lenken hatte. Dort und besonders in Kommissionssitzungen kamen wir uns gelegentlich sehr nahe.

Wer so viel Nähe aushalten will, sollte die fernen Nächsten nicht aus dem Blick verlieren. Darum habe ich mich darum bemüht und will davon erzählen: Eine kleine Auswahl narrativer Sozialethik und theologischer Anthropologie, ein erstes Resümee kommt auf Sie zu.

Kontextuelle theologische Ethik

Mit einem Augenzwinkern in Richtung Kindheits-Psychologie schreibt Klaus Bade: "Es fremdelt allenthalben –in Europa und in Deutschland besonders". Diesen Kontext gilt es ethisch zu reflektieren. Was hat das Fremdeln mit dem fernen Nächsten zu tun?

Ich beobachte dieses Phänomen gerade bei unserm Enkel Leonard: Fremdeln als gesunde und notwendige Phase in der Kindheit, in der die Unterscheidung vom Eigenen und Fremden eingeübt wird ... zugegeben etwas irritierend für uns Grosseltern, wenn wir als Fremde eingestuft werden, während seine Eltern ihm offenbar die Nächsten sind.

Das Fremdeln unseres Enkels ist eine Übergangsphase, das in Deutschland hoffentlich auch.

So sieht Julia Kristeva "Eine paradoxe Gesellschaft ... im Entstehen, eine Gemeinschaft von Fremden, die einander in dem Masse akzeptieren, wie sie sich selbst als Fremde erkennen". (Fremde sind wir uns selbst, Frankfurt 1990)

Die Frage nach der eigenen Identität hat Konjunktur, sie trifft auf ein vitales Interesse der an dieser UGH Studierenden mit und ohne deutschen Pass. Viele Diplomarbeiten kreisen um die Frage: Wer bin ich? Deutsche oder Russin, Türke oder Allemanci z.B.? Wo bin ich einheimisch, wo fremd? Was bedeutet mir Blut und Boden, Kultur und Religion in der ersten oder in der 2. Heimat? Die Patchwork-Identität gilt vielen als die komplizierte, aber angemessene Form der Selbsterfahrung in einer multikulturellen Gesellschaft: Nicht ein, sondern mehrere, vielleicht viele bunte Flecken auf der Decke versprechen eine neue Identität. Sie orientiert sich nicht an der "deutschen Leitkultur", eher am GG 1,1, wo die unantastbare Würde nicht den Deutschen vorbehalten ist.

Wer bin ich? Was macht meine Identität aus? - So neu ist diese Frage nicht. Wenn Bubers dialogisches Prinzip zutrifft, nachdem Ich erst am Du zum Ich werde, dann legt sich die Frage nahe, die im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37 ) ein Schriftgelehrter, also ein studierter Theologe stellt: Wer ist denn mein Nächster?

Diese Frage beantwortet Jesus bekanntlich mit einer Geschichte, die zum Leitbild aller Sozialarbeit in den diakonischen Einrichtungen wurde. Sie ist so populär, dass sich die einst so "gottlose Arbeiterbewegung" auf die Bibel bezog, als sie den Arbeiter-Samariter-Bund ins Leben rief, der bis heute – auch international arbeitet. Barmherzig war ein Samariter.

Der Paradigmenwechsel ist wichtiger ist als alle Details dieser Geschichte. Jesus beantwortet die Frage mit der für rabbinische Lehrgespräche typischen Gegenfrage: Was meinst Du, wer ist dem der Nächste geworden,. der unter die Räuber fiel? Dass es einer von denen aus Samaria ist, die wegen ihres Tempelbaus auf dem Berg Garizim von den Rechtgläubigen in Jerusalem als Aussenseiter abgelehnt wurden, ist ein Hinweis: Der Fremde wird dem Notleidenden zum Nächsten. Der Fremde ist es, der Barmherzigkeit = Rachamim übt. In Lukas 9 wird erwähnt, dass Jesus auf dem Weg nach Jerusalem in einem Dorf in Samaria keine Unterkunft bekam. Und nun ausgerechnet einer von denen aus Samaria als Leitbild!

Zum Kontext ist das biblische Zeugnis, zur Sozialethik die Theologie hinzugekommen.

In drei Anläufen möchte ich dieses Thema variieren: der ferne Nächste, der Fremde als Nächster oder die nahen Fremden.

  1. Die Nächsten aus der Ferne: Inländer - Ausländer
    - Lernwege mit der UGH Siegen -

  2. Die fernen Nächsten in der Geschichte der Region: Schwerpunkt Ethik und Zeitgeschichte

  3. Die fernen Nächsten in Belarus: das IBB und die Versöhnungsarbeit mit den Nachbarn im Osten Europas

1. Die Nächsten aus der Ferne: Inländer- Ausländer

Zu meinen Aufgaben als Studentenpfarrer von 1966 – 1972 gehörte es, in der ESG das Zusammenwachsen der Fachhochschule mit der Pädagogischen Hochschule zu begleiten. Das war spannend, weil voller Spannungen, zumal die 68er -Bewegung die Provinz voller Leben nicht aussparte. Streiksemester der Ingenieurstudierenden und öffentliche Demonstrationen des politischen Reformwillens gab es auch in Siegen.

Ich will hier erinnern an den Besuch von Bahman Nirumand, der sein Todesurteil aus dem Iran immer mit sich führte und deshalb in Begleitung von zwei Leibwächtern im Zeughaus an der Burgstrasse sprach. In Berlin hatte sein Bericht über das Schahregime und den Geheimdienst Savak jenen 2. Juni 1967 eingeleitet. In Siegen hat sein Vortrag 1968 die Aufmerksamkeit auf die Gastarbeiter gelenkt. Ein Arbeitskreis "Ausländische Mitbürger" entstand in der ESG, ich habe einige Jahre dazu eingeladen. In der Blütezeit gab es 16 Bürgerinitiativen in der Region, die sich kümmerten um die Männer in den Wohn-Baracken hinter den Fabriken. Das Wort von Max Frisch "Wir riefen Gastarbeiter und siehe, es kamen Menschen" hat hier viel soziales Engagement ausgelöst.

Seit 1967 wurde der "Umgang mit den Fremden" für mich zum Begleitprogramm: Und nicht zufällig habe ich im Kreis der Lehrenden des AES-Studienganges ab 1972 dann das Handlungsfeld "Interkulturelle Sozialarbeit" mit dem Praxisort "Ausländer-Inländer" übernommen.

Diese Bezeichnungen haben sich erst allmählich entwickelt. Anfangs hiess es Gastarbeiter-Pädagogik oder "Sozialpädagogik für Ausländische Mitbürger". Ziel sollte eine pädagogische Anleitung der Fremden zur Integration in deutsche Lebensverhältnisse sein, Adressaten also die Fremden.

Diese Zielvorgabe wurde in unseren Seminaren bald in Frage gestellt, vor allem durch die Lehrbeauftragten Georgios Tsiakalos, Jesus Hernandez und Timur Turgay. Sie brachten die griechischen, spanischen und türkischen Fragen an die deutsche Gesellschaft ein und veränderten unsere Seminarinhalte und das Lernklima. Nicht Integration im Sinne der Assimilierung und auch nicht Segregation im Sinne einer Nebeneinanderentwicklung sondern gegenseitige Bereicherung und Streitkultur zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen müsse das Ziel sein.

Die Lehrbeauftragten Klaus Steinke von der Ausländerbehörde des Kreises und Regina Kürschner vom Verein für soziale Arbeit und Kultur haben die beiden Perspektiven – die Behördensicht und die Parteinahme für die Fremden eingebracht. Jahrelang waren die Blockseminare in Haus Keppel ein wichtiger Lernort für einen dritten Weg zwischen der Euphorie einer Multi-Kulti-Schwärmerei und der Fremdenscheu, die schnell in Ausländerhass umkippen kann.

Es begann eine Blütezeit der Selbsthilfeorganisationen unter den Gastarbeitern: die Italiener, die Spanier, die Griechen, die Jugoslawen und die Türken gründeten ihre Vereine, zunächst überparteilich, dann immer mehr an politischen Richtungen orientiert. Praktika in diesen Vereinen, Schulaufgabenhilfen nach der Methode "Spielend lernen- lernend Spielen" wurde organisiert und angeleitet, an einigen Schulen gemeinsam mit LehrerInnen.

Die Gastarbeiter leben nun schon in drei Generationen hier, einige Fragen haben sich nicht verändert. Aber neue sind hinzugekommen: In den 80er Jahren kamen viele politische Flüchtlinge nach Deutschland, in den 90er Jahren die Russlanddeutschen und ihre Angehörigen. Es haben sich Hierarchien unter den Fremden herausgebildet in einer komplizierten Gemengelage: Neben den Gastarbeiterenkeln, die hier Abitur machen ohne deutschen Pass, leben und lernen Kinder aus Aussiedlerfamilien mit deutschem Pass und sehr geringen Deutschkenntnissen. Ganz unten die Container-Kinder mit ungesichertem Aufenthaltsstatus und schwierigen Wohnverhältnissen. Der Praxisbericht eines Studenten, der eine afrikanische Familie aus Siegen zum Flughafen Düsseldorf begleitet hatte, ist mir in Erinnerung: Der Sozialpädagoge als Abschiebehelfer. Das erfolgreich durchgehaltene Kirchenasyl in Hilchenbach hat diese böse Erfahrung etwas ausgeglichen, die Nachtwachen im Gemeindehaus waren Praktika, in denen uns die Fremden ganz nah kamen.

Kann ein solches Problembündel überhaupt in einem Seminar angemessen bearbeitet werden in Theorie und Praxis? Im SoSe 2001 sind unter den etwa 25 Studierenden Teilnehmer aus 9 verschiedenen Herkunftsländern: Ukraine, Russland, Kroatien, Türkei, Polen, Rumänien, Somalia, Syrien und Deutschland. Eine teilnehmerorientierte Seminararbeit kann abrufen, was von den Studierenden mitgebracht wird in die Hochschule.

Die Stoffmenge ist gross, wenn alle nur ein wenig lernen wollen über die Geschichte und Alltagskultur z.B. unter den Russlanddeutschen oder in Somalia. Exemplarisches Lernen und die Konzentration auf das Schlüsselthema "Umgang mit dem Fremden" sind nach meiner Erfahrung ein Weg. Hervor-Rufen ist die wörtliche Übersetzung von Provozieren. Ich habe mich verstanden gefühlt, wenn meine Lehr-Methode von manchen als Provokation aufgefasst wurde.

Hilfreich und orientierend sind gerade in diesem Handlungsfeld Texte und Fallbeispiele aus den Kirchen: Das gemeinsame Wort der Kirchen der ACK zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht aus 1997 "und der Fremdling, der in deinen Toren ist" enthält auf seinen knapp 100 Seiten ein Kompendium interkultureller Sozialpädagogik mit einer soliden theologischen Sozialethik. Klaus Bade, Politwissenschaftler aus Osnabrück, hat an dem Text mitgearbeitet. Sein Buch "Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland, Migration in Geschichte und Gegenwart", Frankfurt 1992, hat sich als Pflichtlektüre bewährt. Zumal es einen Aspekt anspricht, der zunehmend von Studierenden wahrgenommen wird: Eigene Erfahrungen mit Fremdheit machen in einem Auslandssemester oder einem Praktikum in Afrika oder Brasilien, Israel oder Indien.

Der ferne Nächste macht uns zu Fremden, wenn wir ihn dort aufsuchen, wo er lebt. Die Wahrnehmung verändert sich, der Horizont wird weiter, die eigenen Traditionen werden relativiert. Verständnis kann wachsen und die Kultur des Streitens beginnen, mit der dem Krieg der Kulturen vorgebeugt wird.

"Unser Ziel muss eine Gesellschaft sein, in der Menschen ohne Angst verschieden sein können." (Adorno) An diesem Ziel sind übrigens die Reden von Johannes Rau zum Thema orientiert, schon als Ministerpräsident in NRW und als Bundespräsident. Am 2. Mai 2000 hat er mit seiner Rede im Haus der Kulturen in Berlin den Anstoss zu einer Revision der Migrationspolitik gegeben, auf deren Ergebnis wir gespannt warten.

2. Die fernen Nächsten in der Region

Heimat – Fremde, Ausländereinsatz im Siegerland 1939 bis 1945: wie er ablief und was ihm vorausging. Ein Heimatbuch .... so lautet der Titel einer Schrift von Ulrich Opfermann, als Band 3 in der Reihe "Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung" herausgegeben vom "Förderkreis Geschichte der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften für den Kreis Siegen- Wittgenstein". Diesen Förderkreis habe ich mitgegründet und leite ihn seit 1990.

Ich war damals auf einen Namen gestossen, der nun das Altenzentrum der AWO am Rosterberg in Siegen schmückt, nachdem er in Siegen fast schon vergessen war: Fritz Fries, Handwerksmeister - Religiöser Sozialist – Regierungspräsident. Ein Zitat aus einer seiner Reden in den Bunkern Siegens nach 1945 wurde der Titel meines Porträts dieses wortgewaltigen Mannes aus der Heilsarmee: "Die Heimatsprache der Begeisterung".

Als Zugereister – im Siegerland Mäckes genannt – habe ich mich herangewagt an die jüngste Zeitgeschichte in der Region nach dem Motto des Siegener Pädagogen Adolf Diesterweg "Den Boden zu kennen, worauf man steht; zu wissen, was einst gewesen, nun aber verschwunden; einzusehen, warum das gekommen; zu begreifen, was in der Vorzeit wurzelnd noch aufrecht steht – das scheint Anfang und Vorbedingung aller besseren Bildung".

Diese Region scheint sich besonders zu eignen für eine Werkstatt, in der sich das Zusammenspiel und die Spannungen zwischen Bürgergemeinde und Christengemeinde, politischen und religiösen Entwicklungen der Gesellschaft studieren lassen. Ich kann die Einbettung der Lehre in den regionalen Kontext nur empfehlen. Wer hier seinen Lebensmittelpunkt hat und die Leserbriefe in den Lokalzeitungen liest, merkt bald, was Siegerlandmentalität ist.

Auf einige Aspekte möchte ich aufmerksam machen:

Hier war die Hochburg der GVP Gustav Heinemanns in den 50er Jahren. Der im Streit mit Adenauer aus der CDU ausgetretene erste Innenminister der BRD hat hier mit seinen Freunden mehr Resonanz gefunden als sonst irgendwo. Er soll hier den aus unserer Sicht heute fragwürdigen Ruf gehabt haben, er sei ein zweiter Stoecker. Dazu hat er selbst in seinen Reden zur Gründung der Essen CDU 1945 einen Anstoss gegeben.

Den Christlichen Volksdienst von Stoecker und Mumm aus der Weimarer Zeit wollte er mit der Zentrumstradition des politischen Katholizismus zusammenbringen. Heinemann war anfangs der protestantische Partner und Gegenspieler Adenauers in der CDU.

Ich habe Heinemann hier kennengelernt. Er kam als Justizminister aus Bonn, um mit Freunden zu reden. Ich wurde dazu eingeladen. Er wollte von mir wissen, was hinter dem Protest gegen die Notstandsgesetzgebung stand. Er hörte lange zu und antwortete dann nüchtern und trocken in seiner Art. "Ohne diese Gesetze würde ein US-amerikanischer General in Deutschland im Notfall regieren. Wollen sie das?". Ich hatte gegen die Gesetze demonstriert und wurde eingeholt von der politischen Realität des Deutschlandvertrages, den ich nicht kannte. Deutschland war nicht souverän, sondern in weiten Teilen immer noch besetztes Land. Diese Lektion war nicht leicht zu lernen in der Zeit des Vietnam-Krieges.

Heinemanns Austritt aus der CDU war für diese Partei ein Aderlass: Viele Protestanten verliessen mit ihrem prominenten Sprecher die Union. Und wieder war es kein Zufall, dass 1952 in Siegen im Apollo-Kino der Evangelische Arbeitskreis der CDU gegründet wurde und Adenauer hier in seiner Rede sein Nein zur Stalinnote begründen musste. Die Vereinigung Deutschlands und freie Wahlen hatte Stalin angeboten, wenn die BRD auf die Einbindung in das westliche Verteidigungsbündnis verzichten würde. Dieses Angebot wurde nicht einmal ausgelotet. Das hat Heinemann immer wieder Adenauer vorgeworfen und damit u.a. seine Gesamtdeutschen Volkspartei begründet.

In Siegen wurde nun ein Ev. AK in der CDU gegründet und dabei wiederum die Stoeckertradition des Siegerlandes beschworen. Tiefe Spuren hat der Berliner Hofprediger hier offenbar hinterlassen, nachdem er 16 Jahre lang von 1881 bis 1907 den Wahlkreis Siegen-Wittgenstein-Biedenkopf im Reichstag vertreten hatte?

Am 6. Mai 1881 hielt Stoecker vor 1800 Siegerländern seine erste Rede, bezeichnenderweise im Vereinshaus Hammerhütte in Siegen. Er entfaltet dabei das Programm seiner "Christlich-sozialen Arbeiterpartei", die auf dem Boden des Christentums und der Liebe zu König und Vaterland das Ziel hat, "die gegenwärtige Sozialdemokratie als unpraktisch, unchristlich und unpatriotisch" zu bekämpfen. Am 12.2.1906 zog er stolz Bilanz in einer Rede im Reichstag: "Aber das Beispiel vom Siegerland beweist eben, dass man mit christlichen und nationalen, mit verständigen sozialen Gedanken eine Arbeiterbevölkerung vor der roten Fahne behüten kann."

Adolf Stoecker war ein politisierender Pfarrer, der die soziale Frage und als treuer Hofprediger früh erkannt hatte, welche Gefahren dem Bündnis von Thron und Altar drohten von Seiten der Sozialdemokratie. Er war kein Rassist, aber er pflegte zu reagieren auf seine Zuhörer, so auch in seiner ersten Rede im Vereinshaus Hammerhütte in Siegen.Er liess sich zu judenfeindlichen Passagen hinreissen, wenn die ihm Beifall einbrachten. Er sah in den Juden die zerstörerischen Elemente, die von rechts und links, als kapitalkräftige Berliner Bankiers und als revolutionäre Theoretiker des Sozialismus die gottgegebene Ordnung störten. Er liebte allerdings alttestamentliche Texte und erwartete, dass die Juden sich taufen liessen. Ein rassischer Antisemit war er nicht.

Dennoch oder gerade deswegen müssen wir rückblickend in Stoecker einen der Wegbereiter ansehen, der mit seinem Antijudaismus den Antisemitismus eine Generation nach ihm so annehmbar machte, auch hier in der Region. Kaum einer wurde den verfolgten Juden zum Nächsten. Viele schauten zu, als die Synagoge am Obergraben am 10.11.1938 in Flammen stand. Der judenchristliche Pfarrer Theodor Noah war da schon nicht mehr am Leben.

Die Gesellschaft für christlich – jüdische Zusammenarbeit Siegerland hat sich diesen Fragen seit ihrer Gründung gestellt. Seit 1966 habe ich in ihr mitgearbeitet und viel gelernt über die fernen Nächsten, die unter die Räder unseres ach so christlichen Abendlandes kamen.

Ein Besuch im Aktiven Museum Südwestfalen am Platz der Synagoge, in dem an die ausgegrenzten und verfolgten Minoritäten im Siegerland erinnert wird, gehört darum zum Kernbestand der Seminare über Theorien einer multikulturellen Gesellschaft wie auch der Besuch der Moschee in Geisweid.

3. Die fernen Nächsten in Belarus

Auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung, die am 10.10.1981 mit vielen aus dem Siegerland auch mich in den Bonner Hofgarten zur Kundgebung gegen die Raketenstationierung zog, gab es ein Thema, das mich bis heute begleitet: Frieden mit der Sowjetunion – eine unerledigte Aufgabe.(ASF; Gustav Heinemann Initiative).

Jeder Stoss – ein Franzos, jeder Schuss – ein Russ ... diesen Spruch hörte ich als kleiner Junge von meinem Grossvater, der stolz war auf seine Stahlhelmnadel am Kragen.

Präsident Ronald Reagan hatte in seiner Rede vor evangelikalen Organisationen in den USA die Sowjetunion als das "Reich des Bösen" bezeichnet und in apokalyptischen Bildern die militärische Konfrontation der Blöcke mit der Schlacht von Harmaggedon verglichen.

Russenangst, Antikommunismus und Kritik an der Politik der UdSSR waren lange ineinander verflochten, der Biotop für Feindbilder in der Phase des kalten Krieges., zugleich ein Stück Kontinuität vor und nach 1945 in Deutschland. Erinnern wir uns:

Als Deutschland am 22.Juni 1941 – also genau vor 6o Jahren – die Sowjetunion überfiel und damit den Nichtangriffspakt zwischen Stalin und Hitler brach, mit dem sich beide Diktatoren 1939 das besiegte Polen teilten, gab es kaum Proteste. Die Russen, die Slawen, die Juden als Untermenschen anzusehen, damit hatte die Nazipropaganda kaum Akzeptanzprobleme.

Im Wissen um diese historische Hypothek wollten wir Schritte der Versöhnung gehen.

Also suchten wir Ende der 80er Jahre jenseits von Brest-Litowsk, das die Grenze zwischen Polen und Weissrussland markiert, nach Partnern. Das IBB-Dortmund – ein Kind der Friedensbewegung in der ev. Kirche von Westfalen fand in der Jugendorganisation der Komsomolzen "Sputnik" einen Partner und entwickelte mit ihm die Idee einer Bildungs- und Begegnungsarbeit zwischen Belarus und Westfalen.

Am 50. Jahrestag fuhr ein Sonderzug mit über dreihundert Teilnehmern aus Westfalen nach Minsk. Der Zug rollte fast drei Tage nach Osten auf den Spuren der Väter. Das war der Anfang einer Entdeckungsreise zu fernen Nächsten, die andauert und mir immer neue Eindrücke verschafft.

Ich kann hier davon nur wenige hier andeuten:

August 2000: Ein warmer Sommertag am Naroschsee im Nordosten vom Belarus. Eine Initiative mit dem Namen "HEIMstatt Tschernobyl" hat eingeladen zu feierlichen Eröffnung einer Windkraftanlage, die mit deutschen Spendengeldern am Dorf Drusnaja errichtet wird. 30 Lehmhäuser wurden dort im Sommereinsätzen aufgebaut, um Familien aufzunehmen, die aus strahlenbelasteten Regionen umgesiedelt wurden. Dietrich von Bodelschwingh, ein Enkel des berühmten Bethel-Pastors und Stoecker-Freundes, leitet die Initiative und berichtet: "Als die Fundamente ausgehoben wurden für das Windrad, stiess man auf zwei menschliche Skelette. Experten wurden hinzugezogen und stellten anhand des noch nicht ganz verrotteten Schuhwerks fest: Hier liegen zwei Soldaten des Weltkrieges: ein Rotarmist und ein Wehrmachtssoldat."

Ein symbolischer Vorgang: die Erde von Belarus ist blutgetränkt. Hier war die Rollbahn der schnellen Panzertruppen der Wehrmacht, die in wenigen Wochen das Unternehmen Barbarossa umsetzten, den Kommissar-Befehl ausführten und mit unvorstellbarer Grausamkeit gegen die Menschen in den besetzten Gebieten wüteten. Hier wurde der Rückzug der Wehrmacht nach der Schlacht von Stalingrad unter der Parole der verbrannten Erde erlitten. Der Väter Missetat ist hier zum Greifen nahe: Jeder vierte Bewohner aus Belarus wurde getötet, jede Familie ist bis heute gezeichnet von den Folgen des "grossen vaterländischen Krieges". Und dann noch dies: Der Fallout der Katastrophe von Tschernobyl ist zum grössten Teil über Belarus niedergegangen. Eine Havarie nennen die Russen dieses Desaster der Atomtechnik.

Und nun eine Windkraftanlage mit zukunftsfähiger Energiegewinnung als Symbol der Versöhnung zwischen den Völkern auf den Gräbern der Feinde von gestern.

Eine Bildungs- und Begegnungsstätte ist in Minsk gebaut worden als joint venture, Grund und Boden und Erschliessung durch Belarussen, Bau und Einrichtung durch Initiativen aus NRW.

Das "Haus der Westfalen" nennen es die Minsker. In Belarus begegnen sich ferne Nächste, Spuren der Vergangenheit und die Fragen, ob Europa bei Brest-Litowsk wieder einen eisernen Vorhang bekommen wird. Das Schengener Abkommen wird von den Polen schon angewandt.

In der IBB–Minsk habe ich viele Menschen kennengelernt, am meisten beeindruckt bin ich von den Überlebenden aus dem Minsker Getto, die sich zusammengeschlossen haben und zu den Aktiven der Jüdischen Gemeinde in Belarus gehören. "Hesed Rachamin" nennen sie ihre Wohlfahrtsorganisation. Als Fraueninitiative hat die Arbeit begonnen: Frauen besuchen alte einsame Frauen und Männer in den Plattenwohnungen, dann sorgen sie für eine "warme Stub" in jedem Stadtviertel. Nun gibt es mehrere Zentren mit Clubraum,. Küche und Bibliothek. Hier wird der Sabbath gemeinsam gefeiert, wir wurden dazu eingeladen.

Wer die Biografien dieser Frauen und Männer auch nur bruchstückhaft zu hören bekommt, hat die Antwort auf die Frage nach den fernen Nächsten in Reichweite.

Sehr fern ist das alles, räumlich und zeitlich und doch sehr nah. Ich erzähle darum die Geschichte von Sinaida Gorjatschko, die ich im Mai in Minsk kennenlernte. Vor 56 Jahren wurde sie als 12 Jährige mit Mutter und Vater aus Witebsk nach Siegen deportiert und hat hier 2 Jahre bei der Fa. Bertrams Rohre geschweisst: Zwangsarbeiterin 1943 - 1945.

"Ganz schwere Arbeit" erinnert sie sich. "Es gab zwei Jahre lang immer nur das Gleiche: Wir brauchten keine Messer und Gabel, nur Löffel für die Suppe aus Spinat und Kohl. Aber die älteren deutschen Arbeiter teilten mit uns ihre in dieser Zeit kleinen Butterbrote, sie gaben sie uns heimlich, unter der Bank hindurch". "Es gab zwei Sorten von Aufpassern, gute, die schrieen und schlechte, die schlugen." Eingeprägt hat sich ihr der Meister Biller, Ernst oder Franz, denn "der hat uns nie bestraft". "Als der Krieg zu Ende ging, hat ein anderer uns in einen Bunker getrieben. Wie lange wir drinnen waren, weiss ich nicht. Erst machten wir Licht mit Streichhölzern, dann brannten die nicht mehr, weil der Sauerstoff zu knapp wurde". Zum Glück habe dann ein Mann entdeckt, dass Wasser in den Stollen sickerte. Er sei dem Rinnsaal nachgekrochen und habe einen Notausstieg gefunden. "Völlig umgehauen von der Frischluft" hätten sie dann alle an der Böschung der Eiserfelderstrasse gelegen, wo sie schliesslich von amerikanischen Lastwagen aufgesammelt wurden.

Das Wiedersehen in dieser Fabrik im Juni 2001, die "ja auch zwei schwere Jahre meine Fabrik war", lässt mich nicht los. Witebsk ist fern, an dem Firmengelände Bertrams fahre ich oft vorbei. Das Waldstück, in dem die 27 Kinder unter den 310 Zwangsarbeitern in den Baracken an der Sieg, beim Sonntagsfreigang ihre wehmütigen Lieder sangen, ist heute eine Spazierweg. Nicht nur in Belarus sind die Missetaten der Väter gleich unter der Grasnarbe aufzuspüren. "Der Schlüssel zur eigenen Situation steckt meist in der Tür der Nachbarn." (Lec)

Theologisch- sozialethische Zusammenfassung

Mein Schlusskapitel kann nicht auskommen ohne einen Dank und einen Denkanstoss. Dank für viele Jahre guter, spannender Zusammenarbeit und kultivierten kollegialen Streitens in dieser Gesamthochschule, deren Name für mich immer auch ein Programm geblieben ist.

Seine letzte öffentliche Äusserung vor seiner Ausweisung aus dem Deutschen Reich war seine Predigt am 26. März 1935 in der Nikolaikirche in Siegen am Vorabend der 2. Freien reformierten Synode über Exodus 20,4-6.

In einer Geschichtswerkstatt haben wir vor Jahren den Verlauf dieser Synode zurückverfolgt, auf der u.a. die Einrichtung der Kirchlichen Hochschulen in Bethel und Wuppertal als Ausbildungsstätten der Bekennenden Kirche beschlossen wurde.

Barth hält eine Lehrpredigt zum Bilderverbot, lehrreich für alle, auch für die "Gebildeten unter den Verächtern der Religion" (Schleiermacher) und darum ein Denkanstoss heute:

Die Predigthörer 1935 spüren sofort die politische Brisanz, weil sie die Führerbilder überall sehen können in den Schulen, Rathäusern und Fabriken, in ihrem alltäglichen Kontext.

"Du sollst Dir kein Bildnis noch Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden oder des, was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott bin ein starker eifriger Gott, der die Missetat der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied derer, die mich hassen, und tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten".

In dieser Fassung hat nur der reformierte Heidelberger Katechismus das 2. Gebot aufgenommen. Und Karl Barth legt es in seiner vielbändigen Kirchlichen Dogmatik aus.

"Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides. Unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben!"

Welches Gottesbild haben unsere Väter und Mütter verehrt, was tragen wir in unseren Biografien mit uns herum als Gottesbilder?

Die Siegerländer Pietisten werden in der UGH gelegentlich belächelt. Ihr strenges Gottesbild vom starken eifrigen Richtergott, dessen Urteil jeder zu fürchten hat, der nicht sein Bekehrungserlebnis datieren kann, bringen manche Studierenden mit in unsere Seminare.

Es kann sich verhärten zu einem Fundamentalismus. Das ist die Versuchung dieser Glaubensrichtung. Ihre wortgewaltigen Prediger in den Evangelisationen, die ich vor 30 Jahren hier kennenlernte, setzten auf die Angst vor der Verdammnis. Sie sind weniger geworden. Gott sei Dank Nur noch selten wird uns "die Hölle heiss" gemacht von Eiferern. Aber es gibt sie noch. Christentumsgeschädigte Menschen mit ihren ekklesiogenen Neurosen begegnen uns in der UGH. Manche, nicht alle suchen persönlichen Rat ...

In den letzten Jahren sind andere Gottesbilder in Mode gekommen. Weichgespült durch Esoterik und Medien wird nun vom "lieben Gott" geredet und einer "Wohlfühlkirche der neuen Innerlichkeit" oder "Kuschelkirchentagen". Jürgen Ebach hat das Gerede vom "lieben Gott" verglichen mit unsern Erfahrungen als Spaziergänger, wenn wir einem Hundehalter begegnen: "Mein Hund ist lieb, der tut nichts". Das ist die Versuchung der billigen Gnade, die sich ihren harmlosen Gott malt. Der liebe Gott ist harmlos, der tut sowieso nichts.

Dagegen steht das Bilderverbot, an das sich die jüdische Religion stets gehalten hat. Vielleicht ist es das Geheimnis der Welt, von wir alle leben als Geschöpfe und Kinder des fernen Nächsten, den die Juden den Vater Abrahams, Isaaks und Jakobs nennen, ohne seinen Namen je auszusprechen, die Christen den Vater Jesu Christi und die Muslime den allmächtigen Allah.

Einen Text verfremden, sagt Brecht, heisst das Verstehen fördern. Machen wir einen Versuch.

Auf dem Textblatt finden Sie ein Zitat von Mario Erdheim, das ich nun zum Schluss ein wenig verfremde: Dort, wo sie Fremd lesen, lese ich Gott. Gewiss eine gewagte Provokation.

"Unsere Kultur umfasst nicht alles. Sie ist begrenzt, und jenseits der Grenze befindet sich das, was wir nicht kennen ... Das Fremde = Gott ist ein Konzept für all das, was zwar nicht zu uns gehört, uns aber doch auf ganz spezifische Art und Weise betrifft. Nie lässt uns das Fremde = Gott gleichgültig. Wir verhalten uns gegenüber diesem Fremden = Gott ambivalent: Er erweckt Angst und treibt uns in unsere Welt zurück, zugleich aber vermag es uns zu faszinieren und uns aus unserer Welt herauszulocken.Lassen wir uns auf das Fremde = Gott ein, so kommt es zu Grenzverschiebungen, und wir müssen uns ändern. Gehorchen wir der Angst, so werden wir die Grenzen verstärken und befestigen. Das Fremde = Gott wird zum Feind, der mit Gewalt abgewehrt werden muss, und dessen Gegenwart uns ängstlicher und starrer macht." (Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit als Quelle interkultureller Konflikte, Köln 1991 S. 8) s. auch: Matthäus 25,35 "ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen".

Im Fremden, im fernen Nächsten begegnen sich theologische Anthropologie und Ethik. Kontextuelle Ethik sucht zwischen Fundamentalismus und Beliebigkeit einen dritten Weg: biblisches Zeugnis, der Ort und die Zeit sind das hermeneutische Dreieck.

Doch Vorsicht: ist Gott ein Konzept wie das Fremde? Ein Gottesbild könnte auch im fernen Nächsten, im Fremden stecken!

Barth warnt selbstkritisch in der Nikolaikirche in Siegen:

"Lasst euch durch eine rechte Theologie auch von DER Theologie befreien, - die Ihr bei mir gelernt habt - damit ihr ganz allein Diener Christi seid !"

Das Leben hat immer einen Vorsprung vor der Lehre. Darin bleibt Albert Schweitzer, mit dem wir uns in diesem Sommersemester auseinandergesetzt haben, richtungsweisend:

Ehrfurcht vor dem Leben, denn ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will wie ich!


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